Experimentierräume: «Praxistest in Amsterdam»

500 Solarmodule, 30 Wärmepumpen und 46 Haushalte auf 30 Hausbooten: In Amsterdam ist 2019 das erste kreislaufwirtschaftlich organisierte Viertel von Europa Wirklichkeit geworden.

Text: Elsbeth Gugger

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In der Hausbootsiedlung sind die ökologischen Innovationen teilweise so neu, dass dafür die gesetzlichen Grundlagen fehlten.
© Isabel Nabuurs

Marjan de Blok öffnet die grosse Schiebetüre ihres schwimmenden Hauses und zeigt auf ein vorbeifahrendes Boot: «Muss ich jetzt jedes Mal winken, wenn ein Schiff vorbeifährt?» Noch hat sich die 41-Jährige nicht an den Umstand gewöhnt, dass sie es nach zehn Jahren Aufbauarbeit geschafft hat, ihren nachhaltigen Traum mit über 100 Gleichgesinnten zu realisieren.

Reinen Tisch machen

Zu Beginn ging es nur um ein ökologisch bewussteres und sozialeres Leben in einer Freundesgruppe. «Uns schwebte etwas mit Sonnenkollektoren vor», erinnert sich Fernsehredaktorin Marjan de Blok lächelnd. Sie gaben dem Projekt den Namen «Schoonschip» (ein Wort, das einerseits «sauberes Schiff» und andererseits «reinen Tisch machen» bedeutet) und machten sich auf die Suche nach einem geeigneten Terrain. Was in Amsterdam mit seiner chronischen Wohnungsnot schier unmöglich ist. Aber die Immobilienkrise im Zug der Finanzwirren von 2007 kam ihnen zu Hilfe. In jenen finanzschwachen Zeiten hätten die Pläne der grossen Häuserbauer nicht realisiert werden können, erzählt Marieke van Doorninck, die für die Grünen in der Stadtregierung sitzt. «Bei der Gemeinde galt damals das Credo: Jeder, der bauen will, ist willkommen.»

Auf einem Kanal im Amsterdamer Stadtteil Noord wurden die Pioniere fündig. Das Gebiet gehört zum brachliegenden Werftgelände Buiksloterham, auf dem Wohnexperimente möglich sind. Der Gruppe wurden 30 Wasserparzellen für 46 Wohnungen zugewiesen. Ihr Kern bestand damals lediglich aus 18 Haushalten. Mit dem Ziel, diesen kleinen Kreis zu erweitern, organisierten die Initiantinnen und Initianten ein sehr erfolgreiches Speeddating. Danach liessen sie einen städtebaulichen Masterplan erstellen mit Auflagen für die individuellen Bootsarchitekten. So waren beispielsweise bloss zwei Etagen über dem Wasser erlaubt, um bei einem «menschlichen Massstab» zu bleiben.

Eigenwilliges Ökoviertel

Herausgekommen ist ein unübliches Quartier mit ganz unterschiedlichen Hausbooten. Wobei die Wohneinheiten nicht in Reih und Glied, sondern leicht abgedreht an den fünf langen Stegen vertäut wurden. Dank dieses Kniffs haben alle Bewohnerinnen und Bewohner ein Stück freie Aussicht – und der direkte Blickkontakt ins Nachbarhaus wird eingeschränkt.
Um den dörflichen Charakter dieses eigenwilligen Viertels zusätzlich hervorzuheben, wurden die langen Stege untereinander verbunden. So entstand ein Privatweg, der den Kontakt zusätzlich fördert. Gleichzeitig wird aber auch die breitere Nachbarschaft in der Umgebung miteinbezogen – und das nicht nur bei festlichen Anlässen.

Die «Schoonschippers» besitzen ausser ihren Stadtvelos keine Fahrzeuge. Aber sie können mittels einer App eines von 16 Elektroautos sowie E-Bikes und E-Cargo-Bikes vom nahe gelegenen «Mobility Hub» für eine bestimmte Zeit mieten. Bewährt sich dieses zwei Jahre dauernde Experiment, dürfen auch Nachbarinnen und Nachbarn mitmachen. Zudem will die Wohnboot-Gruppe diese bei der Nahrungsmittelbeschaffung einbeziehen. Ziel ist es, gemeinsame Grosseinkäufe bei Biobauern möglichst in der Nähe zu tätigen.

Mehr als 100 Projekte

Amsterdam hat 2015 als weltweit erste Stadt das quantitative Potenzial von Kreislaufwirtschaft untersuchen lassen und – beflügelt von den Resultaten – beschlossen, bis 2050 vollständig auf «circulaire economie» umzusteigen. Inzwischen laufen mehr als 100 Programme und Projekte. Darunter sind eher bescheidene, auf die Bevölkerung ausgerichtete Aktivitäten wie die «wormenhotels», in denen mithilfe von Würmern aus organischem Abfall Kompost hergestellt wird. Oder auch grosse Projekte etwa im Wohnungsbau, denn die Stadt vergibt nur Parzellen, wenn nachhaltig und mit rezyklierten Materialien gebaut wird.

Dank der Ausrichtung auf die Kreislaufwirtschaft wird im Rathaus immer öfter interdisziplinär gearbeitet: «Wir koppeln jetzt Raumplanende und Städtebauer an ein Ressourcenmanagement», erklärt Eveline Jonkhoff, die oberste Verantwortliche für Kreislaufwirtschaft. Nun müsse jeweils vor Baubeginn geklärt werden, welche Grundstoffe in einem Entwicklungsgebiet vorhanden seien und gebraucht werden könnten. «Wir stehen am Anfang einer sehr grossen Transition», sagt Jonkhoff, wobei die Hauptstrategie aus Lernen durch Handeln bestehe.

Lernen von Amsterdam

Die niederländischen Projekte zum Propagieren der Kreislaufwirtschaft geniessen mittlerweile international Vorbildcharakter. Auch die Schweiz könne von solchen Beispielen lernen, zeigt sich Andreas Hauser von der Sektion Ökonomie im BAFU überzeugt. «Experimentierräume vermögen viel Kreativität freizulegen, und die Praxistauglichkeit von Innovationen lässt sich darin erproben.» Hierzulande gingen beispielsweise die Siedlung Kalkbreite oder das Hunziker-Areal in Zürich in diese Richtung.

Ein soziales Experimentierfeld ist auch das neue Viertel «Schoonschip» in Amsterdam Noord. «An solchen Orten können wir die Kreislaufwirtschaft im kleinen Massstab ausprobieren, um sie danach grossflächig in der ganzen Stadt einzusetzen», freut sich die Politikerin van Doorninck. Sie attestiert den «Schoonschippern» ein enormes Durchhaltevermögen und grossen Erfindungsreichtum – nicht zuletzt bei der Umsetzung vieler Ideen der Kreislaufwirtschaft.

So wurden die schwimmenden Häuser aus Holz und anderen umweltfreundlichen oder wiederverwerteten Materialien gebaut. Die Schwellen auf Marjan de Bloks Balkon etwa stammen von einem aufgegebenen Hafensteg. Das Wasser für die «Schoonschip»-Häuser wird im Winter mit Wärmepumpen erwärmt und im Sommer damit gekühlt. Fotovoltaikanlagen erzeugen Strom, der in Batterien gespeichert wird. Ein «Smart Grid»-System sorgt für eine clevere und sparsame Stromverteilung unter den miteinander verbundenen Booten. Wird zu viel Strom produziert, bestimmt eine eigens für «Schoonschip» entwickelte Software den richtigen Zeitpunkt, um diesen an das städtische Stromnetz zu veräussern – und ihn später zu einem günstigeren Tarif zurückzukaufen. Auch das Abwassersystem ist innovativ: Während das «graue» Duschwasser ins reguläre Netz zurückfliesst, wird das «schwarze» Wasser aus den Toiletten in einer Bioraffinerie in Gas und Dünger umgewandelt und wiederverwertet.

Nur dank Sonderbewilligung

Zum Teil sind die ökologischen Innovationen so neu, dass dafür die gesetzlichen Grundlagen fehlten. Etwa für das «Smart Grid» und die Bioraffinerie. Nur dank Sonderbewilligungen des zuständigen Ministeriums in Den Haag und viel Einsatz und Goodwill der Amsterdamer Behörden konnten beide Neuerungen trotzdem realisiert werden. Um die Rahmenbedingungen für nachhaltige Innovation zu optimieren, fördert die holländische Regierung seit 2011 den Austausch mit engagierten Innovatorinnen und Innovatoren über sogenannte Green Deals. Damit die innovativen Initiativen an Dynamik gewinnen können, werden sie unter anderem bekannt gemacht, finanziell unterstützt und gezielt vernetzt.

Auf dem Balkon ihres neuen Hauses zieht Initiantin Marjan de Blok nach zehn Jahren Aufbauarbeit Bilanz: «Ökologische Wunschvorstellungen in die Realität umzusetzen, ist ein Kampf», sagt die frischgebackene «Schoonschip»-Bewohnerin. Und fügt nach einer kurzen Pause strahlend hinzu: «Aber es hat sich gelohnt.»

Der Wandel im Kleinen

Miriam von Känel
© Ephraim Bieri/Ex-Press/BAFU

Der Weg zur globalen Kreislaufwirtschaft ist weit. Lokale Gruppierungen haben schon vor Jahren damit begonnen, den Wandel hin zu einer ökologischen und sozial gerechten Welt voranzutreiben. Verbunden sind sie im internationalen «Transition Network». Miriam von Känel gehört zu einer Gruppe in Bern. Seit 2013 engagieren sich dort Menschen für unterschiedliche Themen (u. a. nachhaltige Mobilität, unverpacktes Einkaufen). In ihrer Kreativgruppe beschäftigt sich Miriam von Känel mit dem inneren Wandel: «Es ist nötig, unsere eigenen Wertvorstellungen zu hinterfragen und mit uns selbst achtsam umzugehen, um im Sinn der Kreislaufwirtschaft zu leben.»

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Letzte Änderung 04.12.2019

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