Umwelt-Etikette für Farben - Die Farbe Grün im Aufwind

01.06.22 - Wer wissen will, welche Stoffe die Wandfarbe, der Lack oder die Spachtelmasse enthalten, findet dank der Umwelt-Etikette die Antwort. Zehn Jahre nach der Einführung dieser gut etablierten Kennzeichnung für Beschichtungsstoffe sind auf dem Schweizer Markt immer mehr umweltfreundliche Farben erhältlich. 

Text: Mike Sommer

Farben mit der Umwelt-Etikette haben im professionellen Sektor schweizweit bereits einen Marktanteil von rund 90 Prozent.
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Wer schon einmal die eigene Wohnung gestrichen hat oder Wände und Türen renovieren liess, kennt den Geruch von frischer Farbe. Je nach verwendetem Produkt liegt er noch Monate später in der Luft. Grund dafür sind unter anderem die in der Farbe enthaltenen Lösungsmittel sowie weitere flüchtige oder schwerflüchtige organische Verbindungen (VOC und SVOC). Sie können das Wohlbefinden und die Gesundheit beeinträchtigen, die Umwelt schädigen und sind zum Beispiel mitverantwortlich für die Bildung von Sommersmog.

«Die Menschen reagieren heute viel sensibler auf Geruchsemissionen von Farben als früher und achten beim Bauen und Renovieren darauf, sich und die Umwelt keinen Giftstoffen auszusetzen», sagt Peter Gerber von der Sektion Konsum und Produkte beim BAFU. «Deshalb ist die Nachfrage nach lösungsmittelhaltigen Farben im Innenbereich stark zurückgegangen. Heute kommen vorwiegend wasserlösliche Produkte zum Einsatz.» Viele problematische Inhaltsstoffe sind allerdings geruchlos, darunter auch sensibilisierende, umweltgefährdende oder sogenannte CMR-Stoffe mit potenziell krebserzeugender, erbgutverändernder und fruchtbarkeitsgefährdender Wirkung.

Initiative der Farbenbranche

Konsumentinnen und Konsumenten können sich beim Kauf von Farben über die Gesundheits- und Umweltverträglichkeit der Produkte informieren. Das ist im Bau- und Hobbymarkt aber nicht immer einfach. Viele der dort angebotenen Farben, die grösstenteils aus dem Ausland stammen, tragen zwar entsprechende Labels und Hinweise. Doch was genau dahintersteckt, ist für Nichtfachleute schwer durchschaubar.

Transparenz zu schaffen ist denn auch das zen-trale Anliegen der 2012 eingeführten Umwelt-Etikette für Farben. Getragen wird sie von der unabhängigen Schweizer Stiftung Farbe, einer Initiative der einheimischen Farben- und Lackindustrie. Beteiligt sind Hersteller und Händler, Anwender wie etwa das Malergewerbe, die Wissenschaft sowie die Behörden. Auch das BAFU ist in der technischen Kommission der Stiftung vertreten.

Die Umwelt-Etikette ist eine einfache und zugleich wissenschaftlich abgestützte Produkte-deklaration, die sich optisch an der bekannten Energie-Etikette für Elektrogeräte orientiert. Sie weist Produkte einer Farbe respektive Kategorie zwischen A (dunkelgrün) und G (leuchtend rot) zu. Die Bedeutung der Farbskala ist selbsterklärend: Grün steht für besonders ökologisch, Rot für problematisch. Doch die Umwelt-Etikette kann noch mehr, wie Susanne Bader, Leiterin des technischen Sekretariats der Schweizer Stiftung Farbe, erklärt: «Bei der Einstufung der Produkte wird auch ihre Gebrauchstauglichkeit bewertet. Farben der höheren, grünen Kategorien erfüllen also auch hohe Qualitätsansprüche.» Die Gebrauchstauglichkeit wird beispielsweise bei Wandfarben für Innenräume mit den Kriterien Deckkraft und Nassabriebbeständigkeit beurteilt. Von hochwertigen Produkten profitiert auch die Umwelt, weil man davon eine geringere Menge auftragen muss und der Anstrich länger frisch bleibt.

Hohe Akzeptanz im Profibereich

Farben mit der Umwelt-Etikette haben im professionellen Sektor schweizweit bereits einen Marktanteil von rund 90 Prozent. Hauptabnehmer sind hier die Berufsleute aus der Maler- und Gipserbranche. Sie sind nicht nur wegen ihrer Kundschaft für Umwelt- und Gesundheitsthemen sensibilisiert, sondern auch, weil sie selbst den Schadstoffemissionen der Produkte am stärksten ausgesetzt sind. Etwas anders sei die Situation bei Anbietern im Bau- und Hobbybereich mit ihren Eigenmarken, sagt Peter Gerber: «Obschon ein einheitliches und transparentes Kennzeichnungssystem aus Konsumentensicht wünschbar wäre, ist die Umwelt-Etikette hier noch kaum zu sehen. Die Anbieter setzen auf ihre individuellen Labels und Kennzeichnungen.» Und Susanne Bader ergänzt: «Wir hoffen, dass sich das bald ändert. Der Aufwand für die Anmeldung bei der Umwelt-Etikette ist für die Hersteller überblickbar.»

Wer die Umwelt-Etikette verwenden will, kann nicht einfach seine ökologischsten Produkte auszeichnen lassen, sondern muss das ganze Sortiment aus dem jeweiligen Geltungsbereich anmelden – wie zum Beispiel «Wandfarben innen». So ist sichergestellt, dass auch umwelt- und gesundheitsgefährdende Produkte erkennbar sind. Die Hersteller müssen für jedes einzelne Produkt eine detaillierte Dokumentation vorlegen – inklusive Sicherheitsdatenblatt, technisches Merkblatt, Angaben zu den Inhaltsstoffen und wenn notwendig zusätzlichen Prüfzertifikaten. Aufgrund dieser Informationen nimmt die technische Kommission der Schweizer Stiftung Farbe die Einstufung in die Kategorien A bis G vor. Das Prüfgremium lässt zudem Stichproben und Produktemuster aus dem Handel durch unabhängige Testinstitute analysieren. Änderungen an der Rezeptur eines Produkts sind durch die Hersteller unverzüglich zu melden und können jederzeit zu einer anderen Einstufung führen. Finanziert wird die Umwelt-Etikette durch Gebühren, welche die Hersteller in Abhängigkeit der abgesetzten Produktemenge entrichten müssen.

Innerhalb von rund 10 Jahren hat der Einsatz von Anstrichstoffen, die umwelt- und gesundheitsschädigende Inhaltsstoffe enthalten, in der Schweiz stark abgenommen (Kat. C bis G). Immer häufiger kommen Produkte auf den Markt, die weniger leichtflüchtige Lösungsmittel und andere umweltproblematische Chemikalien enthalten (Kat. A bis B). Diese Entwicklung ist hier am Beispiel der «Wandfarben innen» (UE I) dargestellt. Es handelt sich dabei jeweils um die Anzahl der für die Umwelt-Etikette angemeldeten Farben aus den Jahren 2011, 2014 und 2020.

Deutlicher Umschwung von Rot zu Grün

Seit 2012 hat die Schweizer Stiftung Farben nach und nach fünf Geltungsbereiche der Umwelt-Etikette (UE) eingeführt: Wandfarben innen (UE I), Lacke, Holz- und Bodenbeschichtungen innen (UE II), pastöse Putze und Spachtel innen (UE III), Fassadenfarben (UE IV) sowie Lacke, Holz- und Bodenbeschichtungen aussen und Holzschutzmittel (UE V). In jedem Bereich werden die Produkte nach spezifischen Kriterien beurteilt. Erfüllt eine Farbe sämtliche Kriterien, erhält sie die Bestnote A, erfüllt sie keine, bekommt sie die Kennzeichnung G. Das Verzeichnis aller klassierten Produkte ist auf der Website der Stiftung einsehbar – genauso wie die Reglemente, nach denen die Klassierung erfolgt. Sie berücksichtigen stets den aktuellen Stand der Technik und der immer strenger werdenden gesetzlichen Vorschriften.

Im Juni 2021 waren bereits 1340 Produkte mit der Umwelt-Etikette gekennzeichnet oder zur Kennzeichnung angemeldet – und es werden immer mehr. Wie sehr sich die Farbenbranche in den vergangenen zehn Jahren in Bezug auf die Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit ihrer Produkte verbessert hat, zeigt ein Vergleich der Jahre 2011, 2014 und 2020. Bei den «Wandfarben innen» (UE I) ist eine deutliche Verlagerung des Sortiments vom roten hin zum grünen Bereich erkennbar (siehe Grafik oben). Farben mit der Einstufung D sind nahezu verschwunden und solche mit der Einstufung C deutlich seltener geworden. Dafür sind heute viel mehr Produkte der Kategorien B und A erhältlich. Der Grund für diese Verschiebung liegt in angepassten Rezepturen. So wird etwa zunehmend auf bedenkliche Inhaltsstoffe verzichtet. Es gelangen weniger Lösungsmittel zum Einsatz, und die Produzenten verwenden vermehrt nachwachsende Rohstoffe.

Fortschritte bei der Herstellung

Neben dem Ersatz von lösungsmittelhaltigen Produkten durch wasserlösliche haben verschiedene technische Innovationen diese Verbesserungen möglich gemacht. So liess sich beispielsweise die Menge der Konservierungsmittel in wasserlöslichen Farben reduzieren. Auch werden bei Farben für den Aussenbereich die Zusatzstoffe zur Pilzbekämpfung zunehmend mit einer Kunststoffschicht «verkapselt». Diese Technik verhindert eine rasche Auswaschung der Biozide beim ersten Regen mit entsprechenden Kontaminierungsspitzen.

Für Susanne Bader von der Schweizer Stiftung Farbe hat der Erfolg der Umwelt-Etikette mehrere Gründe: «Es ist kein Label, sondern eine Kennzeichnung, die auf einer umfassenden und für alle nachvollziehbaren Beurteilung beruht. Wir geben keine Produkteempfehlungen ab, sondern informieren und zeigen mögliche Alternativen auf. Das Fachpersonal der Malerbranche weiss damit umzugehen und kann seine Kundschaft beraten.» Auch Peter Gerber vom BAFU zieht nach zehn Jahren eine positive Bilanz: «Die Umwelt-Etikette hat sich als freiwillige Branchenlösung bewährt. Die Schweizer Hersteller stehen hinter dem System einer transparenten Kennzeichnung und bieten immer mehr umweltfreundliche und gesundheitlich unbedenkliche Produkte an.»

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Letzte Änderung 01.06.2022

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