Freizeitverkehr: Mit Bahn und Tram an den Start

Die verstopften Strassen und überfüllten Züge vor Arbeitsbeginn und nach Büroschluss täuschen darüber hinweg: Am mobilsten sind die Menschen in der Schweiz nicht als Pendler, sondern in ihrer Freizeit. Die grössten Distanzen legen sie im Auto und während der Ferien im Flugzeug zurück.

Der Berner Frauenlauf setzt als sportliche Grossveranstaltung voll auf den öffentlichen Verkehr. 95 Prozent der Teilnehmerinnen reisen per Bahn, Tram und Bus zum Start im Stadtzentrum.
© Ruben Wyttenbach

Der Berner Frauenlauf ist ein sportliches Ereignis, das mehr Menschen bewegt als hochkarä­tige Fussballspiele im Stade de Suisse. «Bewegt» im Wortsinn: Nicht nur, dass 14‘000 Läuferinnen Strecken von 0,5 bis 15 Kilometern rennend oder walkend hinter sich bringen. Über viel weitere Distanzen bewegt werden die Aktiven und das noch zahlreichere Publikum auf dem Weg an den Ort des Geschehens und abends wieder zurück nach Hause.

Rund 14 000 Läuferinnen bestreiten Jahr für Jahr den Berner Frauenlauf. Im Startgeld inbegriffen ist das Bahnbillet ab dem Wohnort nach Bern. Das Ticket ist vier Tage gültig. Öffentliche Parkplätze werden keine angeboten, dafür zahlreiche Extrazüge.
© Ruben Wyttenbach

Bahnbillett im Startgeld inbegriffen.Um diesen Verkehr möglichst umweltverträglich abzuwickeln, haben sich die Organisatoren einiges einfallen lassen. Im Startgeld inbegriffen ist ein Bahnbillett für die Hin- und Rückfahrt ab Wohnort in der ganzen Schweiz. Mit der SBB ist dafür ein Pauschalpreis ausgehandelt worden. Wer ein Generalabonnement besitzt, bezahlt ein reduziertes Startgeld, desgleichen Läuferinnen aus Bern und den nächstgelegenen Aussengemeinden, die bloss eine Fahrkarte für das Nahverkehrsnetz benötigen. Zudem steht in den Startunterlagen deutlich, dass keine Parkplätze angeboten werden. Die Kombination der beiden Massnahmen wirkt: «Unsere Umfragen zeigen, dass 95 Prozent der Läuferinnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen», sagt Catherine Imhof vom Organisationskomitee.
Das ist ein Traumwert für den Freizeitverkehr. Gemäss der Erhebung der Bundesämter für Statistik (BFS) und Raumentwicklung (ARE) über die Mobilität in der Schweiz aus dem Jahr 2012 wird insgesamt zwar fast die Hälfte aller Wegetappen zu Fuss zurückgelegt. Doch für 67 Prozent der Distanzen im Freizeitverkehr kommen Auto oder Motorrad zum Einsatz. Und während der Anteil des motorisierten Individualverkehrs insgesamt leicht gesunken ist, bleibt das Auto unbestritten das wichtigste Gefährt in der Freizeit. Zur Arbeit geht es zunehmend per Bahn oder Bus − doch nach Feierabend setzt man sich nach wie vor am liebsten ins eigene Gefährt.

Frei im eigenen Auto. Befragungen zeigen klar, weshalb das Auto in der Freizeit so populär ist: kürzere Fahrzeit einerseits, ungenügende Erschliessung des Reiseziels durch Bus und Bahn anderseits. Die Kosten hingegen spielen eine untergeordnete Rolle. Tatsächlich lassen sich Freizeitziele mit dem öffentlichen Verkehr oft nicht so gut erreichen wie der Arbeitsplatz, und nach Feierabend und an Feiertagen sind die Fahr­pläne weniger dicht als zu den werktäglichen Stosszeiten. Andreas Blumenstein vom Büro für Mobilität in Bern sieht noch einen anderen Grund für die geringe Beliebtheit des ÖV nach Feierabend. «Die Verkehrsmittelwahl hat auch einen emotio­nalen Aspekt», sagt er. «Pendeln ist Alltagsroutine, Freizeit ist Ausbruch aus dieser Routine. Wir möchten dann spontan entscheiden können, wann und wohin die Fahrt geht. Das eigene Auto entspricht dieser Befindlichkeit eher als der ÖV, dessen Nutzung eine gewisse Planung erfordert.» Freizeit ist Freiheit, und diese will man sich nicht durch Fahrpläne beschneiden lassen.

Freizeitverkehr dominiert. Unsere Gesellschaft ist so mobil wie nie zuvor. Im Durchschnitt sind die Menschen in der Schweiz 37 Kilometer pro Tag unterwegs, davon 40 Prozent in der Freizeit und bloss 24 Prozent im Arbeitsverkehr. Unberücksichtigt bleiben in diesen Zahlen längere Tagesausflüge und Reisen, die pro Person und Jahr 6700 Kilometer ausmachen - davon sind vier Fünftel Freizeitverkehr. Mehr als die Hälfte dieser Distanzen legen wir im Flugzeug zurück. Auf 3 Tonnen CO2-Emissionen im gesamten motorisierten Individualverkehr kommt heute bereits mehr als 1 Tonne, die wir im interna­tionalen Flugverkehr freisetzen. Die Bedeutung der Flugreisen wird laut Tourismusexperten weiter zunehmen. So hat etwa die Studie Reisemarkt Schweiz des Instituts für Öffentliche Dienstleistungen und Tourismus der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2008 gezeigt, dass kürzere Reisen und Billigflüge besonders im Trend liegen. Wie lässt sich dieser Mobilitätshunger in der Freizeit umweltgerecht stillen? Eine schwierige Frage: «Bisherige verkehrspolitische und verkehrsplanerische Strategien waren in erster Linie auf den Arbeitspendlerverkehr sowie auf den Fernverkehr ausgerichtet», schreibt der Bundesrat in seiner 2009 veröffentlichten «Strategie Freizeitverkehr». «Die spezifischen Aspekte des Freizeitverkehrs wurden zu wenig intensiv in die Überlegungen zu einer nachhaltigen Verkehrspolitik einbezogen. Entsprechend gross sind heute der Handlungsbedarf und das Handlungspotenzial.» Die Strategie hat zum Ziel, den privaten Freizeitverkehr mit Auto und Motorrad bis zum Jahr 2020 zu stabilisieren. Die Anteile des ÖV und des Langsamverkehrs sollen erhöht, die Wege verkürzt werden. Die Ziele also sind klar - wie sie sich erreichen lassen, weniger. Einer der Gründe liegt da­rin, dass sich das Verhalten der Menschen in der Freizeit nicht über einen Leisten schlagen lässt, der Freizeitverkehr ist ein überaus heterogenes Gebilde. Deshalb gibt es auch keine Patentlösungen, um ihn zu beeinflussen. Was es braucht, ist ein Paket von verschiedensten aufeinander abgestimmten Massnahmen.

Freizeitverkehr ist Nahverkehr. Fast zwei Drittel der täglichen Freizeitwege liegen innerhalb von Agglomerationen. Man fährt zu Besuch, geht auswärts essen, saust ins Training oder zum nächsten Waldrand. Ein Drittel bis die Hälfte dieser Wege misst weniger als 2 Kilometer. Das heisst: Durch ein ausgebautes ÖV-Angebot und attraktive Wege für Velofahrende und Fussgänger könnte es durchaus gelingen, die Freizeitmobilität vom Auto weg zu verlagern. Dies gilt vorab für Bereiche, in denen der Anteil des Individualverkehrs besonders hoch ist, wie zum Beispiel für den Sportverkehr. Kein Wunder, versuchen viele Umsteigeprojekte, den Sportlerinnen und Sportlern den ÖV schmackhaft zu machen.

Fussballnachwuchs per ÖV zum Match. Eltern von fussballspielenden Kindern werden am Wochenende vielfach zu Chauffeuren im Nebenamt. Sie fahren ihren Nachwuchs zum Match. Weit sind die Wege beispielsweise bei den Turnieren, die manche Fussballclubs im Kanton Zürich im Frühsommer und Spätherbst organisieren. Um die Eltern von ihrem Fahrdienst und die Umwelt von den Auswirkungen des Autoverkehrs zu entlasten, hat das Beratungsbüro Synergo mit Unterstützung des BAFU und weiteren Partnern das Projekt Soccermobile entwickelt. Synergo stellt für Veranstalter und Clubs Informationen zur Anreise mit dem öffentlichen Verkehr zusammen. Zudem gibt es für die Clubs ein kostenloses, für das gesamte Gebiet des Zürcher Verkehrsverbundes gültiges Gruppenbillett. Die Ergebnisse eines Tests an fünf Turnieren waren vielversprechend: Jedes dritte Team nutzte das ÖV-Angebot. Im Juni 2012 lief das Projekt aus. Noch ist ungewiss, ob und in welcher Form es weitergeführt werden soll. Kostenlose Gruppenbillette könne es aber auf die Dauer nicht geben, sagt Projektleiter Dominik Oetterli von Synergo. Ob die Vereine dem ÖV treu bleiben, wenn sie das Kollektivbillett selber berappen müssen, ist offen.

Lücken im touristischen ÖV-Netz schliessen. Wer sich in seiner Freizeit gerne in der Natur bewegt, fährt oft im Auto in die Berge oder Hügel. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, ohne eigenes Fahrzeug in abgelegene Gebiete zu reisen. Diese Alternative will der Verein mountain wilderness besser bekannt machen. Unter www.alpentaxi.ch bietet er einen Überblick über lokale Taxiunternehmen im Schweizer Alpenraum. Die Idee: Das Alpentaxi überbrückt die letzten Kilometer von der Bus- oder Bahn­endstation bis zu Ausgangs- und Endpunkt einer Wanderung oder Skitour. Lücken im touristischen ÖV-Netz schliessen will auch der Verein Busalpin. Dazu wurden 2005 und 2006 in vier Pilotregionen - Gantrisch (BE), Binntal (VS), Greina (GR/TI) und Moosalp (VS) - neue Angebote entwickelt, zum Beispiel ein Rufbus, der die Ausflügler zur Langlaufloipe oder zum Ausgangspunkt einer Wanderung bringt. Mehr als 25‘000 Fahrgäste haben diese Möglichkeit in den beiden Versuchsjahren genutzt. Inzwischen sind weitere Regionen beigetreten. Der Verein berät sie beim Aufbau von ÖV-Angeboten und vermarktet diese über seine Internetplattform www.busalpin.ch. Sowohl das Alpentaxi wie auch Busalpin werden vom BAFU finanziell unterstützt. Gefördert wird auch das Projekt «Mobiles Entlebuch». Es bietet Besucherinnen und ­Besuchern des UNESCO-Biosphärengebiets ­Alternativen zum Privatauto: Verkehrsangebote wie zum Beispiel Kleinbusse für Wintersporttreibende oder Rail Bons für die Anreise zu Exkursionen. Die Angebote werden genutzt, wenn auch in eher bescheidenem Umfang. Eine Erfolgskontrolle durch das Institut für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern hat ergeben, dass im Laufe eines Jahres rund 1200 automobile Gäste aufgrund dieser Alternativen auf den ÖV und den Langsamverkehr umgestiegen sind.

Warum in die Ferne schweifen? Umweltgerechte Freizeitmobilität lässt sich nicht nur durch bessere ÖV-Angebote schaffen. Viel Verkehr liesse sich zum Beispiel vermeiden, wenn wir nicht bis in die Alpen oder den Jura fahren müssten, um uns der Natur nahe zu fühlen. Anders gesagt: Gut erschlossene und attraktive Naherholungsgebiete machen lange Fahrten ins Grüne überflüssig. Eine wichtige Rolle können hier wiederbelebte Flusslandschaften spielen. Dies gilt etwa für die Birspark-Landschaft, ein Aufwertungsprojekt im Kanton Baselland, das von der Stiftung Landschaftsschutz zur Landschaft des Jahres 2012 gewählt worden ist. Früher galten die Uferzonen als vernachlässigte Hinter­höfe der Gemeinden an der Birs, heute werden sie von der Bevölkerung als Naturoasen und Erholungsgebiete geschätzt. Auch in der Hunzigenau an der Aare oberhalb von Bern herrscht an sonnigen Tagen reger Betrieb. Man badet, brät Würste und geniesst die Sonne. Das war nicht immer so: Zu einer viel besuchten Wasserwelt entwickelte sich die Hunzigenau erst 2006. Als Hochwasserschutzmassnahme wurde damals das Flussbett verbreitert. Ein neuer Seitenarm liess zwei Inseln entstehen, wovon die eine mit einem Steg erschlossen ist. Die wilde Flusslandschaft im Kleinformat liegt in Fusswegdistanz zu den ­Agglomerationsgemeinden Rubigen und Münsingen. Ähnliche Renaturierungsmassnahmen werden auch an anderen Abschnitten der Aare zwischen Thun und Bern umgesetzt oder sind geplant. Übrigens: 68 Prozent der Leute, die sich heute in dieser Landschaft erholen, wohnen in den anliegenden Gemeinden. Dies ergab unlängst eine Besuchererhebung. 65 Prozent kommen per ÖV, Velo oder zu Fuss. Ob die Aufwertungen insgesamt zu weniger Autofahrten führen werden, ist hingegen fraglich. Weil das Gebiet immer mehr Leute anziehe, sei «mit ­einer Zunahme des motorisierten Individualverkehrs zu rechnen», heisst es im Bericht zum Erholungs- und Besucherinformationskonzept für die gesamte Aarestrecke zwischen Thun und Bern.

Ob Farniente am Wasser, Outdoor-Aktivitäten in den Bergen, Grossveranstaltungen oder Kinderfussball: Der Weg zu einer umweltgerechten Mobilität in der Freizeit ist lang. Und es braucht noch viele sprühende Ideen und wegweisende Projekte, bis wir das Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit nicht mehr mit dem Losfahren im Auto gleichsetzen.

Hansjakob Baumgartner

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Letzte Änderung 28.08.2012

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