Landesforstinventar: Rekordhohe Holzvorräte im Schweizer Wald

21.11.2012 - Der Langzeittrend in unseren Wäldern hat sich auch in den letzten 5 Jahren fortgesetzt, wie die Zwischen­ergebnisse des 4. Landesforstinventars (LFI 4) zeigen: Die Fläche nimmt zu, und der Holzvorrat steigt. Die Waldpolitik 2020 des Bundes strebt an, das Potenzial der nachhaltig nutzbaren Holzmenge voll auszuschöpfen. Dazu muss in den kommenden Jahren erheblich mehr Holz geschlagen und abgesetzt werden.

Trotz zunehmender Mechanisierung werden die meisten Bäume nach wie vor mit der Motorsäge gefällt.
© LFI-Pressefotos

Unsere Waldfläche wächst und wächst. Allein zwischen den Erhebungsperioden 2004/06 und 2009/11 hat sie sich um 320 Quadratkilometer ausgebreitet. Diese Fläche ist so gross wie der Kanton Schaffhausen. Während das bewaldete Areal im dicht besiedelten und landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland sowie im Jura stagniert, erfolgte fast die gesamte Zunahme im Alpenraum und auf der Alpensüdseite. Der Wald erobert hier Heumatten und Weiden zurück, die nicht mehr bewirtschaftet werden, weil sie zu steil und nur schwer zugänglich sind.

Bäume verdrängen Wiesenblumen. Die Entwicklung entspricht der natürlichen Vegetationsdynamik und hat durchaus ihre positiven Seiten: Wo Wald neu aufkommt, verbessert sich der Schutz gegen Naturgefahren, zusätzliche Holzressourcen wachsen heran, und der Atmosphäre wird CO2 entzogen. Andererseits leidet das vertraute Landschaftsbild, wenn das Wechselspiel von Wald und offenen Flächen verloren geht. Zudem beherbergen die betroffenen Wiesen und Weiden oft eine vielfältige Pflanzenwelt, die im Schatten der aufkommenden Gehölze verschwindet. Um die Waldentwicklung besser steuern zu können, hat das Parlament deshalb im März 2012 eine Revision des Waldgesetzes beschlossen. Einerseits will es die Pflicht lockern, nach Rodungen in jedem Fall eine entsprechende Fläche aufforsten zu müssen. In Gebieten mit sich ausbreitender Waldfläche können stattdessen künftig auch Massnahmen zugunsten des Natur- und Landschaftsschutzes ergriffen werden. Um Kulturland und wert­volle Lebensräume zu schonen, ist dies ausnahmsweise auch anderswo möglich. Und wird eine erst in den letzten 30 Jahren eingewachsene Fläche wieder zu Agrarland, kann gänzlich auf Ersatzmassnahmen verzichtet werden. Dies gilt auch bei Rodungen für den Hochwasserschutz, zur Revitalisierung von verbauten Gewässern oder zur Erhaltung schützenswerter Biotope.

Die Tabelle schlüsselt die Entwicklung der Holzvorräte in den zugänglichen Wäldern (ohne Gebüschwald) nach Regionen auf. Der Vergleich umfasst die beiden letzten Erhebungsperioden des Landesforstinventars.

Statische Waldgrenze.Eine weitere Änderung betrifft die Waldfeststellung, das heisst die behördliche Erfassung eines Gebiets als Waldareal. Bisher galten neu eingewachsene Areale nach spätestens 20 Jahren rechtlich als Wald und waren folglich mit einem Rodungsverbot belegt. Ausgenommen davon blieben nur Standorte in der Bauzone. Künftig können die Kantone die Waldgrenze auch im übrigen Gebiet statisch festschreiben. Wiesen und Weiden bleiben dann rechtlich Grünland, auch wenn der Wald von ihnen Besitz ergriffen hat. Die Ausbreitung der Wälder wird man so allerdings kaum bremsen können, denn die Waldgesetzrevi­sion lässt die Ursachen dafür unberührt. Diese liegen in der Landwirtschaft. Es braucht Anreize, die betroffenen Flächen weiterhin zu mähen oder beweiden zu lassen. Im Rahmen der Agrarpolitik 2014–2017 soll die Offenhaltung von Wiesen und Weiden mit Kulturlandschaftsbeiträgen gefördert werden.Immer mehr Holz im Wald.Ungebrochen ist auch der Trend zu steigenden Holzvorräten. Auf den Probeflächen des Landesforstinventars (LFI), die schon vor 5 Jahren bewaldet waren, stehen derzeit auf 1 Hektare durchschnittlich 357 Kubikmeter Holz. Das sind 6 Kubikmeter mehr als in den Jahren 2004/06. Im Vergleich zur Vorperiode des LFI hat sich das Vorratswachstum beschleunigt. Einerseits sind seither Extremereignisse ausgeblieben, denen zuvor zahlreiche Bäume zum Opfer gefallen waren – wie beim Orkan Lothar Ende 1999 oder als Folge des Hitzesommers 2003. Andererseits hat konjunktur- und währungsbedingt die Nutzung abgenommen. Hinter den Durchschnittswerten verbergen sich grosse regionale Unterschiede. Entgegen dem gesamtschweizerischen Trend sind die Holzvorräte im Mittelland von 397 auf 386 Kubikmeter gesunken. In den letzten Jahren ist hier mehr Holz geschlagen worden oder durch natürliches Absterben aus dem Waldbestand verschwunden, als nachwachsen konnte. «Dies ist jedoch kein Verstoss gegen den Grundsatz der Nachhaltigkeit», betont Bruno Röösli, Chef der Sektion Waldpolitik und Walderhaltung beim BAFU. Die Holzvorräte der hiesigen Wälder seien so hoch wie seit Jahrhunderten nicht mehr. «Es ist kein Drama, wenn sie wieder leicht sinken. Die Kantone bewilligen die Holzschläge und berücksichtigen dabei die nachhaltige Erfüllung der Waldfunktionen», sagt er.

Die Eingriffe erfolgen grösstenteils im befahrbaren Gelände.
© Beni Basler

Weniger Fichten.Der Vorratsabbau im Mittellandwald betrifft indessen nicht alle Baumarten. Während beim Laubholz auch hier immer noch eine Zunahme zu verzeichnen ist, hat sich der Nadelholzvorrat in den letzten 5 Jahren um 8 Prozent vermindert. Die Entwicklung hält bereits seit Ende der 1990er-Jahre an, weil Lothar, der Trockensommer 2003 und die durch den Borkenkäfer verursachten Folgeschäden die Fichte stärker in Mitleidenschaft ­gezogen haben als andere Baumarten. Dazu kommt, dass Fichtenholz am meisten nachgefragt ist und immer noch mit Gewinn geerntet werden kann – wenigstens in den gut erschlossenen Mittellandwäldern. In den Voralpen und Alpen, wo der Löwenanteil der Fichtenvorräte steht, erweist sich die Holzerei hingegen auch bei dieser Baumart inzwischen vielerorts als Verlustgeschäft. Es erstaunt deshalb nicht, dass der Fichtenvorrat in Höhenlagen über 1000 Metern gewachsen ist.Problematische Unternutzung.Gesamtschweizerisch haben Nutzung und natürliche Sterblichkeit innert 5 Jahren von 7,7 auf 7,2 Kubikmeter pro Hektare (m3/ha) und Jahr abgenommen. Demgegenüber steht ein jährlicher Zuwachs von 8,6 m3/ha. Die Differenz signalisiert waldpolitischen Handlungsbedarf. Denn ebenso wie eine Übernutzung ist auch eine Holzernte, die – zusammen mit der natürlichen Sterblichkeit – unter dem Zuwachs liegt, auf Dauer nicht nachhaltig. Zu dichte Wälder werden instabil, die Verjüngung bleibt aus, und die lichtbedürftigen tierischen und pflanzlichen Waldbewohner leiden oder verkümmern in den immer dunkleren Beständen. Auch ressourcenpolitisch ist es nicht sinnvoll, einen einheimischen Rohstoff mit zahlreichen ökologischen Vorzügen unter seinem Potenzial zu nutzen. Mit der Verabschiedung der Wald­politik 2020 im August 2011 hat der Bundesrat die Ausschöpfung des nachhaltig nutzbaren Holzpotenzials deshalb zu einem prioritären Ziel für den Umgang mit dem Schweizer Wald erhoben. In Zahlen bedeutet dies eine jährliche Holznutzung von 8,2 Millionen m3. Doch vor allem in den Gebirgswäldern behindern hohe Erntekosten vielerorts eine angemessene Nutzung. Abhilfe könnte eine zeitgemässe Erschliessung schaffen. Im Schutzwald kann der Bund solche Erschliessungen schon heute finanziell fördern. «Dabei geht es nicht in erster Linie um den Bau neuer Waldstrassen», stellt ­Bruno Röösli klar. «Vielmehr müssten bestehende ­Erschliessungen veränderten Anforderungen, wie zum Beispiel den grösseren Forstmaschinen, angepasst werden.»Mehr Laubholz nutzen.Der zentrale Angelpunkt bleibt jedoch die Holznachfrage. Hier hapert es namentlich beim Laubholz. Derzeit stehen Millionen von erntereifen Buchen im Schweizer Wald. Ihr Holz wird entweder exportiert – was wegen des starken Frankens immer weniger lukrativ ist – oder verfeuert. Dank dem Boom der Holzheizungen findet Brennholz guten Absatz, doch eigentlich sind Buchenstämme zu wertvoll, um direkt verbrannt zu werden. Eine vernünftige Ressourcenpolitik zielt vielmehr darauf ab, Holz in einer Kaskade möglichst mehrfach zu verwerten: zuerst als Bau- und Werkstoff und erst, wenn es für diese Zwecke aus­gedient hat, als Energieträger. Allerdings existieren in der Schweiz nur wenige Sägereien, die Laubholz einsägen und damit der weiteren Verarbeitung zugänglich machen können. Zwar gibt es Bestrebungen, in der Romandie ein grösseres Werk anzusiedeln. Doch das Projekt kommt aus wirtschaftlichen Gründen nicht recht vom Fleck, weil gegenwärtig fast niemand Schnittholz aus Laubbäumen verarbeiten will. «Zuerst braucht es eine Nachfrage», sagt ­Bruno Röösli. «Sobald diese vorhanden ist, wird sich relativ rasch ein Investor finden, der Verarbeitungskapazitäten für Laubholz aufbaut.» In diese Richtung zielen einzelne Projekte des 2012 lancierten Nationalen Forschungsprogramms «Ressource Holz» (NFP 66). Es soll die wissenschaftlichen Grundlagen für eine breitere Holznutzung, insbesondere von Laubholz, erarbeiten. So will man etwa neuartige Tragwerke aus Buchenholz entwickeln und für die Praxis nutzbar machen. Ein anderes Projekt erforscht innovative Verfahren und Klebstoffe für die Herstellung von Tragwerkelementen aus Laubholz.Hansjakob Baumgartner

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Letzte Änderung 20.11.2012

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