Biodiversität: Kleine Urwälder in spe

Reservate sind eine notwendige Ergänzung zum naturnahen Waldbau. Nur mit ihrer Hilfe lässt sich die gesamte biologische Vielfalt im Wald erhalten. Ein Besuch in zwei Schutzgebieten im Kanton Aargau.

Besuch im Naturwaldreservat Trottehubel (AG): Alain Morier (Leiter Abteilung Wald, Kanton Aargau), Stefanie Burger (Fachfrau für Naturschutz im Wald, Kanton Aargau), Marcel Murri (Sektion Walderhaltung, Kanton Aargau) und BAFU-Biologin Nicole Imesch (von links) lassen sich vom Gastgeber Revierförster Markus Bürki ins Bild setzen.
© Emanuel Ammon/Aura/BAFU

Text: Gregor Klaus

Plötzlich wird es hell im Wald. Vor uns steht eine Gruppe von rund 60 abgestorbenen Bäumen. Vor 11 Jahren, kurz nachdem das 70 Hektaren grosse Naturwaldreservat Trottehubel südlich von Murgenthal im Kanton Aargau ausgeschieden worden war, kam es hier zu einem Massenbefall durch den Borkenkäfer. «Der Kanton beschloss, vorerst nicht einzugreifen», erzählt Revierförster Markus Bürki. Eine weise Entscheidung: Der Befall kam nach kurzer Zeit schlagartig zum Stillstand. «Die Natur hat sich selbst geholfen, andere Insekten hielten den Borkenkäfer in Schach.»

Für Marcel Murri, Leiter der Sektion Walderhaltung im Kanton Aargau, war der Borkenkäfer in diesem Fall ein Glückskäfer: «Er hat den Anteil der Fichte, die an diesem Standort natürlicherweise viel seltener wäre, innerhalb kurzer Zeit reduziert und dafür ökologisch wertvolles stehendes Totholz geschaffen.» Totholz ist im Mittelland Mangelware - und es ist alles andere als tot. «Etwa jede zehnte in der Schweiz nachgewiesene Art ist von Totholz als Lebensraum und Nahrungsquelle abhängig», sagt Nicole Imesch, zuständig für die Waldbiodiversität beim BAFU. «Das sind rund 6000 Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen.»

10 % des Schweizer Waldes als Reservate

Die Begehung des Trottehubels an diesem sonnigen Augusttag gilt offiziell als Stichprobenkontrolle des Bundes bei den Kantonen, die im Rahmen von vierjährigen Programmvereinbarungen Geld vom Bund für verschiedene Leistungen zugunsten der Waldbiodiversität erhalten . Mit von der Partie sind deshalb nebst dem Revierförster Bürki und Sektionschef Murri auch Alain Morier, Leiter der kantonalen Abteilung Wald, und Stefanie Burger, zuständig für den Naturschutz im Aargauer Wald. Nicole Imesch vom BAFU spricht allerdings lieber von Erfahrungsaustausch als von Kontrolle. «Der Bund arbeitet auf einer hohen strategischen Ebene, da ist es wichtig zu schauen, wie die Kantone die nationalen Vorgaben umsetzen, wo es Schwierigkeiten gibt und wo Anpassungen nötig sind.»

2001 beschloss der Bund zusammen mit den kantonalen Forstdirektoren, 10 % des Schweizer Waldes bis 2030 als Reservate auszuscheiden, die Hälfte davon als Naturwaldreservate, in denen der Wald alle Stadien von der Pionier- bis zur Zerfallsphase ungestört durchlaufen kann. Die andere Hälfte besteht aus Sonderwaldreservaten, in denen pflegende Eingriffe - beispielsweise zur Förderung lichtliebender Arten - geboten sind. Zurzeit umfassen Reservate knapp 5 % der hiesigen Waldfläche.

Teil der ökologischen Infrastruktur

Gemäss Biodiversitätskonvention, die auch die Schweiz ratifiziert hat, muss jedes Land 17 % seiner Fläche als Schutzgebiete ausweisen. Damit sich die Arten auch ausbreiten können, braucht es zusätzlich Vernetzungselemente. Im Wald erfüllen zum Beispiel gestufte Waldränder und Altholzinseln diese Funktion. Waldreservate sind so Bestandteil der ökologischen Infrastruktur, die im Rahmen der Strategie Biodiversität Schweiz aufgebaut werden soll.

Kurz nachdem die Zielvorgaben zu den Waldreservaten feststanden, ging im Kanton Aargau ein Aufruf an alle Förster, konkrete Vorschläge dazu einzureichen. Der Trottehubel - im Besitz der Burgergemeinde Roggwil (BE) und der Ortsbürgergemeinde Murgenthal (AG) - bot sich an: Teile des Waldes liegen in steilem Gelände und sind schwer zu bewirtschaften.

Allerdings stehen im Perimeter des Reservats auf einer Hochebene auch viele Fichten, deren Holz gefragt ist. Doch das Angebot des Kantons Aargau war so verlockend, dass die Waldeigentümerin bereit war, auch hier auf eine Nutzung zu verzichten, und der Projektidee zustimmte. Diese Art von Vertragsnaturschutz findet Alain Morier optimal: «Man ist unter Partnern und begegnet sich auf Augenhöhe.» Zwangsmassnahmen zur Erreichung der Biodiversitätsziele im Wald lehnt er strikt ab.

Sonderwaldreservat Langholz (AG): Totholzreiche Laubbaumbestände.
Sonderwaldreservat Langholz (AG): Totholzreiche Laubbaumbestände.
© Aura

Die Waldwirtschaft braucht Naturwälder

Wir kämpfen uns weiter durch das Unterholz. Bei Revierförster Bürki gewinnt hin und wieder der Bewirtschafter die Oberhand. «Diesen wilden Kirschbaum hätte ich im Wirtschaftswald schon längst gefällt. Und wenn diese wertvollen Fichten geerntet würden, bliebe immer noch ein schöner Wald.» Mit einem Lachen fügt er aber gleich hinzu: «Ich finde das Naturwaldreservat eine wunderbare Sache.» Der restliche Teil des Waldes werde relativ intensiv bewirtschaftet. Da sei es wichtig, als Gegengewicht dazu eine Fläche zu haben, wo der Wald ganz sich selbst überlassen bleibe.

Die Schweiz benötige Naturwälder auch als waldbauliche Vorbilder und als Vergleichsfläche zum Wirtschaftswald, fügt Marcel Murri hinzu. «Wir müssen von der natürlichen Waldentwicklung lernen, gerade in Zeiten des Klimawandels.» Ein gewisser Anteil an Reservaten sei aus dieser Sicht die logische Weiterentwicklung der Waldwirtschaft.

Doch reichen 10 % Reservatsfläche in der Schweiz aus, um die gesamte Waldbiodiversität zu erhalten? Nicole Imesch weist darauf hin, dass der hiesige Wald gemäss Eidgenössischem Waldgesetz naturnah bewirtschaftet werden muss. Es wird nicht gedüngt, es werden keine Pestizide ausgebracht, die Naturverjüngung ist immer weiter verbreitet, und es gibt weniger Fichtenmonokulturen als auch schon. «Naturnahe Waldwirtschaft ist der intelligente Mittelweg zwischen dem Nutzungsverzicht auf der einen Seite und reinen Fichtenplantagen auf der anderen Seite», sagt die Biologin vom BAFU.

Im Vergleich zur Landwirtschaft ist man im Wald etwas weniger stark darauf angewiesen, zur Erhaltung der biologischen Vielfalt reine Biodiversitätsförderflächen auszuscheiden. Defizite bestehen aber bei der Pionierphase - also den sehr jungen Wäldern - und bei der totholzreichen Zerfallsphase, die im Naturwald zusammen immerhin 60 % der gesamten Waldentwicklung ausmachen. Um die Tier- und Pflanzenwelt dieser Stadien zu erhalten, braucht es die Reservate. «Entscheidend ist aber neben der Quantität auch die Qualität der Waldreservate», ergänzt Nicole Imesch.

Biodiversitätsziele für den Wald

Im Rahmen der Strategie Biodiversität Schweiz werden zurzeit regionale Biodiversitätsziele für den Wald erarbeitet. Die Listen der National Prioritären Arten und Lebensräume sind dafür wichtige Grundlagen. Wissenschaftliche Analysen sollen aufzeigen, inwieweit die Verbreitung dieser Arten und Lebensräume, für welche die Schweiz eine besondere Verantwortung trägt, mit dem heute bestehenden Waldreservatsnetz abgedeckt sind. «Zukünftig soll sich die Errichtung von Waldreservaten mehr an diesen Vorkommen orientieren, damit letztlich auch die Qualität stimmt», sagt Nicole Imesch.

250 Tiere, Pflanzen und Pilze des Waldes aus der Liste der National Prioritären Arten brauchen nebst Reservaten auch Förderung durch spezifische Massnahmen im Wirtschaftswald: Der Gelbringfalter etwa ist auf lichte Wälder angewiesen, der Alpenbockkäfer auf besonntes totes Buchenholz, die Gelbbauchunke auf vegetationsarme Tümpel. Jeder Kanton soll eine bestimmte Anzahl dieser Arten fördern.

«Begeisterung ist der wichtigste Erfolgsfaktor»

Der nächste Besuch führt uns nach Südschweden - zumindest rein optisch. Nur wenige km nordöstlich vom Trottehubel hat der Kanton 2011 im Langholz ein 20 Hektaren grosses Sonderwaldreservat ausgeschieden. Alte Entwässerungsgräben wurden zugeschüttet, und mit Dämmen wurden flache Weiher aufgestaut, die wie Biberteiche aussehen. Viele Bäume im angehenden Auenbruchwald ertragen keine nassen Füsse und sind bereits abgestorben. Über dem gefluteten Waldweg quaken Frösche, Libellen flitzen durch die Luft.

Die Bevölkerung hat das Naturjuwel bereits ins Herz geschlossen - auch Leute, die vor 70 Jahren mitgeholfen hatten, das Gebiet zu entwässern und in einen Fichtenforst zu überführen. «Als das Projekt in Zofingen vorgestellt wurde, kam ein Einheimischer auf mich zu und erzählte mir, dass er in den 1940er-Jahren hier unter ‹Blut, Schweiss und Tränen› Entwässerungsgräben ausgehoben habe», sagt Marcel Murri. «Dennoch fand er es toll, dass das Gebiet wieder renaturiert wird.»

Auch der hier zuständige Revierförster ist nach anfänglichen Bedenken ein überzeugter Anhänger des Reservats geworden. «Die Begeisterung der Förster für die einzelnen Projekte ist für mich fast das Schönste an meiner Arbeit», sagt die kantonale Naturschutzfachfrau Stefanie Burger. «Und sie ist der wichtigste Erfolgsfaktor.»

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Letzte Änderung 12.02.2014

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