Forstliche Bildung: Gut ausgebildete Waldprofis

Die Arbeit im Wald ist streng und gefährlich, und sie muss sich laufend neuen Herausforderungen stellen. Eine Tätigkeit auf Zeit? Wer sich weiterbildet und kreativ ist, kann den Wald dauerhaft zum Beruf machen. Forstwartin Claudia Tschudin beweist dies.

Claudia Tschudin steht noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, doch hat sie sich bereits verschiedene Tätigkeitsfelder erschlossen: Sie arbeitet als gelernte Forstwartin sowie als Naturpädagogin
© Markus Forte/Ex-Press/BAFU

Text: Elsbeth Flüeler

Wieder heult die Motorsäge auf, wieder fällt die Krone eines Jungbaums, wieder kippt ein Stamm, wieder und wieder, bis die ganze Waldfläche gepflegt ist. Dann endlich verstummt das lärmige Gerät. «Die Ruhe im Wald ist mir schon lieber», sagt Claudia Tschudin, klappt das Visier des Helms hoch und schiebt den Gehörschutz von den Ohren. Doch ein Teil des Jungwuchses müsse weg, damit ein paar kräftige Bäume besser wüchsen und dereinst gutes Holz geerntet werden könne.

Von der Forstwartin zur Naturpädagogin

Claudia Tschudin, 27 Jahre alt, Forstwartin im Forstrevier Oberer Hauenstein im Bezirk Waldenburg (BL), steht im gleichen Stück Wald, wo vor gut zehn Jahren ihre berufliche Laufbahn begann. Diese Holzerei war die erste Arbeit, die sie ausführte, damals, nachdem sie fest entschlossen das Gymnasium abgebrochen hatte. Drei Jahre, von 2002 bis 2005, dauerte die Lehre. Claudia Tschudin war draussen, Tag für Tag, bei schönem Wetter, bei Wind und Regen, und sah, wie sich der Wald entwickelte, im Verlauf der Jahreszeiten und über die Jahre hinweg.

Nach der Lehre spezialisierten sich einige ihrer Kollegen zum Seilkraneinsatzleiter oder zum Forstmaschinenführer. Ein paar wollten sich später zum Forstwart-Vorarbeiter oder via höhere Fachschule zum Förster ausbilden lassen. Claudia Tschudin hingegen drückte noch ein Jahr lang die Schulbank, machte die Berufsmatura und verschaffte sich so Zugang zu allen weiteren Waldberufen. Heute könnte sie an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen (BE) einen Bachelor oder Master in Forstwirtschaft erlangen oder via «Passerelle Berufsmaturität» das Studium zur Umweltnaturwissenschafterin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH)absolvieren.

Doch sie wählte einen anderen Weg. Bei Silviva, der Stiftung für naturbezogene Umweltbildung, liess sie sich zur Naturpädagogin ausbilden und erfüllte sich damit einen weiteren Traum: «Ich wäre auch gerne Lehrerin geworden.» Mit der Unterstützung des Revierförsters, der ihr pädagogisches Flair erkannt hatte, entwickelte sie das Projekt «Erlebnisraum Wald». Seither ist sie - nebst ihrer Tätigkeit als Forstwartin - im ganzen Kanton mit Kindern vom Kindergarten bis zur 5. Klasse im Wald unterwegs und weckt deren Neugier und Interesse an der Natur.

Anspruchsvoll und streng

Claudia Tschudins Werdegang ist bewegt, aber unüblich ist er nicht. Im Wald arbeiten heisst längst nicht mehr nur, Bäume zu fällen und Holz zu ernten. Die Forstbetriebe haben den unterschiedlichsten Ansprüchen zu genügen. Sie pflegen Schutzwälder, wo Naturereignisse die immer weiter um sich greifende Infrastruktur bedrohen; sie legen Naturschutzflächen an, um die Biodiversität im Wald zu erhalten. «Wichtig ist, sich laufend weiterzubilden und die neusten Erkenntnisse im Arbeitsalltag zu übernehmen», sagt Claudia Tschudin.

Mit 27 Jahren ist sie schon eine der älteren unter ihren Kollegen und Kolleginnen. Im Wallis etwa liegt das Durchschnittsalter der Forstwarte bei 25 Jahren. Nicht alle bleiben lange Forstwart, denn die Arbeit ist streng. Oft ist es über Tage hinweg nass und kalt, trotzdem schwitzt man bei der Arbeit.

Zudem ist die Waldwirtschaft die Branche mit einer der höchsten Raten an Berufsunfällen. Obschon sich hier in den letzten Jahren manches verbessert hat, kommen auf 1000 Arbeitende immer noch 304 Unfälle pro Jahr. «Die tägliche Arbeit darf nicht zur Routine werden», empfiehlt Claudia Tschudin. «Man muss sein Tun immer hinterfragen, die Vorschriften einhalten.» Zur Ausrüstung gehören stets feste Schuhe und Schnittschutzhosen mit einer Schutzschicht, die sich bei der kleinsten Berührung der laufenden Kettensäge innerhalb von Sekundenbruchteilen in Fäden auflöst und die Säge blockiert. Dazu Helm, Handschuhe, Gehörschutz.

Waldwissen vermitteln

Claudia Tschudin verstaut die Arbeitsgeräte in ihrem Geländewagen und schreitet zum Sporn eines Geländerückens: ein Aussichtspunkt. So weit das Auge reicht, schaut sie auf «ihren» Wald. Am Gegenhang befindet sich ein Naturschutzgebiet. Hier hat sie geholfen, mit Weihern und Steinhaufen Lebensräume für Reptilien zu schaffen. Hinter ihr ragen die Kalkfelsen der Gerstelfluh aus dem Wald, ein Treffpunkt für Jura-Kletterer. Gegenüber liegt die Hinteri Egg, mit 1169 Metern über Meer der höchste Punkt des Kantons Baselland.

Es ist ein schöner, gesunder Mischwald hier im Oberen Hauenstein, ein einsamer Wald auch, wo man kaum jemandem begegnet. Aber Liestal ist nur ein gutes Dutzend km entfernt. Die Freizeitaktivitäten nehmen auch im Bezirk Waldenburg zu. Hier sieht Claudia Tschudin ihre berufliche Zukunft. «Die Leute, die den Wald besuchen, sollen verstehen, was hier passiert, warum es Holzschläge gibt, Naturschutzflächen oder naturbelassenen Wald.» Vor Kurzem gründete sie ihr eigenes Unternehmen. «Waldkauz - Büro für Wald und Umwelt» nennt es sich und bietet Öffentlichkeitsarbeit an. Einige Aufträge hat sie bereits ausgeführt: Sie konzipierte Erlebniswege für Gemeinden und entwarf Infotafeln.

Lange will Claudia Tschudin nicht mehr als Forstwartin arbeiten. Der Wald aber wird ihr Arbeitsort bleiben.

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Letzte Änderung 12.02.2014

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