Holzarchitektur: Mit Holz mehr Wert schöpfen

Buchenholz sollte nicht in erster Linie zum Heizen genutzt werden. Dazu ist es zu wertvoll. Deshalb fördert das BAFU Projekte, die eine höhere Wertschöpfung versprechen. So lässt sich Buchenholz als Bau- und Werkstoff verwenden oder in Zellulose für Textilien verwandeln.

Büro- Praxisgebäude Woodstock
Hoch hinaus mit Buchenholz: Büro- und Praxisgebäude «Woodstock» in Münchenstein (BL).
© Artevetro architekten ag

Text: Beatrix Mühlethaler

«Woodstock» - der Ort des legendären Musikfesti-vals im Jahr 1969 - stand einst für einen gesellschaftlichen Aufbruch. Wenn Architekten einem neuen Gebäude in Münchenstein (BL) diesen Namen geben, so wollen sie ebenfalls einen Aufbruch markieren: den hin zu klimagerechtem, ressourcenschonendem Bauen. Wood, also Holz, spielt dabei eine wichtige Rolle . Optisch tritt das Holz an der mit technischer Raffinesse gestalteten Aussenhülle von «Woodstock» kaum in Erscheinung. Holz steckt im Kern hinter den Fassaden und bildet hier das statische Gerüst. Dieses besteht aus mit Dübeln verbundenen Buchenpfosten. Buchenholz spielt auch eine tragende Rolle in den Deckengerüsten, und es prägt die Inneneinrichtung.

Holz und Hightech passen zusammen

Die Fassaden sind energetisch optimiert: nach Norden stark gedämmt, nach Osten dank transluzidem Polyester durchlässig für Sonnenwärme und nach Süden dank Fotolamellen fähig zur aktiven Solarnutzung. Im Gebäude sind heute diverse Arztpraxen einquartiert sowie das Architekturbüro des Erstellers, Felix Knobel. Begeistert berichtet er vom angenehmen Klima, das Holz zum Wohnen und Arbeiten schaffte. Auffallend sei namentlich, wie wirksam Laubholz Gerüche neutralisiere.

«Woodstock» stand bereits an der Swissbau 2010 in Basel, bevor das endgültige Bauwerk nach Münchenstein verlegt wurde. Das Echo war gewaltig. Der Messeauftritt demonstrierte der Fachwelt, wie gut sich Buche als Bauholz einsetzen lässt. Das BAFU unterstützte das Projekt im Rahmen seines Aktionsplans Holz. Mit diesem fördert das Bundesamt Bestrebungen, die Nutzung von einheimischem Holz zu steigern.

Denn der Holzvorrat unserer Wälder ist sehr hoch. Pro Jahr wachsen rund 10 Mio. Kubikmeter nach, jede Sekunde ein Würfel von annähernd 70 Zentimetern Kantenlänge. Geerntet werden zurzeit bloss 6 Mio. Kubikmeter. 2020 sollen es 8,2 Mio. Kubikmeter sein. Das Ziel der Waldpolitik des Bundes, das nachhaltige Holznutzungspotenzial abzuschöpfen, wäre damit erreicht.

Ein Schwerpunkt des Aktionsplans gilt der besseren Verwertung von Laubholz. Besonders die Buche, die fast 18 % des Holzvorrats ausmacht, verdient eine stärkere Beachtung. Zwar ist sie als Brennholz begehrt: Zwei Drittel der Ernte werden verfeuert. Doch es wäre klüger, das Holz zuerst als Bau- und Werkstoff einzusetzen und es erst zum Schluss energetisch zu nutzen. So würden die Ressourcen optimal, das heisst kaskadenartig, genutzt, Arbeitsplätze im ländlichen Raum geschaffen und eine grössere Wertschöpfung erzielt.

Brücken bauen mit Eschenholz: Velo- und Fussgängerbrücke über die Emme zwischen Burgdorf und Kirchberg (BE).
Brücken bauen mit Eschenholz: Velo- und Fussgängerbrücke über die Emme zwischen Burgdorf und Kirchberg (BE).
© blog.spoony.ch

Mit Buche hoch hinaus

Derzeit hat die Buche im Baubereich nur geringe Bedeutung. Nadelholz dominiert, weil es einfacher einsetzbar und günstiger zu verarbeiten ist. Tatsächlich sei das stark arbeitende Buchenholz ein unberechenbares Material und stelle an die Verarbeiter hohe Ansprüche, erläutert Holzbauer Max Kaufmann. Mit dem Einsatz von Buchenpfosten im statischen Gerüst setzte man bei «Woodstock» deshalb auf stehendes Holz, weil dieses weder schwillt noch schwindet. Dank digital gesteuerter Produktion liessen sich die Holzelemente in Kaufmanns Werkstatt mit der notwendigen Genauigkeit vorfabrizieren.

Unter solchen Voraussetzungen bietet Buche im mehrgeschossigen Holzbau grosse Vorteile: Sie ist äusserst druckfest, vergleichbar mit Tropenholz. «Buchenholz kann Lasten tragen, wie sie in einem zwölfstöckigen Hochhaus entstehen», sagt Alfred Kammerhofer, Chef der Sektion Wald- und Holzwirtschaft im BAFU. In Kombination mit anderen Materialien trägt es auch zur Erdbebensicherheit sowie zu einem guten Schall- und Brandschutz bei.

Die Vorzüge von Buchenholz zeigten sich beispielsweise beim Bau eines neuen Ökonomiegebäudes in Lauenen (BE), bei dem diese Holzart die Dachkonstruktion bildet. Wegen ihrer grösseren Festigkeit brauchte es weniger Holz, als wenn man mit Fichten oder Tannen gearbeitet hätte. Allerdings kostete es auch erheblich mehr, sodass der Bau nur dank Unterstützung durch das BAFU realisiert werden konnte.

Das erstaunt nicht: Für Buche und andere Laubhölzer fehlen Langzeiterfahrungen, normierte Grundlagen und industriell vorgefertigte Standardprodukte, wie sie für Brettschichtholz aus Fichte und Tanne existieren. Aufgrund dieser Lücken sind auch die Lieferfristen für Buchenbauteile lang. Bei der Realisierung des Ökonomiegebäudes war man denn auch bestrebt, fehlende Erfahrungswerte zu erarbeiten. Diese bilden eine wertvolle Basis für weitere Projekte. Zudem dienen sie dem Ziel, Laubholz in die SIA-Normen einzubeziehen.

Aktionsplan Holz bringt neue Erkenntnisse

Auch andere Projekte des Aktionsplans Holz brachten neue Erkenntnisse darüber, wann und wie sich Laubholz sinnvoll verwenden lässt. So kam zum Beispiel bei der neuen Fussgänger- und Velobrücke über die Emme zwischen Burgdorf und Kirchberg (BE) im Tragwerk Brettschichtholz aus Esche zum Zug. Buche hätte sich hierfür nicht geeignet, da es vorläufig keine feuchtigkeitsverträglichen Produkte aus diesem Holz gibt.

Das BAFU und die Akteure aus der Holzwirtschaft erachten die Ergebnisse aus der ersten Phase des Aktionsplans als ermutigend. Deshalb werden die Aktivitäten in einer zweiten, bis 2016 dauernden Phase weitergeführt. Es gilt, neue Wege zu finden, damit die heimische Wald- und Holzwirtschaft ihr Potenzial besser ausschöpfen und neue Produkte auf den Markt bringen kann.

Ideen für Nischen und Masse

Allerdings kämpft die heimische Holzwirtschaft derzeit wegen ungünstiger Wechselkurse und international vorhandener Überkapazitäten zunehmend mit Absatzproblemen . Deshalb profitiert die Branche auch nicht von der wachsenden Beliebtheit von Holz als Baumaterial. Halb- und Fertigfabrikate sind im Ausland billiger zu beschaffen.

Der Aktionsplan Holz trägt diesem Umfeld Rechnung. «Er unterstützt einerseits Erfolg versprechende Initiativen für Nischenprodukte und lotet andererseits Chancen im Massenmarkt aus», erläutert Alfred Kammerhofer vom BAFU.

Ideen für solche Nischenprodukte sollen Wettbewerbe wie der Prix Lignum bringen. Im Auftrag des Verbands Holzindustrie Schweiz arbeitet zudem ein Experte an der Vernetzung guter Ideen und Prototypen mit den möglichen Umsetzern. Gesucht ist beispielsweise ein Küchenproduzent, der einer besonders festen Buchentischplatte zum Durchbruch verhilft; oder ein Unternehmen, das die Produktion einer leichten Buchenbauplatte optimiert, die sich zum Aufstocken von Gebäuden eignet. Eine andere Firma hat eine besondere Lagertechnik für Buche im Auge, damit Produkte aus diesem Holz künftig innerhalb der geforderten kurzen Frist lieferbar sind.

Das Potenzial für ein Massenprodukt habe eine speziell verleimte Buchenfurnierplatte, findet Alfred Kammerhofer. Sie könne Eisenbewehrungen in Decken und den Einsatz von Beton reduzieren. Zurzeit wird dieses Produkt aus Schweizer Buche von einem deutschen Unternehmen im «Haus der natürlichen Ressourcen» der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) eingebaut. Offen ist noch, ob sich hier für die heimische Branche eine Türe öffnet, indem auch in der Schweiz ein Fabrikationsstandort entsteht.

Buchenparkett ist ein weiteres breit absetzbares Produkt, wenn es gelingt, vermehrt ausländische Märkte zu erschliessen. Zurzeit zeigen manche Chinesinnen und Chinesen ein Flair dafür, was die Aussicht auf den Absatz grosser Mengen eröffnet.

Die Treppe dieses Wohnhauses in Küsnacht (ZH) besteht aus Eiche, die Einbaumöbel sind aus Esche. Auch dieses Gebäude wurde beim Wettbewerb «Laubholz» des Aktionsplans Holz ausgezeichnet.
© Goswin Schwendinger

Holz wird zum chemischen Grundstoff

Ein vielversprechendes Feld bieten neuartige Anwendungen: Die Buche lässt sich chemisch gut aufschliessen. Daraus ergibt sich beispielsweise eine hochwertige Zellulosefaser, die als Baumwolle- oder Kunststoffersatz in der Textilbranche verwendbar ist. Oder es lässt sich ein Öl daraus gewinnen, das der chemischen Industrie als Basis für Kunststoff dient und Erdöl ersetzen kann. Chemisch zerlegt und aufbereitet lässt sich Holz in beliebige Formen giessen oder schäumen. Dabei können die unterschiedlichen Eigenschaften der verschiedenen Holzarten dem Zweck entsprechend genutzt und verstärkt werden.

«In fünf bis zehn Jahren wird man einiges machen können, was heute noch nicht geht», prophezeit Alfred Kammerhofer. Mit Holz werde es gelingen, Engpässe zu beseitigen und teure Rohstoffe einzusparen. Der Wald- und Holzbranche öffnen sich so neue Exportchancen.

Wälder besser erschliessen

Damit sich das Nutzungspotenzial unserer Wälder ausschöpfen lässt, ist ein gutes Wegnetz erforderlich, das den heutigen Erntemaschinen und Transportfahrzeugen angepasst ist. Bestehende Waldstrassen müssen dazu teils wiederhergestellt, teils verbreitert und punkto Tragfähigkeit verbessert werden. Das zeigte eine Umfrage, die 2009 bei den Kantonen durchgeführt wurde.

Im Vordergrund steht für die Kantone die Wiederherstellung. Das betrifft beispielsweise Wege, die durch Überschwemmungen oder Hangrutsche in Mitleidenschaft gezogen wurden. Neuerschliessungen braucht es hingegen nur punktuell, vor allem in Gebieten mit vorratsreichen Wäldern.

Die Frage, ob der Bund solche Massnahmen auch ausserhalb der Schutzwälder mitfinanzieren soll, wird im Rahmen einer parlamentarischen Initiative geprüft. Das BAFU plädiert für eine integrale Betrachtung: «Das Erschliessungsnetz soll für alle Waldfunktionen optimiert werden. Dabei werden zum Beispiel die Bedürfnisse der Holzabfuhr mit solchen von Erholungssuchenden und störungsempfindlichen Tierarten sorgfältig gegeneinander abgewogen», betont Alfred Kammerhofer.

Das heisst, dass in Wäldern mit zu dichtem Wegnetz auch Wege stillgelegt werden können. Andererseits ist in noch unerschlossenen wichtigen Lebensräumen des Auerhuhns ein Verzicht auf den Neubau von Erschliessungen geboten - zum Schutz dieser stark gefährdeten Vogelart.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 12.02.2014

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/wald/dossiers/magazin-umwelt-wald-gestalten/holzarchitektur--mit-holz-mehr-wert-schoepfen.html