Multifunktionaler Wald: Waldleistungen kosten

Wir profitieren in vielerlei Hinsicht vom Wald. Abgesehen davon, dass er Baumaterial liefert, schützt er das Klima, filtert das Grundwasser, beherbergt Tier- und Pflanzenarten und gewährt uns eine grüne Zuflucht, wo wir uns von der Hektik des Alltags erholen können. Kostenlos sind diese Leistungen allerdings nur bei oberflächlicher Betrachtung, und es stellt sich die Frage, wie wir sie langfristig sichern können.

Impressionen aus dem Waldreservat «Bollement» in St-Brais (JU) mit dem «Etang de Bollement»: Das Naturwaldreservat wird im Laufe der nächsten 40 Jahre der Atmosphäre 10 000 Tonnen CO2 entziehen und so zum Klimaschutz beitragen.
Impressionen aus dem Waldreservat «Bollement» in St-Brais (JU) mit dem «Etang de Bollement»: Das Naturwaldreservat wird im Laufe der nächsten 40 Jahre der Atmosphäre 10 000 Tonnen CO2 entziehen und so zum Klimaschutz beitragen.
© Mediendienst Body Shop

Text: Lucienne Rey

Heimische Gewächse sind hier Mauerblümchen. Ganz anders Kokospalme, Jasminstrauch und Mangobaum: Diese Exoten verfeinern den Inhalt zahlreicher Tiegel im Sortiment von «Body Shop». Doch auch wenn die Kosmetikfirma, die mit ihrer Naturnähe wirbt, bei der Herstellung ihrer Produkte weder für Föhre noch für Fichte Verwendung findet, engagiert sie sich durchaus für das Gedeihen hiesiger Gehölze. 2002 kaufte sie der Gemeinde St-Brais (JU) CO2-Emissionszertifikate ab. Die Verkäuferin hatte zuvor in ihren Wäldern das Waldreservat «Bollement» eingerichtet. Hier werden keine Bäume gefällt. Sie wachsen weiter und binden in ihrem Holz Kohlenstoff. Der Holzvorrat wird sich in den nächsten 40 Jahren ungefähr verdoppeln. 10‘000 t Kohlendioxid werden so der Atmosphäre entzogen.

Die Kosmetikfirma übernahm damit eine Pionierrolle: Als erstes Unternehmen im Schweizer Detailhandel ging sie zu einer klimaneutralen Produktion über, indem sie auf Jahre hinaus ihre jährlichen Emissionen von 220 t CO2 ausglich. Der Gemeinde St-Brais trug der Zertifikatsverkauf einen Erlös von 36‘000 CHF ein.

CO2-Emissionsrechte als neues Waldprodukt

CO2-Zertifikate müssen dabei nicht zwangsläufig mit einem gänzlichen Verzicht auf Waldnutzung einhergehen. Die Oberallmeindkorporation Schwyz etwa bewirtschaftet ihren mit dem FSC-Label ausgezeichneten Wald so, dass der Holzvorrat in 30 Jahren von 280 auf 300 Kubikmeter pro Hektare zunimmt. Der Wald wird so zur Senke für rund 245‘000 t Kohlendioxid, wovon jährlich 5000 bis 20‘000 t für Emissionszertifikate verfügbar sind. Die Korporation verkauft diese zu einem Mindestpreis von 35 CHF pro Tonne, womit sie im Jahr durchschnittlich rund 120‘000 CHF einnimmt. Als Käuferinnen treten insbesondere Druckereien aus der deutschen Schweiz auf, die ihrer Kundschaft anbieten, Printprodukte durch den Erwerb entsprechender Zertifikate klimaneutral herzustellen. Der Wald eignet sich bestens für solche Projekte. Denn: «Die Leistung des Waldes als CO2-Senke lässt sich gut messen und kontrollieren», erläutert Hubertus Schmidtke, Geschäftsführer der Umweltberatungsfirma Silvaconsult, die zahlreiche Zertifizierungsprojekte begleitet.

Allerdings sind auch Reservatswälder keine dauerhaften CO2-Senken. Wenn Bäume absterben, schliesst sich der Kohlenstoffkreislauf, und das CO2 gelangt wieder in die Atmosphäre. Andererseits helfen auch genutzte Wälder dem Klima: «Das Freisetzen des Kohlenstoffs lässt sich hinauszögern, indem das Holz aus dem Wald für Holzprodukte - etwa Häuser, Möbel oder Bücher - verwendet wird. So verlängert sich die Speicherwirkung um Jahre oder Jahrzehnte. Gleichzeitig wachsen im Wald wieder neue Bäume nach, die wiederum Kohlenstoff einlagern», erklärt Silvio Schmid von der Sektion Waldleistungen und Waldqualität im BAFU.

Zum Teil ersetzen Holzprodukte Güter mit vergleichsweise schlechterer CO2-Bilanz, wie Erdöl oder Beton. Dieser Ersatz verringert im Idealfall zusätzlich den CO2-Ausstoss. «Somit schützen sowohl das Stehenlassen als auch das Ernten von Bäumen das Klima», sagt Silvio Schmid. «Diese Handlungsoptionen lassen sich optimieren: Eine geschickte Kombination der Senkenleistung des Waldes, der Herstellung langlebiger Holzprodukte und der gleichzeitigen Substitution von klimaschädlicheren Materialien durch Holz führt langfristig zu einer Verbesserung der CO2-Bilanz.»

Leistungen entschädigen

Die Dienste des Waldes zugunsten der Gesellschaft sind vielfältig. Als Erholungsgebiet ebenso geschätzt wie als Wasserspeicher oder als Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten, erbringt der Forst Leistungen, die für die Bevölkerung von hohem Wert sind. Diese Leistungen zu gewährleisten, ist für die Waldbesitzer oft mit einem höheren Aufwand bei der Bewirtschaftung oder einem teilweisen Verzicht auf die Holznutzung verbunden. Die Frage, wie diese Mehraufwendungen oder Mindererträge abgegolten werden können, beschäftigt das BAFU schon seit Jahren - zumal der Preiszerfall für Holz dazu führt, dass immer mehr Forstbetriebe Verluste schreiben .

Wie lassen sich die gemeinwirtschaftlichen Waldleistungen vermarkten? «Zuerst geht es darum festzustellen, welche Waldleistungen aus öffentlicher Sicht erwünscht sind. Anschliessend überlegen wir uns, welche Mittel - und dazu gehört auch das Geld - dafür nötig sind», sagt Silvio Schmid. «Dabei spielen insbesondere die Kantone eine zentrale Rolle, denn sie entscheiden, wo welche Waldleistungen primär erbracht werden.»

Ein Fünfliber für den Waldspaziergang

Bundesgelder für den Wald 2012
Bundesgelder für den Wald 2012

Der Kanton Solothurn erhebt beispielsweise eine Gebühr, um die Leistungen seiner Wälder für die Bevölkerung, insbesondere die Erholungsfunktion, zu sichern. Diese wird von den Gemeinden in Form eines «Waldfünflibers» je Einwohnerin und Einwohner entrichtet. Zu den Beiträgen der Gemeinden kommen Zahlungen des Kantons, der pro Jahr zwischen 30 und 50 CHF für jede Hektare Wald ausschüttet. Insgesamt fliessen so jährlich rund 2,5 Mio. CHF in die Kassen der Waldeigentümer.

Einen anderen Weg beschreitet der Kanton Freiburg. Er hat verschiedene Kategorien von Erholungsfunktionen festgelegt, für die er den Waldeigentümern jedes Jahr pro Hektare einen bestimmten Entschädigungsbeitrag zuspricht. Damit werden etwa die zusätzlichen Kosten für die Verjüngung von Beständen mit Erholungsfunktion bezahlt oder Defizite von Holzschlägen gedeckt, die aus Sicherheitsgründen in der Nähe von Wegen oder Rastplätzen vorgenommen werden müssen.

Freilich ist die Bereitschaft, sich den Waldspaziergang etwas kosten zu lassen, nicht überall gleich gross. «Geld für die Erholung im Wald zu verlangen, ist schwierig, weil das Waldgesetz das freie Betreten der Wälder gewährleistet», bestätigt Hubertus Schmidtke. Das zeigte sich etwa im Kanton Bern, wo über 80 % des Waldes in privater Hand sind. Mit ihrem Vorschlag einer freiwilligen Vignette, die Bikerinnen und Reiter für ihre Aktivität im Wald kaufen können, stiessen die «Berner Waldbesitzer» auf wenig Gegenliebe. Dabei wurden in anderen Kantonen mit Vereinbarungen zwischen den Nutzniessern von Infrastrukturanlagen und Waldeigentümern durchaus gute Erfahrungen gemacht. Der Kanton Genf etwa beschränkt das Radfahren und Reiten auf bestimmte Wege, an deren Unterhalt sich die interessierten Sportvereine finanziell beteiligen.

Eine wichtige Aufgabe erfüllt der Wald auch bei der Reinigung des Grundwassers. Über 40 % des Trinkwassers, das hierzulande konsumiert wird, stammen aus dem Wald. Dass unsachgemäss durchgeführte Forstarbeiten dieses Grundnahrungsmittel gefährden können, erfuhren französische Anliegergemeinden des Genfersees: Im Jahr 2001 führte dort der Abtransport gefällter Baumstämme zu Trübungen im Trinkwasser, sodass eine Wasserfassung abgestellt werden musste. Ersatz wurde aus dem See gepumpt, was schätzungsweise 55‘000 Euro kostete.

Aus dieser Erfahrung entstand das grenzübergreifende Projekt «Alpeau»: Umfassende Untersuchungen des Abflussregimes in Waldböden wurden lanciert, vorbildliche Vorgehensweisen für eine trinkwasserschonende Waldbewirtschaftung definiert und ein Rahmen für freiwillige Verträge zwischen Waldeigentümern und Wasserproduzenten entwickelt.

Vereinbarungen für den Grundwasserschutz

Freiwillige Vereinbarungen sind auch aus Sicht des BAFU der Königsweg - obschon es oft Zeit und Überzeugungskraft braucht, damit sich die Wasserversorger an den Kosten einer Waldbewirtschaftung beteiligen, die auf die Optimierung der Filterwirkung ausgerichtet ist. Denn diese geht ins Geld: Bei Wäldern in Grundwasserschutzzonen liegen die jährlichen Aufwendungen, die den Forstbetrieben aus der Umsetzung der Gewässerschutzverordnung erwachsen, nach Berechnungen der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL zwischen 150 und 500 CHF pro Hektare.

Dass die vielfältigen Waldfunktionen nur dann dauerhaft erhalten bleiben, wenn diejenigen entschädigt werden, die um ihre Sicherung besorgt sind, liegt angesichts dieser Zahlen auf der Hand.

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Letzte Änderung 12.02.2014

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