Schadorganismen: Unerwünschte Exoten

Mit den weltweiten Handelsströmen gelangen immer mehr invasive Schadorganismen aus fernen Ländern in die Schweiz. Speziell davon betroffen ist der Tessiner Wald.

Könnte die Wespe Torymus sinensis als natürlicher Feind des Kastanienschädlings Abhilfe schaffen?
© naturmediterraneo.com

Text: Vera Bueller

Giorgio Moretti wusste sofort, dass es die Edelkastaniengallwespe war. Im Mai 2009 hatte ein Hausbesitzer aus Mendrisio (TI) beim Ufficio della selvicoltura e del Demanio des Kantons Tessin angerufen: In seinem Garten seien die Blätter des Kastanienbaums welk, wie wenn es Herbst wäre. «So hat es begonnen», erinnert sich der Leiter des kantonalen Waldschutzdienstes.

Jetzt ist es Spätsommer. Wir stehen inmitten eines Kastanienhains bei Stabio (TI), an der Grenze zu Italien. Die Bäume bieten ein trauriges Bild: Die Blätter sind deformiert, einzelne Triebe abgestorben, an den Ästen hängen ausgetrocknete «Hülsen», die sogenannten Gallen. Die Baumkronen sind schütter. Früchte tragen sie keine.

Flächendeckender Befall im Tessin und im Misox

Die Edelkastaniengallwespe (Dryocosmus kuriphilus) stammt aus China. Schon im vergangenen Jahrhundert gelangte sie in weitere asiatische Länder sowie nach Nordamerika. 2002 erfolgte im Piemont (Italien) der erste Nachweis in Europa. Hier hat sich das Insekt rasch ausgebreitet. «Wir hatten schon lange damit gerechnet, dass es irgendwann auch bei uns auftreten würde», sagt Giorgio Moretti. «Denn Schadorganismen machen nun mal nicht Halt vor Landesgrenzen. Fast alle Kastanienbäume im Tessin und im Misox sind inzwischen befallen.»

Wenn die Gallwespe mal da sei, könne man nichts mehr machen. Zumal sie immer zu spät bemerkt werde: Das Weibchen legt seine Eier vom Spätfrühling bis in den Sommer in Zweig- und Blütenknospen. Nach einem Monat schlüpfen die Larven und überwintern - von aussen unbemerkt - in den Knospen. Im Frühling danach entwickeln sie sich weiter. «Erst jetzt bilden sich die auffälligen Gallen an Trieben, Blättern und Blüten», erklärt der Forstingenieur und pflückt eine leere Galle von einem Ast. Die erwachsene Wespe ist längst ausgeschlüpft.

Marroniproduktion leidet

Das Insekt ist gerade mal drei mm gross, kann aber ausgewachsenen Edelkastanienbäumen gefährlich werden. Zum Tod eines Baumes führt der Befall nur im Ausnahmefall, doch er wird massiv geschwächt und dadurch anfällig für andere Krankheiten. Und die Fruchtproduktion sinkt drastisch. «Im Piemont ist das ein grosses Problem, weil der Marronihandel dort sehr wichtig ist», erläutert Giorgio Moretti, während er einen abgestorbenen Trieb von einem Baum zupft.

Auch im Tessin gibt es etwa 2000 Hektaren Marroniplantagen, sogenannte Kastanienselven. Die meisten wurden seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt. Einige haben die Eigentümer aber - dank der Subventionen von Bund und Kanton und mit grosser Hilfe seitens des Fonds Landschaft Schweiz (FLS) - wiederhergestellt, wie hier in Stabio. «Bei uns im Tessin haben die Kastanienbäume aber grösstenteils eine andere Funktion als die Marroniproduktion: Sie müssen gegen Lawinen, Steinschlag, Rutschungen und Murgänge schützen - zum Beispiel oberhalb der Magadinoebene oder im Malcantone. Konkret sprechen wir von etwa 20‘000 Hektaren Schutzwald, der aus Kastanienbäumen besteht», sagt Giorgio Moretti.

Fremdling gegen Fremdling?

Schadorganismen: Edelkastaniengallwespe, Götterbaum, Citrusbockkäfer
© foltolia / Ruth Schürmann

Was also tun? In Japan wird der Kastanienschädling erfolgreich mit einem aus China stammenden natürlichen Feind bekämpft, der parasitischen Wespe Torymus sinensis: Die Weibchen dieser Art stechen die Gallen mit ihren Legebohrern an und deponieren die Eier in den Brutkammern der Gallwespen, die dann von den geschlüpften Larven gefressen werden.

Seit 2005 wird Torymus sinensis auch in Italien ausgesetzt. Wie weit dies die Ausfälle bei der Marroniproduktion verhindern kann, werden die nächsten Jahre zeigen. «Erste Ergebnisse geben durchaus Anlass zu Optimismus», meint Giorgio Moretti. Bei Cuneo im Piemont sei der Befall von 90 auf 3 % zurückgegangen.

Liesse sich die Edelkastaniengallwespe auch im Tessin mit ihrer natürlichen Widersacherin bändigen? Der Kanton hatte 2012 ein entsprechendes Freisetzungsgesuch beim BAFU eingereicht. Dieses wurde jedoch abgelehnt. «Die bisher bekannten Daten reichten nicht aus, um negative Auswirkungen auf die hiesige Biodiversität auszuschliessen», erklärt BAFU-Mitarbeiterin Florine Leuthardt, zuständig für Schadorganismen und Neobiota im Wald. Zudem habe im kantonalen Gesuch ein Monitoringprogramm gefehlt. Sie gibt auch zu bedenken, dass die Wespe Torymus sinensis sich nach ihrer Freilassung mit heimischen Arten fortpflanzen und so Hybride bilden kann.

Inzwischen hat das BAFU zusammen mit dem Kanton Tessin ein Monitoringprojekt lanciert, um die Wechselwirkungen zwischen Edelkastanie, Gallwespe und deren Antagonistin in der Südschweiz zu erforschen. Mit dabei ist auch die Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART. Allerdings ist allen Beteiligten klar, dass nicht nur die Gallwespe, sondern auch ihre Gegenspielerin Landesgrenzen nicht respektiert. «Aufgrund dieses Projekts weiss man: Sie ist schon da», bemerkt Giorgio Moretti schmunzelnd.

Folge des wachsenden Welthandels

Dass exotische Schadorganismen wie die Edelkastaniengallwespe eingeschleppt werden, ist nicht neu. Doch in den letzten Jahren häufen sich die Fälle. Die Entwicklung ist ein Kollateralschaden der Globalisierung: Immer mehr Waren werden zwischen den Kontinenten verschoben. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass vor allem mit Verpackungsmaterialien, in Holzpaletten, Containern oder Fahrzeugen unerwünschte Organismen mitreisen. «Ob diese sich dann im neuen Umfeld etablieren können, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie den klimatischen Bedingungen, der Nahrungsgrundlage und dem Vorhandensein von Geschlechtspartnern oder natürlichen Feinden», sagt Florine Leuthardt.

Zu den gebietsfremden Arten, die sich bei uns offensichtlich wohlfühlen, gehört auch der Asiatische Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis) (siehe auch umwelt 2/2013, Neuartige Gefahren für den Wald). Dieser hat aber auch noch einen engen Verwandten: den Citrusbockkäfer (Anoplophora chinensis). Er befällt ebenfalls Laubbäume aller Art, schwächt sie und macht sie anfällig für Krankheiten und Windbruch. Da die Bäume über mehrere Käfergenerationen immer wieder befallen werden, führt dies zum Absterben. In der Lombardei müssen bereits heute jährlich mehrere Mio. Euro für Bekämpfungsmassnahmen aufgewendet werden. In der Schweiz blieb es bis anhin bei Einzelfunden von Citrusbockkäfern, «doch wir im Tessin befürchten natürlich, dass auch dieser Käfer den Weg zu uns findet», gibt Giorgio Moretti zu bedenken.

Teuflischer Götterbaum

Eine andere Bedrohung ist bereits Realität geworden: die Ausbreitung des aus China stammenden Götterbaums (Ailanthus altissima). Diese gebietsfremde Pflanze - ein sogenannt invasiver Neophyt - wurde einst als Gartenpflanze importiert und oft als Park- und Strassenbaum gepflanzt. Er ist hübsch anzusehen und tolerant gegen Salz, Trockenheit sowie Luftschadstoffe. Heute bedroht er weite Teile des Tessiner Waldes: Durch seine starke Vermehrung und Schnellwüchsigkeit und weil er trockene Böden und wärmere Lagen bevorzugt, verdrängt er einheimische Pflanzen und verhindert die natürliche Verjüngung der Wälder. «Dadurch kann auch er deren Schutzwirkung einschränken. Ausserdem wächst in nächster Umgebung eines Götterbaumes nichts anderes mehr», hat Giorgio Moretti im Tessiner Wald festgestellt. Die mechanische Bekämpfung sei eine Sisyphusarbeit: Der Baum reagiert auf das Fällen mit zahlreichen Wurzelausschlägen.

Die Klimaveränderung bevorteilt den Götterbaum noch stärker gegenüber einheimischen Baumarten. «Die neuen Temperatur- und Niederschlagsregimes verändern das Gleichgewicht des Ökosystems», erklärt Florine Leuthardt vom BAFU. «Dies kann die Lebensbedingungen nicht nur für neu eingewanderte oder eingeschleppte Organismen, sondern auch für einheimische Arten derart beeinflussen, dass gewisse bisher unauffällige Pilz- oder Insektenarten nun plötzlich zu Schäden führen.»

Artspezifische Abwehrmassnahmen

Gegen besonders gefährliche Schadorganismen braucht es spezifische Bekämpfungsstrategien. Um den Schweizer Wald zu schützen, hat das BAFU bereits 2011 ein Konzept entwickelt. Es enthält 17 Massnahmen, die zurzeit umgesetzt werden. Dabei geht es im Wesentlichen darum, alle Beteiligten besser zu informieren, Erfahrungen über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus auszutauschen, die eidgenössischen und kantonalen Forst- und Pflanzenschutzdienste zu stärken und die Kontrollen von Verpackungsholz zu intensivieren. Die Überwachung und Bekämpfung der Schadorganismen obliegt auf Bundesebene dem BAFU und dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Sie führen gemeinsam den Eidgenössischen Pflanzenschutzdienst (EPSD), der in enger Zusammenarbeit mit den Kantonen für die Bekämpfungsstrategien verantwortlich ist.

«Aber nicht gegen alle Schadorganismen können gleichzeitig Bekämpfungsstrategien entwickelt und umgesetzt werden», räumt Florine Leuthardt ein. Als Planungshilfe für die Festlegung der Reihenfolge hat deshalb eine Arbeitsgruppe unter Federführung des BAFU 14 prioritäre Arten aufgelistet. In den kommenden Jahren sollen für diese Organismen sukzessive Strategien erarbeitet werden.

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Letzte Änderung 12.02.2014

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