Wald roden für die Energiewende?

Die Waldfläche steht in der Schweiz durch neue Infrastrukturanlagen und wachsende Siedlungen unter Druck. Obwohl die Gesetzgebung bezüglich Rodungsersatz gelockert wurde, ist der Wald nach wie vor streng geschützt.

Für sie musste Wald weichen: Windenergieanlage Haldenstein (GR), die derzeit grösste in der Schweiz. Im Hintergrund ist der Gipfel des Vilan zu sehen.
Für sie musste Wald weichen: Windenergieanlage Haldenstein (GR), die derzeit grösste in der Schweiz. Im Hintergrund ist der Gipfel des Vilan zu sehen.
© swiss eol

Text: Peter Bader

Die Idee hatte Jürg Michel 2007. Inzwischen hat sie Flügel bekommen, besser: Rotoren, drei an der Zahl. Am 1. März 2013 nahm die Windenergieanlage Haldenstein (GR) ihren Betrieb auf. Mit einer Nabenhöhe von 119 Metern und einer Rotorenlänge von 56 Metern ist sie derzeit die höchste in der ganzen Schweiz. «Aufgrund der bisherigen Messungen gehen wir davon aus, dass wir jährlich rund 4,5 Gigawattstunden (GWh) Strom produzieren werden», sagt der Initiant und Betriebsleiter der Calandawind AG. «Das entspricht etwa dem jährlichen Strombedarf der Gemeinde Haldenstein mit ihren rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern.»

Für den Bau der Windenergieanlage mussten insgesamt 1120 Quadratmeter (m2) Wald gerodet werden, unter anderem weil die Windmessungen an diesem Standort optimale Werte ergaben. 330 m2 wurden nach Abschluss der Bauarbeiten an Ort und Stelle wieder aufgeforstet, für die restlichen 790 m2 ist bis Ende 2014 eine Aufwertungsmassnahme zugunsten von Natur und Landschaft geplant: Der Rhein soll bei Haldenstein wieder mehr Raum erhalten.

Deutlich mehr Windräder bis 2050

Es wird künftig weitere Windräder in unseren Wäldern geben. Entsprechende Projekte existieren derzeit in den Kantonen Waadt, Bern, Aargau und Schaffhausen. Gemäss der neuen Schweizer Energiestrategie soll der Wind bis 2050 jährlich 4000 GWh zur Stromversorgung des Landes beitragen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es mehrere hundert Anlagen. Davon müssen einige auch an geeigneten Standorten im Wald realisiert werden können.

Das ist in der Schweiz nicht ganz unproblematisch, denn eine Studie des BAFU und der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) ergab 2012, dass der hiesigen Bevölkerung ein starker Waldflächenschutz nach wie vor wichtig ist. In der BAFU-Vollzugshilfe Rodungen und Rodungsersatz ist nachzulesen, unter welchen Voraussetzungen Waldrodungen für den Bau von Windanlagen möglich sind. Dazu gehört für Bruno Röösli, den stellvertretenden Abteilungschef Wald im BAFU, dass «das Werk, für das gerodet werden soll, auf den vorgesehenen Standort angewiesen ist, die Voraussetzungen der Raumplanung erfüllt sind und dem Natur- und Heimatschutz Rechnung getragen wird».

Wachsender Flächenbedarf für den Siedlungsbau

Der Schweizer Wald gerät aber nicht nur durch neue Energieanlagen zunehmend unter Druck. Auch sonst brauchen die Schweizerinnen und Schweizer immer mehr Platz. Neue Siedlungen und Strassen werden gebaut, und das öffentliche Verkehrsnetz wächst ebenfalls laufend (siehe auch umwelt 2/2011, «Druck auf den Wald in Siedlungsnähe»).

Natürlich, sagt Bruno Röösli, müsse man in erster Linie auf verdichtetes Bauen setzen, was bedeutet, dass etwa Siedlungen nicht in die Breite, sondern nach unten oder oben wachsen und Siedlungslücken konsequent gefüllt werden. «Übergeordnete gesellschaftliche Interessen müssen aber ebenso in Betracht gezogen werden. Zudem monieren landwirtschaftliche Kreise, dass der im Gesetz festgeschriebene Rodungsersatz auf Kosten der Agrarfläche gehe.» Dieser wird deshalb seit der 2013 erfolgten Änderung des Waldgesetzes flexibler gehandhabt.

Das heisst konkret: Insbesondere zur Schonung der Fruchtfolgeflächen, bei der Revitalisierung von Gewässern oder bei Hochwasserschutzprojekten kann in begründeten Fällen ganz oder teilweise auf eine Aufforstung verzichtet werden. Als Ersatzmassnahme kommt dann beispielsweise ein neu geschaffenes oder aufgewertetes Biotop in Frage. Trotz dieser Anpassung hält Bruno Röösli fest: «Der Wald ist in der Schweiz nach wie vor streng geschützt.»

Im Alpenraum nimmt die Waldfläche weiter zu

Hintergrund dieser leichten Anpassung der Waldpolitik des Bundes ist aber auch der Um-stand, dass die Waldfläche in der Schweiz - insbesondere im Berggebiet - weiterhin zunimmt. Der Wald erobert dabei Wiesen und Weiden zurück, die nicht mehr gemäht oder beweidet werden. Diese Entwicklung ist nicht nur schlecht, denn sie bedeutet mehr Schutz gegen Naturgefahren und neue Holzressourcen. Auch binden aufwachsende Wälder CO2.

Andererseits leidet das vertraute Landschaftsbild, wenn das Wechselspiel von Wald und offener Landschaft verloren geht. Zudem weist das Grünland im Alpenraum oft eine hohe biologische Vielfalt auf. Seine Umwandlung in Wald kann folglich die Biodiversität schmälern. Dies betrifft namentlich Trockenwiesen. Und schliesslich gehen mit dem Aufkommen von Wald auch im Berggebiet potenzielle Landwirtschaftsflächen verloren.

Das geänderte Waldgesetz sieht deshalb vor, dass Kantone in Gebieten, wo eine Zunahme der Waldfläche unerwünscht ist, auch ausserhalb der Bauzonen eine statische Waldgrenze festlegen können: Einwachsende Flächen gelten dann nicht mehr als Wald und können ohne Bewilligung wieder gerodet werden.

 

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Letzte Änderung 12.02.2014

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