Wald und Klimawandel: Vielfalt ist die beste Versicherung

Försterinnen und Förster sind es sich gewohnt, für ferne Zeiten zu planen, doch noch nie war die Zukunft so ungewiss: Wie müssen sie den Wald heute aufbauen, damit er den Klimabedingungen in hundert Jahren angepasst sein wird? Wenn nichts mehr sicher ist, hilft ein altbewährtes Rezept: Vielfalt senkt die Risiken.

Sieht der Schweizer Wald der Zukunft so aus? Panorama eines Eichenwaldes bei Lamole, südlich von «Greve in Chianti» in der Toskana (Italien).
Sieht der Schweizer Wald der Zukunft so aus? Panorama eines Eichenwaldes bei Lamole, südlich von «Greve in Chianti» in der Toskana (Italien).
© Marc Zaugg

Text: Hansjakob Baumgartner

Flaumeichen, Hopfenbuchen, Edelkastanien, üppiges Unterholz - solche Waldbilder sind uns aus Wanderferien in der Toskana in Erinnerung. Myriaden von Insekten schwirren umher, das Sägen der Zikaden bildet die Geräuschkulisse. Tief eingeschnittene Bachbette erinnern daran, dass es hier zuweilen zünftig regnet. Doch im Sommer ist Wasser rar. Warntafeln machen auf die Brandgefahr aufmerksam: Ein weggeworfener Zigarettenstummel kann reichen, um das Dürrholz am Boden zu entflammen.

Es sind Wälder, die unter Klimabedingungen gedeihen, wie sie 2100 in den wärmeren Gebieten des Schweizer Mittellandes herrschen könnten. Gemäss den wahrscheinlichsten Szenarien wird es dann bei uns 2 bis 4 Grad Celsius wärmer sein als heute. Im Genferseebecken ist mit durchschnittlichen Temperaturen wie gegenwärtig in Florenz zu rechnen. Etwas weniger warm dürfte es in anderen Regionen werden. Die Jahresmitteltemperatur im Raum Zürich wird etwa den heutigen Werten rund um Mailand entsprechen. Voraussichtlich wird es auch trockener, namentlich im Sommer.

Historische Herausforderung

Der Klimawandel stellt die heutige Generation von Forstleuten vor eine historische Aufgabe. Sie muss damit beginnen, den Wald an ein neues klimatisches Zeitalter anzupassen. Denn die Weichen müssen jetzt gestellt werden: Die Bäume, die Ende dieses Jahrhunderts in ihre besten Jahre kommen, keimen heute.

Damit sie ihr Handeln auf wissenschaftliche Grundlagen abstützen können, starteten das BAFU und die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL 2009 das Forschungsprogramm Wald und Klimawandel. Es soll allen, die im und mit dem Wald zu tun haben, helfen, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wälder besser abzuschätzen und wirksame Anpassungsstrategien zu entwickeln.

2011 endete die erste Programmphase. Im Synthesebericht finden sich vier aufschlussreiche Schweizer Karten: Sie zeigen die Verbreitungspotenziale der Fichte und der Buche - der beiden häufigsten Baumarten im Schweizer Wald - unter heutigen Klimabedingungen beziehungsweise unter solchen, wie sie 2050 herrschen könnten .

Fichte zieht sich in die Berge zurück

Zurzeit findet die Fichte, die an eher kühles, regenreiches Klima angepasst ist, fast im ganzen Land nördlich der Alpen geeignete Bedingungen. 2050 wird dies grossflächig nur noch in den Bergwäldern der Fall sein. Für die Buche dürften sich die klimatisch günstigen Standorte in höhere Lagen verschieben. Im Tiefland könnte die Eiche sie ersetzen.

Die Frage stellt sich, inwiefern man sich bei der Waldverjüngung und der Jungwaldpflege heute schon auf die kommenden Verhältnisse ausrichten soll. Wäre es klug, wärmeliebende und trockenheitsresistente Bäume zu fördern? Die Empfehlungen des Zürcher Forstdienstes gehen in diese Richtung. In seiner Broschüre Wald und Klimawandel sind Arten aufgelistet, die in der Waldverjüngung angereichert werden sollten: Traubeneiche, Stieleiche, Kirsche, Nussbaum, versuchsweise auch die Edelkastanie.

In den tieferen Lagen Eichen zu fördern, könne sinnvoll sein, findet auch Christian Küchli, Sektionschef Waldleistungen und Waldqualität im BAFU. Umgekehrt werde dort der Anbau von Fichten zum Risiko. «Es ist wohl auch heute noch möglich, im Mittelland Fichten nachzuziehen. Dies ist jedoch nur in schattigeren Lagen und auf Böden mit guter Wasserversorgung sinnvoll», betont er.

Douglasie als Fichtenersatz?

Verbreitungspotenzial von Fichte und Buche
© WSL, Forschungsprogramm Wald und Klimawandel

Für die Wald- und Holzwirtschaft ist die Fichte die wichtigste Baumart. Ähnlich gute Eigenschaften als Baustoff hat die Douglasie, und sie erzielt auch einen anständigen Preis auf dem Holzmarkt. Sie wäre gut gerüstet für wärmere Zeiten, und der Borkenkäfer kann ihr nichts anhaben. Allerdings ist sie in Europa eine Exotin, die nur wenigen einheimischen Tierarten Lebensraum bietet. Aus Sicht der Biodiversität wird dies als grosser Nachteil gewertet. Christian Küchli plädiert dafür, die Vor- und Nachteile der Douglasie sorgfältig gegeneinander abzuwägen. «Auf welchen Standorten, in welcher Verteilung und wie viele Bäume dieser nicht einheimischen Nadelholzart im Schweizer Wald Sinn machen, werden das Forschungsprogramm Wald und Klimawandel und die Folgearbeiten aufzeigen.»

Um heute schon Empfehlungen abzugeben, auf welche Baumarten man setzen und auf welche man verzichten solle, sei es indessen noch zu früh. «Die Unsicherheiten sind zu gross.» So ist etwa die Fähigkeit unserer Waldbäume, sich an veränderte Klimabedingungen anzupassen, noch wenig erforscht. Es ist gut möglich, dass die eine oder die andere Art mit den neuen Verhältnissen zurechtkommen wird. Ob ein Baum gedeiht oder nicht, hängt zudem nicht allein vom Klima ab. Auch Bodeneigenschaften, speziell die Wasserversorgung oder das Nährstoffangebot, spielen eine Rolle.

Breite Waldbaustrategie nötig

«Wir können keine Prognosen machen, sondern nur in Szenarien denken», sagt Christan Küchli. «Darum brauchen wir Waldbaustrategien, die breit genug sind, um möglichst viele, mehr oder weniger wahrscheinliche Szenarien abzudecken.»

Mehr wissen wird man 2015, wenn das Forschungsprogramm Wald und Klimawandel abgeschlossen ist. Ein zentrales Projekt betrifft die Weiterentwicklung der sogenannten Ökogramme. Diese stellen die verschiedenen Kombinationen der beiden Standorteigenschaften Nährstoff- und Wasserverfügbarkeit grafisch dar sowie die Vegetation, die an einem bestimmten Standort zu erwarten ist. «Das Projekt untersucht, wie sich Ökogramme und Standorte unter dem Klimawandel verändern werden. Daraus lässt sich ableiten, welche Baumarten bei welchen Klimaszenarien in einem bestimmten Waldtyp die besten Chancen haben», erklärt Christian Küchli.

Vorläufig gilt die bewährte Formel, wonach Vielfalt die beste Versicherung ist. Je mehr Arten im Jungwuchs vorkommen, desto wahrscheinlicher ist, dass auch einige dabei sind, die den neuen Bedingungen standhalten werden. «Dank ihrer Tradition des naturnahen Waldbaus ist die Schweiz hier gut aufgestellt», sagt Christian Küchli. Eine grosse Gefahr bestehe jedoch darin, dass die Vielfalt in der Baumverjüngung durch Reh, Hirsch und Gämse reduziert werde .

Resilienz fördern

Vielfalt anzustreben, ist auch aus einem weiteren Grund das richtige Rezept. Naturnahe Mischwälder gelten als resilient: Sie sind in der Lage, sich von Schadenereignissen in nützlicher Frist zu erholen. Dass der Schweizer Wald diese Fähigkeit heute noch hat, bewies er nach dem Orkan Lothar im Jahr 1999 und nach dem Hitzesommer 2003. Die damals geschlagenen Wunden sind inzwischen grösstenteils verheilt.

Resilienz dürfte in Zukunft noch wichtiger werden, denn höhere Temperaturen sind nur ein Aspekt des Klimawandels. Voraussichtlich wird dieser auch zu mehr Extremereignissen führen. Namentlich Dürreperioden werden sich häufen und länger andauern. Waldbrände dürften auch auf der Alpennordseite zu einem echten Risiko werden, und Massenvermehrungen des Borkenkäfers und anderer Schädlinge könnten in kürzeren Zeitabständen auftreten.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald möglichst gering zu halten, ist ein Schwerpunktziel der Waldpolitik 2020 . Der Bund will sich hierfür auch finanziell stärker engagieren. Vorgesehen ist eine zusätzliche Unterstützung der Kantone und der Waldeigentümer im Umfang von jährlich 20 Mio. CHF. Davon soll die Hälfte in den Schutzwald fliessen. Gemäss Landesforstinventar (LFI) ist der Zustand unseres Schutzwaldes auf knapp 12 % seiner Fläche kritisch. Bäume gleicher Art und gleichen Alters stehen eng beisammen, die Verjüngung fehlt. Vielfach handelt es sich um Wälder, die in den Anfängen des 20. Jahrhunderts aufgeforstet wurden. Hier braucht es Holzschläge, um die Bestände besser zu strukturieren und genug Licht für die jungen Bäume auf den Boden zu bringen.

Drohende Waldbrandgefahr

Die anderen 10 Mio. sind für die Jungwaldpflege und sogenannt klimasensitive Wälder vorgesehen. Damit will man in Wäldern an trockenen Standorten wie zum Beispiel im Wallis, wo die Waldföhren heute schon am Verdorren sind, den Baumartenwechsel hin zu Eichenarten fördern. Und wo in siedlungsnahen Gebieten Waldbrandgefahr besteht, sollen die Kantone dabei unterstützt werden, das leicht entflammbare Dürrholz am Boden entfernen zu lassen. Wie in der Toskana genügt auch hier eine kleine Unachtsamkeit, und schon brennt der Wald lichterloh - so wie 2011 der Eyholzwald bei Visp (VS).

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Letzte Änderung 12.02.2014

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