Wald und Gesellschaft: Der Wald in unseren Köpfen

22.05.2012 - In regelmässigen Abständen lässt das BAFU die Einstellung der Bevölkerung zum Wald erfassen. Das neuste Waldmonitoring hat unter anderem ergeben, dass die Befragten den Wald hoch schätzen, rege nutzen und am Rodungsverbot festhalten wollen.

Der Wald in unseren Köpfen

Es gibt jenseits aller Klischees einen Wesenszug des menschlichen Charakters, der mit Fug und Recht als typisch schweizerisch bezeichnet werden darf: die enge Verbundenheit mit dem Wald. 58 Prozent der Bevölkerung zieht es im Sommer mindestens einmal pro Woche zu ihm, und auch im Winter schnuppert mehr als ein Drittel der Bevölkerung wöchentlich oder häufiger Waldesluft. Dies zeigt die im Herbst 2010 von der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) durchgeführte Umfrage «Waldmonitoring soziokulturell» (WaMos 2), an der sich über 3000 Personen aus allen Landesteilen beteiligt haben. Europaweit sind nur die Menschen in Finnland häufiger im Wald als wir. Gemessen an der Landesfläche ist der Waldanteil dort mit 70 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in der Schweiz, doch auch hierzulande liegt der nächste Wald fast überall vor der Haustüre. Im Durchschnitt dauert der Weg dorthin, den 70 Prozent der Befragten zu Fuss zurücklegen, knapp 14 Minuten.

Das Rodungsverbot ist sakrosankt. Dass die meisten Leute bei uns in Waldesnähe wohnen können, verdanken wir nicht zuletzt dem Waldgesetz, das schon seit mehr als hundert Jahren Rodungen verbietet. Dies soll auch so bleiben: 85 Prozent der Befragten wollen am Rodungsverbot festhalten, und weniger als 12 Prozent befürworten eine Lockerung.

Die 1997 durchgeführte Umfrage WaMos 1 war in dieser Frage ziemlich genau zu denselben Ergebnissen gekommen. Damals glaubte allerdings noch die Mehrheit der Bevölkerung, die Waldfläche im Inland nehme ab. In Wirklichkeit nimmt sie aber seit einigen Jahrzehnten zu, besonders auf der Alpensüdseite und im Alpenraum, wo der Wald steiles Grünland zurückerobert, das nicht mehr gemäht oder beweidet wird. Doch dies war Mitte der 1990er-Jahre nur 11 Prozent der Befragten bewusst. Heute schätzen 28 Prozent der Bevölkerung die Waldflächenentwicklung richtig ein, und bloss noch 36 Prozent glauben an eine Abnahme.

Hoch geschätzte Waldleistungen. Der Wald sorgt für saubere Luft, produziert Holz, ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen, schützt vor Naturgefahren und ermöglicht es den Menschen, sich in einem naturnahen Umfeld zu bewegen und zu erholen. Das sind die häufigsten Antworten auf die Frage, wozu unser Wald nützlich und notwendig sei. Sämtliche Waldfunktionen werden als wichtig beurteilt - so auch die landschaftsästhetischen und kulturellen: Der Wald verschönert die Landschaft, und er ist für die überwiegende Mehrheit der Befragten auch ein Stück Heimat.

Die Einschätzung der vorrangigen Waldfunktionen durch die Allgemeinheit deckt sich weitgehend mit der vom Bundesrat im August 2011 verabschiedeten Waldpolitik 2020. Diese politische Absichtserklärung mit dem Zeithorizont 2020 zielt darauf ab, den Schweizer Wald so zu bewirtschaften, dass er seine Funktionen und Leistungen nachhaltig und gleichwertig erfüllen kann.

Unbestrittene Subventionen. Fast zwei Drittel der Befragten erwarten, dass die Bedrohung durch Naturgefahren in der Schweiz in Zukunft zunehmen wird. Diese Einschätzung deckt sich mit den Prognosen der Fachwelt im Hinblick auf den Klimawandel. 80 Prozent der Leute ist bekannt, dass die Schutzwaldpflege dazu dient, Lawinen, Steinschlag, Rutschungen, Murgänge und Hochwasser zu verhindern. Entsprechend breit akzeptiert sind die dafür eingesetzten Subventionen. 95 Prozent der Befragten erachten den Einsatz öffentlicher Gelder für den Wald als generell oder zumindest teilweise gerechtfertigt. Nur gerade 5 Prozent der Bevölkerung lehnen ihn ab. Auf sehr hohe Zustimmung stossen namentlich Beiträge für die Waldpflege sowie für den Naturschutz im Wald. Tatsächlich fliesst der weitaus grösste Teil der Bundesgelder für den Wald in die Schutzwälder. 2010 dienten 58 Millionen Franken - oder gut 60 Prozent der Gesamtsumme von 95 Millionen Franken - für Pflegemassnahmen zur Erhaltung und Verbesserung der Schutzfunktion. Etwa gleich viel wie der Bund zahlen auch die Kantone für den Wald.

Steigende Akzeptanz für die Holzproduktion. Einer der auffälligsten Unterschiede zu den Ergebnissen von WaMos 1 betrifft die Wahrnehmung der Produktionsfunktion. Die Rolle unseres Waldes als Lieferant des nachwachsenden Rohstoffs Holz ist seither viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Ein Grund dafür dürfte die vermehrte Diskussion um die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen sein, namentlich die Erkenntnis, dass die Erdölvorräte allmählich zur Neige gehen. Zudem könnte eine Rolle spielen, dass die günstige Kohlendioxidbilanz von Holz als Werkstoff und Energieträger heute stärker thematisiert wird.

83 Prozent der Befragten finden die Holznutzung wichtig für die hiesige Wirtschaft, und nur 10 Prozent sind der Meinung, im Schweizer Wald werde zu viel Holz geschlagen. Andererseits sind auch die Befürworter einer intensiveren Nutzung klar in der Minderheit: Zwei Drittel der Befragten beurteilen die zurzeit geschlagene Holzmenge als «gerade richtig».

Allerdings kann die heutige Holznutzung im Schweizer Wald um rund einen Fünftel erhöht werden. Gemäss Landesforstinventar sind in den Jahren 2005-2011 durchschnittlich knapp 7 Millionen Kubikmeter genutzt worden. Die «Waldpolitik 2020» des Bundesrates plädiert dafür, das nachhaltig verwertbare Holznutzungspotenzial unter Berücksichtigung der standörtlichen Bedingungen auszuschöpfen. Als Sollgrösse gilt dabei eine jährliche Holzernte von 8,2 Millionen Kubikmeter. Mehr geschlagen werden könnte schwerpunktmässig in den Gebirgs- und Privatwäldern, wo das unausgeschöpfte Potenzial am grössten ist. «Damit eine solche ­Entwicklung bei der Bevölkerung auf Zustimmung stösst, ist verstärkt Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten», räumt Rolf Manser, Chef der BAFU-Abteilung Wald, ein.

So bewertet die Bevölkerung die Leistungen des Waldes

Bevölkerung wünscht Waldreservate.In den Augen der Bevölkerung hat auch die Lebensraumfunktion des Waldes einen hohen Stellenwert. 61 Prozent der Befragten befürworten Waldreservate und nehmen dabei in Kauf, dass sie diese nur noch auf markierten Wegen betreten dürfen.

Bei WaMos 1 klang noch die Diskussion um das Waldsterben nach. 65 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer schätzten damals, der Gesundheitszustand des Waldes habe sich in den vorangegangenen 20 Jahren verschlechtert. 2010 sahen dies nur noch 24 Prozent so. Die Angst, der Wald könnte bald grossflächig absterben, ist einer eher beschönigenden Sicht der Dinge gewichen. Die viel zu hohen Stickstoffeinträge und die damit verbundene Versauerung der Böden werden offensichtlich noch zu wenig als Probleme für die Waldgesundheit wahrgenommen. «Eine wachsende Gefahr bilden zudem eingeführte Schadorganismen», gibt Hans Peter Schaffer von der BAFU-Sektion Grundlagen und Waldberufe zu bedenken.

Zufrieden mit dem Erholungswald. 95 Prozent der Befragten fühlen sich nach einem Waldbesuch gut erholt, und weitaus die meisten sind auch zufrieden mit dem Wald, wie sie ihn vorfinden. Stören tun bloss die anderen, ärgert sich doch jede und jeder Vierte zuweilen über die Mitmenschen. Am häufigsten genervt fühlt man sich durch Radfahrer, Hundebesitzer und ihre Tiere. Zwar werden die Konflikte unter den Waldnutzern nicht als echtes Problem empfunden, doch der Vergleich mit WaMos 1 zeigt, dass sie sich tendenziell verschärfen.

Kein Problem haben die Erholungssuchenden hingegen mit der Waldbewirtschaftung. Drei Viertel der Befragten fühlen sich überhaupt nicht gestört, wenn in «ihrem» Freizeitwald Bäume gefällt werden. Man hat mehrheitlich auch Verständnis für Wegsperrungen oder ist aus Sicherheitsgründen sogar froh darum.

87 Prozent der Befragten erklären, der Wald sei für sie in der Kindheit eher oder absolut wichtig gewesen. «Wald ist für Kinder nicht zuletzt Freiraum, in dem sie sich austoben und Dinge tun können, die ihnen anderswo verwehrt bleiben», sagt Claire-Lise Suter von der Sektion Wald- und Holzwirtschaft beim BAFU. «Erlebnisse wie Feuer machen, Bäche stauen, auf Bäume klettern oder Hütten bauen sind prägend.» Die Umfrage zeigt denn auch, dass Menschen, für welche der Wald in der Kindheit wichtig war, als Erwachsene ein stärker ausgeprägtes Waldbewusstsein haben als Personen ohne diese Erfahrung. Sie finden den Wald schöner, erholen sich darin leichter, kennen seine Schutz- und Produktionsfunktionen besser und schätzen sie auch höher ein. «Kinder brauchen Naturräume, die sie entdecken können», meint Claire-Lise Suter. «Deshalb ist es wichtig, die Beziehung der Menschen zum Wald zu pflegen.»

Hansjakob Baumgartner

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Letzte Änderung 22.05.2012

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