Waldgesetz-Revision: Den Wald auf den Wandel vorbereiten

17.02.2016 - Durch den Klimawandel und die Ausbreitung von Schadorganismen sind die Schweizer Wälder erheblichen Veränderungen unterworfen. Damit sie ihre Leistungen auch künftig erbringen können, hat das Parlament Ergänzungen zum Waldgesetz in den wesentlichen Punkten beschlossen. Die Anpassungen fliessen in die Programmvereinbarungen ein, welche der Bund jeweils für eine Dauer von vier Jahren abschliesst.

Götterbaum
Der Götterbaum ist eine invasive Art, die zum Schutz der einheimischen Vegetation verstärkt bekämpft werden muss.
© Bild: Jan Wunder

Text: Oliver Graf

Bäume zählen zu den ältesten Organismen der Erde. In einer schnelllebigen Zeit sind sie für viele Menschen ein Symbol der Dauerhaftigkeit und Standfestigkeit. Doch auch im Wald finden Veränderungen statt. Davon zeugen verdorrte Waldföhren im Wallis, die Ausbreitung des Götterbaums oder das Eindringen von Schadorganismen. Dazu zählen zum Beispiel die Kastaniengallwespe, der Asiatische Laubholzbockkäfer oder ein seit 2008 in der Schweiz auftretender Pilz, der das Eschentriebsterben verursacht.

Ersatz für dürre Föhren

Schon seit mehr als einem Jahrzehnt sind vor allem an den Südhängen des Rhonetals immer öfter Baumwipfel zu beobachten, die anfänglich braun und mit der Zeit grau und kahl aus den grünen Flanken herausragen. Beim Phänomen, das auch grössere Flächen dominieren kann, handelt es sich nicht etwa um eine Herbstverfärbung, sondern um absterbende Föhren. Kantonsweit ist rund jede dritte Waldföhre betroffen, schätzt Alban Brigger, der Kreisförster für das Oberwallis. Der Klimawandel lässt Trockenperioden im Wallis länger und häufiger auftreten. Dies führt zu einem Trockenstress, der als eine der Hauptursachen für das beobachtete Absterben gilt.

Besonders dort, wo Wälder Siedlungen und Verkehrswege vor Steinschlag, Murgängen oder Lawinen schützen, sind punktuelle Pflegeeingriffe nötig. So lässt Alban Brigger hier vom Borkenkäfer massiv befallene Bäume räumen, um die Ausbreitung des Schädlings etwas einzugrenzen. Längerfristig ist jedoch die Förderung einer angepassten, vielfältigen Artenzusammensetzung entscheidend. In Föhrenwäldern stellt der Revierförster deshalb vermehrt die trockenheitsresistentere Flaumeiche frei oder schafft einer Eberesche mehr Platz im aufkommenden Dickicht. Bei Niedergesteln versucht man, den eingebrochenen Föhrenbestand oberhalb der BLS-Bahnlinie gar durch Flaumeichenstecklinge wieder aufzuforsten.

Mehr Mittel für die Anpassung

Bei der Jungwaldpflege stellen die Forstdienste heute Weichen für die Waldgeneration, welche ihre Leistungen in 30, 50 oder 100 Jahren erbringen wird - und zwar unter den dannzumal herrschenden Klimabedingungen. Das Bundesparlament hat die Bedeutung dieser Massnahmen erkannt. «Im Herbst 2015 haben die eidgenössischen Räte beschlossen, Förderbestimmungen für die Anpassung an den Klimawandel gesetzlich zu verankern», hält Bruno Röösli, Chef der Sektion Walderhaltung und Waldpolitik beim BAFU, fest. Einzelne Differenzen sollen in der Frühlingssession 2016 bereinigt werden, die Anpassungen könnten in der zweiten Hälfte 2016 in Kraft treten. Entsprechend hat das Parlament die Mittel für die 2016 gestartete und auf vier Jahre ausgelegte Programmperiode aufgestockt. «Mit diesen Programmvereinbarungen kauft der Bund bei den Kantonen Leistungen ein - so zum Beispiel einen gepflegten und auf die Auswirkungen des Klimawandels möglichst gut vorbereiteten Jungwald oder Schutzwald», erläutert Bruno Röösli.

Auch in anderen Bereichen regeln Programmvereinbarungen die Zusammenarbeit von Bund und Kantonen. Der zweite gewichtige Bereich, in dem der Bund auf Veränderungen im Wald eingeht, ist die Bekämpfung von Schadorganismen.

Aggressiver Götterbaum

Der Götterbaum hat seine Heimat in China und ziert seit dem 18. Jahrhundert mitteleuropäische Gärten und Parkanlagen. Er ist genügsam, wärmeliebend, äusserst schnellwüchsig, und aus seinen Wurzeln können neue Triebe hervorschiessen, die in einem Jahr Längen von über zwei Metern erreichen. Stadtgärtnereien setzten ihn während Jahren gerne ein, weil Strassensalz ihm wenig anhaben kann. Weibliche Götterbäume produzieren Tausende geflügelter Samen, die mit dem Wind verfrachtet werden oder an Fahrzeugen haften bleiben und so beträchtliche Distanzen überwinden. Besonders leicht etabliert sich der Baum auf geologischen Bruchflächen mit freiliegendem Mineralboden.

Ausgehend von gepflanzten Bäumen verwildert die Art und erobert entlang von Strassen und Eisenbahnlinien neues Territorium. Besonders anfällig sind die Kastanienhaine in der Südschweiz, deren Bewirtschaftung vielerorts aufgegeben wurde. Zudem sind die Kastanien durch Schadinsekten, Pilze, Sommerdürren und andere Ereignisse geschwächt. An manchen Stellen im Tessin breitet sich der Götterbaum denn auch über ganze Talflanken aus.

Reduzierte Schutzwirkung

Götterbäume verdrängen also einheimische Arten und stellen damit ein Problem für die Biodiversität dar. Doch damit nicht genug, wie Jan Wunder, Forscher an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Bellinzona, erklärt: «Gebietsweise leidet ein hoher Prozentsatz der Stämme unter Kernfäule. Solche Götterbäume sind kurzlebig, weniger stabil, und es droht ein Verlust der Schutzwirkung gegenüber Naturgefahren.» Der Grund für die Erkrankung ist noch unklar, doch vermutlich vernachlässigt der Götterbaum die eigene Pilzabwehr zugunsten seines enormen Wachstums. Dies könnte auch die vergleichsweise kurze Lebenserwartung mit einem Höchstalter von 50 bis 100 Jahren erklären.

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Wissenschaftliche Versuche zur Bekämpfung des Götterbaums durch die Injektion von Herbiziden im Stammbereich.
© Simon Knüsel, Jan Wunder

Suche nach Bekämpfungsstrategien

Jan Wunder sucht nach Möglichkeiten zur Bekämpfung des Götterbaums, aber dies ist nicht einfach. Kappt man seinen Stamm, reagiert die verbliebene Wurzel durch Umschalten auf ein «Notprogramm». Sie steckt fortan alle Kraft in die Produktion von Stockausschlägen und Wurzeltrieben, die noch mühsamer zu bekämpfen sind. Im Rahmen eines Projektes von BAFU und WSL haben Jan Wunder und sein Team Götterbäume nach einer von Martin Ziegler im Kanton Zug entwickelten Methode «geringelt». Bei diesem Verfahren werden Rinde und äusserste Holzschicht in drei stammumfassenden Kerben entfernt. Die Wurzel soll durch die unverletzten, innenliegenden Holzschichten weiterhin Wasser und Nährstoffe in die Krone schicken und damit gewissermassen im Normalbetrieb funktionieren. Umgekehrt wird jedoch der Transport der Photosyntheseprodukte aus der Krone zurück in die Wurzel unterbrochen, denn dazu ist nur die dünne Leitschicht unterhalb der Borke in der Lage. Noch ist es zu früh, die Methode zu beurteilen; erste Ergebnisse erwartet Jan Wunder jedoch schon Ende 2016. Diskutiert wird auch die Verwendung von Herbiziden. Allerdings ist deren Einsatz mit Risiken verbunden und nur im Siedlungsgebiet sowie unter fachkundiger Aufsicht möglich. Bis auf Weiteres wird dem Götterbaum darum in erster Linie mit Schaufel und Axt zu Leibe gerückt. Der Kampf gegen einzelne Bäume ist allerdings noch keine Strategie. Ohne Koordination bleibt alle Mühe wirkungslos, denn es bringt nichts, hier einen Baum zu bekämpfen, während nebenan ein anderer weiterhin seine Samen in alle Winde streut. Das weiss auch Marcel Murri, Leiter der Sektion Walderhaltung in der Waldabteilung des Kantons Aargau. Er möchte versuchen, den Götterbaumbestand auf dem felsigen Lägernkamm nahe Wettingen auszurotten. Das Vorkommen zählt zu den 90 Standorten, an denen dem Götterbaum auch nördlich der Alpen der Sprung in den Wald gelungen ist.

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Das mechanische Entfernen der Baumrinde mittels ringförmiger Schnitte unterbricht den Transport der Photosyntheseprodukteder Krone in die Wurzel.
© Simon Knüsel, Jan Wunder

«Der Kanton hat beschlossen, die invasive Art im Rahmen des Naturschutzprogramms Wald zu bekämpfen», erklärt Marcel Murri, «denn wir möchten das Waldreservat nicht gefährden.» Damit die äusserst mühselige Bekämpfung nicht vergebens ist, trägt die Gemeinde Wettingen ebenfalls ihren Teil bei und dämmt den Götterbaum als flankierende Massnahme auch im Siedlungsgebiet ein - ein bedeutender Schritt, sind doch im Kloster Wettingen zwei mächtige Exemplare betroffen.

Der Bund konnte die Bekämpfung von Schadorganismen bisher nur im Schutzwald finanziell unterstützen. Ein koordiniertes Vorgehen erfordert aber auch Massnahmen ausserhalb des Schutzwaldes, wie das Beispiel zeigt. Das Parlament hat diese Lücke korrigiert und das Waldgesetz auch in diesem Punkt angepasst. Fortan kann der Bund somit überall dort gegen Waldschäden aktiv werden, wo Probleme auftreten und Waldleistungen erheblich gefährdet sind.

Wirtschaftliches Umfeld im Wandel

Der Klimawandel und die Ausbreitung von Schadorganismen sind nicht die einzigen Entwicklungen, denen der Schweizer Wald ausgesetzt ist. Auch das ökonomische Umfeld verändert sich. Als Folge der gesunkenen Holzpreise schreiben viele Forstbetriebe seit Jahren rote Zahlen. Seit Anfang 2015 wirkt sich nun auch noch die Frankenstärke negativ auf die Branche aus. Bruno Röösli begrüsst daher, dass das Parlament die Holznutzung behandelt. Neu steht ein Artikel zur Holzförderung zur Diskussion, der es dem Bund ermöglicht, innovative Projekte in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Wissenstransfer sowie den Absatz von Schweizer Holz zu unterstützen. Auch beim Bau von öffentlichen Gebäuden und Anlagen soll sich der Bund nach Möglichkeit für die Verwendung von Schweizer Holz einsetzen.

Positive Impulse verspricht sich der BAFU-Fachmann zudem vom Entscheid des Nationalrates, wonach der Bund für die Anpassung ungenügend befestigter Waldstrassen und den Einsatz von Seilkrananlagen neu auch ausserhalb des Schutzwalds Finanzhilfen gewähren kann. «Damit könnte der Bund Anreize schaffen, um auch in bisher ungenügend erschlossenen Wäldern mit hohen Holzvorräten eine ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltige Nutzung zu ermöglichen», erklärt Bruno Röösli. «Indem wir die Voraussetzungen für den Einsatz von modernen Holzerntemaschinen verbessern, könnten die Waldleistungen auch in Zukunft erhalten bleiben.» Der Ständerat hat sich bisher gegen diese Bestimmung ausgesprochen. Die Differenzbereinigung ist für die Frühlingssession 2016 geplant.

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Letzte Änderung 17.02.2016

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