Comeback der Steinfliege in der Steinach

24.08.2016 - Wegen der Einleitung von gereinigtem Abwasser aus der Kläranlage Hofen bei St. Gallen war das Flüsschen Steinach jahrelang ein Sorgenkind des kantonalen Gewässerschutzes. Inzwischen gelangt das ARA-Wasser über einen neu erstellten Druckstollen direkt in den Bodensee, wo es viel stärker verdünnt wird. Damit hat sich die Wasser- und Lebensraumqualität der Steinach deutlich verbessert.

Die Steinach diente bis 2014 als Ableitkanal für das gereinigte Abwasser der Stadt St. Gallen (links). Nun übernimmt ein Druckstollen diese Funktion. Dadurch führt das Flüsschen - vor allem in Trockenzeiten - deutlich weniger, aber saubereres Wasser (rechts).
© Amt für Umwelt und Energie Kanton St. Gallen
Die sensible Steinfliege ist ein biologischer Indikator für die Verbesserung der Wasserqualität. Im Bild ist eine Larve zu sehen.
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Text: Urs Fitze

«Die Steinfliege ist wieder da.» Es war ein Moment der Freude, als die Biologin Vera Leib im Frühsommer 2015 am Unterlauf des Flüsschens Steinach, kurz vor der Mündung in den Bodensee, unter einem Stein am Grund auf mehrere Larven der Nadel-Steinfliege (Leuctra fusca) stiess. Die vor allem in kleineren Gewässern vorkommenden Insekten haben einen faszinierenden Lebenszyklus. So verbringen sie nur wenige Tage an der Luft, aber mehrere Monate unter Wasser, wo sie sich von abgestorbenen Pflanzenteilen ernähren. Es gibt verschiedene Arten von Steinfliegen mit zum Teil völlig unterschiedlicher Ernährungsweise, sie alle reagieren jedoch besonders empfindlich auf Gewässerverunreinigungen. Ihr Vorkommen gilt daher bei biologischen Untersuchungen der Wasserqualität als wichtiger Indikator.

Vor 2015 fand man in der Steinach jeweils nur einzelne Larven, die keinen Rückschluss auf eine systematische Besiedlung unter Wasser zuliessen. Doch vor Jahresfrist gelang der Nachweis von gleich 3 Steinfliegen-Familien, von denen eine sogar erstmals auftauchte.

Der Modergeruch ist verschwunden

Die Rückkehr der unscheinbaren Insekten erfolgte weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit. Spaziergängerinnen, Landwirten und Badegästen im Mündungsbereich dürfte hingegen aufgefallen sein, dass der vor allem bei Niedrigwasser vorherrschende unangenehme Geruch der Steinach fast über Nacht verschwunden ist. Seit Juni 2014 leitet die rund 6 km oberhalb der Mündung gelegene Kläranlage St. Gallen-Hofen bei Wittenbach nämlich kein gereinigtes Abwasser mehr in den Bach. Bis zu diesem Zeitpunkt galt er aus Sicht des Gewässerschutzes als grosses Sorgenkind. Im 111 Messstellen umfassenden Netz zur Nationalen Beobachtung der Oberflächengewässerqualität (NAWA) belegte das Flüsschen bezüglich Nährstoffbelastung seit 2011 den unrühmlichen letzten Platz. Hauptgrund dafür war die unzureichende Verdünnung des eingeleiteten Abwassers, das trotz der Reinigung noch Rückstände an Nähr- und Schadstoffen enthält.

Prekäre Lebensbedingungen

Als eine der ältesten Kläranlagen hierzulande erfuhr die bereits 1917 erstellte Abwasserreinigungsanlage (ARA) im Laufe der Zeit zwar regelmässige Erneuerungen und hielt auch die Emissionsgrenzwerte gut ein. Weil aber der Anteil des gereinigten Klärwassers in der Steinach den natürlichen Abfluss um ein Mehrfaches überstieg, liessen sich die in der Gewässerschutzverordnung (GSchV) des Bundes festgelegten Anforderungen für Fliessgewässer trotzdem nicht erfüllen.

Die grössten Probleme verursachten dabei die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor sowie organische Verbindungen aus Siedlungsabwässern, die sich aus technischen und wirtschaftlichen Gründen in einer ARA nie vollständig zurückhalten lassen. Auch die im ModulStufen-Konzept für Gewässeruntersuchungen definierten Zielwerte des BAFU wurden für verschiedene Messgrössen nicht erreicht. Vor allem bei Niedrigwasser verkam die Steinach zu einer Art Kloake, in der nicht nur die besonders empfindlichen Steinfliegen und die gegenüber organischer Belastung und erhöhten Nährstoffkonzentrationen sensiblen Kieselalgenarten keinen geeigneten Lebensraum mehr fanden, sondern auch die Fische unter der schlechten Wasserqualität litten. Neben den Bachforellen, die vor allem am Oberlauf gute Lebensbedingungen vorfinden, steigen auch Seeforellen in stattlicher Zahl die Steinach auf, um dort abzulaichen. Nach dem Alpenrhein ist der kleine Fluss am Bodensee sogar das wichtigste Laichgebiet für die Seeforelle. Dies mag insofern erstaunen, als ein erheblicher Anteil seines Wassers bis 2014 wie erwähnt aus einer Kläranlage stammte. Doch verglichen mit den Verhältnissen in Zeiten, als die lokalen Industriebetriebe ihr Abwasser noch ungereinigt in die Flüsse leiteten, war die Wasserqualität dort noch immer weit besser. Dank der inzwischen getroffenen Massnahmen erreicht die Steinach bezüglich der Nährstoffbelastung heute einen Stand, wie ihn das Gewässerschutzgesetz schon vor bald 20 Jahren vorsah.

Unumgängliche Sanierung

Aufgrund der notorisch schlechten Messwerte war eine Sanierung zwingend. Als beste Lösung erwies sich dabei der Bau einer mehrheitlich unterirdisch geführten Druckleitung, die das gereinigte Abwasser aus der ARA St. Gallen-Hofen zur 5 km entfernten und 190 m tiefer gelegenen ARA Morgental in Steinach (SG) leitet. Dort wird der Höhenunterschied in einem neu erstellten Kleinwasserkraftwerk zur Gewinnung von Ökostrom genutzt. Anschliessend gelangt das turbinierte Abwasser über eine ebenfalls neu gebaute Leitung in einer Tiefe von 26 Metern direkt in den Bodensee. «Dadurch ist es gelungen, die Steinach endlich von der viel zu grossen Abwasserfracht zu befreien», erklärt Michael Eugster, Leiter der Abteilung Wasser beim kantonalen Amt für Umwelt und Energie in St. Gallen. «Sie führt jetzt zwar weniger, dafür sauberes Wasser. Die Menge an Schadstoffen hat zwar vorderhand nicht abgenommen, doch diese werden im See viel stärker verdünnt.»

Problematische Spurenstoffe

Damit sind die Gefahren für die aquatischen Lebensgemeinschaften allerdings nicht völlig gebannt. Durch den alltäglichen Einsatz von Chemikalien - wie etwa in Form von Reinigungsmitteln, Medikamenten oder Pestiziden - gelangen Spuren von zum Teil hormonaktiven Stoffen in die Fliessgewässer und Seen. Zahlreiche dieser Mikroverunreinigungen kommen in geringen Konzentrationen von wenigen Millionstel oder gar Milliardstel g pro Liter im Wasser vor, wo sie sich dank modernster Analysetechnik erst seit einigen Jahren nachweisen lassen. In der Summe kommt da einiges zusammen, wie etwa das Beispiel der künstlichen Süssstoffe im Bodensee verdeutlicht. Allein im Obersee wird die Gesamtmenge auf rund 14 t geschätzt. Die bisherige Forschung über die Auswirkungen von Mikroverunreinigungen auf Wasserorganismen gibt Anlass zur Sorge. So können etwa hormonaktive Substanzen in Medikamenten, Kosmetika oder Sonnenschutzmitteln die Fortpflanzungsfähigkeit von Fischen und Amphibien beeinträchtigen.

 

Seeforellen steigen zum Laichen vom Bodensee in die Fliessgewässer hoch. Um ihr Aufstiegsverhalten zu prüfen, wurden gefangene Laichfische mit Sendern ausgerüstet. Trotz des neuen Wassergeruchs in der Steinach hat ein Grossteil der Seeforellen die Mündung gefunden.
© Amt für Umwelt und Energie Kanton St. Gallen

«Derzeit existieren noch keine Anforderungswerte in der GschV für einzelne Spurenstoffe, sondern es gilt nur eine allgemeine Limite für organische Pestizide - und zwar unabhängig von ihrer tatsächlichen Wirkung», erklärt Manuel Kunz von der Sektion Wasserqualität beim BAFU. Allerdings sieht die seit Anfang Januar 2016 rechtskräftige revidierte GSchV die Möglichkeit numerischer Anforderungen explizit vor. Laut Manuel Kunz, der für das nationale Beobachtungsnetz NAWA zuständig ist, müssen solche Werte nun in absehbarer Zeit definiert werden.

Nachrüstung der Kläranlagen

Um die Gewässer, ihre Tier- und Pflanzenwelt sowie die Trinkwasserressour-cen besser zu schützen, sollen bis 2040 gezielt ausgewählte ARAs mit zusätzlichen Reinigungsstufen zur Elimination von organischen Spurenstoffen ausgerüstet werden. In Gebieten mit besonders belasteten Gewässern lässt sich dadurch ein breites Spektrum an solchen Mikroverunreinigungen aus dem kommunalen Abwasser entfernen. Nachgerüstet werden grosse Anlagen, die zu erheblichen Frachtreduktionen führen, womit die Schweiz auch ihre Verantwortung als Oberlieger wichtiger europäischer Flüsse wahrnimmt. Ebenfalls im Fokus sind grosse ARAs im Einzugsgebiet von Seen, was ihrem Schutz als wichtige Trinkwasserressourcen, Badegewässer und Fischfanggebiete dient. Und nicht zuletzt sollen auch Kläranlagen saniert werden, die insbesondere kleinere Fliessgewässer mit einem hohen Anteil an gereinigtem Abwasser belasten. Dies kommt einerseits den Ökosystemen zugute und trägt andererseits zum Schutz der Trinkwasserressourcen bei.

Handeln wollen auch die Betreiber der ARA Morgental in Steinach. Voraussichtlich bis 2021 bauen die angeschlossenen Gemeinden aus den Kantonen Thurgau und St. Gallen gemeinsam eine neue Reinigungsstufe. Sie wird auch die Spurenstoffe aus dem Abwasser der ARA St. Gallen-Hofen eliminieren und den Bodensee damit von einem Teil der Mikroverunreinigungen entlasten.


Beeinträchtigtes Fliessgewässer

Die Steinach entspringt im Steineggwald bei St. Gallen und entwässert bis zu ihrer Mündung in den Bodensee ein Einzugsgebiet von rund 25 Quadratkilometern. Dabei überwindet sie auf einer Länge von 13,5 Kilometern gut 600 Höhenmeter. Kaum hat der Bach die letzten Ausläufer des mächtigen Seerückens hinter sich gelassen, fliesst er im Unterlauf in einem engen, kanalisierten Bett, das beidseitig von Mauern gesäumt wird. Neben der naturfremden Uferstruktur macht dem Gewässer weiterhin ein Entlastungsbecken am Rand der Stadt St. Gallen zu schaffen. Bei starkem Regen leitet dessen Überlauf ungeklärtes Abwasser direkt in die Steinach ein.

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Letzte Änderung 24.08.2016

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