Landwirtschaft und Mikroverunreinigung: Ein Strauss von Massnahmen

Den Schweizer Bächen und Flüssen machen Mikroverunreinigungen zu schaffen. Um diese Belastungen zu verringern, gibt es einerseits technische Lösungen bei der Abwasserreinigung. Auf der anderen Seite aber braucht es eine ganze Palette von Massnahmen, um zu verhindern, dass beispielsweise Pflanzenschutzmittel ausserhalb der Siedlungen in die Fliessgewässer gelangen. Innovative Methoden dazu gibt es viele, sie müssen bloss angewendet werden.

Text: Cornélia Mühlberger de Preux

Frau mit Traktor
Winzerin Emilienne Hutin spült in der Reinigungs-Anlage von Dardagny (GE)
ein Spritzgerät zum Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln.
© Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

Ein heisser Tag im August auf dem «Domaine Les Hutins» in Dardagny (GE). An diesem Morgen sind die Rebberge beidseits des bewaldeten Tals, durch das sich ein Bach – der Ruisseau des Charmilles – schlängelt, menschenleer. Chardonnay, Weissburgunder und Savagnin Rose können in aller Ruhe reifen. Heute sind weder Unkrautbekämpfung noch irgendwelche Behandlungen vorgesehen. Doch diese Ruhe täuscht. Die Reben sind nämlich allerhand Gefahren ausgesetzt: Pilzen, Schadinsekten und Witterungseinflüssen. 2016 war wegen der starken Regenfälle ein besonders schwieriges Jahr. «Die Herausforderung ist gross: Es gilt, die Risiken einzudämmen und gleichzeitig den Bach zu schonen», erklärt Emilienne Hutin, Leiterin des Rebgutes. Dabei versucht die Winzerin, möglichst wenig Pflanzenschutzmittel (PSM) anzuwenden und Massnahmen umzusetzen, die zu einer Verminderung der PSM-Einsätze oder gar zu deren Verzicht führen. Dazu betreiben sie und ihre Kollegen eine Anlage zur Behandlung des mit PSM verschmutzten Reinigungswassers ihrer Spritzgeräte und nutzen die sogenannte Verwirrtechnik gegen den Traubenwickler. Die Resultate des Pilotprojekts «Ruisseau des Charmilles» stimmen zuversichtlich.

Verschiedene Quellen kommen infrage

Verlassen wir für einen Moment das Genfer Hinterland um das Problem umfassend anzuschauen: Der schlechte Zustand von Bächen und Flüssen wie der Ruisseau des Charmilles hat vor allem zwei Ursachen: Erstens enthält das gereinigte Abwasser, das aus den Abwasserreinigungsanlagen (ARA) in die Flüsse eingeleitet wird, Mikro­verunreinigungen, zum Beispiel Rückstände von Medikamenten, Bioziden oder kosmetischen Produkten. Zweitens werden Mikroverunreinigungen auch aus vielen weiteren Quellen in die Gewässer eingetragen, dies betrifft hauptsächlich die Pflanzenschutzmittel. Diese gelangen durch Auswaschung und Abschwemmung aus den Feldern oder via Hofplatzentwässerung in die Fliessgewässer und stellen die bedeutendste ­Gruppe der Schadstoffe dar. Bei der Verunreinigung durch Mikroverunreinigungen im gereinigten Abwasser aus ARA wird intensiv an einer Lösung gearbeitet. Neue Verfahren zur Elimination dieser Mikroverunreinigungen sind bereits einsatzbereit. «In der Schweiz werden ausgewählte ARA demnächst aufgerüstet», freut sich Georges Chassot von der Sektion Wasserqualität beim BAFU. «Die Schweiz spielt bei dieser technischen Aufrüstung eine Vorreiterrolle.» (Siehe Beitrag «Moderne Kläranlagen halten auch Spurenstoffe zurück» in umwelt 4/2014). Bei den sogenannten diffusen Belastungen, die direkt in die Gewässer gelangen (also nicht über eine ARA), präsentiert sich die Situation hingegen komplexer. Und deshalb, so Georges Chassot, «braucht es eine ganze Palette von Ideen und Ansätzen, um dieses Problem zu bekämpfen». Den grössten Beitrag zur Verminderung des PSM-Einsatzes muss sicherlich die Landwirtschaft leisten. Zu diesem Zweck wurde ein Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von PSM erarbeitet und in eine Anhörung gegeben. Er enthält rund 50 Massnahmen, darunter z. B. die Förderung alternativer Behandlungsmethoden wie die mechanische Unkrautbekämpfung, gezielte Massnahmen zur Reduktion der Abschwemmung der ausgebrachten PSM oder die Förderung des Anbaus neuer, krankheitsresistenter Pflanzensorten, auf denen weniger PSM angewendet werden müssen. Auch die Stärkung der öffentlichen PSM-Beratung ist eine wichtige Massnahme dieses Aktionsplans.

Wasser Tunnel
Die Wasserqualität des Ruisseau des Charmilles bei Genf (Bild rechts) hat sich stark verbessert, seit mit Pflanzenschutzmitteln verunreinigtes Spülwasser aufgefangen und biologisch gereinigt wird.
© Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

Verwirrtechnik und Bio-Reinigungsanlage

Zurück in die Weinberge von Dardagny, wo uns Emilienne Hutin erklärt, dass bei der Verringerung von PSM-Einsätzen nicht nur Hightech gefragt ist. Beim Schutz der Fliessgewässer ist es noch immer am besten, dafür zu sorgen, dass diese problematischen Stoffe gar nicht erst bis zum Gewässer gelangen. In Dardagny herrscht seit 2016 «im ganzen Einzugsgebiet ‹sexuelle Verwirrung›, und in sämtlichen Rebbergen der Gemeinde ebenso», um die Traubenwickler an der Fortpflanzung zu hindern, wie Emilienne Hutin erzählt. «Um diesen Schädling zu kontern, verwenden wir keine Insektizide mehr. Vielmehr haben wir uns auf die Bekämpfung mittels Pheromonen entschieden, die für Fauna und Flora unbedenklich ist.» Wie das geht? Es werden Stoffe verbreitet, die das weibliche Sexualhormon des Schmetterlingsweibchens imitieren, und zwar in höheren Mengen, als die von den Weibchen selber ausgesandten. Dadurch können die Männchen die Weibchen nicht mehr orten und befruchten. Auch anderswo in der Schweiz wird diese Methode bereits erfolgreich eingesetzt. Dieses sexuelle Verwirrspiel ist nur eine der im Rahmen des Pilotprojekts «Ruisseau des Char­milles» zum Schutz des Baches angewandten Massnahmen. In Dardagny «ist der Fächer der ergriffenen Massnahmen breit», erklärt Yvan ­Genoud, der bei der Fachstelle für Gewässerökologie es Kantons Genf für das Projekt verantwortlich ist. Und er nennt noch weitere Massnahmen: die Einrichtung einer Datenbank, in der die Bewirtschafter die durchgeführten Behandlungen angeben, was eine enge Überwachung der Belastungen erlaubt; Begrünung; Mulchen zwischen den Reihen; Installation von Spülwassertanks auf den Spritzgeräten; Erstellen einer Bio-Reinigungsanlage. Diese Bio-Reinigungsanlage ist zweifelsohne die am besten sichtbare Massnahme des Projekts. Sie liegt hinter einer grossen Einstell- und Lagerhalle, etwas ausserhalb des Dorfes. Eben war Emilienne Hutin dort, um ihren Traktor zu reinigen. Vor Ort findet sich eine Waschanlage, in der die Fahrzeuge und Spritzgeräte gereinigt werden können. Das gesammelte verschmutzte Abwasser wird in ein überdachtes Becken mit einem Volumen von 210 Kubikmetern geleitet, das mit einem biologisch aktiven Substrat aus Kompost, Stroh und Erde gefüllt ist. Mit der Zeit werden die im Abwasser enthaltenen PSM durch die Aktivität der natürlicherweise im Substrat vorhandenen Mikroorganismen abgebaut während ein grosser Teil des Abwassers verdunstet.

Vom Theoretischen zum Praktischen

Auch andere Regionen der Schweiz testen zurzeit neue Ideen in diesem Bereich. So soll zum Beispiel ein vom Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern in Zusammenarbeit mit dem Berner Bauernverband entwickeltes ökologisches Pflanzenschutzprojekt, das Anfang 2017 anläuft, aufzeigen, wie die verschiedenen Massnahmen in der Praxis funktionieren. Die Landwirte werden auch in Zukunft Pflanzenschutzmittel anwenden, um die Kulturen vor Krankheiten, Schädlingen und Unkräutern schützen zu können und den Konsumierenden makellose Produkte zu liefern. Doch Verbesserungsmöglichkeiten gebe es durchaus, unterstrichen die Verantwortlichen bei der Projektpräsentation. Sie reichen vom Verzicht auf Herbizide über die korrekte Reinigung des Spritztanks bis hin zur Anlage von Grasstreifen am Feldrand, die dazu beitragen sollen, den Eintrag von verschmutztem Oberflächenabfluss in die Fliessgewässer zu vermindern. Die Bäuerinnen und Bauern werden für diese Massnahmen entschädigt, und ein Monitoring soll zeigen, welche die wirksamsten sind. Eine interessante Initiative hat der Kanton Thurgau ins Leben gerufen, wo grosse Mengen von Pflanzenschutzmitteln im Obstbau eingesetzt werden. Seit 2011 hat der Kanton ein ambitiöses Kontroll- und Sanierungsprogramm eingeführt, das rund 2600 Landwirtschaftsbetriebe betrifft. Hauptsächlich geht es um die Kontrolle und Sanierung der Hofplatzentwässerungen, welche mit PSM verschmutztes Abwasser ableiten. Es wurden Fortschritte festgestellt, aber auch Mängel. Die Mängel wurden in verschiedene Prioritäten eingeteilt, und der Kanton kontaktiert nun die Bauern, welche die Vorschriften nicht erfüllen, um mit ihnen Lösungen zu finden. Der Kanton will zudem ein weiteres Projekt zur Einschränkung des PSM-Einsatzes im Obstbau lancieren, das dem Bundesamt für Landwirtschaft zur Genehmigung unterbreitet wurde. Es gibt also durchaus erste Erfolge beim Reduzieren von PSM und anderen Mikroverunreinigungen. Doch dies ist erst ein Anfang. «Bis die Belastung unserer Gewässer auf das gesetzlich vorgeschriebene Niveau zurückgeht, gibt es noch viel zu tun», stellt Christian Leu, Chef der Sektion Wasserqualität im BAFU, klar. «Dieses Ziel lässt sich nur erreichen, wenn gesetzliche Vorgaben eingehalten und neue Möglichkeiten zur Belastungsreduktion konsequent genutzt werden. Zudem müssen alle Verursacher von Verunreinigungen ihre Verantwortung wahrnehmen.» 

Die Rückkehr von Steinfliege und Bachflohkrebs

Zurück zu den Weinbauern und -bäuerinnen in der Westschweiz. Die wohl grösste Umstellung auf einen umweltschonenden Weinbau erfolgte im Lavaux (VD). Seit 2016 sind die Winzer zum Anbau ohne synthetische PSM übergegangen. Mit anderen Worten: Auf den Hängen des berühmten Weinbaugebietes werden keine chemischen Fungizide mehr mit Helikoptern versprüht. Nur natürliche Produkte sind erlaubt – etwa Kupfer, Schwefel, Algen- und Milchextrakte. Kupfer, auf das nur schwer verzichtet werden kann, wird in viel schwächeren Dosierungen angewendet als zuvor. Noch lässt sich nicht sagen, welche Auswirkungen diese massive Reduktion von Pflanzenschutzmitteln auf die Gewässer haben wird. Beim Ruisseau des Charmilles in Dardagny sind die positiven Auswirkungen offensichtlich. Die Genfer Fachstelle für Gewässeröko­logie führte eine kontinuierliche Überwachung der PSM-Konzentrationen über acht Jahre durch. Hinsichtlich der biologischen Qualität des Fliessgewässers lässt sich eine deutliche Verbesserung feststellen. Gewisse empfindliche Arten wie etwa der Bachflohkrebs oder Larven der Steinfliege sind wieder anzutreffen. Das Projekt muss nun von den Winzern und Winzerinnen der Region weitergetragen werden. «Wir wenden mit Erfolg verschiedene Praktiken an, die der Umwelt und den Fliessgewässern zugute kommen», bestätigt Emilienne Hutin. «Dies motiviert, weil es funktioniert. Selbst wenn es manchmal viel Energie und Geduld erfordert.»

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Letzte Änderung 15.02.2017

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