Strategische Gewässerplanung: Ein Meilenstein auf dem Weg zu naturnahen Flüssen

17.02.2016 - Die Umsetzung des revidierten und 2011 in Kraft getretenen Gewässerschutzgesetzes macht Fortschritte. So haben die Kantone inzwischen alle erforderlichen Grundlagen zur Renaturierung der Fliessgewässer erarbeitet und ihre strategischen Planungen abgeschlossen.

Der revitalisierte Beverin im Oberengadin.
Wie der revitalisierte Beverin im Oberengadin (GR) erhalten zahlreiche Fliessgewässer in unserer Kulturlandschaft wieder mehr Raum.
© BAFU

Text: Kaspar Meuli

Unter den rund 200 Fachleuten, die sich im November 2015 zu einer Renaturierungstagung im Solothurner Seminarzentrum «Landhaus» trafen, war man sich einig: Auf dem Weg zu naturnahen Flüssen und Bächen hat die Schweiz einen wichtigen Meilenstein erreicht. In der Zwischenzeit haben die Kantone ihre strategischen Planungen abgeschlossen, welche als Grundlage für die konkreten Umsetzungsprojekte dienen. Damit liegt nun erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme aller Gewässerabschnitte und Wasserkraftanlagen vor, die ökologisch aufgewertet werden sollen.

Ein positives Fazit zieht auch das BAFU. «Die Kantone haben ausgezeichnete Arbeit geleistet», sagt Rémy Estoppey, Chef der Sektion Sanierung Wasserkraft. «Der Sanierungsbedarf ist jetzt bekannt, und wir wissen, wo Massnahmen nötig sind.» Und Hugo Aschwanden, der als Sektionschef für die Revitalisierungen verantwortlich ist, erklärt: «Aus den kantonalen Planungen geht hervor, dass sich in der Schweiz tatsächlich genügend Flüsse und Bäche ökologisch sinnvoll revitalisieren lassen, wie dies politisch gefordert wird.»

Nun kann es also im grossen Stil losgehen mit der Umsetzung des geänderten und 2011 in Kraft getretenen Gewässerschutzgesetzes (GSchG). Das Ziel dabei ist klar: Die Schweizer Fliessgewässer und Seeufer sollen wieder naturnaher werden und ihre vielfältigen Funktionen erfüllen können - von der Förderung der Biodiversität über den Hochwasserschutz bis hin zu ihrer Bedeutung als Naherholungsgebiete. Zudem kommen die Gewässer besser mit den Folgen des Klimawandels zurecht, wenn sie sich in einem möglichst natürlichen Zustand befinden. «Dafür brauchen sie genügend Platz und eine gute Wasserqualität», sagt Stephan Müller, Leiter der Abteilung Wasser beim BAFU. «Deshalb müssen wir die Gewässer resilienter, das heisst widerstandsfähiger machen.» Das heutige Gesetz legte den Grundstein dafür.

Volksinitiative sorgte für politischen Druck

Eine ökologische Aufwertung der Gewässer verlangte auch die 2006 eingereichte Volksinitiative «Lebendiges Wasser», die sich eine Revitalisierung sämtlicher Schweizer Gewässer zum Ziel setzte. Als das Parlament bei den Beratungen zur Revision des GSchG nach zähem Ringen auf den Kompromiss einschwenkte, Fliessgewässer mit einer verbindlichen Gesamtlänge von 4000 Kilometern naturnah auszugestalten, zogen die Initianten ihr Begehren schliesslich zurück.

Ausgangspunkt der neuen Gewässerschutzpolitik war der schlechte Zustand vieler Schweizer Gewässer. Fast ein Viertel aller Flussstrecken und Bachläufe sind künstlich verbaut, durch menschliche Eingriffe stark beeinträchtigt oder in Betonröhren gelegt. Im intensiv genutzten Mittelland hat man seit dem 19. Jahrhundert sogar 40 % der Fliessgewässer naturfremd verbaut. Für die aquatischen Lebensgemeinschaften von Tieren und Pflanzen stellen die negativen Folgen der Stromproduktion durch Wasserkraftwerke eine zusätzliche Belastung dar.

So weit die bekannten Fakten - doch wo genau sollen die Massnahmen zur ökologischen Aufwertung von Flüssen und Bächen ansetzen? Gemäss GSchG mussten die Kantone bis Ende 2014 Antworten auf diese Frage liefern. Das BAFU hat die Informationen aus den entsprechenden strategischen Planungen ausgewertet und im November 2015 im Bericht «Renaturierung der Schweizer Gewässer: Die Sanierungspläne der Kantone ab 2015» publiziert. Die Zusammenstellung dokumentiert einerseits den Handlungsbedarf bei Kraftwerken. Darunter fallen Massnahmen für eine bessere Fischgängigkeit, zur Minderung des Schwall-Sunk-Betriebs sowie zur Sanierung des vielerorts gestörten Geschiebehaushalts. Andererseits zeigen die Planungen auf, wo die Prioritäten bei der Revitalisierung von verbauten Flüssen und Bächen liegen.

Fischwanderhindernisse
© BAFU

Die Renaturierung als LangzeitaufgabeDie gross angelegte ökologische Aufwertung der Schweizer Gewässer erfolgt also parallel an zwei Fronten und mit unterschiedlichen Zeithorizonten. Noch wird es Jahrzehnte dauern, bis die Auflagen des neuen GSchG erfüllt sind, doch dank der strategischen Planungen durch die Kantone sind die Ausmasse dieser Herkulesaufgabe nun klar. Bei zahlreichen Projekten in der ganzen Schweiz zeichnet sich bereits heute ab, wie die Verantwortlichen solche Sanierungen und Revitalisierungen anpacken können.Die Beseitigung von Fischwanderhindernissen etwa ist nicht erst seit dem Inkrafttreten des GSchG ein Thema. Doch viele in der Vergangenheit gebaute Fischtreppen funktionieren nicht, weil sie beispielweise zu klein dimensioniert sind, wie Erhebungen der Kantone gezeigt haben. Mittlerweile existieren allerdings bewährte technische Lösungen - vor allem für den Fischaufstieg. Das BAFU hat in den vergangenen Jahren bereits 40 Sanierungsprojekte beurteilt, von denen gegenwärtig 10 realisiert werden.Erfolgreiche SanierungsprojekteSeit Kurzem fertiggestellt ist zum Beispiel eine solche Anlage zur Verbesserung der Fischwanderung beim Aare-Kraftwerk Rüchlig in Aarau. Auslöser war der Neubau eines Kraftwerks als Ersatz für eine bestehende Anlage. Der kleinere des aus zwei Teilen bestehenden Komplexes weist nun auch einen Fischabstieg mit einem Feinrechen und einer Öffnung im Wehr auf. Das Hauptwerk hat die Kraftwerkbesitzerin Axpo mit horizontalachsigen, fischfreundlichen Kaplanturbinen ausgerüstet. Dank dieser Lösung sterben beim Abstieg markant weniger Fische, wie Erfahrungen aus dem Ausland belegen.Beim Kraftwerk Amsteg (UR) zeigt sich, wie die Betreiber Massnahmen zur Verminderung der Abflussschwankungen unterhalb von Speicherkraftwerken umsetzen können. Die Anlage im Besitz der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) erfuhr in den 1990er-Jahren einen Umbau und verfügt seither über einen Speicherstollen mit Regulierkraftwerk und über Regulierschütze zur Schwalldämpfung. Nun will man das schnelle An- und Absteigen des Wassers zusätzlich durch eine Optimierung des Betriebs abschwächen. Im Wesentlichen geschieht dies durch eine neue Steuerungssoftware, die ab Mitte 2016 zum Einsatz kommt.Wesentlich mehr Aufwand müssen die Kraftwerke Oberhasli zur Sanierung der Schwall-Sunk-Problematik in einer ihrer Anlagen in Innertkirchen (BE) betreiben. Seit 2013 sind an der Hasliaare ein Beruhigungsbecken und ein Speicherstollen im Bau, die eine dosierte Rückgabe des turbinierten Wassers in den Fluss ermöglichen sollen. Dadurch erhalten die Wassertiere mehr Zeit, um sich vor dem ansteigenden Wasser in Sicherheit zu bringen. Die neue Anlage nimmt ihren ordentlichen Betrieb im Sommer 2016 auf.Auch bei der Reaktivierung des Geschiebehaushalts zeigen erste Projekte, wie sich die Bestimmungen des GSchG konkret realisieren lassen. Wo Staumauern, Wehre oder andere Hindernisse den natürlichen Geschiebetrieb in Flüssen und Bächen behindern oder vollständig unterbinden, fehlen flussabwärts Kies und Sand auf der Gewässersohle. Dadurch geht wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen verloren. Dieses Problem tritt auch beim Kraftwerk Montsalvens des Energieunternehmens Groupe E in der Nähe von Bulle (FR) auf. Als Ersatz für das von der Staumauer zurückgehaltene Geschiebe erfolgen im Jaunbach nun zweimal pro Jahr künstliche Kiesschüttungen mittels Lastwagen. Eine bei anderen Kraftwerken bereits praktizierte Möglichkeit zur Reaktivierung des Geschiebehaushalts sind künstlich ausgelöste Hochwasser.Nach Abschluss der kantonalen Planungen liegt der Ball für die ökologische Sanierung der Wasserkraftnutzung nun bei den Kraftwerkgesellschaften. Sie müssen entsprechende Projekte erarbeiten, die sowohl von den Kantonen als auch vom BAFU geprüft werden. Ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung solcher Vorhaben ist das optimale Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen. «Die finanziellen Mittel sind so einzusetzen, dass sie jeweils den grössten ökologischen Nutzen erbringen», betont Rémy Estoppey. «Gefragt sind dabei verhältnismässige Lösungen und keine Luxusvarianten.»Stark verbaute MittellandgewässerNoch nicht überall klar ist die Auswahl der bis 2090 zu revitalisierenden Gewässerabschnitte. In ihren Planungen haben die Kantone das Potenzial von Flüssen und Bächen für eine Aufwertung analysiert und Abschnitte mit hohem und mittlerem ökologischem Nutzen festgelegt. «Wir sind erst am Hochfahren des Programms», erklärt Hugo Aschwanden, «noch werden die Fördermittel des Bundes nicht vollständig ausgeschöpft.»Wie die Planungen der Kantone bestätigen, sind die Fliessgewässer im Mittelland und in den tiefer gelegenen Alpentälern am stärksten verbaut. Die meisten alpinen Gewässer befinden sich hingegen noch in einem naturnahen Zustand. Doch auch in den Bergen gibt es Potenzial für ökologische Aufwertungen. So gestaltete etwa ein 2013 in Bever (GR) realisiertes Revitalisierungsprojekt den Mündungsbereich des Flusses Beverin (Bild Seite 50) wieder natürlicher, dynamisierte den Inn und stellte die Vernetzung zwischen dem kanalisierten Inn und zwei Auengebieten von nationaler Bedeutung erneut her. Dazu musste man unter anderem die Dämme entlang des Inns auf einer Länge von mehreren 100 Metern abbrechen. Bei der Verwirklichung des Projektes galt es, verschiedenste Interessen unter einen Hut zu bringen: vom Hochwasserschutz über die Erschliessung durch Zufahrten und Leitungssysteme bis zu den Ansprüchen der Landwirtschaft.Die Landbeschaffung als KnacknussBei Revitalisierungsprojekten prallen immer wieder unterschiedliche Ansprüche aufeinander. «Es zeigt sich, dass die Schwierigkeiten bei der Umsetzung vor allem die Landbeschaffung betreffen», sagt Hugo Aschwanden. Innovative Lösungen für den Erwerb und Abtausch von Land gehören denn auch zu den vorrangigen Faktoren, welche nach den Erfahrungen des BAFU die Realisierung eines Projektes begünstigen. Zusätzliche Erfolgskriterien sind Synergien mit dem Hochwasserschutz, bestehende Strukturen - wie beispielsweise ein kantonaler Renaturierungsfonds - und die speditive Verankerung der strategischen Planungen in der kantonalen Richtplanung. Hugo Aschwanden betont aber auch die Bedeutung einer breiten Akzeptanz und Mitarbeit auf lokaler Ebene. «Es sind vor allem engagierte Menschen und Organisationen vor Ort in den betroffenen Gemeinden, die einer Revitalisierung zum Erfolg verhelfen.»

Erhebliche ökologische Defizite

  • 2075 durch Wasserkraftanlagen verursachte Hindernisse beeinträchtigen schweizweit die Fischwanderung wesentlich.
  • 13‘814 km der Fliessgewässer weisen stark verbaute Ufer und Flusssohlen auf.

Sanierungsbedürftig sind:

  • 970 Fischwanderhindernisse von Wasserkraftanlagen;
  • 102 Wasserkraftwerke, die übermässige Abflussschwankungen verursachen;
  • 493 Wasserkraftwerke und weitere Anlagen, die zu Geschiebedefiziten führen.

Ermittelte Revitalisierungsstrecken:

  • 3471 km Gewässer mit hohem Nutzen für Natur und Landschaft;
  • 6141 km Gewässer mit mittlerem Nutzen für Natur und Landschaft.

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Letzte Änderung 17.02.2016

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