Transparenz für die Allgemeinheit: Wenn Profis nachhaltig einkaufen

Wenn Behörden und private Unternehmen sozial- und umweltverträgliche Produkte kaufen, ist eine Frage ganz zentral: Wie lässt sich am besten die ganze Produktionskette überblicken? Ein kleiner Rundgang durch die Praxis.

Biobaumwollbäuerin in Mali und T-Shirt aus Biobaumwolle.
© Helvetas/Joerg Boething; Coop «naturaline»

Anbau, Entkernung, Spinnen, Stricken oder Weben, Färben, Konfektion - bis ein Baumwollhemd auf einem Schweizer Ladentisch liegt, muss es einen langen Weg zurücklegen. Das weiss Patrick Zaugg. Der Mitarbeiter im Beschaffungsteam Fachbereich Persönliche Ausrüstung in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) kümmert sich auch um den Einkauf von Kleidern für seine Kolleginnen und Kollegen. Diese stehen weltweit für das Schweizerische Korps für humanitäre Hilfe (SKH) im Einsatz. In den nächsten 5 Jahren beschafft er so zum Beispiel Poloshirts aus Biobaumwolle. Der Anspruch: Sie müssen sozial- und umweltverträglich produziert werden. Die Kriterien für die entsprechende Ausschreibung im Einladungsverfahren hat er intensiv vorbereitet.

Nachhaltig einkaufen ist auch für Profis nicht einfach. Zum einen stellt sich die Frage, auf welche der vielen Labels wirklich Verlass ist. Zum andern geht es darum, den gesamten Lebensweg des Produkts im Auge zu haben. Das heisst für das Beispiel Biobaumwolle: Sozial- und Umweltverträglichkeit müssen für Anbau und Entkernung ebenso gewährleistet sein wie für das Färben, die Konfektion und den Vertrieb. Und auch die internen Abläufe des Unternehmens, das die Waren kauft, sollten angepasst werden, denn Lagerung, Ver­packung und Entsorgung sind ebenso Teil der Produktionskette.

Persönliches Gespräch ist wichtig. Eine solche «Integrierte Produktpolitik» fördert der Bundesrat in seiner Strategie Nachhaltige Entwicklung. Sowohl in seinem Beschluss zur grünen Wirtschaft als auch im Masterplan Cleantech bestätigt er die tragende Rolle, die er seinen verschiedenen Departementen zugedacht hat, um die Ökonomie der Eidgenossenschaft auf höhere Ressourceneffizienz und schonenden Umgang mit der Umwelt auszurichten.

Beispielsweise dadurch, dass öffentliche Institutionen mit gutem Beispiel vorangehen. So wie die DEZA: Sie unterstützt ein Helvetas-Projekt für eine nachhaltige Baumwollproduktion in Burkina Faso und setzt nun beim Einkauf von Kleidern ebenfalls auf Biobaumwolle. Ein solches Vorgehen sei sinnvoll und konsequent, sagt Eveline Venanzoni, Leiterin der Fachstelle umweltorientierte öffentliche Beschaffung in der Sektion Konsum und Produkte beim BAFU: «Die politischen Vorgaben müssen von den Behörden in die Tat umgesetzt werden.» Denn deren Einfluss ist beträchtlich, geben sie doch jährlich rund 32 Milliarden Schweizer Franken für öffent­liche Beschaffungen aus. Etwa ein Fünftel entfällt dabei auf den Bund, je zwei Fünftel entfallen auf Kan­tone und Gemeinden.

Auf seiner Suche nach dem richtigen Produkt hat sich Patrick Zaugg von der DEZA unter anderem auf das Label «Social Accountability International (SAI)» verlassen, das soziale Kontrollsysteme für jeden Produktionsschritt vorsieht, oder auf das Gütesiegel «Global Organic Textile Standard», welches ökologische Kontrollsysteme sicherstellt. Wichtig sei aber auch das persönliche Gespräch. «Sitzt man ­einem Lieferanten gegenüber, spürt man, ob er auch tatsächlich die Philosophie vertritt, die man sucht», sagt der DEZA-Mitarbeiter.

Beim Bemühen um eine nachhaltige Beschaffung erhalten Behörden und private Firmen auf der Seite www.kompass-nachhaltigkeit.ch wichtige Unterstützung. Neben der Erläuterung rechtlicher Rahmenbedingungen oder Informationen zu den einzelnen Labels finden sich auf der vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) unterstützten Plattform auch zahlreiche Beispiele aus der Praxis. Eines davon ist Transa, Schweizer Anbieter von Outdoor- und Reiseartikeln. Das Unternehmen beschäftigt rund 180 Mitarbeitende an 6 Schweizer Standorten. Es bezieht seine Markenprodukte bei über 200 Lieferanten in der Schweiz, Europa, Nordamerika und Japan. In einem solchen Umfeld eine nachhaltige Beschaffungspraxis zu installieren, ist schwierig - in einer Branche zumal, in der längst nicht alle Hightechprodukte umweltverträglich produziert werden. Das weiss auch Heidi Schwizgebel, Leitung Einkauf und Logistik und Mitglied der Geschäftsleitung bei Transa: «Würden wir nur Produkte verkaufen, bei denen wir den gesamten Produktionsweg überblicken, müssten wir wohl schliessen.»

Nicht Richter, sondern Vermittler. Das Bemühen ist bei Transa gleichwohl gross. Das Unternehmen ist Mitglied der Fair Wear Founda-tion, die bei ihren Mitgliedern die Einhaltung der UN-Menschenrechtserklärung und verschiedener Kernarbeitsnormen - etwa existenzsichernde Löhne - voraussetzt. Mittels Fragebögen verlangt Transa bei den Lieferanten Informationen über ökologische und soziale Aspekte der Produkte und fordert sie zum Beitritt in die Fair Wear Foundation auf. 2008 wurde zudem eine Teilzeitstelle geschaffen, mit der unter anderem eine nachhaltige Beschaffungspraxis sukzessive ausgebaut werden soll. Dazu gehört auch, dass Transa Mitglied des Konsortiums euro-family ist, eines Interessenverbunds führender europäischer Outdoor- und Sporthändler. In diesem Verbund ist der Schweizer Outdooranbieter an der Produktion von zwei Eigenmarken beteiligt. Diese sollen bald auf den Standard der Business Social Compliance Initiative (BSCI) abstützen, auf den auch die «naturaline» von Coop vertraut. «Wir sind Vermittler, nicht Richter», sagt Heidi Schwizgebel. «Wir können die Händler zu nichts zwingen, aber wir versuchen, sie zu sensibilisieren. Auf lange Sicht wird sich das auszahlen - auch wirtschaftlich, weil der Schutz der Natur gerade den Kundinnen und Kunden in der Outdoorbranche ein grosses Anliegen ist.»

Dies ist es auch Marcel Leutwyler, Leiter Umwelt & Facility Management in der Gemeinde Arlesheim (BL). Das jährliche Beschaffungsvolumen für Waren und Bauarbeiten des 9000-Seelen-Orts beträgt rund 3 Millionen Franken. Die Gemeinde legt Wert auf sozial- und umweltverträglichen Einkauf. Zuletzt wurde das Schulhaus Gerenmatte 2 für rund 9 Millionen Franken nach Minergie-Standard umgebaut und mit einer Fassade aus einheimischem Douglasienholz versehen. In vielen Fällen, sagt Marcel Leutwyler, seien nachhaltige Produkte nicht teurer. Vielmehr müsse man sich oft nur Zeit nehmen, um die rich­tigen zu finden.

Label-Kurs schafft Überblick. Marcel Leutwyler nahm sich die Zeit. Um den im Leitbild der Gemeinde Arlesheim festgeschriebenen Grundsatz der nachhaltigen Beschaffung umzusetzen, besuchte er erst einmal einen Label-Kurs bei der Stiftung für praktischen Umweltschutz Schweiz (Pusch), der einen Überblick über die Vielfalt der Gütesiegel vermittelte. Zusammen mit einer externen Beraterfirma erarbeitete die Gemeinde hernach Kriterienblätter für eine nachhaltige Beschaffung in insgesamt 19 Fachbereichen wie zum Beispiel Beleuchtung, Bürokleinmaterial, chemische Reinigungsmittel, Energie, Fahrzeuge und Berufskleidung. Berücksichtigt werden dabei sowohl wirtschaftliche Kriterien - wie regionale Wertschöpfung - als auch soziale Anliegen - wie die Einhaltung der Gesamtarbeitsverträge - und umweltrelevante Aspekte - wie der Energie-, Rohstoff- und Wasserverbrauch. An diese Kriterien haben sich die Bereichsleiter zu halten, wobei sie bei kleineren Bestellungen, etwa von Büromaterial, selber entscheiden können. Diese werden sporadisch überprüft. Grössere Aufträge landen zur Kontrolle immer auf dem Tisch von Marcel Leutwyler; ab 10‘000 Franken entscheidet der Gemeinderat. Der Umweltverantwortliche zieht eine erste Zwischenbilanz: «In Schulungen mussten wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst für die nachhaltige Beschaffung sensibilisieren. Inzwischen hat sich das Ganze aber recht gut eingependelt.»

Peter Bader

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Letzte Änderung 14.02.2012

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