Vorstudien des BAFU: Der anspruchsvolle Weg zu mehr Transparenz im Ladenregal

Immer mehr Menschen machen sich beim Einkaufen Gedanken über die Umwelt. Allerdings ist der Griff nach umweltschonenden Artikeln nicht einfach. Meist fehlt es an aussagekräftigen Informationen und Vergleichsmöglichkeiten. Dies soll sich nun ändern. Das BAFU entwickelt Standards zur Verbesserung der Umweltinformationen bei Produkten.

Die Information auf den Produkten soll sich auf diejenigen Bereiche konzentrieren, in denen die grössten Belastungen anfallen.

Der Lebensmittelhersteller Danone und deutsche Umweltschützer liegen sich in den Haaren. Der Grund: ein Joghurtbecher. Die neue Verpackung ihres Activia-Joghurts sei «umweltfreundlicher», verkündete Danone vergangenen Sommer in einer Werbekampagne, denn die Becher würden aus einem Kunststoff auf Maisbasis hergestellt. Die Behauptung sorgte für Widerspruch. Die Konsumentenorganisation Foodwatch sprach von «Etikettenschwindel», und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) reichte gar Klage wegen «Verbrauchertäuschung» ein.

Tatsächlich - und dies bestreiten auch die Kritiker nicht - schneidet der Maisbecher in gewissen Bereichen deutlich besser ab als die herkömmliche Joghurtverpackung. Seine Herstellung braucht weniger fossile Rohstoffe und setzt geringere Mengen an CO2 frei. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit. Sowohl bei den Kriterien «Bodenversauerung» und «Überdüngung» als auch bei «Feinstaub» und bei «Flächenbedarf» kommt der beworbene Becher schlechter weg als sein Vorgänger. Kein Wunder musste sich Danone in Deutschland vorwerfen lassen, mit einer beschönigenden Auswahl von Umwelt­informationen «Greenwashing» zu betreiben.

Genau einer derart selektiven Informationspraxis will das BAFU künftig in der Schweiz vorbeugen. Deshalb werden gegenwärtig in einem breit abgestützten Projekt Qualitätsanforderungen für Produktumweltinformationen erarbeitet. Auch wenn dieses Projekt im Anfangsstadium steht, ist die Stossrichtung klar: Informationen zur Umweltbelastung eines Produkts müssen relevant sein, und sie sollen seine gesamte ökologische Bilanz wiedergeben.

Relevante und verständliche Informationen liefern. Hochstehende Umweltinformationen bereitzustellen ist ein anspruchsvolles Vorhaben. Denn einerseits sollen bei der Analyse alle wesentlichen Umweltwirkungen eines Konsumguts entlang des ganzen Lebenswegs berücksichtigt werden. Die Information auf den Produkten aber soll sich auf diejenigen Bereiche konzentrieren, in denen die grössten Belastungen anfallen. «Das Ziel unserer Anstrengungen sind relevante und verständliche Informationen», erklärt Amélie Ardiot von der Sektion Konsum und Produkte im BAFU. «Im Zentrum steht die Unterstützung der Konsumentinnen und Konsumenten, die sich bei ihren Kaufentscheiden umweltbewusst verhalten wollen.» Dieselbe Zielsetzung verfolgt übrigens auch die EU. Zurzeit laufen auf europäischer Ebene gleich drei Initiativen  zur Verbesserung der Produktumweltinformation.

Die grosse Herausforderung bei der Erhebung ganzheitlicher Umweltinformationen besteht darin, die Komplexität der Materie auf klare Aussagen zu reduzieren und dabei trotzdem aussagekräftig zu bleiben. Aber auch bei der Umsetzung von künftigen Qualitätsanforderungen stellen sich vorderhand ungelöste Fragen. Zum Beispiel: Sollen die Produktinformationen freiwillig sein oder obligatorisch? Oder: Wie lassen sich Informationen über Produktgruppen hinweg überhaupt vergleichen?

Mehr Transparenz für eine grüne Wirtschaft. Ausgangspunkt des BAFU-Projekts war der Beschluss des Bundesrats im Herbst 2010, die ökologische Transparenz des Marktes zu verbessern. Dies im Rahmen der sechs Handlungsfelder, die von der Regierung auf dem Weg zu einer grünen Wirtschaft definiert wurden. Mehr Transparenz allerdings lässt sich nur durch bessere Information schaffen - deshalb die Forderung nach optimierten Umweltinformationen zu Produkten. Als Grundlage für die Erarbeitung von Qualitätsstandards hat das BAFU in der Folge verschiedene Studien in Auftrag gegeben. Sie stellen gewissermassen das Fundament dar, auf dem die Anforderungen für Produktumweltinformationen entwickelt werden. Hier die einzelnen Bausteine im Überblick:

  • Ein Forschungsinstitut untersuchte unter anderem mithilfe von Umfragen, welche Art von Informationen Kaufentscheide beeinflussen. Dabei zeigte sich, dass Umweltinformationen generell beachtet und als hilfreich empfunden werden. Zudem stellte sich heraus, dass ein stärkeres Engagement der ­öffentlichen Hand und des Handels erwünscht ist.
  • Die Studie eines Beratungsunternehmens lieferte Regeln für eine umweltökonomische Berichterstattung, die ein treffendes und umfassendes Bild der Umweltbelastung vermittelt. Sie bauen auf dem aus der Finanzkontrolle bekannten Grundsatz «true and fair view» (den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend) auf. Dieser besagt, dass das Gesamtbild der ökologischen Belastung wichtiger ist als das vollständige Einhalten jeder einzelnen Anforderung.
  • Eine Machbarkeitsstudie zeigte, dass sich die sogenannte Ökobilanzmethode der ökolo­gischen Knappheit als Methode zur Bewertung von Produkten gut eignet. Dabei wird die Umweltwirkung in Umweltbelastungspunkten ausgedrückt, die eine umfassende Belastung wiedergeben
  • Die Studie zur Gesamtumweltbelastung der Schweiz durch Konsum und Produktion deckte die aus ökologischer Sicht relevantesten Konsumbereiche auf. Es sind dies: Ernährung (28%), Wohnen (28%) und Mobilität (12%).

Noch sind die BAFU-Arbeiten für bessere Produktumweltinformationen in vollem Gang; dennoch besteht bereits eine provisorische Liste von Qualitätsanforderungen. Sie umfasst acht Punkte - von «Verlässlichkeit» über «Transparenz» und «Kohärenz und Vergleichbarkeit» bis zu «Verständlichkeit» und «Aktualität». Im Zentrum aber stehen «Relevanz der Informationen für Kaufentscheide» sowie «Fokus aufs Gesamtbild».

Umweltbewusstes Einkaufen vereinfachen. Relevant sind die Angaben dann, wenn sie es der Kundschaft erlauben, Produkte zu wählen, die bedeutende Umweltvorteile vorweisen, und andere zu meiden. Beim Wäschetrockner etwa spielt der Stromverbrauch die entscheidende Rolle. Bei den Tomaten, so ein anderes Beispiel, fallen mehrere Aspekte ins Gewicht: Anbaumethode, Wasserverbrauch, Transportweg und die Beheizung der Gewächshäuser. Die Forderung nach einem Blick aufs grosse Ganze meint, dass alle bedeutenden Umweltwirkungen auf dem Lebensweg eines Produkts zu berücksichtigen sind - Rohstoffgewinnung und Produktion so gut wie Anwendung und Entsorgung. Nur so lässt sich in einer ganzheitlichen Betrachtungs­weise, die allen Umweltauswirkungen Rechnung trägt, über Produkte informieren. Nach den konzeptionellen Vorarbeiten werden die neuen Qualitätsstandards nun mit Empfehlungen zu einzelnen Produktgruppen wie Lebensmittel konkretisiert.

Anspruchsvoller Weg zum Ziel. Die BAFU-Fachleute entwickeln die Anforderungen für gute Umweltinformationen auf Produkten nicht  im Alleingang, sondern führen Diskussionen unter anderem mit Konsumentenschützerinnen und Wirtschaftsvertretern. Im Prinzip unterstützen alle Beteiligten die Bemühungen um mehr ökologische Markttransparenz. Doch, so zeigte sich in den Gesprächen, sollen die zusätzlichen Informationsanstrengungen nicht zu hohe Kosten verursachen, und sie müssen mit denjenigen auf europäischer Ebene abgestimmt sein. Vor allem aber dürfen keine Labels gefährdet werden, die bereits gut auf dem Markt eingeführt sind. Zusätzliche Informationen sollen zu mehr Sicherheit und keinesfalls zu einer Verunsicherung führen.

In der Tat. Schon heute klagen viele Konsumentinnen und Konsumenten, sie fühlten sich im Alltag beim Fällen umweltbewusster Kaufentscheide überfordert. Stehen zum Beispiel importierte Äpfel aus Neuseeland aus Klimasicht tatsächlich besser da als Schweizer Äpfel, die im Kühlhaus frisch gehalten werden? Genau in solchen Situationen will das Projekt Produktumweltinformationen Klarheit schaffen.

Kaspar Meuli

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Letzte Änderung 14.02.2012

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