Gespräch: «Im nachhaltigen Investment steckt ein riesiges Potenzial»

Wie steht es um den Schweizer Finanzplatz hinsichtlich Nachhaltigkeit? Im Gespräch mit dem Magazin «umwelt» blicken Sabine Döbeli vom Verein Swiss Sustainable Finance, Martin Hess von der Schweizerischen Bankiervereinigung und David Gerber vom Staatssekretariat für internationale Finanzfragen optimistisch in die Zukunft. Die Bemühungen zur Erarbeitung von attraktiven Rahmenbedingungen sollten allerdings intensiviert werden.

Interview: Gregor Klaus

(v.l.) Dr. Martin Hess ist seit 2010 Chefökonom und Direktionsmitglied der Schweizerischen Bankiervereinigung sowie Mitglied der Chief Economist Group des Europäischen Bankenverbands. Dr. David Gerber ist Leiter der Sektion Finanzmarktpolitik und Stellvertretender Leiter der Abteilung Märkte beim Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF). Er fungiert zudem als Sekretär des vom Bundesrat eingesetzten Beirats Zukunft Finanzplatz. Sabine Döbeli ist Geschäftsleiterin des Vereins Swiss Sustainable Finance, Mitglied des beratenden Organs für Umweltforschung des BAFU und seit über 20 Jahren im Bereich der nachhaltigen Finanzanlagen tätig.
© Flurin Bertschinger, Ex-Press/BAFU

umwelt: Frau Döbeli, Sie sind Geschäftsführerin des Vereins Swiss Sustainable Finance, der 2014 gegründet wurde. Dessen Ziel ist es, die Schweiz «zu einem führenden Finanzplatz für nachhaltige Finanzen» zu entwickeln. Nachhaltige Fonds machen zurzeit aber nur 4,5 Prozent des gesamten Marktes aus. Wieso beschleunigt sich der angestrebte Transformationsprozess nicht stärker?

Sabine Döbeli: Ich sehe im Moment sehr viel Bewegung und Dynamik im Bereich nachhaltige Finanzen. Die Schweiz verfügt über viele innovative Player, beispielsweise bei der privaten Vermögensverwaltung. Wir dürfen das Thema nachhaltige Finanzen allerdings nicht auf spezifische, nachhaltige Produkte reduzieren. Es geht bei dem Thema auch um eine breite Integration in die Finanzwelt. Und gerade dort hat sich in letzter Zeit sehr viel getan. So sind verschiedene Privatbanken dazu übergegangen, zumindest ein Grundset an Nachhaltigkeitskriterien bei allen Entscheidungsprozessen einzubeziehen. Diese Entwicklung ist an den Marktzahlen nicht direkt ablesbar.

Hat das Klimaabkommen von Paris, das unter anderem zum Ziel hat, Finanzflüsse klimafreundlich auszurichten, den nachhaltigen Finanzprodukten Auftrieb gegeben?

Döbeli: Auf jeden Fall. Es wurde ein verbindliches Ziel definiert – und das ist gerade für Investoren wichtig. Das Klimaabkommen hat bereits zu neuen oder verbesserten Produkten geführt, so etwa zu optimierten Klimaschutz-Indizes. Erste Pensionskassen steigen aus Investitionen in Kohle und fossile Energien aus. Das Klimaabkommen ist auch auf der Agenda von internationalen Finanzgremien.

Herr Hess, die Schweizerische Bankiervereinigung versteht sich als Interessenvertretung von 355 Banken und Kreditinstituten gegenüber staatlichen Stellen und will das weltweite Image des Finanzplatzes Schweiz aufwerten. Allerdings äussert sie sich selten aktiv zu nachhaltigen Finanzen. Wie beurteilen Sie den Markt für nachhaltiges Investment?

Martin Hess: Im nachhaltigen Investment steckt ein riesiges Potenzial. Es hat noch nie eine derart grosse Zunahme an Finanzvermögen gegeben wie in den letzten Jahren. Dieses Vermögen will angelegt werden. Es herrscht ein regelrechter Anlagenotstand. Wenn Finanzprodukte auf den Markt gelangen, welche Nachhaltigkeit bei einem guten Rendite-Risiko-Verhältnis bieten, steht einem Durchbruch nichts im Wege. Wenn wir aber wirklich den Privatsektor einbinden wollen, müssen wir damit aufhören, Nachhaltigkeit mit Verzicht gleichzusetzen.

Sie haben als Vertreter der Schweizerischen Bankiervereinigung aktiv am Dialogpapier «Proposals for a Roadmap towards a Sustainable Financial System in Switzerland» mitgewirkt, das unter der Leitung des BAFU partizipativ erarbeitet wurde. Wie verlief der Dialog?

Hess: Er war sehr positiv. Alle wichtigen Akteure – Finanzsektor, Bund, Wissenschaft und Nicht-regierungsorganisationen – sassen von Beginn weg gemeinsam an einem Tisch. Mir gefiel sowohl der Prozess als auch der Konkretisierungsgrad. Das Endprodukt bestand nicht nur aus theoretischen Papieren, sondern aus konkreten Empfehlungen für alle relevanten Akteure.

Drei Viertel der Infrastruktur, die 2050 global benötigt wird, ist noch nicht gebaut – eine riesige Chance, sie nachhaltig aufzugleisen. Dies war unter anderem Gegenstand des Dialogs zwischen Schweizer Finanzexperten und dem BAFU, aus dem die Publikation «Proposals for a Roadmap towards a Sustainable Financial System in Switzerland» hervorging. Der vom BAFU herausgegebene Expertenbericht umfasst 20 Massnahmen für 5 Kernbereiche des Finanzsektors, um den Schweizer Finanzplatz stärker auf Nachhaltigkeit auszurichten.
© SBB

Herr Gerber, der Bund engagiert sich in internationalen Gremien für ein nachhaltiges Finanzsystem, beispielsweise bei den Arbeiten der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, der G20, im Finanzbereich und im Rahmen des Umweltprogramms der UNO. Gleichzeitig will der Staat aber keine neuen Gesetze und Vorschriften erlassen. Ist der Staat hier nicht zu zögerlich?

David Gerber: Ich denke nicht. Zusammen mit dem BAFU haben wir das Thema ökologische Nachhaltigkeit und Finanzmarktpolitik frühzeitig in Angriff genommen. Wir arbeiten sehr eng mit der Branche zusammen, haben einen Dialog aufgebaut und bringen die verschiedenen Akteure an einen Tisch. Im Februar 2016 hat der Bundesrat die Grundsätze für eine konsistente Finanzmarktpolitik und eine aktive Rolle der Schweiz in internationalen Gremien in diesem Bereich festgelegt. «Konsistenz» bezieht sich dabei auf die bewährten Prinzipien der Schweizer Wirtschafts- und Finanzmarktpolitik: Es gilt das Primat der marktwirtschaftlichen Lösungen, die auch das Prinzip der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung beinhalten. Der Bundesrat hat in seinem Bericht zur zukünftigen Finanzmarktpolitik der Nachhaltigkeit eine prominente Rolle zugesprochen: Nachhaltige Anlagen sind als zentrales Element im Bereich Innovationen integriert. Er sieht sowohl die möglichen Risiken für die Finanzmarktstabilität als auch die Chancen, die sich für den Finanzplatz Schweiz ergeben, sich im Bereich nachhaltige Finanzen optimal zu positionieren. Die Positionierung muss aber letztlich von der Branche ausgehen. Gefragt sind auch die Unternehmen in der Realwirtschaft. Wenn sie nachhaltiger werden, werden auch die Investitionen nachhaltiger.

Döbeli: Ich finde, der Staat könnte durchaus aktiver werden. In der Europäischen Union wurde kürzlich eine Richtlinie für Pensionskassen verabschiedet, die es obligatorisch macht, bei Investitionen ökologische und soziale Faktoren sowie Fragen der Unternehmensführung – die sogenannten ESG-Kriterien – einzubeziehen. Transparenz bezüglich der Nachhaltigkeitswirkung von Portfolios muss vermehrt eingefordert werden: Die Anleger, aber auch die Versicherten sollen wissen, welche ökologischen Auswirkungen ihre Finanzentscheide haben. Es ist denkbar, dass Banken auf ihren Produktblättern informieren, wie nachhaltig die Portfolios sind und welche Auswirkungen Finanzentscheide haben. Es gibt bereits Banken, die auf jedem Fonds-Factsheet eine Nachhaltigkeitsbewertung integrieren. Das macht es für die Kunden viel einfacher, Nachhaltigkeit in ihre Anlageentscheide einzubeziehen. Wäre es obligatorisch, liesse sich der Prozess gezielt beschleunigen.

Benötigen wir also neue Regulierungen?

Gerber: Nein, aber Transparenz ist ein ganz wichtiges Stichwort. Es ist die Voraussetzung dafür, dass man sinnvoll nachhaltig investieren kann. Ich finde allerdings nicht, dass der Staat Transparenzvorschriften verordnen sollte. Investitionsentscheide unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit können bereits anhand der heutigen Rahmenbedingungen gefällt werden. Neben der Transparenz stellt uns aber auch die Messbarkeit des ökologischen und gesellschaftlichen Erfolges nachhaltiger Anlagen vor grosse Herausforderungen. Wir sind dabei, diese Methoden auf internationaler Ebene weiterzuentwickeln, um die Vergleichbarkeit zu verbessern und zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen.

Hess: Die Förderung von nachhaltigen Investitionen hängt auch davon ab, dass Investitionen planbar sind. Investoren brauchen ein gewisses Mass an Sicherheit. Investieren sie in eine Windkraftanlage, können sie nicht jahrelang warten, bis alle Einsprachen behandelt worden sind und das Projekt bewilligt ist.

Andere Länder wie Frankreich, Grossbritannien und Holland haben ihre nationalen Vorschriften angepasst, um Nachhaltigkeitsgrundsätze in ihren Finanzsystemen besser zu verankern. Verliert der Schweizer Finanzplatz an Wettbewerbsvorteilen?

Hess: Anders als andere Finanzplätze setzen wir in der Schweiz nicht auf Hochglanzprospekte, sondern kündigen Sachen erst an, wenn wir sicher sind, dass sie absolut wasserdicht sind. Das betrifft nicht nur die Nachhaltigkeit. Wenn ich mir aber anschaue, wie dynamisch sich die nachhaltigen Anlagen entwickelt haben und wie stark sich die Behörden und auch die Branche bei Swiss Sustainable Finance engagieren, dann bin ich zuversichtlich, dass die Stossrichtung stimmt. Und dies gelingt ohne enges Regulierungskorsett. Denn es ist klar, dass sich Innovation nicht dekretieren lässt.

Döbeli: Ich würde mir aber wünschen, dass von den Topmanagern der Finanzbranche mal jemand klar und deutlich ausspricht, dass mit nachhaltigen Finanzen eine riesige Chance verbunden ist. Das gäbe dem Thema einen enormen Schub. Andere Nationen sind bei der Kommunikation und der Geschwindigkeit der Umsetzung einfach besser. Studien zeigen, dass die reichsten Kunden dieser Welt nicht mehr einfach anlegen, sondern mit ihrem Geld eine positive Wirkung erzielen wollen. Da müssen sich die Schweizer Banken schon noch etwas bewegen, wenn sie für diese Kunden attraktiv bleiben wollen.

Worin sehen Sie die Rolle von Aktionären und Verwaltungsräten, wenn es darum geht, den heute bereits bestehenden Spielraum einzufordern und auszunützen?

Gerber: Diese Akteure haben Einflussmöglichkeiten, weil sie Firmen steuern. Fliesst der Nachhaltigkeitsgedanke in die Unternehmen ein, werden sie interessant für Investoren, die an nachhaltigen Anlagen interessiert sind. Nachhaltigkeit wird damit für die Unternehmensführung und für die Aktionäre und Aktionärinnen zunehmend zu einem Erfolgsfaktor.

Sind Kundenberater eigentlich darauf vorbereitet, wenn jemand nachhaltige Finanzenanlagen nachfragt?

Döbeli: Mehr Ausbildung zu nachhaltigen Finanzen ist enorm wichtig, und zwar von der Berufsausbildung über das Studium bis hin zu den Weiterbildungsangeboten. Man kann heute immer noch Finanzen studieren, ohne jemals etwas zum Thema Nachhaltigkeit gehört zu haben. Oder an einen Kundenberater geraten, der von nachhaltigen Anlagen generell abrät, weil die Rendite schlecht sei. Schrittweise verbessert sich aber die Situation.

Hess: Die Institute müssen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausbilden und unterstützen, damit sie nachhaltige Produkte aktiv anbieten können. Andererseits gibt es immer mehr Kunden, die ganz auf Beratung verzichten. Die aufkommende Digitalisierung von Finanzdienstleistungen kann eine riesige Chance sein, wenn Nachhaltigkeitskomponenten systematisch integriert werden und als solche sichtbar sind.

Wo stehen wir in zehn Jahren im Bereich nachhaltige Finanzen?

Gerber: Nachhaltigkeit ist für mich ein typisch ökonomisches Thema: Es geht um die Knappheit von Ressourcen. Genau deshalb wird es nie von der Bühne verschwinden. Ich hoffe, dass es bis in zehn Jahren gelingt, einen international anerkannten Standard mit gemeinsamen Begrifflichkeiten zu entwickeln und ihn auch überall anzuwenden. Nur so können nachhaltige Finanzanlagen kohärent erfasst und transparent dargestellt werden.

Döbeli: Ich bin überzeugt davon, dass es in zehn Jahren zum Standard gehört, die ESG-Faktoren in jeden Finanzentscheid einzubeziehen.

Hess: Ich glaube auch, dass wir die heutige Diskussion in zehn Jahren nicht mehr führen werden, weil Nachhaltigkeit in die Prozesse eingearbeitet ist. Wir befinden uns zurzeit in einem Lernprozess, und der wird irgendwann abgeschlossen sein.

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Letzte Änderung 22.08.2018

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