Ressourcenkonsum: Wo liegt das naturverträgliche Mass?

20.05.2015 - Wollten alle Menschen so leben wie wir in der Schweiz, wären fast drei Erden nötig. Doch in welchen Umweltbereichen schlagen wir beim Ressourcenverbrauch über die Stränge? Eine methodisch neuartige Studie analysiert mögliche Orientierungsgrössen für das naturverträgliche Mass. Sie berücksichtigt auch die Güter, die für die Schweizer Bevölkerung im Ausland erzeugt wurden.

Ökologischer Fussabdruck der Schweiz
Der ökologische Fussabdruck der Schweiz enthält die Umweltbelastungen aller Güter, welche die hiesige Bevölkerung verbraucht - auch derjenigen, die importiert werden. Der Anteil dieser «grauen Emissionen» ist im internationalen Vergleich hoch.

Text: Pieter Poldervaart

Der Konsum der Schweizer Bevölkerung ist in der Vergangenheit stetig gewachsen. Doch was bedeutet das für die Umwelt? Innerhalb der Schweizer Landesgrenzen wurden in den letzten Jahren Seen und Fliessgewässer sauberer, und seit 1980 ist die Luftbelastung durch Schwefeldioxid auf ein Sechstel zurückgegangen - Filter und modernere Verbrennungsmotoren zeigen Wirkung.

Globale Handelsströme enthalten «graue Emissionen»

Der steigende Konsum hat aber zu einer Zunahme bei den Importen von Produkten geführt, und für diese werden Ressourcen im Ausland verbraucht. Dennoch orientiert sich die klassische Umweltpolitik an nationalen Territorien. Dadurch liegen die Vorleistungen, die im Ausland in die Wertschöpfungskette eingebracht werden, ausserhalb der Systemgrenzen: Die «grauen Emissionen» der Importgüter fallen aus der Betrachtung heraus. Dass diese auf das Inland begrenzte Sicht nicht ausreicht, zeigt allein schon die Tatsache, dass laut Zahlen des Bundesamtes für Statistik der schweizerische Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln 2011 bei brutto 63 % lag. Er fällt 8 Prozentpunkte tiefer aus, wenn man die Futtermittelimporte berücksichtigte, die im Inland zu Milch und Fleisch umgewandelt werden. Denn jährlich werden für Schweizer Nutztiere über 1 Million t Soja, Mais und Gerste eingeführt. Der Futtermittelanbau ist eine wichtige Ursache für die Abholzung von Regenwäldern und die Erosion von landwirtschaftlichen Böden, was mit negativen Folgen für die Artenvielfalt und das Weltklima verbunden ist - jedenfalls dann, wenn die Futtermittel nicht nach ökologischen Standards angebaut wurden. Dies gilt natürlich auch für andere Rohstoffe wie zum Beispiel Kaffee oder Kakao.

Fussabdruck-Perspektive ausgeweitet

Würde die ganze Menschheit gleich viel verbrauchen wie derzeit die Schweizer Bevölkerung, bräuchte es 2,8 Erden. Dies zeigt der sogenannte ökologische Fussabdruck. Er veranschaulicht, in welchem Ausmass unser Konsumverhalten die Erde beansprucht. «Allerdings ist er auf die CO2-Emissionen und die Beanspruchung von Land beschränkt», gibt Andreas Hauser von der BAFU-Sektion Ökonomie zu bedenken.

Das BAFU entschied sich deshalb für ein breiteres Set von Indikatoren, das neben Treibhausgasen und Landnutzung zum Beispiel auch die Auswirkungen von Stickstoff einbezieht. Zur Analyse des naturverträglichen Masses setzte das Bundesamt für seine kürzlich veröffentlichte Studie Environmental Limits and Swiss Footprints Based on Planetary Boundaries (Naturverträgliches Mass und Schweizer Fussabdrücke gestützt auf planetare Belastungsgrenzen1). Dieses international bekannte Konzept wurde 2009 vom Stockholm Resilience Centre entwickelt. Die hierfür angewandte Methode zeigt die bio-physikalischen Grenzen auf, innerhalb derer nicht mit abrupten oder irreversiblen Veränderungen in den globalen Umweltsystemen zu rechnen ist.

Das bekannteste Beispiel ist das Klimasystem: Gemäss UN-Klimarahmenkonvention soll eine «gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems» verhindert werden. Dies wird heute in der Regel so verstanden, dass die Durchschnittstemperatur nicht um mehr als 2 Grad steigen darf. Eine stärkere Erwärmung hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit gravierende Folgen.

Schweiz mit hohem Auslandsanteil

«Die Schweiz ist eines der ersten Länder, die diesen Ansatz anwenden, um das naturverträgliche Mass des Ressourcenkonsums abzuschätzen - unter anderem, weil unser Land dafür einen besonders interessanten Fall darstellt», sagt Andreas Hauser. Zum einen verfüge die Schweiz über eine gute Datenlage mit vergleichsweise langen Zeitreihen. So publizierte das BAFU beispielsweise Mitte 2014 einen Bericht, welcher die Entwicklung der Umweltauswirkungen des Schweizer Konsums im In- und Ausland von 1996 bis 2011 detailliert nachzeichnet2. Und zum anderen weise unser Land als Dienstleistungsgesellschaft einen starken grenzüberschreitenden Güterverkehr mit grossen Mengen von importierten Waren auf.

Die neue BAFU-Studie bestätigt nun, dass der Verbrauch der Schweiz - unter Einbezug der grenzüberschreitenden Faktoren - deutlich zu hoch ist. Dies vor allem in vier Bereichen: Erstens überschreitet unsere Emission von Treibhausgasen das aus theoretischer Sicht verträgliche Mass um rund das 20-Fache. Fast ebenso dramatisch ist zweitens der Beitrag unseres Landes zur Versauerung der Ozeane; dieser beträgt fast das 15-Fache jenes Wertes, der im Modell als naturverträglich bezeichnet wird. Drittens erreicht der Stickstoff-Output mehr als Doppelte des gemäss Modellannahmen als tragbar errechneten Niveaus. Dasselbe gilt viertens auch für den Beitrag der Schweiz zum globalen Verlust an Biodiversität.

Die Zahlenwerte sind allerdings mit erheblichen Unsicherheiten behaftet und können daher nur als ungefähre Grössenordnungen verstanden werden. Neben diesen vier Kategorien listet die Studie weitere Bereiche auf, bei denen die Auswirkungen des Schweizer Konsums im In- und Ausland im Auge behalten werden sollten: Landverbrauch, Phosphorbelastung, Wasserverbrauch sowie Ausstoss von Feinstaub und Chemikalien.

«Zwar spüren wir von den Folgen des weltweiten, ungezügelten Verbrauchs an Naturgütern derzeit noch wenig», räumt Andreas Hauser ein. Denn negative Wirkungen zeigten sich meist mit Verzögerung. Zudem lägen andere Länder mit ihrer Umweltbelastung unter dem verträglichen Mass und kompensierten quasi unser Verhalten. Mit zunehmendem Wohlstand werde aber auch der Verbrauch in Entwicklungs- und Schwellenländern steigen. Handeln werde damit dringender. «Die Studie stellt nun die Grössenordnungen dar und unterstreicht, wo aus nationaler und globaler ökologischer Sicht der Handlungsdruck besonders gross ist.»

Private, Wirtschaft und Staat stehen in der Pflicht

Doch was können wir tun? Privatpersonen etwa können ihren Verbrauch reduzieren, indem sie ihre Flugreisen einschränken, dem öffentlichen Verkehr gegenüber dem motorisierten Individualverkehr den Vorzug geben und möglichst keine noch geniessbaren Lebensmittel wegwerfen. Die Wirtschaft ihrerseits investiert schon aus eigenem Interesse seit Jahren in effiziente Produktionsanlagen. Für sie steht mit dem Netzwerk Ressourceneffizienz Schweiz (Reffnet) ein Angebot zur Verfügung, das vom BAFU im Rahmen des Aktionsplans Grüne Wirtschaft unterstützt und begleitet wird.

Auch die öffentliche Hand kann wichtige Beiträge leisten. So arbeiten etwa die Betreiber von Kehrichtverbrennungsanlagen daran, selbst kleinste Metallteilchen aus der Schlacke zurückzugewinnen. Ein potenziell wichtiger Hebel ist auch die öffentliche Beschaffung. «Private, Firmen und Verwaltung müssen sich bewusst sein, dass importierte Güter eine ökologische Vergangenheit haben und im Herkunftsland Rohstoffe, Wasser, saubere Luft oder Energie verbrauchen, die in die Umweltbilanz einberechnet werden müssen», betont Andreas Hauser.

Dass gemeinsames Handeln auf internationaler Ebene erfolgreich sein kann, zeigt der Kampf gegen die Ausdünnung der Ozonschicht. Mit dem 1989 in Kraft getretenen Montreal-Protokoll wurde die Emission von ozonschichtschädigenden Chemikalien verboten. Seit 2012 wird das Ozonloch nun allmählich wieder kleiner.

Orientierungsgrössen, aber keine Zielwerte

Das Konzept der Planetary Boundaries berücksichtigt zwar zahlreiche Umweltbelastungen und ist deshalb umfassender als der ökologische Fussabdruck. Noch fehlen jedoch Erfahrungen mit dieser Methodik. Die Studie habe somit Pioniercharakter, auch wenn sie auf einer schwedischen Untersuchung aufbaute und im Einklang mit ähnlichen Arbeiten vor allem aus dem europäischen Raum agierte, stellt Andreas Hauser fest. «Die Werte, die in der Studie als naturverträgliches Mass angegeben werden, sind nicht als politische Zielwerte zu verstehen.» Um solche zu erhalten, sei es nötig, die Verantwortung der Schweiz, die umsetzbaren Potenziale sowie Kosten und Nutzen möglicher Massnahmen breit zu diskutieren.

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Letzte Änderung 20.05.2015

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