Umweltmanagement: Veranstalter schalten auf Grün

22.05.2012 - Ökologische und soziale Anliegen stehen nicht im Zentrum von Grossanlässen, fliessen aber zunehmend in deren Planung ein. So berücksichtigen immer mehr Organisatoren bei ihren Vorbereitungsarbeiten auch Aspekte der Nachhaltigkeit. Inzwischen sind erste Instrumente für das entsprechende Management und Reporting verfügbar, welche die Branche bei der Bewältigung dieser Aufgaben unterstützen.

Als Mitorganisatorin der Fussball-Europameisterschaft Euro 08 setzte die Schweiz neue Standards für die Planung und Durchführung von nachhaltigen Grossveranstaltungen. Zum Bündel der Massnahmen gehörte auch ein möglichst umweltverträgliches Abfallmanagement.
© Keystone

«Im Sport gewinnt, wer seine Ressourcen am effizientesten einsetzt», stellt BAFU-Direktor Bruno Oberle fest. «Dies gilt auch für die natürlichen Ressourcen bei der Planung und Durchführung von Sportanlässen.» Unter dem Druck von Interessenverbänden und einer zunehmend sensibilisierten Öffentlichkeit, die umweltgerechtere Grossveranstaltungen fordern, bemühen sich die Organisatoren wichtiger Sport-, Kultur- oder Wirtschaftsanlässe heute vermehrt, negative Auswirkungen ihrer Events auf Umwelt und Gesellschaft zu verringern. Das gilt für Olympische Spiele, internationale Wettkämpfe, Konzerttourneen und Ausstellungen ebenso wie für Messen.

Der ökologische Fussabdruck der Eventbranche ist nämlich in fast allen relevanten Umweltbereichen spürbar, angefangen beim Boden-, Energie- und Rohstoffverbrauch über Abfall und Lärm bis hin zum Verkehr. In den letzten Jahren sind verschiedene Hilfsmittel zur Unterstützung der Veranstalter entwickelt worden, damit diese ihre Anlässe nachhaltiger organisieren können. Dazu gehören etwa Richtlinien für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, ein internationales Normensystem oder praxisorientierte Tipps für die Planung und Durchführung.

Die Organisatoren internationaler Grossanlässe anerkennen inzwischen, dass sie Nachhaltigkeitsanliegen bereits in der Vorbereitungsphase zwingend berücksichtigen müssen. Bestens dokumentiert sind in dieser Hinsicht die ­Alpinen Skiweltmeisterschaften von 2003 in St.Moritz, die Fussball-WM 2006 in Deutschland, die Winterolympiade 2010 in Vancouver sowie die kommenden Olympischen Sommerspiele 2012 in London.

Die Euro 2008 als Vorbild. Dank dem Engagement der Schweiz und Österreichs als Gastgeberländer ist es gelungen, für die Fussball-Europameisterschaft 2008 ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept mit rund 60 Massnahmen in 12 Themenfeldern auszuarbeiten. Es deckte unter anderem die Umweltbereiche Klimaschutz, Verkehr, Abfall und Lärm ab. Als Novum für einen Fussballwettbewerb dieser Grösse erschien zudem nach Abschluss der EM ein detaillierter Nachhaltigkeitsbericht.

Damit die Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten, nahmen die Austragungsländer mit der internationalen Organisation Global Reporting Initiative (GRI) Kontakt auf. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, allgemeingültige Richtlinien für die Berichterstattung über wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Leistungen von Unternehmen sowie von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen auszuarbeiten. «Wir haben festgestellt, dass es keine Vergleiche mit ähnlichen Anlässen gibt. Deshalb war es schwierig, die Aspekte der nachhaltigen Entwicklung im Rahmen der Euro 2008 gesamthaft zu betrachten», erklärt Roger Keller von der Sektion Landschaftsqualität und Ökosystemleistungen beim BAFU. «Da es sich aber um einen wiederkehrenden Anlass handelt, schien es uns wichtig, Leitlinien auszuarbeiten, die auch für andere Grossanlässe Geltung besitzen.»

Olympische Sommerspiele als Praxistest. Das Organisationskomitee der Olympischen Spiele und der Paralympics vom Sommer 2012 in London sowie das Internationale Olympische Komitee haben sich der schweizerisch-österreichischen Initiative angeschlossen. Im Januar 2012 veröffentlichte die GRI als Ergänzung ihres bestehenden Leitfadens das sogenannte Event Organizers Sector Supplement. Es richtet sich an die Veranstalter von Grossanlässen und enthält eine Anleitung für die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den wirtschaftlichen und ökologischen Folgen, der Standortwahl, der Versorgung sowie der Erreichbarkeit des Anlasses. Dieses Sector Supplement ist das Ergebnis einer zweijährigen Arbeit und eines breit abgestützten Konsenses in einem Netzwerk unterschiedlicher Anspruchsgruppen mit Sachverständigen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Hochschulen und Berufsverbänden. An der Sommerolympiade in London werden die kostenlos zur Verfügung gestellten Richtlinien nun erstmals im Rahmen eines Grossanlasses im Massstab 1:1 getestet.

Nach der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie für die Euro 2008 intensivierten die Bundesämter für Umwelt (BAFU), Sport (BASPO) und Raumentwicklung (ARE) die Zusammenarbeit untereinander und mit den Akteuren aus dem Sportbereich, wie etwa dem Dachverband Swiss Olympic. In näherer Zukunft dürften die GRI-Standards auch an den Leichtathletik-Europameisterschaften 2014 in Zürich oder an anderen von SwissTopSport (Vereinigung der bedeutendsten Sportveranstaltungen der Schweiz) durchgeführten Grossanlässen zur Anwendung kommen.

Neue ISO-Norm in Sicht. Auch die Internationale Normenorganisation (ISO) befindet sich mit ihrer neuen Norm ISO 20121 auf der Zielgeraden. Sie wird an den Olympischen Sommerspielen 2012 in London ihre Feuertaufe erleben. Mit einem ergebnisorientierten Ansatz will die ISO anhand von organisationsbezogenen Kriterien für Grossanlässe aller Art die nachhaltige Entwicklung unterstützen. Dabei geht die Normenorganisation auf die Bedürfnisse der Eventbranche als Ganzes ein, angefangen bei den Organisatoren über die Kundinnen und Kunden bis hin zu den Lieferanten. Das BAFU unterstützt die neue ISO-Norm: «Sie ermöglicht es, den Managementprozess zu optimieren, und ist dadurch für die Eventveranstalter ein wertvolles Arbeitsinstrument», sagt Roger Keller.

Tipps für die Praxis. Daneben gibt es Hilfsmittel, die speziell für mittelgrosse und kleinere Veranstaltungen im Inland entwickelt worden sind. Dabei steht das «Gewusst wie» beim Organisieren von umweltgerechten Veranstaltungen im Vordergrund. Ein Beispiel dafür ist die Informationsplattform www.ecosport.ch. Diese Initiative von Swiss Olympic unter der Schirmherrschaft von BAFU, BASPO, ARE und des Bundesamtes für Energie (BFE) bietet praxisbezogene und konkrete Ratschläge für Organisatoren von Sportanlässen. Um den sportlichen Wettstreit um mehr Nachhaltigkeit anzuregen, organisiert ecosport.ch jedes Jahr einen Wettbewerb. Dabei werden die wirksamsten und innovativsten Massnahmen ausgezeichnet und die Erfahrungsberichte der Veranstalter ins Internet gestellt. Auf diese Weise will man den Erfahrungsaustausch unter den Organisatoren unterstützen.

Praktische Tipps für Organisatoren vermittelt auch das Portal www.saubere-veranstaltung.ch. Hinter der gleichnamigen Interessengemeinschaft steht eine vom Bund unterstützte Gruppierung von Kantonen, Städten und Gemeinden. Ergänzend zu ecosport.ch deckt sie neben sportlichen Events auch Konzerte sowie Strassen- oder Dorffeste ab. Beide Initiativen beruhen auf Freiwilligkeit und unterstützen das Engagement seitens der Organisatoren.

Perfekte Ergänzung. Doch wie finden sich die Eventveranstalter unter all den Möglichkeiten zurecht, die ihnen inzwischen zur Verfügung stehen? Dies sei relativ einfach, meint Roger Keller vom BAFU. «Die drei Hilfsmittel ergänzen sich nämlich bestens: Die ISO-Norm optimiert den Managementprozess eines Anlasses, die GRI-Richtlinien helfen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung und die Websites www.ecosport.ch sowie www.saubere-veranstaltung.ch schlagen konkrete Massnahmen vor.» Unter der Voraussetzung, dass die Nachhaltigkeit als Prinzip in den Eventgrundsätzen verankert ist, wird jeder Veranstalter das für ihn Passende finden.

Zwar sind die entsprechenden Massnahmen nach wie vor freiwillig, doch ist das Bewusstsein der Eventbranche für ihre ökologische Verantwortung in jüngster Zeit stark gewachsen. «Organisatoren, aber auch Sponsoren gehen immer öfter konkrete Verpflichtungen ein», stellt Roger Keller fest. Vorerst jedoch scheinen die Sponsoren ihr Engagement noch nicht an Auflagen wie etwa eine Nachhaltigkeitscharta zu knüpfen, obwohl sich dies gewinnbringend kommunizieren liesse.

Trümpfe in der Hand des Bundes. Der Bund nimmt eine wichtige Rolle ein, indem er allgemeine normative und rechtliche Rahmenbedingungen festlegt. Für deren Umsetzung sind indessen oft die Kantone oder Gemeinden zuständig, wie zum Beispiel bei der Lärmbekämpfung. Zum jetzigen Zeitpunkt kann der Bund für Veranstaltungen nur Mindeststandards im Bereich der Nachhaltigkeit vorschreiben, wenn er sich in einem Projekt finanziell engagiert - so wie bei der Euro 2008. Allerdings kann er auch Einfluss auf die Nachhaltigkeit der von der öffentlichen Hand unterstützten Infrastruktur nehmen. Dies geschieht vor allem über das Nationale Sportanlagenkonzept (NASAK), das Normen bezüglich Zugänglichkeit und Auswirkungen auf Natur und Landschaft definiert. Ausserdem will der Bund in einem Pilotprojekt die Anwendbarkeit der GRI-Richtlinien auf wiederkehrende Anlässe überprüfen. «Damit lassen sich Erfahrungen gewinnen, die wir später für andere Anlässe nutzen können», sagt Pierre-André Weber vom BASPO. Das beste Beispiel dafür ist wahrscheinlich die Mitwirkung von Bundesstellen bei der Vorbereitung einer Kandidatur von St. Moritz und Davos für die Olympischen Winterspiele 2022. «Es ist wichtig, dass schon in einem frühen Stadium Zusagen der zuständigen Sportverbände vorliegen. Aus diesem Grund hat sich der Bund bereits mit Swiss Olympic darauf verständigt, dass die nachhaltige Entwicklung im Bewerbungsdossier eine zentrale Rolle spielen wird», betont Pierre-André Weber.

Im April 2011 hat der Bundesrat eine interdepartementale Arbeitsgruppe unter Leitung des BASPO eingesetzt. Sie soll die Ausarbeitung der Kandidatur begleiten und überprüfen, ob die Vorgaben des Bundes eingehalten werden. «Das BAFU ist ebenfalls in der Arbeitsgruppe vertreten und wird dafür sorgen, dass die Empfehlungen des Nachhaltigkeitsberichts der Euro 2008 sowie die strategischen Ziele in den Bereichen Sport und Tourismus umgesetzt werden», kündigt Roger Keller an. Höchstwahrscheinlich werden auch die Richtlinien der GRI in die Kandidatur einfliessen. Entschieden wird aber erst nach 2012.

 

Claude Grimm


Ausgewählte Tipps für Eventveranstalter

Sammelstelle zur einfachen Trennung der verschiedenen Abfallkategorien bei einer Grossveranstaltung.

>Umweltmanagement: Bestimmen Sie eine Umweltverantwortliche oder einen Umweltverantwortlichen.

>Natur: Meiden Sie bei der Wahl des Veranstaltungsortes Schutzgebiete und die Nähe zu empfindlichen Landschaften wie Fluss-, Bach- und Seeufern oder Mooren.

>Verkehr: Wählen Sie Veranstaltungsorte mit einer guten Anbindung an den ÖV und nutzen Sie bestehende Infrastrukturen. Kombinierte Tickets für Veranstaltung und ÖV-Anreise steigern die Attraktivität des umweltfreundlichen ÖV. Fördern sie den Langsamverkehr durch markierte Wege und genügend Abstellplätze für Fahrräder.

>Abfallbewirtschaftung: Setzen Sie für Getränke und Esswaren Mehrweggebinde ein. Pfandsysteme erhöhen den Rücklauf. Trennen Sie Recyclinggüter und Abfälle.

>Lärmbekämpfung: Halten Sie für lärmige Auf- und Abbauarbeiten und eine allfällige Aussenbeschallung die empfindliche Nachtzeit zwischen 22 und 7 Uhr ein.

>Klimaschutz: Vermindern Sie den Ausstoss von Treibhausgasen und kompensieren Sie die nicht vermeidbaren Emissionen.

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 22.05.2012

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/wirtschaft-konsum/dossiers/umweltmanagement-veranstalter-schalten-gruen.html