Erdgas- und Erdölleitungen: Wie hoch ist das Risiko der Pipelines?

22.05.2013 - Rund 2400 km Hochdruck-Rohrleitungen für Erdgas und Erdöl sind in der Schweiz unterirdisch verlegt. Zurzeit wird geprüft, wie hoch das Risikopotenzial der einzelnen Leitungsabschnitte für Mensch und Umwelt ist.

Verlegungsarbeiten
© Swissgas

Text: Pieter Poldervaart

Erdgas ist hierzulande eine relativ junge Energie. Erst seit den 1970er-Jahren wird sie in der Schweiz in grösserem Stil genutzt. Der Transport vom deutschen und französischen Hochdrucknetz zu den Feinverteilungsknoten im ganzen Land erfolgt ab den Grenzorten Wallbach (AG) und Rodersdorf (SO) in Leitungen mit Durchmessern von 10 bis 120 Zentimetern und einem Druck von maximal 85 bar. Weitere Importpunkte liegen in der West-, Nordwest-, Ost- und Südschweiz. Heute sind landesweit 2200 km Erdgas-Hochdruckleitungen und 200 km Erdölleitungen verlegt.

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Bevölkerungsdichte erhöht die RisikenVor 40 Jahren wies das Mittelland noch eine kompakte Siedlungsstruktur auf. Deshalb konnte die Erdgaswirtschaft ihre Hochdruckleitungen grösstenteils in sicherer Distanz zu Dörfern und Gewerbegebieten verlegen. «Doch mit der zunehmenden Zersiedelung häufen sich die Konflikte zwischen Gasversorgung und anderen Nutzungen», erklärt Martin Merkofer von der Sektion Störfall- und Erdbebenvorsorge beim BAFU. 2005 haben Fachleute unter der Leitung von Swissgas deshalb die Arbeiten zur Revision eines Rahmenberichts für standardisierte Risikoanalysen in Angriff genommen. Mitglieder dieses Gremiums waren neben der Erdgas Ostschweiz AG auch das BAFU, das Eidgenössische Rohrleitungsinspektorat (ERI), das Bundesamt für Energie (BFE) - als Bewilligungs- und Aufsichtsbehörde für Rohrleitungen mit einem Druck von über 5 bar - sowie Vertreter der zuständigen Behörden aus den Kantonen Aargau und Zürich. Auf der Grundlage des 2010 verabschiedeten neuen Rahmenberichts erarbeitet nun die − gleich zusammengesetzte − «Arbeitsgruppe Screening» die Methodik für eine Risikoüberprüfung des gesamten Schweizer Erdgas-Hochdruckleitungsnetzes.

Knackpunkt für die Störfallvorsorge ist die zunehmende Bevölkerungsdichte in der Nähe der Rohrleitungen. Denn wie andere Länder beurteilt auch die Schweiz die Risiken dieser Leitungen durch Multiplikation der Eintretenswahrscheinlichkeit eines Störfalls mit dem potenziellen Schaden.

Störfallverordnung für Risikoüberprüfung

Die revidierte Störfallverordnung (StFV) ist per 1. April 2013 in Kraft getreten. War bisher nur die Risikoabschätzung und -reduktion für stationäre Anlagen und Verkehrswege geregelt, so fallen nun neu auch die Hochdruck-Rohrleitungen für Erdgas und Erdöl unter die StFV. Deren Betreiber können mit der neu entwickelten Methodik ihr 2200 km langes Netz in einer ersten Grobbeurteilung in drei Gefahrenkategorien einteilen: Grün für unproblematische Strecken, Orange für solche mit einem mittleren Risiko und Rot für Leitungsabschnitte im nicht akzeptablen Bereich. «Anschliessend werden wir in detaillierten Risikoberichten prioritär die roten Bereiche analysieren», sagt Marc Harzenmoser, Leiter Technik bei Swissgas.

Das Ergebnis eines solchen ausführlichen Risikoberichts kann entweder sein, dass eine Leitung entgegen der ursprünglichen groben Abschätzung nicht im inakzeptablen, sondern im mittleren Bereich liegt, womit keine sofortigen Verbesserungen erforderlich sind. Oder die erste Einschätzung bestätigt sich, sodass Massnahmen nötig werden, um das Risiko mindestens auf ein mittleres Niveau zu senken.

Instrumente zur Risikoreduktion

Die Eintretenswahrscheinlichkeit von Störfällen lässt sich minimieren, indem man die Rohrleitungen optimal konstruiert, sorgfältig wartet und minutiös kontrolliert. Zum Schutz vor äusseren Einwirkungen können zudem Betonplatten über der Leitung verlegt werden. «Europaweite Statistiken zeigen, dass jeder zweite Gasaustritt bei Erdgas-Hochdruckleitungen durch Einwirkungen Dritter verursacht wird», hält Marc Harzenmoser fest. Häufig handle es sich um Bauarbeiten, bei denen die Rohre fahrlässig mit schwerem Gerät beschädigt würden. Um solche Vorkommnisse zu verhindern, existiert in der Schweiz ein eingespieltes Bewilligungsverfahren für Bauarbeiten, die näher als 10 m an eine Hochdruckleitung heranführen.

Andere mögliche Ursachen von Schadensfällen sind Material- und Konstruktionsfehler, Naturgefahren wie Hangrutsche und Überschwemmungen sowie Korrosionsschäden. Um solchen potenziellen Gefährdungen frühzeitig auf die Spur zu kommen und das Risiko zu entschärfen, bieten sich vermehrte Kontrollgänge des Trassees an. Schon heute müssen die Betreiber ihre Rohrleitungen mindestens alle 14 Tage zu Fuss, per Auto oder vom Helikopter aus kontrollieren.

Das potenzielle Schadensausmass lässt sich mit technischen Massnahmen nur begrenzt beeinflussen. Es ist abhängig von der Zahl der Menschen, die in unmittelbarer Nähe der Leitungen wohnen oder arbeiten, sowie von der Grösse und dem Druck einer Leitung.

In urbanen Gebieten untersuchen Erdgaswirtschaft und Behörden zurzeit eine Methode zur Risikoreduktion, bei der die Leitung mittels einer Spülbohrung sehr tief in die Erde verlegt wird. Eine elegante Möglichkeit bietet sich insbesondere auch in Städten an: «Weil Leitungen mit weniger als 5 bar ein viel geringeres Risiko darstellen, prüfen die Betreiber fallweise, den Leitungsdruck zu senken», sagt Marc Harzenmoser. Dass man sich intensiv mit Sicherheitsaspekten beschäftige, sei im Übrigen nichts Neues. Schon heute investierten die Gasnetzbetreiber einen Grossteil ihrer Arbeit in die Schadensprävention.

Interessenkonflikte bei Umzonungen

Nicht immer lässt sich eine problematische Rohrleitung technisch nachrüsten oder durch vermehrte Kontrolle einem tieferen Risikobereich zuschlagen. Zudem führt die rege Bautätigkeit in der Schweiz dazu, dass bestehende Linienführungen immer häufiger in Konflikt mit der Umnutzung von Landwirtschafts- zu Bauland geraten.

Die Betreiber der Hochdruckleitungen sind kaum je selbst Landbesitzer, sondern nutzen die benötigten Parzellen im Rahmen eines Dienstbarkeitsvertrags. Will der Grundeigentümer sein Land anders nutzen und plant auf der bisherigen Wiese beispielsweise Wohnbauten, drohen den Netzbetreibern hohe Kosten für die Umlegung der Hochdruckleitung. Entsprechend aufmerksam studieren sie deshalb die Baupublikationen in den Amtsanzeigern, suchen bei möglichen Konflikten das Gespräch mit Behörden und Bauwilligen oder intervenieren gegebenenfalls mit Einsprachen gegen Umzonungen. So geschehen etwa durch die Transitgas AG in Ruswil (LU), wo eine Sport- und Erholungszone geplant war, oder durch die Swissgas in Unterkulm (AG), wo die Gemeinde Landwirtschaftsland zu Bauland umzonen wollte. In beiden Fällen waren die Betreiber mit ihren Einsprachen erfolgreich.

Bessere Vernetzung mit der Raumplanung

«Der gerichtliche Weg soll aber die Ausnahme bleiben», unterstreicht Marc Harzenmoser von Swissgas. Viel stärker setze man auf frühzeitige Gespräche mit den betroffenen Gemeinden, Kantonen und Bauwilligen. Denn statt einer Konfrontation sei es besser, am Verhandlungstisch eine Lösung zu suchen, die allen Beteiligten gerecht werde.

Um eine bessere Koordination von Raumplanung und Störfallvorsorge zu unterstützen, veröffentlichen die betreffenden Bundesämter demnächst eine Planungshilfe. «Wir motivieren die Kantone, bei der Revision ihrer Richtpläne auf die Rohrleitungen zu achten und der Problematik der Störfallvorsorge Rechnung zu tragen», erklärt Philippe Huber, Leiter Dienst Rohrleitungen im Bundesamt für Energie. Die Planungshilfe soll insbesondere dann zum Tragen kommen, wenn Nutzungspläne im Umfeld von risikorelevanten Anlagen geändert werden. Martin Merkofer vom BAFU sagt dazu: «Die Planungshilfe kann den kantonalen Planungsämtern und den Vollzugsbehörden der Störfallverordnung darüber hinaus auch helfen, einen Konsens zwischen den verschiedenen Nutzinteressen zu finden, wenn der neue Zonenplan bereits rechtskräftig ist.»

Analoges Verfahren für Erdölleitungen

Während bei einem Störfall an einer Erdgas-Hochdruckleitung primär Personen gefährdet sind, besteht bei Erdölleitungen die Gefahr hauptsächlich in der Verschmutzung von Oberflächengewässern und Grundwasser. Seit 2011 entwickelt eine Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz der Erdölvereinigung die Methodik für eine Risikoüberprüfung des 200 km langen Ölleitungsnetzes. Damit wird auch für die Inhaber der hauptsächlich in der Westschweiz angesiedelten Ölpipelines die Grundlage geschaffen, um das Risiko des gesamten Netzes zu überprüfen.

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Letzte Änderung 23.05.2013

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