Tagung Natur und Landschaft, BAFU, 27.11.2024, Stadion Wankdorf, Bern
Rede von Katrin Schneeberger, Direktorin BAFU
Es gilt das gesprochene Wort.
Geschätzte Anwesende
Ich freue mich sehr, Sie heute an der BAFU-Tagung begrüssen zu dürfen. Am Wochenende wurden in Bern die letzten Blumentöpfe eilig von Schnee befreit, mit Mulch zugedeckt oder in den Keller gebracht. Die Prachtkerzen, die gemeine Schafgarbe und der ährige Ehrenpreis werden den ersten Schnee wohl überleben und uns im Sommer wieder mit ihrer Blütenpracht erfreuen. Artenvielfalt hat Einzug gehalten in den Städten – die Bevölkerung engagiert sich und die Behörden nehmen sich auch komplexeren Themen wie der Vernetzung der Lebensräume an. Die Stadt Bern beispielsweise hat einen Plan, wie sie ihre einzige Population der wanderfreudigen Kreuzkröte mit Verwandten in Nachbargemeinden verbinden kann, um das Überleben in der Region zu sichern.
Es geht etwas im Bereich der Biodiversität, die Förderung der Artenvielfalt ist kein abstraktes Konzept mehr, es wird mit sehr konkreten Projekten angegangen. Wie, das hören wir gleich im Anschluss.
Nicht alle «Kröten» lösen hier drin Freude aus. Einige hier im Saal hatten wohl am 22. September mit dem klaren Nein zur Biodiversitätsinitiative so eine unerwünschte Kröte zu schlucken.
Ihnen kann ich sagen: Es ist kein Nein zum Schutz der Artenvielfalt an sich, sondern ein Ja zum aktuellen Weg.
Und auf diesem Weg werden wir konsequent weitergehen. Wir haben dazu die Strategie Biodiversität Schweiz und den Aktionsplan Biodiversität, der Bundesrat hat die zweite Phase soeben verabschiedet.
Biodiversität als eines der strategisch prioritären Handlungsfelder des BAFU
Die Biodiversität berührt sehr viele Themen, darunter die Anpassung unserer Biosphäre an den Klimawandel, das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten oder die facettenreiche Wechselbeziehung von Mensch und Natur. Biodiversität ist wichtig, auch für die Wirtschaft.
Attraktive Landschaften und eine vielfältige Natur haben ein grosses wirtschaftliches Potenzial: Die Touristinnen und Touristen – sie kommen nicht wegen dem verdichteten Mittelland – sie kommen wegen der Steinböcke, der Natur, sie freuen sich über die Spur eines Hasen im Schnee oder den Flug eines Steinadlers.
Der Bundesrat ist überzeugt: Die Biodiversität soll erhalten und gefördert werden. Das BAFU als federführendes Bundesamt setzt sich dafür ein, wertvolle Flächen zu schützen, zu erweitern und zu vernetzen. Gleichzeitig sind Erhaltung und Förderung der Biodiversität keine «One-Office-Show». Es ist eine Verbundaufgabe, es braucht die Partnerinnen und Partner aller Sektoralpolitiken: die Zivilgesellschaft, die Wirtschaft, die Landwirtschaft, die Wissenschaft und Forschung, die Kantone und Gemeinden. Sie alle, meine Damen und Herren, spielen dabei eine wichtige Rolle.
Um diese Ziele zu erreichen, braucht es Massnahmen in verschiedenen Bereichen. Und diese Massnahmen müssen zielgerichtet sein, wir müssen die vorhandenen Gelder priorisieren, überlegt und wirksam einsetzen.
Der Aktionsplan SBS Phase 1 + der internationale Rahmen
Der Aktionsplan SBS Phase 1 steht kurz vor dem Abschluss. Wir konnten mit Sofortmassnahmen und Pilotprojekten in diversen Bereichen Verbesserungen der Biodiversität erreichen. Auch dank Ihnen allen hier drin!
Dass Biodiversität eine Verbundaufgabe ist, wurde in Phase 1 spürbar und auch sichtbar, auch in unerwarteten Bereichen. So enthält etwa das während Phase 1 entstandene Landschaftskonzept Schweiz in allen 13 Sektoralpolitiken Ziele, um die Biodiversität zu erhalten und zu fördern. Wir sollten nicht immer unsere Leistung kleinreden. Wir haben einiges erreicht. Die Biodiversität ist und bleibt aber unter Druck. Unter dem Strich nimmt sie weiter ab. Nicht nur bei uns.
Kürzlich war ich an der Vertragsparteienkonferenz der globalen Biodiversitätskonvention in Cali, Kolumbien. Auch wenn wir in Cali ohne gemeinsame Abschlusserklärung auseinander gingen, ist weiterhin klar: Bis 2030 wollen wir weltweit mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen für die Biodiversität sichern – entweder durch Schutzgebiete oder durch nachhaltige Bewirtschaftungsformen, die den Erhalt der biologischen Vielfalt sichern. Deshalb hat der Bundesrat das UVEK auch beauftragt, eine Liste zu erstellen mit «Gebieten für die Biodiversität». Jener Flächen also, die hierzulande den 30 Prozent zugerechnet werden können.
Der Aktionsplan Strategie Biodiversität Schweiz, Phase 2
Vor wenigen Tagen hat der Bundesrat die zweite Phase des Aktionsplans zur Strategie Biodiversität Schweiz verabschiedet. Sie umfasst insbesondere Massnahmen gegen das Insektensterben, zur Anpassung der Biodiversität an den Klimawandel und zur Förderung der Artenvielfalt in den Siedlungsgebieten.
Besonderes Augenmerk legt der Aktionsplan auf die qualitative Aufwertung und die Vernetzung von Lebensräumen, also hochwertigen Flächen für die Biodiversität.
So wollen wir etwa Flächen, die eine hohe Biodiversität ausweisen, aufwerten und am richtigen Ort weiterentwickeln – in Abstimmung mit den Nutzerinnen und Nutzern, wie dies auch das internationale Ziel vorsieht. Auch hier wieder - konkret heisst das: Wo nötig, soll die ökologische Qualität bestehender Gebiete verbessert werden. Wir haben zum Beispiel nach wie vor viele drainierte Moorgebiete. Das beeinträchtigt diese Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Und schränkt auch ihre Funktion als CO2-Speicher ein. Auf der Basis freiwilliger Vereinbarungen wollen wir bestehende Gebiete vernetzen. Dies sind bewährte Instrumente, die wir aus der Waldpolitik mit den Waldreservaten oder aus der Landwirtschaft mit Mehrleistungen bei Biodiversitätsflächen von hoher Qualität kennen. Die Vernetzung dieser Flächen schafft die Voraussetzung, damit Populationen im Austausch stehen und genetisch gesund bleiben können.
Der Bundesrat hat entschieden, den Aktionsplan in der zweiten Phase dazu zu nutzen, Lücken in den zahlreichen Programmen anderer Sektoren zu schliessen. Er will die bestehenden Bestrebungen zum Schutz der Biodiversität in den verschiedenen Sektoralpolitiken wie der Landwirtschaft oder dem Wald ergänzen. Für diese Massnahmen stehen bis im Jahr 2030 insgesamt 24 Millionen Franken zur Verfügung.
Zusammenarbeit: Biodiversität und andere Bundesämter, Kantone, Gemeinden, Wirtschaft, Private – alle gemeinsam in Richtung strategische Priorisierung
Biodiversität ist nicht nur ein «BAFU-Geschäft». Das VBS untersucht Bundesareale auf ihr Potenzial zur Förderung der Biodiversität. Das Bundesamt für Strassen wertet Grünflächen entlang der Nationalstrassen für die Biodiversität auf. Und das Bundesamt für Verkehr hat die Biodiversität in seine Leistungsvereinbarungen mit den Bahnbetrieben integriert. So werden wertvolle Flächen geschaffen und unterhalten, und erfüllen eine wichtige Vernetzungsfunktion.
Von Fachleuten werden wir heute hören, was andere Wertvolles tun und bewirkt haben in dieser gemeinsamen Verbundaufgabe.
Ich danke ihnen, dass wir bei dieser wichtigen Arbeit auf Sie zählen dürfen.