Ökonomischer Wert der Landschaft: Wir lieben, was wir zerstören

12.02.2012 - Wo sich markante Berggipfel in einem See spiegeln, klettern die Bodenpreise, und es werden höhere Wohnungsmieten bezahlt. Die Attraktivität der Landschaft ist für die Schweiz heute ein bedeutender Wirtschafts- und Standortfaktor. Doch genau diese Anziehungskraft droht den Charakter wertvoller Kulturlandschaften durch eine ungebremste Zersiedelung zu zerstören.

Zunehmender Flächenbedarf pro Person und steigende Bevölkerungszahlen lassen den Wohnungsbau boomen und nichtüberbaute Flächen schrumpfen. Quelle: Arealstatistik, BFS
© Sabine Wunderlin, Zürich

«Die Region Basel liegt klimatisch privilegiert am Rheinknie und geniesst schweizweit die meisten Sonnentage, die höchsten Temperaturmittel und nur selten Nebel. Die Gegend ist deshalb berühmt für ihre Kirschen, und auch der Weinbau hat eine lange Tradition.» Mit solchen Worten wirbt nicht Basel Tourismus um Besucher, sondern die Wirtschaftskammer Baselland für ihren Wirtschaftsstandort.

Sind Natur und Landschaft tatsächlich ein wichtiger Standortfaktor? Würde dies zutreffen, hätte die Erhaltung einer schönen Landschaft mehr mit Ökonomie zu tun als bisher angenommen. Das BAFU wollte es genauer wissen und hat deshalb beim Basler Beratungsbüro B,S,S. die Studie Landschaftsqualität als Standortfaktor: Stand des Wissens und Forschungsempfehlung in Auftrag gegeben. Sie wurde 2011 erarbeitet und beleuchtet den Wert und die Bedeutung der Landschaft für Wirtschaft und Bevölkerung. Die Resultate der Literaturrecherche und der Fachgespräche mit Unternehmen und Wirtschaftsförderern lassen aufhorchen: «Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sich eine attraktive Landschaft positiv auf die Lebensqualität am Wohnort auswirkt und damit auch auf die Wahl des Wohnsitzes von qualifizierten Arbeitskräften», erklärt Pia Kläy von der Sektion Landschaftsqualität und Ökosystemleistungen beim BAFU, welche die Studie begleitet hat. «Dabei ist die Landschaft natürlich nur einer von vielen verschiedenen Standortfaktoren.» Der Zusammenhang ist nicht nur plausibel, sondern lässt sich oft auch mit Zahlen belegen, indem man beispielsweise die verschiedenen Einflussgrössen auf Boden- und Mietpreise mithilfe statistischer Methoden bewertet.

Die Landschaft als Ressource. Zu ähnlichen Schlüssen kommt Avenir Suisse, ein Thinktank, der die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Entwicklung der Schweiz beobachtet und eine streng marktwirtschaftliche Sichtweise vertritt. So wird beispielsweise im Buch Die Neue Zuwanderung - Die Schweiz zwischen Brain-Gain und Überfremdungsangst (NZZ Libro Zürich, 2008) dargelegt, dass der Standort Schweiz für hoch qualifizierte Ausländer sehr attraktiv ist. Die reizvolle Landschaft, welche sich von den urbanen Zentren aus mühelos und schnell erreichen lässt, wird als einer der Gründe für die hohe Lebensqualität im Inland genannt.

Ein detaillierteres Bild liefert eine Publikation aus dem Kanton Genf. Fach­leute der Hochschule für Wirtschaft (Haute Ecole de Gestion de Genève, HEG) haben untersucht, wie sich bestimmte Merkmale der Landschaft auf die Mietpreise auswirken. Diese steigen mit der zunehmenden landschaftlichen Attraktivität, wobei der Blick auf ein Gewässer besonders ins Gewicht fällt. Zu einem ähnlichen Schluss kommt eine Studie der Zürcher Kantonalbank und des BAFU. Sie basiert auf der Auswertung von Informationen aus 640‘000 Wohnungsinseraten. Der Blick auf bestimmte markante Berggipfel, die sich in einem See spiegeln, hat deutlich höhere Mieten zur Folge. Doch nicht nur die Wohnkosten, sondern auch die Bodenpreise erhöhen sich in attraktiven Landschaften, wie eine weitere Studie der Zürcher Kantonalbank gezeigt hat. So verteuert die Sicht auf rund 2000 Hektaren Seefläche den Bodenpreis um rund 20 Prozent.

Natur als Trumpf.Die bisher vorliegenden Studien weisen allerdings ein Defizit auf. Sie untersuchen nämlich meist nur grobe Landschaftsfaktoren, die als Kulisse dienen – wie etwa Seen, Berge oder offenes Kulturland. Zum eigentlichen Charakter der Landschaft gehören aber auch Hecken, regionaltypische Siedlungen, Feldgehölze, artenreiche Trockenwiesen, Feuchtgebiete oder unterschiedliche Nutzungsformen. «Dennoch belegen die Studien, dass die Wohnbevölkerung attraktive Kulturlandschaften grundsätzlich positiv bewertet», sagt Pia Kläy. Dies zeigen auch verschiedene aktuelle Umfragen: So hat die «Aargauer Zeitung» ermittelt, dass eine schöne Natur und Landschaft für die Bevölkerung im Kanton der unangefochtene Standortfaktor Nummer eins ist – vor Steuern und Arbeitsplätzen. Eine für die ganze Schweiz repräsentative Umfrage durch das Beratungsbüro Input bestätigt diesen Befund. Dominant bei der Einschätzung der Qualität des eigenen Wohnorts sind demnach «Wohnlage und Natur».

Werben mit der Landschaft. Landschaft ist zunehmend auch ein Argument bei der Standortförderung. Die im Rahmen der BAFU-Studie befragten Wirtschaftsförderer verwenden als Argument zur Ansiedlung von Unternehmen attraktive und intakte Landschaften - so beispielsweise der Kanton Zug. «Alle Präsentationen zum Wirtschaftsstandort Zug beginnen mit einem Landschaftsfoto und hören auch mit einem solchen auf», sagt Hans Marti von der Kontaktstelle Wirtschaft des Kantons. «Die Landschaft ist ein wichtiger Teil unserer Produktepalette.»

Es stellt sich allerdings die Frage, wie stark die Firmen den Faktor Landschaft beim Standortentscheid gewichten. «Die Unternehmen berücksichtigen zunächst zentrale Faktoren wie Steuersituation und Erreichbarkeit», erklärt Andreas Hauser von der Sektion Ökonomie beim BAFU. «Bei der Endauswahl spielen dann aber oft auch sogenannt weiche Faktoren eine Rolle. Dass die Qualität der Landschaft die Wohnsitzwahl von hoch qualifizierten Arbeitskräften beeinflusst, hat indirekt auch Auswirkungen auf die Standortwahl von Unternehmen.» Die im Frühjahr 2011 publizierte Landschaftsstrategie Schweiz des BAFU konstatiert daher zu Recht: «Landschaft ist Wirtschafts- und Standortfaktor und wichtiger Bestandteil der Marke Schweiz.»

Die Versiegelung des Bodens nimmt zu, wodurch dieser einen grossen Teil seiner ökologischen Funktionen verliert. Ausserdem verändert sich das Landschaftsbild zunehmend von einer offenen zu einer überbauten und technisierten Landschaft. Quelle: Arealstatistik, BFS

Der Beton auf unserer Landschaftsseele.Gleichzeitig stellt die Attraktivität des Wirtschafts- und Wohnstandorts Schweiz auch ein Risiko für die Landschaft dar. Andreas Hauser bringt das Dilemma auf den Punkt: «Attraktive Landschaften sind begehrte Wohn-standorte, doch mit der Bautätigkeit im Grünen beeinträchtigen wir genau diese Landschaftsqualität. Letztendlich zerstören wir, was wir lieben.» Damit wird das Haus im Grünen mittelfristig zu einem Haus in der Agglomeration. «Wir rühmen unsere Landschaft, überziehen sie aber gleichzeitig planlos mit Häusern, Gewerbearealen und Strassen – das ist eine Schweizer Schizophrenie, der Betonklotz auf der hiesigen Landschaftsseele», sagt Pia Kläy.

Das Loblied der Schweiz auf ihre schönen Landschaften droht unglaubwürdig zu werden, wie die Zahlen aus dem Landschaftsbeobachtungsprogramm LABES des BAFU zeigen. Im Rahmen von LABES wird untersucht, welche Dimensionen die Landschaftsveränderung in den letzten Jahrzehnten angenommen hat, wo der negative Trend ungebremst weitergeht und wo Gegenmassnahmen erfolgreich sind. Gemäss dem Fazit der Autoren besteht ein gros-ser Handlungsbedarf. «Die Landschaft Schweiz leidet unter den durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ausgelösten räumlichen Veränderungen: Sie wird zerschnitten, zersiedelt und versiegelt.»

Die Zerschneidung der Landschaft durch Verkehrswege und Siedlungen hat in den letzten 30 Jahren stark zugenommen. Dadurch ist auch die Grösse der unzerschnittenen Flächen rückläufig. Diese Entwicklung bedroht die natürlichen Tierlebensräume, und auch die Landschaft verliert an Attraktivität. Quelle: LABES, BAFU

Kulturlandschaftliche Werte gehen unter anderem durch die ungebremste Ausdehnung der Siedlungs-, Produktions- und Verkehrsflächen sowie durch die Intensivierung der Landnutzung verloren. In der Schweizer Landschaft sind aber auch Erfolge zu verzeichnen. So hat beispielsweise der Anteil von Schutzgebieten an der Landesfläche innerhalb der letzten 20 Jahre kontinuierlich zugenommen, und Massnahmen zugunsten der Landschaftsqualität – wie etwa die Revitalisierung von Bächen – beginnen zu greifen.Nachlässiger Umgang mit einer wertvollen Ressource.«Sorglosigkeit ist wohl das treffende Wort, um zum Ausdruck zu bringen, wie wir in unserem Land in den letzten Jahrzehnten mit der wertvollen Ressource Landschaft umgegangen sind und immer noch umgehen», stellt BAFU-Vizedirektor Willy Geiger im Vorwort zum Bericht «Zustand der Landschaft in der Schweiz» fest. An Mahnern hat es nicht gefehlt, und auch an den gesetz¬lichen Grundlagen kann es nicht liegen. «Es gibt zudem wegweisende Ansätze wie das Landschaftskonzept Schweiz und den Entwurf für ein Raumkonzept Schweiz», sagt Andreas Hauser. «Die Herausforderung ist aber, dass sich die Leute auch danach orientieren. Der Einzelne hat oft keinen Anreiz, sich im Sinne des Gesamtwohls zu verhalten. Das Bauen in der schönen Landschaft kann sich für ein Individuum lohnen, während die Allgemeinheit alle Nachteile der Landschaftsbeeinträchtigung trägt.»

Das Bewusstsein schärfen. Vor allem bei standortrelevanten hoheitlichen Entscheiden wie Zonenplanänderungen fehlt das Bewusstsein dafür, die landschaftsbezogene Standortqualität zu erhalten und zu fördern. Müssten also die Wirtschaftsförderer mehr Druck auf ihren Kanton ausüben? Hans Marti aus dem Kanton Zug schmunzelt: «Die Landschaftsqualität ist uns zwar wichtig, aber wir machen keinen Druck.» Der Wirtschaftsförderer hat gut reden. Sein Kanton hat die Knappheit der Ressource Landschaft früh realisiert und entsprechend gehandelt. So hat sich der relative Bodenverbrauch pro Einwohner und Beschäftigten im Kanton Zug seit 1910 praktisch nicht verändert. «Der absolute Flächenverbrauch im Kanton wird demnach vom Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum getrieben und nicht von einem immensen Flächenverbrauch pro Person», erklärt René Hutter, Kantonsplaner von Zug. «Und es liegt nicht in der Kompetenz der Raumplanung zu entscheiden, wie stark die Schweiz oder der Kanton Zug wächst; dies hängt von gesellschaftlichen und politischen Entscheiden ab.» Zug ist in dieser Beziehung ein Vorbild. Mit Ausnahme des Kantons Genf ist die hier erreichte Stabilisierung des Bodenverbrauchs pro Kopf und pro Arbeitsplatz nämlich in keinem anderen Kanton zu beobachten.

Für Andreas Hauser steht fest, dass sämtliche Akteure vermehrt für den Wert der Ressource Landschaft sensibilisiert werden müssen, um deren Qualitäten zu erhalten, was auch Messinstrumente erfordert. «Ein nachhaltiges Gestalten der Ressource Landschaft bedeutet aber vor allem auch, in grösseren Zeitabschnitten und geografischen Räumen zu denken.»

Gregor Klaus

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 14.02.2012

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/landschaft/dossiers/oekonomischer-wert-landschaft.html