150 Jahre Forstpolizeigesetz – eine Erfolgsgeschichte mit Zukunft
Das historische Forstpolizeigesetz vom 24. März 1876 markiert den Beginn einer national koordinierten Waldpolitik in der Verbundaufgabe von Bund und Kantonen. Diese kann als «nachhaltige Erfolgsgeschichte» bewertet werden, da die Waldfläche seither erhalten und die Waldfunktionen gestärkt werden konnten.
Das Bundesgesetz betreffend die eidgenössische Oberaufsicht über die Forstpolizei im Hochgebirge von 1876 entstand vor dem Hintergrund massiver Waldübernutzung und verheerender Überschwemmungen; das heutige Waldgesetz sichert eine multifunktionale, nachhaltig bewirtschaftete Waldfläche in der ganzen Schweiz. Über 150 Jahre hinweg verschob sich der Fokus von reiner Gefahrenabwehr, und Flächenerhalt hin zu Schutz-, Nutz- und Wohlfahrtsfunktionen des Waldes sowie einer kooperativen, programmorientierten Waldpolitik.
Aus Anlass des 150. Jahrestags der Inkraftsetzung des Vorgängers unseres heutigen Waldgesetzes stellen wir hier in einem kurzen Überblick vor, wie aus dem ersten Forstpolizeigesetz ein modernes, international anerkanntes Rahmenwerk wurde, welches den Schweizer Wald seit 150 Jahren schützt – und auch in Zukunft stärken wird.
Vorangegangene starke Rodungen, Holzknappheit und fehlende Schutzwälder im Gebirge; Überschwemmungen und Murgänge wurden zunehmend als nationale Bedrohung erkannt.
Katastrophenjahr 1868 (u. a. Uri, St. Gallen, Graubünden, Wallis, Tessin): >50 Tote; löste forstpolitischen Umschwung zugunsten eines strengen Waldschutzes aus.
Wissenschaftliche Gutachten (u. a. Landolt zu Gebirgswaldungen, Culmann zu Wildbächen) und der Schweizerische Forstverein forderten staatliches Eingreifen und eine geregelte Forstpolizei.
Revision der Bundesverfassung 1874 mit Art. 24: Bund erhält Oberaufsicht über Wasserbau- und Forstpolizei im Hochgebirge; darauf gestützt Erlass des Forstpolizeigesetzes 1876 als erstes eidgenössisches Forstgesetz.
Bundesgesetz 1876 („Gesetz betreffend die eidgenössische Oberaufsicht über die Forstpolizei im Hochgebirge“): Start eines nationalen Waldschutzregimes mit Fokus auf Schutzwälder und nachhaltige Nutzung.
Was folgte, ist eine Erfolgsgeschichte: Die Waldfläche blieb erhalten, Schutzwälder wurden aufgebaut, Biodiversität und Erholung gewannen an Bedeutung – und das Vertrauen der Bevölkerung in ein starkes Waldgesetz wächst bis heute.
1876: Aufbau kantonaler Forstdienste und Vollzugsvorschriften, teils gegen erheblichen Widerstand in den Kantonen, da Bundeskompetenzen ausgebaut wurden.
1897: Streichung der Beschränkung «im Hochgebirge» in der Verfassung; Ausdehnung der Bundeskompetenz auf die ganze Schweiz und 1902 Erlass eines neuen Forstpolizeigesetzes, das bis 1991 galt.
1902: Ausdehnung des Forstpolizeigesetzes auf die ganze Schweiz: Das Gesetz wird revidiert und gilt nun für das gesamte Territorium, nicht mehr nur für die Alpen. Das strikte Rodungsverbot (Erhalt der Waldfläche) wird verankert. Folge: die Waldfläche wird durch striktes Rodungsverbot stabilisiert.
Nachkriegszeit ab 1945: Der Fokus verschiebt sich leicht in Richtung Holzwirtschaft, während gleichzeitig die Bedeutung der Biodiversität langsam erkannt wird.
1965: Revision der Forstpolizeiverordnung, Stärkung forstlicher Planung, Integration neuer Waldfunktionen.
1991: Das neue Waldgesetz (WaG): Das alte Forstpolizeigesetz wird durch ein modernes Rahmengesetz ersetzt.
Fokus auf Multifunktionalität (Schutz, Wohlfahrt, Nutzfunktion).
Verbot von Kahlschlägen und Pestizideinsatz.
Förderung des naturnahen Waldbaus.
1999: Neue Bundesverfassung verankert Multifunktionalität des Waldes; heute BV Art. 77 konkretisiert Bundesaufgaben.
2017: Teilrevision: Anpassung an den Klimawandel. Fokus auf die Verwendung von nachhaltig produziertem einheimischem Holz und die Anpassungsfähigkeit der Wälder an steigende Temperaturen.
Der Nachhaltigkeit verpflichtet
Das Forstpolizeigesetz von 1876 war und ist internationales Vorbild.
Das revolutionär Neue am Forstpolizeigesetz von 1876 war sein Grundsatz der Nachhaltigkeit: Die Erkenntnis, dass jede Generation Anrecht auf die gleichen Ertragsmöglichkeiten haben soll, dass immer nur die Zinsen – das nachwachsende Holz – genutzt werden dürfen, dass das Kapital – der Holzvorrat – aber unangetastet bleiben soll.
Das Waldgesetz (WaG) heute
Dank dem Waldgesetz blieb die Waldfläche erhalten, Schutzwälder wurden aufgebaut, Biodiversität und Erholung gewannen an Bedeutung – und das Vertrauen der Bevölkerung in ein starkes Waldgesetz wächst bis heute.
Das heutige Gesetz ist eines der strengsten weltweit und basiert auf vier Säulen:
Flächengarantie: Der Wald muss in seiner Fläche und räumlichen Verteilung erhalten bleiben. Rodungen können nur in Ausnahmefällen bewilligt werden und es ist Rodungsersatz zu leisten.
Schutz vor Naturgefahren: In einem Gebirgsland wie der Schweiz ist der Wald die günstigste und effektivste Versicherung gegen Lawinen und Steinschlag.
Klimaschutz & Biodiversität: Der Wald fungiert als Rückzugsort für bedrohte Arten und kann als CO2-Senke wirken. Das Gesetz schafft die Grundlagen dafür, dass der Wald auch unter dem Stress externer Einflüsse wie bspw. des Klimawandels, besonders gefährlichen Schadorganismen oder invasiver gebietsfremder Arten resilient bleibt.
Freier Zugang: Das Gesetz garantiert (zusammen mit dem ZGB), dass der Wald für die Bevölkerung frei zugänglich bleibt.
Was sind die aktuellen Herausforderungen für den Wald?
Das aktuelle Waldgesetz ist zentrales Instrument zur Bewältigung heutiger Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Naturgefahrenmanagement und Versorgung mit einheimischem Holz in einer dicht genutzten Landschaft.
Der Schweizer Wald steht unter Druck wie noch nie. Der Waldbericht 2025 zeigt die zunehmende Belastung unserer Wälder in den letzten 10 Jahren durch Extremereignisse wie Hitze, Trockenheit und Stürme, den Befall durch Schadorganismen oder die anhaltend hohen Stickstoffeinträge. Die Anpassungsfähigkeit der Wälder an den Klimawandel ist die grösste Herausforderung, um den Wald als resilientes Waldökosystem mit all seinen Leistungen, darunter besonders den Schutz vor Naturgefahren, zu erhalten. Die Förderung zukunftsfähiger Baumarten, die Verjüngung und die Reduktion des Wilddrucks sowie die weitere Förderung der Biodiversität spielen dabei eine zentrale Rolle.
In der Schweiz schützen 44 % des Waldes Menschen und Infrastrukturen vor gravitativen Naturgefahren wie Steinschlag, Lawinen und Murgängen. In der letzten Dekade sind die Schutzwälder dichter geworden, was für die momentane Schutzwirkung günstig ist. Allerdings wurden die Wälder dadurch auch dunkler. Wegen Lichtmangels und des hohen Wildverbisses fehlt deswegen zunehmend die Verjüngung. Dadurch ist die Schutzwirkung vielerorts nicht dauerhaft gewährleistet, und nach einer Störung dauert es länger, bis sie wiederhergestellt ist. (Waldbericht 2025)
Um ihre Wirkung langfristig zu sichern, brauchen Schutzwälder eine angepasste, standortgerechte und klimaangepasste Pflege. Priorität hat dabei die Waldverjüngung. Ebenso ist eine bessere Integration des Schutzwalds ins Risikomanagement und seine Berücksichtigung der Risikoreduktion bei der Planung notwendig (Handlungsschwerpunkt 2 der Integralen Wald- und Holzstrategie 2050 - IWHS 2050).
Holz ist für den Menschen der bedeutendste Rohstoff des Waldes. Seit 150 Jahren wird Holz in der Schweiz verantwortungsvoll als heimischer, erneuerbarer Rohstoff genutzt.
Der Holzvorrat beträgt landesweit konstant 420 Millionen Kubikmeter. Regional sind die Entwicklungen aber unterschiedlich verlaufen. Auf der Alpensüdseite und in den Alpen hat der Holzvorrat zugenommen. Im Jura und im Mittelland hat er dagegen leicht abgenommen. Diese Entwicklungen sind vor allem auf unterschiedliche Nutzungsintensitäten sowie auf Verluste aufgrund klimatischer Veränderungen zurückzuführen. Diese hatten eine hohe Mortalität und vermehrte Zwangsnutzungen zur Folge. Der Waldbericht zeigt, dass sich die Wertschöpfungskette Wald und Holz von der Rohstoffproduktion über die Verarbeitung bis hin zur Nutzung der Produkte an die veränderten Bedingungen anpassen muss. Infolge des Klimawandels wird es zu Veränderungen des Holzangebots in Quantität und Qualität kommen. Eine zukunftsfähige Wertschöpfungskette Wald und Holz ist daher einer von sechs Handlungsschwerpunkte der IWHS 2050.
Rund ein Drittel der Schweizer Landesfläche ist bewaldet. Im Mittelland bleibt die Waldfläche dank des hohen Schutzstatus konstant. In höheren Lagen wie den Voralpen und Alpen nimmt die Waldfläche zu, wobei sich der Waldflächenzuwachs in den letzten Jahren verlangsamt hat.
Das Waldgesetz hat zum Zweck, den Wald in seiner Fläche und in seiner räumlichen Verteilung zu erhalten (Art. 1 Abs. 1 Bst. a WaG). Obwohl der Wald vor allem im Mittelland und den Talböden unter Druck steht, blieb die Waldfläche über die Jahrzehnte erhalten. Die Instrumente der Walderhaltung haben mit dem Rodungsverbot und der Möglichkeit von Ausnahmebewilligungen unter klar definierten Voraussetzungen bisher ihren Zweck gut erfüllt.
Die Erhaltung der Waldfläche in ihrer räumlichen Verteilung bleibt insbesondere im Mittelland und den Talböden durch die hohe Landnutzungskonkurrenz weiterhin eine Herausforderung. (Waldbericht 2025)
Der Waldbericht 2025 gibt einen umfassenden Einblicken in den Zustand des Schweizer Waldes, seine Entwicklung und seine Zukunft.
Sie finden auf der Webseite zum Waldbericht 2025 die wichtigsten Erkenntnisse aus 10 Jahren Waldmonitoring sowie weitere interessante Beiträge rund um den Wald:
Mit der «Integralen Wald und Holzstrategie 2050» hat der Bundesrat Ende 2025 die strategische Ausrichtung der Schweiz im Sektor «Wald und Holz» für die nächsten Jahre festgelegt. Die IWHS 2050 verfolgt das Ziel, den Wald langfristig vielfältig, gesund und naturnah zu erhalten und ihn nachhaltig zu bewirtschaften, um seine Funktionen und vielfältigen Leistungen, wie die effiziente Nutzung der einheimischen Ressource Holz, sicherzustellen.