Biodiversität: Das Wichtigste in Kürze
Die Biodiversität in der Schweiz steht unter Druck. Und auch wenn die Fördermassnahmen Wirkung zeigen, ist die Biodiversität nach wie vor in einem schlechten Zustand, vor allem im Mittelland.Fast die Hälfte der Lebensraumtypen und ein Drittel der Arten sind in der Schweiz bedroht. Die punktuellen Erfolge können die Verluste, welche vorwiegend auf fehlende Fläche, Bodenversiegelung, Zerschneidung, intensive Nutzung sowie Stickstoff- und Pflanzenschutzmitteleinträge zurückzuführen sind, nicht kompensieren. Biodiversitätsschädigende Subventionen verstärken die negative Entwicklung. Um die Leistungen der Biodiversität zu sichern, ist entschlossenes Handeln dringend notwendig. Eine reichhaltige, gegenüber Veränderungen resiliente Biodiversität trägt auch dazu bei, den Klimawandel und seine Folgen zu mindern.
1. Nutzungswandel, Wohnen, Mobilität, Ernährungssystem (Ursachen)
Biodiversität umfasst die Artenvielfalt von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Mikroorganismen, die genetische Vielfalt innerhalb der verschiedenen Arten, die Vielfalt der Lebensräume sowie die Wechselwirkungen innerhalb und zwischen diesen Ebene.
Die reichhaltige Biodiversität der Schweiz ist das Ergebnis naturräumlicher Vielfalt (Höhenunterschiede, klimatische Gegensätze, Verschiedenartigkeit der Böden) einerseits und menschlicher Einflüsse andererseits.
Die jahrhundertelange Nutzung hat das Mosaik aus Wäldern, Offenland, Gewässern und Siedlungen gestaltet und massgeblich geprägt und die Entwicklung von Flora und Fauna begünstigt.
Im letzten Jahrhundert hat ein starker Nutzungswandel stattgefunden. Er ist Ausdruck sich ändernder gesellschaftlicher Bedürfnisse und Ansprüche, wie
- erhöhter Energiebedarf sowie Ausbau erneuerbarer Energien
- gesteigerte Mobilität
- Ausdehnung von Siedlungen und Verkehrsinfrastrukturen, angetrieben durch einen wachsenden Bedarf an Wohn- und Arbeitsraum sowie Transportleistungen
- ausgeprägte und vielfältige Freizeitkultur in bisher ungestörten Regionen
- zu intensive Ernährungssysteme, die den Ökosystemen irreversiblen Schaden zufügen
Zusätzlich ist die Biodiversität unter Druck durch den Klimawandel und durch gebietsfremde invasive Arten.
2. Intensive Land- & Gewässernutzung, Bodenversiegelung, Zersiedelung, Stickstoff- und Pflanzenschutzmitteleinträge (Belastungen)
Seit 1900 erlitt die Biodiversität weltweit starke Verluste. Die Hauptursachen auf globaler Ebene sind:
- zu starke Land- und Meeresnutzung
- Abbau natürlicher Ressourcen
- Klimawandel
- Verschmutzung
- Ausbreitung invasiven, gebietsfremden Arten.
In der Schweiz steht die Biodiversität insbesondere unter Druck durch
- den Verlust und die intensive Nutzung von Böden,
- die Zerschneidung und Fragmentierung der Lebensräume durch Infrastrukturen und Siedlungen
- übermässige Stickstoff- und Pflanzenschutzmitteleinträge.
Seit Mitte des letzten Jahrhunderts dehnen sich Siedlungen und Infrastrukturanlagen immer weiter aus, was zu einem Flächenverlust und zu einer immer stärkeren Zerschneidung der verbleibenden Lebensräume führte. Gesamtschweizerisch hat das Tempo des Siedlungswachstums seit der Jahrtausendwende zwar abgenommen, trotzdem wird täglich noch immer eine Bodenfläche überbaut, die etwa so gross ist wie acht Fussballfelder.
Im Siedlungsraum sind durch die Versiegelung von Oberflächen und Mauern viele Lebensräume verschwunden.
In der Schweiz sind die Tieflagen – und mit ihnen das Mittelland – am stärksten von Biodiversitätsverlusten betroffen. Hier werden am meisten Böden überbaut, und die Zerschneidung von Lebensräumen ist am weitesten fortgeschritten. Die Nutzung der verbleibenden Böden ist überwiegend intensiv, und es werden mehr Schadstoffe eingetragen als in anderen Gegenden.
Im Alpenraum nimmt der Druck auf die Biodiversität zu, insbesondere durch Alperschliessungen und eine intensivierte Landwirtschaft, durch Skipisten und Beschneiungsanlagen, durch Wasserkraftnutzung und andere Infrastrukturen sowie im Gefolge von Freizeitaktivitäten, die sich räumlich und zeitlich immer stärker ausdehnen.
Besonders landwirtschaftlich genutzte Agrarökosysteme haben durch die intensive und für den Erhalt der Biodiversität nicht mehr nachhaltige Bewirtschaftung (hohe Nährstoff- und Pflanzenschutzmitteleinträge , Beseitigung von Kleinstrukturen, Bodenverdichtung durch schwere Landmaschinen, übermässige Bewässerung) einen starken Biodiversitätsverlust erlitten. Besonders negativ auf die Biodiversität wirken sich die überhöhten Stickstoffeinträge in der Landwirtschaft aus.
Die Landwirtschaft ist Hauptquelle der Stickstoffemissionen, die in Form von Düngemitteln und Ammoniak fast flächendeckend die Biodiversität beeinträchtigen. Die Stickstoffüberschüsse nehmen seit 2000 nur sehr langsam ab. Besonders grosse Stickstoffmengen fallen an, wo regional zu hohe Tierbestände gehalten werden, deren Haltung dank enormen Futtermittelimporten möglich ist. Eine extensive Nutztierhaltung kann der Biodiversität dagegen zuträglich sein.
Gewässer haben vielerorts ihren natürlichen Verlauf und Raum verloren, da sie für Landgewinne, Hochwassersicherheit und die Stromproduktion verbaut wurden.
Mit ihrem Konsum und dem steigenden Import von Gütern und Dienstleistungen übt die Schweiz zunehmend auch weltweit Druck aus auf die natürlichen Ressourcen und die Biodiversität. Die in der Schweiz konsumierten Güter haben im Ausland insgesamt mehr negative Auswirkungen auf die Biodiversität als in der Schweiz. Hauptgrund ist meist eine biodiversitätsschädigende Nahrungsmittelproduktion. Der Biodiversitäts-Fussabdruck der Schweiz übersteigt die planetaren Belastbarkeitsgrenzen um das Vierfache.
3. Erhebliche Gefährdung trotz Teilerfolgen (Zustand)
Die Biodiversität ist in der Schweiz in einem schlechten Zustand. Die grössten Verluste gehen zurück auf die Zeit zwischen 1850 und 2000.
In den letzten zwei Jahrzehnten ist der Zustand in den bereits biodiversitätsarmen Gebieten stabil geblieben. Für die Biodiversität besonders wertvolle Lebensräume sind jedoch weiter zurückgegangen und mit ihnen viele seltene Tiere, Pflanzen und Pilze. Der Zustand der Biodiversität unterscheidet sich je nach Lebensraumtyp:
- Den grössten Artenschwund verzeichnen Gewässer und Uferzonen. Dafür verantwortlich sind das Fehlen vielfältiger Strukturen, die unterbrochene Vernetzung aufgrund harter Verbauungen durch Dämme und Kraftwerke sowie eine durch Mikroverunreinigungen (Pflanzenschutzmittel, Arzneimittel, Putzmittel) und Nährstoffe beeinträchtigte Wasserqualität.
- Auf Landwirtschaftsflächen ist die Biodiversität dagegen in einem sehr schlechten Zustand, insbesondere wegen übermässiger Stickstoffeinträge, des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und des Entfernens von Gebüschen, Steinhaufen oder anderen Klein- und Randstrukturen. Neuste Resultate aus dem Monitoringprogramm «Arten und Lebensräume Landwirtschaft ALL-EMA» zeigen, dass der Zustand der Biodiversität im Talgebiet immer noch ungenügend ist. Hinsichtlich ihrer Lage einschliesslich ihrer Vernetzung sowie ihrer Qualität müssen Biodiversitätsförderflächen verbessert werden.
- Das Siedlungsgebiet stellt einen starken Druck auf die Biodiversität dar, bietet aber auch Ersatzlebensräume, zum Beispiel auf Ruderalflächen oder in Naturgärten.
- In Wäldern ist der Anteil bedrohter Arten geringer als in anderen Lebensräumen, dies vor allem aufgrund einer positiven Entwicklung des Gesamtökosystems (Abnahme naturferne Bestände, Zunahme Strukturvielfalt und Totholz).
Zu den Biotopen von nationaler Bedeutung zählen Flach- und Hochmoore, Auen, Amphibienlaichgebiete sowie Trockenwiesen und -weiden. Ihr ökologischer Zustand hat sich in den letzten zehn Jahren nur teilweise verbessert. In Trockenwiesen und -weiden gibt es ermutigende Anzeichen, die Amphibienbestände stabilisieren sich, während sich die Lage in Feuchtgebieten wie Mooren und Auen weiter verschlechtert hat.Die roten Listen dokumentieren den nach wie vor besorgniserregenden Zustand der Artenvielfalt:
- bereits 245 Arten sind in der Schweiz ausgestorben;
- ein Drittel aller untersuchten Arten gelten gemäss Roten Listen als gefährdet;
- besonders gefährdet sind gewässerbewohnende Arten, insb. Zehnfusskrebse, Armleuchteralgen, Amphibien, Fische und Rundmäuler.
Durch gezielte Artenförderungsprogramme sind lokal auch Erfolge auszuweisen. So konnte beispielweise beim Kammmolch, dessen Populationen seit den 1990er-Jahren stark zurückgegangen sind, der fortschreitende Rückgang gebremst werden. In gewissen Regionen haben sich dank der Massnahmen die Kammmolch-Bestände auf einem niedrigen Niveau stabilisiert.
Auf der Ebene der genetischen Vielfalt hat im Zug der landwirtschaftlichen Intensivierung und Konzentration auf Hochleistungssorten eine Verarmung stattgefunden. Der Rückgang von Rassen und Sorten konnte unterdessen teilweise gebremst werden. Über die genetische Vielfalt der Wildarten, einschliesslich derjenigen der Mikroorganismen, ist nach wie vor wenig bekannt.
Zustand der Biodiversität in der Schweiz
4. Verlust von Ökosystemleistungen, Kosten des Nichthandelns (Auswirkungen)
Die Biodiversität liefert für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung unverzichtbare Ökosystemleistungen. Solche Ökosystemleistungen sind zum Beispiel
- die Speicherung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre und die Milderung der Folgen des Klimawandels
- die Aufrechterhaltung der Bodenfruchtbarkeit
- das Nachwachsen von Rohstoffen und Nahrungsmitteln
- das Trinkwasser, welches von Wäldern und deren Böden in genügender Menge und Qualität gefiltert wird
- die Steigerung der Lebensqualität durch das Angebot naturnaher Erholungsgebiete
- der Schutz vor Steinschlag und Lawinen, wie Gebirgswälder ihn gewähren können
- das Aufnehmen von Niederschlagsspitzen durch Moore und Feuchtgebiete
- die Regulation und Eindämmung von Krankheitserregern
Biodiversitätsverluste äussern sich in einer zunehmenden Degradation der Ökosysteme, ihrer Funktionalität für die Natur und ihrer Leistungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Eine reichhaltige Biodiversität verbessert dagegen die Fähigkeit von Ökosystemen, auf Störungen wie den Klimawandel zu reagieren (Resilienz).
Auch Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Regierungen und Zivilgesellschaft nehmen den Biodiversitätsverlust als eines der existentiellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken für die kommenden 5 bis 10 Jahre wahr.. Nichthandeln kommt auch die Schweiz langfristig teurer zu stehen, als wenn heute wirkungsvolle Massnahmen ergriffen werden. Schliesslich kann die Aufwertung der Biodiversität in vielen Lebensbereichen eine positive Entwicklung in Gang setzen, die zur Lebensqualität beiträgt und neue wirtschaftliche Chancen eröffnet.
5. Förderinstrumente und Massnahmen für die Biodiversität (Massnahmen)
Massnahmen zum Erhalt zur Förderung der Biodiversität haben in der Schweiz lange Tradition. So wurden 1875 als erste Schutzgebiete die Eidgenössischen Jagdbanngebiete gesetzlich verankert. In den letzten 100 Jahren hat die Schweiz weitere Schutzgebiete ausgewiesen, angefangen beim Nationalpark (1914) bis zu den Amphibienlaichgebieten (2001) und den Trockenwiesen und -weiden (2010). Die Erhaltung und langfristige Förderung der Biodiversität fordern ein gut funktionierendes Netzwerk geeigneter Naturräume. Ein solches Netzwerk besteht aus Schutzgebieten – in der Regel Gebiete von hohem ökologischen Wert, die eine Vielzahl von Arten und spezialisierten Lebensräumen beherbergen und in denen die Natur Vorrang hat – sowie aus anderen wirksamen flächenbezogenen Erhaltungsmassnahmen (OECM), die ebenfalls zur Vernetzung beitragen. Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt (CBD) definiert eine OECM als «ein geografisch abgegrenztes Gebiet, das kein Schutzgebiet ist und so reguliert und bewirtschaftet wird, dass langfristig positive und nachhaltige Ergebnisse für den In-situ-Erhalt der Biodiversität erzielt werden». Weltweit hat sich die CBD das Ziel gesetzt, bis 2030 mindestens 30 % der Landflächen, Binnengewässer sowie Küsten- und Meeresgebiete durch Schutzgebiete oder OECM für die Biodiversität zu erhalten. Derzeit widmet die Schweiz etwa 21,4 % ihrer Fläche dem Schutz der Biodiversität. Schutzgebiete nehmen 13,4 % der Landesfläche ein, OECM 8 %.Weitere Instrumente und Massnahmen, wie zum Beispiel die Schaffung der ökologischen Infrastruktur, die Förderung der nachhaltigen Nutzung der Biodiversität oder die Förderung der Natur in den Agglomerationen sind in der Strategie Biodiversität Schweiz und ihrem Aktionsplan, in der Strategie Nachhaltige Entwicklung oder im Landschaftskonzept Schweiz zu finden.
Die bestehenden Instrumente und Massnahmen, die in der Schweiz bisher umgesetzt wurden, sind zwar gut und teilweise auch erfolgreich, aber längst nicht ausreichend, um den Biodiversitätsverlust zu stoppen und die Biodiversität langfristig erhalten und fördern zu können.
Mit der Strategie Biodiversität Schweiz (SBS) zeichnet der Bund einen Weg vor, wie der Biodiversitätsverlust gestoppt und Ökosystemleistungen erhalten werden sollen. Die 2012 vom Bundesrat verabschiedete Strategie legt zehn Oberziele fest, die in einem Aktionsplan konkretisiert wurden. Der Aktionsplan Strategie Biodiversität Schweiz ist vom Bundesrat am 6. September 2017 verabschiedet worden. Bei der Umsetzung der 2. Phase des Aktionsplans Strategie Biodiversität Schweiz (AP SBS II) für den Zeitraum 2025–2030 zielen die Massnahmen gezielt darauf ab, bestehende Lücken zu schließen, um insbesondere die Wirksamkeit und Effizienz der im Rahmen der Programmvereinbarungen und der $Sektoralpolitiken durchgeführten Arbeiten zu steigern. Dazu schliesst er Wissenslücken, testet vielversprechende Ansätze in Pilotprojekten und entwickelt Konzepte für die Umsetzung. Inhaltlich orientiert sich der AP SBS II am Rahmenwerk zur Biodiversität (Kunming-Montreal; GBF) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD). Dem Handlungsbedarf wird durch Massnahmen des BAFU und anderer Bundesämter Rechnung getragen. Die 15 Massnahmen des BAFU berücksichtigen insbesondere die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität und den Rückgang der Insektenpopulationen. Zudem werden neue Ansätze zur Artförderung und zur Erhaltung der genetischen Vielfalt entwickelt und erprobt. Weitere Massnahmen richten sich an die Bereiche Wirtschaft, Wissen und Innovation. Schliesslich zielt eine Gruppe von Massnahmen darauf ab, bestimmte Lebensräume wie Wälder, Seen oder Lebensräume im bebauten Raum ökologisch aufzuwerten und besser miteinander zu vernetzen.
Weitere Bundesämter setzen in ihren jeweiligen Politikbereichen insgesamt sieben Massnahmen um. Konkret soll die Biodiversität entlang von Nationalstrassen und Bahnstrecken gezielt gestärkt werden. Zudem sollen die Artenvielfalt und die Vernetzung der Arten besser in die Raumplanungsprozesse integriert werden, und die Kantone sollen bei der Umsetzung einer biodiversitätsfreundlichen Energieerzeugung unterstützt werden. Im Agrarbereich wird die Förderung von Insekten und Ökosystemleistungen fortgesetzt und ausgebaut.
Damit die Massnahmen des Aktionsplans vollständig umgesetzt und deren Wirkung nachhaltig garantiert werden können, ist auf Empfehlung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) eine Stärkung der Anstrengungen, u.a. auch die Identifikation und die Vermeidung von Subventionen, welche potenziell eine negative Auswirkung auf die Biodiversität haben, und das Sichern der Finanzierung notwendig. Eine Studie der WSL identifiziert über 160 Subventionen und Anreize mit (unterschiedlich starken) biodiversitätsschädigenden Wirkungen. Die biodiversitätsschädigenden Subventionen übersteigen die für die Biodiversität getätigten Ausgaben der öffentlichen Hand. Am 3. Juni 2022 hat der Bundesrat die Bundesverwaltung damit beauftragt, die Wirkung von acht Instrumenten in der Landwirtschaft, der Waldbewirtschaftung und der Regionalpolitik auf die Biodiversität vertieft zu untersuchen.
Die bestehenden Instrumente und Massnahmen, die in der Schweiz bisher umgesetzt wurden, sind zwar gut und teilweise auch erfolgreich, aber längst nicht ausreichend, um den Biodiversitätsverlust zu stoppen und die Biodiversität langfristig erhalten und fördern zu können.
Mit der Strategie Biodiversität Schweiz (SBS) zeichnet der Bund einen Weg vor, wie der Biodiversitätsverlust gestoppt und Ökosystemleistungen erhalten werden sollen. Die 2012 vom Bundesrat verabschiedete Strategie legt zehn Oberziele fest, die in einem Aktionsplan konkretisiert wurden. Der Aktionsplan Strategie Biodiversität Schweiz ist vom Bundesrat am 6. September 2017 verabschiedet worden. Bei der Umsetzung der 2. Phase des Aktionsplans Strategie Biodiversität Schweiz (AP SBS II) für den Zeitraum 2025–2030 zielen die Massnahmen gezielt darauf ab, bestehende Lücken zu schließen, um insbesondere die Wirksamkeit und Effizienz der im Rahmen der Programmvereinbarungen und der $Sektoralpolitiken durchgeführten Arbeiten zu steigern. Dazu schliesst er Wissenslücken, testet vielversprechende Ansätze in Pilotprojekten und entwickelt Konzepte für die Umsetzung. Inhaltlich orientiert sich der AP SBS II am Rahmenwerk zur Biodiversität (Kunming-Montreal; GBF) des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD). Dem Handlungsbedarf wird durch Massnahmen des BAFU und anderer Bundesämter Rechnung getragen. Die 15 Massnahmen des BAFU berücksichtigen insbesondere die Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität und den Rückgang der Insektenpopulationen. Zudem werden neue Ansätze zur Artförderung und zur Erhaltung der genetischen Vielfalt entwickelt und erprobt. Weitere Massnahmen richten sich an die Bereiche Wirtschaft, Wissen und Innovation. Schliesslich zielt eine Gruppe von Massnahmen darauf ab, bestimmte Lebensräume wie Wälder, Seen oder Lebensräume im bebauten Raum ökologisch aufzuwerten und besser miteinander zu vernetzen.
Weitere Bundesämter setzen in ihren jeweiligen Politikbereichen insgesamt sieben Massnahmen um. Konkret soll die Biodiversität entlang von Nationalstrassen und Bahnstrecken gezielt gestärkt werden. Zudem sollen die Artenvielfalt und die Vernetzung der Arten besser in die Raumplanungsprozesse integriert werden, und die Kantone sollen bei der Umsetzung einer biodiversitätsfreundlichen Energieerzeugung unterstützt werden. Im Agrarbereich wird die Förderung von Insekten und Ökosystemleistungen fortgesetzt und ausgebaut.
Damit die Massnahmen des Aktionsplans vollständig umgesetzt und deren Wirkung nachhaltig garantiert werden können, ist auf Empfehlung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) eine Stärkung der Anstrengungen, u.a. auch die Identifikation und die Vermeidung von Subventionen, welche potenziell eine negative Auswirkung auf die Biodiversität haben, und das Sichern der Finanzierung notwendig. Eine Studie der WSL identifiziert über 160 Subventionen und Anreize mit (unterschiedlich starken) biodiversitätsschädigenden Wirkungen. Die biodiversitätsschädigenden Subventionen übersteigen die für die Biodiversität getätigten Ausgaben der öffentlichen Hand. Am 3. Juni 2022 hat der Bundesrat die Bundesverwaltung damit beauftragt, die Wirkung von acht Instrumenten in der Landwirtschaft, der Waldbewirtschaftung und der Regionalpolitik auf die Biodiversität vertieft zu untersuchen.
Studie der WSL: Biodiversitätsschädigende Subventionen in der Schweiz, Grundlagenbericht
Die Erhaltung und Förderung der Biodiversität ist in verschiedenen weiteren Instrumenten des Bundes verankert:
- Die Integrale Wald und Holz Strategie 2050 sieht vor, das Mindestziel von 10 % der Waldfläche in Form von Waldreservaten zu erreichen (Stand 2024: 7,8 %); alle auf nationaler Ebene prioritären Lebensräume sind im Schutzgebietsnetz vertreten.
- Die Agrarpolitik entschädigt Leistungen zugunsten der Allgemeinheit. Dazu gehören auch Biodiversitätsbeiträge in der Höhe von über CHF 400 Mio. jährlich für Anlage und Pflege von Biodiversitätsförderflächen und für Vernetzungsmassnahmen gemäss Direktzahlungsverordnung.
- Mit dem 2011 revidierten Gewässerschutzgesetz können Gewässer, deren Funktion ökologische Funktionen beeinträchtigt sind, mit Unterstützung des Bundes renaturiert werden. Die negativen ökologischen Auswirkungen der Wasserkraft müssen bis 2030 massgeblich reduziert und rund 4000 km verbauter und begradigter Gewässer bis 2090 revitalisiert werden.
- Um die Biodiversität auf zukünftige Herausforderungen wie den Klimawandel oder den wachsenden globalen Waren- und Personenverkehr vorzubereiten, hat der Bundesrat in der Strategie zur Anpassung an den Klimawandel Massnahmen zum Biodiversitätsmanagement beschlossen, eine Strategie zu invasiven gebietsfremden Arten ausgearbeitet und das Landschaftskonzept Schweiz mit behördenverbindlichen Zielen für Natur und Landschaft aktualisiert.
- Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der UNO verfolgt das Ziel, bis 2020 den Lebensraumverlust und das Aussterben von bedrohten Arten zu unterbinden (Sustainable Development Goal, SDG 15).
- Ein Aktionsplan zur Risikoreduktion und für eine nachhaltige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln wurde 2017 vom Bundesrat verabschiedet. Das Parlament hat dazu 2021 das Bundesgesetz über die Verminderung der Risiken durch den Einsatz von Pestiziden beschlossen. 2020 hatte der Bundesrat bereits die Grenzwerte für besonders problematische Pestizide in der Gewässerschutzverordnung verschärft.
Erhaltung und Förderung der Biodiversität sind Herausforderungen, die sowohl lokales, regionales wie globales Handeln erfordert, das das Gesamtsystem in Betracht zieht und vor dem Hintergrund des globalen Wandels insbesondere die Wechselwirkungen von Klima und Biodiversität berücksichtigt. Als massgebende Instrument auf globaler Ebene fungieren die Biodiversitätskonvention CBD sowie weitere Umweltabkommen. So regelt zum Beispiel das 2014 von der Schweiz ratifizierte Nagoya-Protokoll den Zugang zu genetischen Ressourcen und die ausgewogene und gerechte Aufteilung der Vorteile aus deren Nutzung. Die entsprechende Verordnung ist seit 2016 in Kraft.