Torfimporte zerstören wertvolle Feuchtgebiete im Ausland

21.05.2014 - Hierzulande ist der Torfabbau seit den 1980er-Jahren verboten. Als Substrat für den Anbau von Topfpflanzen werden jedoch weiterhin jährlich bis zu 150‘000 t Torf aus Nord- und Osteuropa in die Schweiz eingeführt. Der entsprechende Raubbau zerstört im Ausland ökologisch wertvolle Lebensräume in Feuchtgebieten und schadet zudem dem Klima. Dabei gäbe es durchaus Alternativen.

Aukstumalmoor in Litauen
Das Aukstumalmoor in Litauen gilt als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung und ist seit 1993 ein Ramsar-Schutzgebiet. Doch für gut 80 Prozent aller Moore im baltischen Staat gibt es keinerlei Schutzmassnahmen.
© Beat Hauenstein

Text: Muriel Raemy Lindegger

Die Schweizer Bevölkerung liebt es zu gärtnern und kauft in grossen Mengen Pflanzen und Sträucher in Töpfen ein. Es sind hauptsächlich Gärtnereibetriebe, die solche Gewächse auf torfhaltigen Substraten kultivieren. Daneben verkaufen auch Gartencenter zahlreiche Arten von torfhaltigen Erden in Säcken. Doch der Abbau und die Nutzung von Torf führen zur Zerstörung ökologisch wertvoller Moorlebensräume, sodass oft nur noch verwüstete Landstriche zurückbleiben. In der Schweiz hat das Stimmvolk dies erkannt und deshalb 1987 mit der Annahme der Rothenthurm-Initiative sämtliche Moore von nationaler Bedeutung unter Schutz gestellt. Damit ist auch jegliche Ausbeutung der Torfvorkommen untersagt. Weil unser Land pro Jahr aber nach wie vor 115 000 bis 150 000 t Torf importiert, hat es das Problem einfach in den Nordosten Europas ausgelagert - die Einfuhren stammen nämlich zur Hauptsache aus dem Baltikum.

Die Moore stehen unter Druck

Grossflächige Zerstörung von Naturlandschaften durch den industriellen Torfabbau im Baltikum.
Grossflächige Zerstörung von Naturlandschaften durch den industriellen Torfabbau im Baltikum. Durch ihre Torfimporte ist auch die Schweiz am Raubbau beteiligt.
© Pro Natura

Die Torfentstehung in Mooren erfolgt sehr langsam und dauert mehrere Jahrhunderte oder gar Jahrtausende, wie Rolf Waldis von der BAFU-Sektion Arten und Lebensräume erklärt. Der unterirdische Teil der Torfmoose stirbt mit der Zeit ab, kann jedoch aufgrund des Sauerstoffmangels nicht verrotten. Während die Pflanze also oberirdisch weiterwächst, kumuliert sich der unterirdische Teil im Lauf der Zeit stetig, wobei jährlich etwa 1 mm Torf entsteht. «Da die Moore eher arm an Nährstoffen sind, finden wir dort mehrere Pflanzenarten, die saure Lebensräume bevorzugen. Dazu zählen namentlich Torfmoose, krautige Pflanzen, Sträucher und zuweilen auch Bäume», erläutert der für den Moorschutz im Inland zuständige Biologe. Sie bilden ein einzigartiges Ökosystem für Arten, die nur in diesen Biotopen vorkommen. So leben in den Schweizer Mooren rund 600 spezialisierte Tier- und Pflanzenarten, von denen heute ein Grossteil bedroht ist.

Für die Biodiversität wiegen die Folgen des Torfabbaus demnach schwer. In der Europäischen Union und insbesondere im Baltikum, in Norddeutschland sowie in den osteuropäischen Ländern werden pro Jahr über 60 Mio. Kubikmeter Torf abgebaut und 1200 Quadratkilometer Moorland zerstört.

Neben ihrem Beitrag zur Artenvielfalt speichern die Moore auch grosse Mengen an Kohlenstoff. «Gut 20 % der global in die Atmosphäre ausgestossenen CO2-Menge gehen auf das Konto der Trockenlegung und Zerstörung von Mooren», erläutert Rolf Waldis. Gemäss Erhebungen der Ramsar-Konvention über Gewässer und Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung bedecken Feuchtgebiete zwar nur 3 % der Erdoberfläche, speichern jedoch rund ein Drittel des im Boden eingelagerten Kohlendioxids. Damit übertreffen sie sogar die Speicherkapazität der Wälder.

Schutz und Import - ein Widerspruch

Obwohl die Schweiz den Abbau von Torf im eigenen Land untersagt hat, ist dessen Einsatz weiterhin erlaubt. Dieser Widerspruch stört die grünliberale Zürcher Ständerätin Verena Diener Lenz. Mit einem Postulat hat sie den Bundesrat deshalb 2010 aufgefordert, mögliche Massnahmen zur Reduktion der Einfuhr und Verwendung von Torf oder sogar ein entsprechendes Verbot zu prüfen.

Das im Dezember 2012 von der Regierung veröffentlichte Konzept zum Torfausstieg sieht ein zweistufiges Vorgehen vor. In einer ersten Phase strebt es die Umsetzung von freiwilligen Massnahmen an. Darunter fallen etwa Empfehlungen der Branchenverbände an ihre Mitglieder oder Forschungsprogramme für Ersatzstoffe sowie die Sensibilisierung der Verbraucher. «Wir wollen möglichst effiziente Massnahmen identifizieren», sagt Anders Gautschi, Chef der Sektion Konsum und Produkte. «Dazu müssen wir zuerst den Markt analysieren und herausfinden, welche Akteure mit welchen Torfmengen arbeiten.» Ziel sei, den Betrieben genügend Zeit für die Umstellung und für die Suche nach wirksamen Ersatzlösungen zur Reduktion des Torfimports einzuräumen. «Einige Unternehmen sind sehr aktiv und gehen geeigneten Torfsubstituten auf den Grund. Unser Fernziel ist natürlich, ganz auf die Verwendung von Torf verzichten zu können, doch müssen wir zuerst abklären, wie sich dies erreichen lässt», erklärt Anders Gautschi. Es gilt also, mit den verschiedenen Branchenakteuren zusammenzuarbeiten, um bereits 2017 effiziente, praxiserprobte Instrumente anbieten zu können.

Sollten die freiwilligen Massnahmen nicht ausreichen, ist in einer zweiten Phase die Einführung handelspolitischer Schritte - wie ein Torfimportverbot - zu erwägen. Der Bericht des Bundes empfiehlt dazu eine Frist von 20 Jahren, um den Akteuren genug Zeit für ihre Suche nach Alternativen zu geben. Das BAFU möchte den Zeithorizont bis 2030 allerdings verkürzen, weil die Übergangsfrist für die empfindlichen Moore viel zu weit gesteckt sei.

Alternativen für den Garten

Die schwierige Suche nach Ersatzstoffen zeigt, dass es sich beim Torf quasi um ein Wundermittel handelt. «Seine physikalisch-chemischen Eigenschaften sind vielfältig», erklärt Laurent Oppliger, Gärtnermeister im Botanischen Garten Neuenburg: «Er funktioniert wie ein Schwamm und hält so das Wasser zurück. Zudem belüftet er den Boden und begünstigt dadurch das Wurzelwachstum. Indem er den Puffereffekt im Boden erhöht, bremst er auch die Auswaschung von Nährstoffen.»

Doch es gibt Alternativen. Wer als Hobby gärtnert, dem genügen die zurzeit verfügbaren Ersatzprodukte sehr wohl. «Wir kommen fast ohne Torf aus», bestätigt auch Laurent Oppliger. «Für unsere diversen Mischungen stellen wir eigenen Kompost her und verwenden Lauberde, die sich auch durch Rindenhumus ersetzen liesse, sowie Holzfasersubstrat und Sand. Der Verzicht auf Torf verlangt genaue Kenntnisse der Bodenkunde und Agronomie. Zudem müssen die Mischungen gut überlegt sein. Mit unseren Versuchen begannen wir nach dem Jahr 2000. Deshalb verfügen wir über viel Erfahrung und konnten gewisse Bedürfnisse - wie etwa die Bewässerung - entsprechend anpassen.» Auch wenn die Herausforderung technisch machbar sei, gelte es freilich zu berücksichtigen, dass der Botanische Garten Neuenburg nicht demselben wirtschaftlichen Druck unterliege wie die Gartenbaubranche, betont Laurent Oppliger.

Der Interessenausgleich ist schwierig

Tatsächlich ist der Torfverzicht für Betriebe, die Zimmer- und Balkonpflanzen kultivieren, am schwierigsten. «Qualitativ und preislich existiert kein ebenbürtiges Produkt», erklärt Andres Altwegg, Vizepräsident von JardinSuisse, dem Branchenverband des schweizerischen Gartenbaus. JardinSuisse knüpft an die Stellungnahmen des Bundesrates an, will den Torfeinsatz im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Branche jedoch keinesfalls verbieten. Laut ihrem Verband stehen die Gartenbaubetriebe bereits heute unter einem starken wirtschaftlichen Druck und können sich keine weitere Erhöhung der Produktionskosten leisten. «Wir unterstützen das Torfausstiegskonzept vollumfänglich, doch man muss auch die Gegebenheiten vor Ort in Betracht ziehen», sagt Andres Altwegg. «Die in der Schweiz verkauften Pflanzen stammen aus ganz Europa und sind auf torfhaltigen Substraten kultiviert worden.»

Demzufolge stellt sich die Frage, wie sich die ausländischen Torfvorkommen, die Budgets der hiesigen Branchenakteure sowie die Geldbeutel der Konsumentinnen und Käufer von Topfpflanzen und abgepackter Erde gleichzeitig schonen lassen. Das BAFU versucht, die schwierige Gleichung zu lösen, indem es schon jetzt den Dialog zwischen Produzenten, Forschung, Handel und Kundschaft fördert.

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Letzte Änderung 21.05.2014

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