Elektrosmog: Individuelle Hilfe für Elektrosensible

22.05.2012 - Menschen, die sich durch elektromagnetische Felder beeinträchtigt fühlen, können adäquate medizinische Beratung und Unterstützung erhalten. Diesem Anliegen dient ein Netzwerk, bei dem sowohl Ärzte als auch Messfachleute mitwirken.

Elektrosmog

Können elektromagnetische Felder (EMF) Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Herz-Kreislauf-Symptome verursachen? Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind, denn sie reagieren empfindlich auf Handys, Schnurlostelefone oder Computerfunk. Oder sie fühlen sich chronisch krank, seit in ihrer Nähe eine Mobilfunkantenne oder eine Hochspannungsleitung installiert worden ist.

5 Prozent der Schweizer Bevölkerung erklärten sich in einer 2004 durchgeführten repräsentativen Erhebung des BAFU als elektrosensibel. Ein Teil dieser Menschen fühlt sich ernsthaft krank. Doch wer EMF für seine Beschwerden verantwortlich macht, stösst im Allgemeinen auf Skepsis. So waren Personen, die sich als elektrosensibel bezeichneten, in kontrollierten Laborversuchen nicht in der Lage, die Anwesenheit eines zufällig eingeschalteten Feldes mit Sicherheit zu erkennen. Dies zeigt ein Synthesebericht, den das BAFU kürzlich publiziert hat. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erachtet die EMF deshalb nicht als Ursache für die erlebten Gesundheits- oder Befindlichkeitsstörungen. In die gleiche Richtung weisen anekdotische Berichte, wonach sich Gesundheitsstörungen bereits einstellten, als eine neue Anlage zwar gebaut, aber noch gar nicht in Betrieb war. Haben wir es somit mit lauter eingebildeten Kranken zu tun?

Empfindliche Menschen berücksichtigen. «Man darf den Betroffenen nicht einfach psychische Probleme unterstellen, sondern muss ihnen Hilfe anbieten, auch wenn Ängste wohl zum Teil durchaus eine Rolle spielen», sagt dazu Peter Straehl, zuständiger Mitarbeiter beim BAFU. Er beruft sich dabei auf die gesetzliche Grundlage. Denn aufgrund des Umweltschutzgesetzes (USG) haben auch Personengruppen mit erhöhter Empfindlichkeit - wie etwa Kinder, Kranke, Betagte oder Schwangere - Anrecht auf angemessenen Schutz. Ob es auch eine Gruppe von Menschen gibt, die auf EMF nachweislich besonders empfindlich reagieren, bleibt nach wie vor ungeklärt. Beim heutigen Kenntnisstand wäre es deshalb verfrüht, dies generell zu verneinen.

Der Bundesrat konnte sich bei der Festlegung von Immissionsgrenzwerten für EMF nicht auf Erfahrungen einer besonders empfindlichen Gruppe stützen. Im Sinne der Vorsorge sollten aber die technischen und betrieblichen Möglichkeiten genutzt werden, um vor allem die Langzeitbelastung durch EMF möglichst niedrig zu halten. Deshalb verordnete die Regierung Anlagegrenzwerte, die deutlich unter den Immissionsgrenzwerten liegen. Sie müssen an Orten eingehalten werden, wo sich Menschen regelmässig und über längere Zeit aufhalten, beispielsweise in Wohnungen, Büros und auf Kinderspielplätzen. «Ob damit der Schutz aller Menschen wirklich gewährleistet ist, wird man allerdings erst wissen, wenn die Ursachen für die Befindlichkeits- und Gesundheitsstörungen, über die elektrosensible Menschen berichten, geklärt sind», sagt Peter Straehl.

Beratungsnetz für Betroffene. Auch wenn aus wissenschaftlicher Sicht noch viele Fragen offen sind, finden betroffene Menschen schon heute Unterstützung. So haben die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) im Rahmen eines dreijährigen Pilotversuchs von 2008 bis 2010 ein umweltmedizinisches Beratungsnetz aufgebaut, das weiterhin besteht. Wer sein Leiden auf Umweltprobleme wie Schadstoffe in der Wohnung oder EMF zurückführt, kann sich an eine zentrale Beratungsstelle wenden, die von der Ärztin Edith Steiner betreut wird. Falls Hilfesuchende eine intensivere umweltmedizinische Abklärung benötigen, finden sie im Beratungsnetz weitergehende Unterstützung durch Ärztinnen und Ärzte, die sich in ihren Praxen auch um­weltmedizinischen Fragen widmen. Sie erstellen ihre Diagnosen gemäss spezifischen Standards, die umweltbezogene, körperliche und psychische Faktoren erfassen.

Neben der ärztlichen Abklärung sind bei Bedarf auch Hausuntersuchungen und Schadstoff- oder EMF-Messungen möglich. Das BAFU hat die AefU während der dreijährigen Pilotphase beim Aufbau der interdisziplinären Zusammenarbeit mit erfahrenen Messspezialisten unterstützt. Für ihren Einsatz im Projekt ist ein einheitliches Vorgehen für die Messung, Dokumentation und Beurteilung erarbeitet worden.

Eine Häufung von Faktoren. Die dreijährige Pilotphase sollte zeigen, ob diese Vorgehensweise einem Bedürfnis entspricht und ob sie machbar und nützlich ist. Eine wissenschaftliche Begleitstudie kam zu folgendem Ergebnis: Wer ärztliche Beratung suchte, litt bereits unter einer langjährigen, schweren Erkrankung. Diese liess sich nach Ansicht von Ärzten und Messfachleuten kaum einer einzelnen Ursache zuordnen, sondern beruhte auf einer Häufung von Faktoren. Bei einem Teil der Patienten war der Einfluss elektromagnetischer Felder aber sehr plausibel, da Messungen überdurchschnittliche Belastungen signalisierten.

Die AefU führen ihre Beratungsstelle nach der Pilotphase weiter. Das BAFU schätzt das Beratungsangebot der AefU aus zwei Gründen: «Zum einen bietet es Menschen, welche sich durch die gesetzlich festgelegten Schutzmassnahmen zu wenig geschützt fühlen, die Möglichkeit einer fachkompetenten, objektiven Beratung und allenfalls einer Therapie», erklärt Peter Straehl. «Zum andern besteht die Hoffnung, dass sich aufgrund der Arbeit des Beratungsnetzes mit der Zeit ein objektiviertes Erfahrungswissen über Ursachen und Hintergründe der Elektrosensibilität herauskristallisiert, das als Grundlage für die Weiterentwicklung des Schutzkonzepts dienen kann.»

Beatrix Mühlethaler


Die Ratsuchenden ernst nehmen

Elektrosensiblen Menschen könne geholfen werden, wenn man sie ernst nehme, sagt die Ärztin Edith Steiner. Sie betreut das zentrale umweltmedizinische Beratungsnetz der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz.

Ärztin Edith Steiner

umwelt: Wie begründen Ratsuchende  ihren Verdacht, dass elektromagnetische Felder (EMF) an ihrem Leiden schuld sind?

Edith Steiner: Sie erklären es mit ihren Beobachtungen. Sie haben zum Beispiel plötzlich Schlafstörungen, überlegen sich mögliche Gründe und kommen zum Schluss: Es hat sich in ihrem Leben nichts geändert, ausser dass in der Umgebung neu eine Mobilfunkantenne steht oder dass ein neu zugezogener Nachbar WLAN benutzt. Ich habe etliche Meldungen von Menschen erhalten, die sich selbst helfen konnten. Sie haben keine Beschwerden mehr, seit sie umgezogen sind oder nachdem sie oder ihre Nachbarn das schnurlose DECT-Telefon ausgeschaltet haben. Viele ratsuchende Patienten hatten aber komplexere Probleme, beispielsweise weil die Quelle nicht auszuschalten war und sich ihr Leiden chronifiziert hatte.

Man hat Menschen in Labortests zeitweise Elektrosmog ausgesetzt. Niemand merkte, wann die Quelle ein- oder ausgeschaltet war.

Elektrosmog ist ein Stressfaktor für den menschlichen Organismus, der sich von Person zu Person anders auswirken kann, zum Beispiel mit einer erhöhten Beschwerdenlast im Alltag. Aus medizinischer Sicht nehme ich deshalb nicht an, dass Kurzzeiteffekte eine Rolle spielen, sondern ich gehe von einer chronischen Veränderung des Systems aus. Deshalb sollte man anstelle der statistisch ausgerichteten Kurzzeit-Expositionstests Falluntersuchungen mit Patienten machen, bei denen EMF offensichtlich eine Rolle spielen: Was passiert, wenn ein solcher Patient über längere Zeit EMF nicht mehr ausgesetzt wird oder umgekehrt?

Aus den bisherigen Untersuchungen lässt sich also nicht ableiten, dass es Elektrosensibilität nicht gibt?

Elektrosensibilität beruht immer auf einer subjektiven Wahrnehmung, die man nicht in Zweifel ziehen sollte. Wie bei jeder anderen Symptomabklärung muss der Arzt differenzieren, welche Faktoren ursächlich eine Rolle spielen. Die umweltmedizinische Abklärung berücksichtigt medizinische, umweltbezogene und psychosoziale Faktoren. Eine detaillierte Erhebung der Krankengeschichte, Tagebucheinträge, Schlafprotokolle und einfache (De)-Expositionsversuche sind die wichtigsten Instrumente der Abklärung. Eine Untersuchung zu Hause kann zeigen, ob die betroffene Person mit elektromagnetischen Feldern aussergewöhnlich belastet ist. Danach kann man aus ärztlicher Sicht Stellung beziehen, welche Rolle die Umweltbelastung spielt.

Kann den Betroffenen dank der Pilotphase jetzt besser geholfen werden?

Die Teilnehmenden waren sehr froh, dass sie ernst genommen wurden und eine umfassende Abklärung bekamen. Einige Patienten fanden Linderung, indem sie technische Massnahmen trafen. Andere können besser mit ihrer Sensibilität leben, nachdem sie ihre Lebensführung und -einstellung geändert haben.

Wie geht es weiter?

Das Pilotprojekt erlaubte keine langfristige Begleitung, was ein Schwachpunkt war. Deshalb möchten wir die Hauptbetreuung künftig beim Hausarzt ansiedeln, wie dies bei anderen Krankheiten auch der Fall ist. Er kann Elek-trosensibilität behandeln, wenn er über die nötigen Informationen verfügt. Wir vom Beratungsnetz können ihm das bieten und auch Hausuntersuchungen organisieren. Wir sehen uns als Brücke zwischen Arzt und Umweltfachleuten.

 

Interview: Beatrix Mühlethaler

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Letzte Änderung 22.05.2012

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