Nitrat im Grundwasser: Das Problem an der Wurzel packen

21.05.2014 - Was zu viel ist, ist zu viel: In vielen Ackerböden schlummert ein grosser Überschuss an Nitrat. Ein Teil davon wird bei Niederschlägen ausgewaschen und gelangt ins Grundwasser. Gegenmassnahmen scheinen zwar zu greifen, werden aber noch lange nicht ausgeschöpft.

Zuströmgebiet zur Grundwasserfassung in Chrummenlanden im Klettgau (SH).
Blick auf das begrünte Zuströmgebiet zur Grundwasserfassung Chrummenlanden im Klettgau (SH).
© Andreas Zehnder

Text: Simone Nägeli

Der Klettgau im Kanton Schaffhausen präsentiert sich überraschend grün. Es ist Mitte November; in der Region dominiert der Ackerbau. Auf den Feldern wachsen Winterweizen, Raps und Phazelien. Um den Eintrag von Nitrat ins Grundwasser zu reduzieren, verlangt das Nitratprojekt Klettgau, dass die gesamte Ackerfläche im Winter begrünt ist.

In der Schweiz gibt es 27 Nitratprojekte in neun Kantonen. Dasjenige im Klettgau wird von Andreas Zehnder vom Landwirtschaftsamt des Kantons Schaffhausen geleitet. «Heute zeigt die Nitratkurve in der Grundwasserfassung Chrummenlanden abwärts», freut sich Zehnder. «Wir liegen bereits unter dem Zielwert.»

Grundwasser ist unser «Hahnenburger»

Die Stickstoffverbindung Nitrat kommt in Mineral- und Hofdünger vor und wird im Boden von Bakterien aus organischem Material gebildet. Da Nitrat äusserst mobil ist, gelangt es - sofern von den Pflanzen nicht vollständig aufgenommen - durch Auswaschung ins Grundwasser. Die Gewässerschutzverordnung verlangt, dass im Grundwasser, das als Trinkwasser genutzt wird, nicht mehr als 25 Milligramm Nitrat pro Liter (mg/l) vorhanden sind. Aus gutem Grund:    80 % des Trinkwassers in der Schweiz werden aus Grundwasser gewonnen.

Weil Nitrat den Einfluss landwirtschaftlicher Aktivität auf das Grundwasser aufzeigt, zählt es zu den Kernindikatoren des BAFU im Bereich der Gewässer. Die 2002 gestartete Nationale Grundwasserbeobachtung NAQUA erfasst landesweit die Nitratkonzentrationen des Grundwassers an rund 550 repräsentativen Messstellen. Beträgt der Nitratgehalt einer für die Trinkwasserversorgung genutzten Fassung mehr als 25 mg/l, muss der betroffene Kanton die Ursachen abklären und Gegenmassnahmen ergreifen. Bei Sanierungsprojekten, die sich an den Vorgaben des Bundes orientieren, übernimmt dieser einen Grossteil der Kosten.

Auch im Klettgau lagen die Werte früher über dem zulässigen Niveau. «Im Jahr 2002 mussten wir die Grundwasserfassung Chrummenlanden schliessen», erinnert sich Andreas Zehnder. Gleichzeitig lief das Nitratprojekt an. Dafür wurde zuerst die Fläche bestimmt, über welche die versickernden Niederschläge die Wasserfassung speisen. Auf dem Landwirtschaftsland setzten die Bewirtschafter seither verschiedene Massnahmen um. Dafür gelten folgende Regeln: Die Ackerfläche muss den Winter über begrünt sein, und der Boden darf während dieser Jahreszeit nicht gepflügt werden. Das Umbrechen der Scholle führt nämlich dazu, dass Nitrat freigesetzt wird. Weil die verschiedenen Kulturen unterschiedlich viel Nitrat im Boden zurücklassen, gilt eine bestimmte Fruchtfolge. Innerhalb des Projektes muss zudem ein bestimmter Anteil an Wiesland erreicht werden. Die Ertragseinbussen oder Mehrkosten, die den Landwirten entstehen, werden entschädigt.

Vorbildliche Zusammenarbeit

Chrummenlanden gilt beim Bund als Vorzeigeprojekt. Nicht nur, weil es die vorgeschriebenen Werte erreicht hat, sondern auch wegen der beispielhaften Zusammenarbeit von Gemeinden, Bauern und Kanton. «Alle Bauern, die Land im Zuströmbereich der Fassung bewirtschaften, machen beim Projekt mit», freut sich Andreas Zehnder.

Das ist nicht selbstverständlich. Denn die Umsetzung der Sanierung bedeutet für die Bauern eine langfristige Umstellung. Die Notwendigkeit der Massnahmen sei für viele Bauern zudem nicht so einfach nachzuvollziehen. Zehnder hat aber ein gutes Argument parat. «Ich sage immer, dass wir eben nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern auch Trinkwasser.» Von Anfang an hat er viel Wert auf den Austausch mit den Landwirten gelegt. Neben Informationsanlässen und persönlichen Besuchen auf den Bauernhöfen hat er eine Nitrat-Zeitung lanciert, die viermal jährlich über die Entwicklungen im Projekt berichtet.

Anforderungswert vielerorts überschritten

Solche vom Bund subventionierten Sanierungsprojekte wurden Anfang der 1990er-Jahre eingeführt, als zahlreiche Grundwasserfassungen wegen zu hoher Nitratkonzentrationen stillgelegt wurden. Gleichzeitig wurde der ökologische Leistungsnachweis ins Leben gerufen, der eine Voraussetzung für den Bezug von Direktzahlungen ist. Seither müssen die Bauern belegen, dass ihr Betrieb eine annähernd ausgeglichene Nährstoffbilanz aufweist. Nach der Einführung dieser Regulierungen entspannte sich die Lage.

Und trotzdem: «Zurzeit wird der Anforderungswert von 25 Milligramm Nitrat pro Liter schweizweit immer noch an jeder sechsten NAQUA-Messstelle überschritten», erklärt Miriam Reinhardt, die für die Analyse der Grundwasserqualität beim BAFU verantwortlich ist. Seit etwa zehn Jahren habe sich die Situation nicht mehr wesentlich verbessert. Zu hohe Werte zeigen dabei vor allem Grundwasserfassungen, die im Ackerbaugebiet liegen. Dort wird der Anforderungswert gar an rund der Hälfte der Messstellen überschritten. Kein Wunder, werden doch gemäss einer Studie des BAFU pro Jahr mehr als 30‘000 t Stickstoff als Nitrat aus Landwirtschaftsböden ausgewaschen.

«Wir müssen konsequenter auf eine standortgerechte Düngung und eine ausgeglichene Nährstoffbilanz setzen», betont Miriam Reinhardt. Auch Reto Muralt, Vertreter des BAFU in der Arbeitsgruppe Nitrat und Pflanzenschutzmittel des Bundes, sieht bei der Verminderung der Stickstoffüberschüsse in der Landwirtschaft noch Verbesserungspotenzial. Die Schwierigkeit sei jedoch, dass noch immer ein Bilanzüberschuss von bis zu 10 % toleriert werde und dass die Nährstoffbilanzierung von vielen Parametern, beispielsweise der Vorkultur oder den Niederschlägen, abhänge. Damit ist diese schwer abschätzbar - geschweige denn berechenbar. Hinzu kommt, dass die heutige Agrarpolitik eher wieder in Richtung einer Intensivierung der Landwirtschaft weist - was einem reduzierten Düngemitteleinsatz und damit einer Verminderung des Auswaschungsrisikos für Nitrat zumindest nicht förderlich ist.

«Wenn wir Fortschritte machen wollen, sind neue Ansätze gefragt», sagt Reto Muralt. Beispielsweise sollte die Nährstoffbilanz nicht gesamtbetrieblich, sondern auf der Ebene einzelner Nutzflächen deklariert werden. Die Düngungsplanung müsse zudem möglichst alle Parameter berücksichtigen, welche die Stickstoffbilanz beeinflussen.

Der Vollzug bleibt anspruchsvoll

Neben dem dringenden Bedarf, die Anforderung der ausgeglichenen Nährstoffbilanz gezielter durchzusetzen, sollten die Kantone bei zu hohen Nitratkonzentrationen aber auch die Sanierungsprojekte pflichtbewusster angehen. Die Initiative dazu müsse von ihnen oder den betroffenen Wasserversorgungen ausgehen, so Reto Muralt.

Die personellen Ressourcen für den Vollzug sind in vielen Kantonen jedoch knapp und zielgerichtete Sanierungsprojekte damit aufwendig. «Deshalb wird leider eher mal eine betroffene Grundwasserfassung geschlossen, als dass tatsächlich Gegenmassnahmen ergriffen werden», bedauert Muralt. Das Projekt Chrummenlanden in Schaffhausen sei aber ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass eine umfassende Ursachenbekämpfung genauso gut funktionieren kann - und erst noch viel nachhaltigere Erfolge zeigt.

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Letzte Änderung 21.05.2014

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