Fallbeispiel Lebensmittel: Wiesenmilch − echt stärker

Milch mit Kühen zu produzieren, die Gras statt Kraftfutter fressen, ist ernährungspolitisch sinnvoll und eine Chance für die Schweizer Landwirtschaft. Mit ihrer «Wiesenmilch» geht IP-Suisse einen Schritt in diese Richtung. Dank transparenter Produktionsrichtlinien weiss der Bauer, worauf er sich einlässt, und der Konsument, was er kauft.

Dafür gibt es Punkte: Weideanteil während der Vegetationsperiode + Artgerechte Haltung der Milchkühe mit Auslauf + Anteil Wiesenfutter vom eigenen Betrieb + Anteil Grünfutter an der Tagesration + Leistungen zur Biodiversität + Steter Abbau von Kraftfuttereinsatz + Milchproduktion pro Hektare Raufutterfläche + Lebensdauer der Kuhherde + Grünfutteranteil während der Vegetationsperiode + Kommunikation mit den Konsumentinnen und Konsumenten = Wiesenmilch (ab 40 bis 80 Punkte) Quelle: Richtlinien für IP-SUISSE Wiesenmilch
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Wir lassen uns nicht gerne als «Kuhschweizer» titulieren. Doch das Klischee hat einen wahren Kern, für den wir uns keineswegs schämen müssen: Die Schweiz ist wie gemacht für die Rindviehhaltung. Reichliche und gleichmässig übers Jahr verteilte Niederschläge sowie tiefgründige Böden lassen die Wiesen so üppig grünen, wie sonst fast nirgends in Europa. Namentlich im Hügelgebiet und in den Voralpen, wo der Ackerbau eher ungünstige Bedingungen findet, ist die Milchkuhhaltung auf natürlicher Futtergrundlage die ressourceneffizienteste Form der Landwirtschaft. Die Wiederkäuer verwandeln für Menschen unverdauliches, bei uns bestens gedeihendes Gras in ein hochwertiges Nahrungsmittel.

Kraftfutter für mehr Leistung. Indessen hat sich die Milchproduktion in letzter Zeit von der Wiesen- und Weidewirtschaft teilweise abgekoppelt. Damit eine Hochleistungskuh jährlich ihre 10‘000 oder mehr Kilogramm Milch liefern kann, braucht sie zusätzlich viel Kraftfutter. Zum Beispiel Soja: Die Schweiz importiert heute 10-mal mehr Soja als 1990. Schätzungsweise 41 Prozent davon werden an Rinder verfüttert, hauptsächlich an Milchkühe.

Das Problem dabei sind nicht nur die keineswegs nachhaltigen Anbaumethoden für Soja, das oft auf kahl geschlagenen Regenwaldböden wächst. Kraftfutteranbau beansprucht zunehmend Ackerflächen, die genutzt werden könnten, um pflanzliche Nahrung für den Menschen anzubauen. Schweizer Milch wieder vermehrt auf Grasbasis zu produzieren, gebietet sich somit auch aus ethischen Gründen. Neuerdings kann die Kundschaft hier ein Zeichen setzen: Seit Oktober 2011 führt die Migros Milch und Rahm unter dem Label «TerraSuisse-Wiesenmilch» im Angebot.

Ein transparentes Punktesystem. Die Bedingungen, die ein Wiesenmilchproduzent erfüllen muss, wurden von IP-Suisse, der Vereinigung der integriert produzierenden Bauern und Bäuerinnen, entwickelt. Gefordert wird etwa die Beteiligung am Programm RAUS, das für das Vieh Regelmässigen AUSlauf im Freien verlangt. Zusätzlich muss der Betrieb in einem Punktesystem, welches viel Weidegang, einen hohen Grasanteil am Futter und eine artgerechte Haltung belohnt, mindestens 40 von maximal möglichen 80 Punkten erreichen. Insgesamt funktioniert das System so, dass der Futterbedarf von Wiesenmilchkühen zu mindestens drei Vierteln mit Gras aus dem eigenen Betrieb gedeckt werden muss. Soja ist ab 2015 verboten.

Das System scheint etwas kompliziert, ist aber transparent - vor allem für die Bauern: ­Jeder Milchproduzent kann sich leicht ausrechnen, ob er als Lieferant von Wiesenmilch in Frage kommt. An der Migros liegt es nun, dafür zu sorgen, dass auch die Kundschaft um den Mehrwert dieser Milch weiss. Denn diese muss dafür etwas tiefer ins Portemonnaie greifen: Weil der Kraftfuttereinsatz begrenzt ist, liegt die Milchleistung der Kühe unter dem möglichen Maximum. Zum Ausgleich erhalten die Bauern einen Zuschlag von 7 Rappen pro Kilogramm Milch. Da für den Grossverteiler zusätzliche Logistikkosten anfallen, kostet Wiesenmilch im Laden derzeit 30 Rappen pro Liter mehr als konventionelle. Nochmals 30 bis 40 Rappen teurer ist ein Liter Biomilch, die noch zusätzliche Anforderungen erfüllen muss.

Gestartet wird mit einer Jahresmenge, die etwa einem halben Prozent der Schweizer Milchproduktion entspricht. Begrenzend wirkt im ­Moment die Verarbeitungskapazität, muss doch die Wiesenmilch getrennt eingesammelt und verarbeitet werden. Und natürlich muss auch die Nachfrage stimmen. Ist dies der Fall, lässt sich die Produktion ausweiten. Peter Althaus von IP-Suisse schätzt, dass Wiesenmilch mittelfristig etwa ein Drittel der Schweizer Milchproduktion ausmachen könnte - sofern genug Konsumentinnen und Konsumenten bereit sind, den Mehrpreis zu bezahlen.

Hansjakob Baumgartner

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Letzte Änderung 14.02.2012

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