Label-Informationsplattformen: Klare Sicht in der Informationsvielfalt

Neutrale Institutionen sorgen in der Vielfalt der Labels für klarere Sicht. Der Umwelt zuliebe braucht es aber einen weiteren Blick, der auch die nicht zertifizierten Produkte erfasst. Neue Kommunikationstechniken helfen der Kundschaft, sich zu orientieren.

© Ruth Schürmann

Der Detailhandel setzt stark auf Labels und hat damit Erfolg: Die Nachfrage nach Biolebensmitteln beispielsweise wuchs in der Schweiz zwischen 2005 bis 2009 um jährlich 8 Prozent. Weiss aber das Publikum angesichts der Labelvielfalt noch, was es kauft? Um die Käuferschaft biologischer Produkte buhlt nicht nur ein Gütesiegel. Es gibt unter anderem solche für schweizerische oder für EU-Qualitätsnormen sowie für spezifische Linien von Detailhändlern.

Besonders krass ist die Variationsbreite bei den Fleischlabels: 9 davon stehen für unterschiedliche Formen von Auslauf und Weidehaltung, zum Teil gekoppelt mit biologischer Produktionsweise. Rund 30 Lebensmittellabels zeichnen diverse Formen naturnaher und tierschutzgerechter Produktion sowie fair gehandelter Produkte aus.

Label-Vielfalt verwirrt. Für die Kundschaft ist nicht ohne Weiteres ersichtlich, welche Kriterien die Labels einbeziehen: Ist bei Bio auch Fairtrade erfasst und umgekehrt? Wie umfassend sind bei Tierschutzanliegen Umweltkriterien berücksichtigt? Was meinen die Detailhandelsketten mit ihren verschiedenen Bioauszeichnungen? Lassen diese auch Flugtransporte zu?

Dazu kommt die Frage, wie vertrauenswürdig ein Label ist. Steht es wie bei den interna-tional gültigen Gütezeichen MSC (Fisch) und FSC für bessere Praktiken gegenüber rücksichtsloser Ausbeutung, so ist das Interesse der Branche hoch, diesen Standard breit ausweisen zu können. Damit steigt jedoch das Risiko für Kompromisse. Das Niveau dieser Auszeichnungen entspricht eher einem anzustrebenden Branchenstandard als einer Spitzenleistung.

Gütesiegel transparent gemacht. Damit Konsumentinnen und Konsumenten aus den Labels wirklich klug werden, müssen sie ihre Grundlagen kennen. Hier helfen unabhängige Informationsplattformen weiter. Das Eidgenössische Büro für Konsumentenfragen führt eine Liste mit rund 200 Labels, die ein breites Spektrum an Angeboten und Aspekten abdecken. Ein Link führt zur jeweiligen Trägerschaft.

In interaktiver Form macht die Stiftung für praktischen Umweltschutz (Pusch) den Labelmarkt transparent. Ihre Website www.labelinfo.ch, die 140 Labels durchleuchtet, ist unter anderem mit Unterstützung des BAFU entstanden. Hier erfahren Nutzerinnen und Nutzer, auf ­welche Gütesiegel bei den verschiedenen Produktgattungen zu achten ist und was sie bedeuten. labelinfo.ch enthält eine Menge Hintergrundinformationen und Tipps. So ist dort beispielsweise zu erfahren, welche Inhaltsstoffe von Farben problematisch sind und wie man beim Umgang mit Farben die Umwelt schont. Eine Bewertung der Labels nimmt Pusch selbst nicht vor, verweist aber auf Wertungen anderer Organisationen.

Wer eine schnelle Orientierungshilfe für Lebensmittellabels sucht, kommt auf der Website www.wwf.ch/foodlabels zum Ziel. Hier ist eine Wertung zu finden, die auf einer Analyse sämt­licher Labelkriterien basiert. Und wer es genauer wissen will, kann nachlesen, wie weit verschiedene Aspekte wie Tierwohl, Soziales, Klima usw. berücksichtigt sind. Mit welcher Methode diese Resultate ermittelt wurden, macht ein Bericht ebenfalls transparent. An der Analyse beteiligt waren neben dem WWF der Schweizer Tierschutz, die Stiftung für Konsumentenschutz sowie die Konsumentenorganisationen der französischen und italienischen Schweiz.

Klarheit jenseits der Labels. Über reine Label-Information hinaus geht die Website www.topten.ch. Sie bietet direkte Empfehlungen für Produkte, insbesondere für Haushalts- und Bürogeräte sowie Unterhaltungselektronik und Mobilität. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Energieeffizienz. Neben der Energieetikette werden für die Auswahl der besten Produkte Qualitätsatteste von Instituten, Herstellerangaben sowie bestehende Tests und eigene Recherchen herangezogen.

«Trotzdem herrscht bezüglich des Umwelt- und Ressourcenverbrauchs von Produkten zu wenig Transparenz», sagt Claudia Challandes, BAFU-Mitarbeiterin in der Sektion Konsum und Produkte. Denn unter den Kriterien, mit denen Produkte bewertet werden, fehlen oft wichtige Umweltauswirkungen wie beispielsweise der Bodenverbrauch oder der Qualitätsverlust von Ökosystemen. Für nicht bewertete Produkte - und die sind in der Mehrheit - fehlen zudem fast jegliche Aussagen über Umweltauswirkungen. Deshalb erarbeitet das BAFU derzeit gemeinsam mit betroffenen Branchen und interessierten Organisationen Qualitätsanforderungen für Umweltaussagen zu Produkten. Angestrebt werden Ökobilanzen, welche den ganzen Lebensweg ­eines Produkts umfassen .

Das ermöglicht auch dem Detailhandel, beim Einkauf ökologischere Produkte zu bevorzugen. Genauso wichtig ist aber, wie die Information zum Zielpublikum kommt. Neue Informations- und Verkaufskanäle wie Portale im Internet oder Daten, die über das Mobiltelefon abrufbar sind, beeinflussen die Einkaufsgewohnheiten.

Informiert am Verkaufspunkt. Internet und Handy erreichen die Menschen mit aktuellen Produktinformationen auch dort, wo sie den Kaufentscheid treffen: am Verkaufspunkt. Zum Beispiel lässt sich dank einer App des WWF im Laden mit dem Smartphone abrufen, welche Frucht wann Saison hat, welche Fischart akzeptabel ist oder welche Lampe sich empfiehlt. Eine App von topten.ch erlaubt die Identifikation von Topten-Geräten im Laden, indem Interessierte den Strichcode mit dem Handy einscannen. Eine andere Methode praktiziert www.codecheck.ch, eine Art Wikipedia der Umwelt-Produktinformation. Hier lassen sich problematische Stoffe identifizieren und alternative Produkte erfragen.

«Gut informierte Menschen sind immer wichtiger, um die Umweltauswirkungen des Konsums zu reduzieren. Deshalb ist es eine zentrale staatliche Aufgabe, eine transparente und verständliche Information zu fördern, die für Durchblick sorgt und auch zur ressourcenschonenden Sortimentsgestaltung beiträgt», betont Claudia Challandes. Mit einer solchen Ausweitung der Information ist zu rechnen: Detailhändler können die Resultate ihrer Produktbilanzen ins Internet stellen, Umwelt- und Konsumentenschutzorganisationen unabhängige Bewertungen auf der Grundlage von Ökobilanzen anbieten, und auf Internetforen lassen sich Produktinformationen austauschen. Längerfristig wünschbar ist aber, dass das Sortiment im Laden ökologisch optimiert ist. «Dann können die Menschen mit gutem Gewissen konsumieren, ohne sich viele ­Gedanken machen zu müssen», hofft Claudia Challandes.

Beatrix Mühlethaler

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Letzte Änderung 14.02.2012

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