Management von Schutzbauten: Wirksame Riegel und Regeln

Bauten zum Schutz vor Lawinen oder Hochwasser sind überlebenswichtig. Überalterte oder beschädigte Anlagen können das Gefahrenpotenzial allerdings vergrössern. Einige Kantone haben eine systematische Überwachung und Pflege ihrer Schutzbauten erarbeitet. Der Bund entwickelt derzeit ein gesamtschweizerisches System, das die Vorarbeiten der Kantone integriert.

Vielleicht war es ein Murmeltier. Die possierlichen Nager graben gerne in unmittelbarer Nähe von Lawinenverbauungen. Tatsache ist: An der Schutzverbauung Munt bei Trun (GR) ist das Fundament entblösst. Möglicherweise liegt es auch am durchnässten Untergrund. Weil die Konstruktionen den Schnee zurückhalten, dauert es länger, bis dieser weggeschmolzen ist, und der Boden saugt sich mit Wasser voll. Die Erde kommt dadurch leicht ins Rutschen, was die Verankerungen der Lawinenverbauungen destabilisieren kann. Alarmierend sei dieser Befund, findet Martin Frei, der im Amt für Wald und ­Naturgefahren des Kantons Graubünden für die Schutzbauten zuständig ist. Von der Beschädigung erfuhr er durch den Revierförster, der diese auf seiner jährlichen Kontrolle entdeckt hatte.

Kontrollen nach Handbuch. Regelmässige Inspek­tionen vor Ort sind ein zentrales Element des integralen Schutzbautenmanagements im Kanton Graubünden. Sie werden von den Revierförstern durchgeführt, die sich dazu auf präzise Anleitungen abstützen: Ein Manual von 81 Seiten gibt vor, worauf das Augenmerk zu richten ist und wie selbst das auf den ersten Blick Unauffällige beurteilt, in einem Formular festgehalten und fotografisch dokumentiert werden muss. Die Vielfalt der Schutzbauten ist gross, entsprechend umfangreich ist das Handbuch: Allein der Lawinenschutz kennt gut 120 Typen, vom Schneerechen bis zur Stahlschneebrücke. Doch auch Rückhaltebecken, Dämme oder andere Anlagen des Hochwasserschutzes gilt es zu überprüfen, ebenso die Netze gegen Felssturz.

Die erste Auflage des Handbuchs zur Kontrolle und zum Unterhalt forstlicher Infrastrukturen - von den Fachleuten mit dem fast zärtlich anmutenden Kürzel «KUFI-Handbuch» bedacht - erschien im Jahr 2004. «Es war nicht einfach, allen die Wichtigkeit präziser Kontrollen zu vermitteln», erinnert sich Martin Frei. «Die Schulung war zentral - und ist es immer noch.» Die periodischen visuellen Inspektionen sind für den Fachmann ein unabdingbares Element im Unterhalt der Schutzanlagen. Denn der Zahn der Zeit setzt ihnen in der Regel viel stärker zu als plötzliche Ereignisse. Die rasche Beseitigung kleiner Anfangsschäden kann die Lebensdauer der Bauwerke erheblich verlängern. Damit trägt stetige Pflege auch zum nachhal­tigen Umgang mit den bestehenden Ressourcen bei, zumal Schutzbauten im Gebirge mit grossem Aufwand und teilweise mithilfe von Helikoptern errichtet werden müssen.

In der Praxis hat sich das KUFI-Handbuch bewährt, und zwar nicht nur im Bündnerland. Die Kantone Bern und Wallis und die SBB arbeiten mittlerweile ebenfalls damit; die beiden Kantone haben zudem an der Aktualisierung der jüngsten Auflage mitgewirkt. «Heute werden im Schweizer Alpenraum die Schutzbauten vielerorts nach den Vorgaben des KUFI-Handbuchs überprüft», stellt Martin Frei fest.

Vollständige Bestandsaufnahme als Grundlage. Allein mit Anleitungen, wie die periodischen Inspektionen vorzunehmen sind, wäre das integrale Schutzbautenmanagement nicht vollständig. Es braucht auch die Übersicht über alle Objekte, die es zu untersuchen gilt. Der Schutzbautenkataster gewährt diese Gesamtschau für sämtliche Anlagen, die in den 850 Verbauungsgebieten des Kantons Graubünden stehen. Im Büro von Martin Frei beanspruchen die zahlreichen Dossiers mehrere Laufmeter eines Regals. Geordnet nach den fünf Forstregionen des Kantons, umfassen die Aktenmappen Pläne der ausgeführten Werke sowie wesentliche Informationen über jedes Verbauungsgebiet.

Interaktiv. Der Kataster existiert nicht nur in Papierform, sondern auch in einer digitalisierten Fassung und kann auf dem Geoportal des Kantons abgerufen werden. Der Südhang des Muot da Munt erscheint im Massstab 1:10‘000 durchsetzt mit blauen Bändern. Sie stehen für die Lawinenverbauungen, deren eine es nun zu reparieren gilt. Wenn man auf das «i» am oberen Kartenrand klickt und mit dem Mauszeiger ein bestimmtes Band anwählt, öffnet sich ein Fenster mit zusätzlichen Informationen: «Stahlwerk Züllig Typ SA» und «Baujahr 2008», erfährt man, ebenso die Höhe von 3,5 Metern. Oder: «Betonwerk VOBAG Typ B + Holzrost» mit Baujahr 1958. Das Amt für Wald und Naturgefahren verfügt über detaillierte Pläne von sämtlichen Lawinenverbauungstypen. «Damit können wir auch für die alten Werktypen, die nicht mehr fabriziert werden, Ersatzteile herstellen lassen», erklärt Martin Frei.

Der interaktive Schutzbautenkataster ermöglicht aber auch einen Rundgang durch die Historie und zeigt die Auseinandersetzung, die der Mensch im alpinen Lebensraum mit den Naturgefahren führt: So handelt es sich bei Anlage Nummer 277 südlich von Bergün um eine Trockensteinmauer, errichtet im Jahr 1903. Eine frühe Technik aus den Anfängen des Lawinenschutzes, der durch den Bau kostspieliger Infrastrukturen rasch weiterentwickelt wurde - galt es doch, insbesondere die neu errichteten Eisenbahnlinien vor Zerstörung durch herabstürzende Schneemassen zu schützen. Anlagen gegen Hochwasser sind teilweise älter, denn die Dorfgemeinschaften versuchten schon früh, Felder und Häuser vor Überschwemmungen zu bewahren. Netze gegen Steinschlag und Felssturz wiederum sind höchstens dreissig Jahre alt. Davor gab es keine Materialien, die stark genug gewesen wären, um der hohen kinetischen Energie herabfallender Trümmer standzuhalten.

Der Schutzbautenkataster des Kantons Graubünden

Austariertes Zusammenspiel.Das integrale Schutzbautenmanagement des Kantons Graubünden beruht auf einer engen Zusammenarbeit von Kanton und Gemeinden. Das kantonale Amt ist zuständig für Koordination und Planung der Arbeiten. Seine fünf Schutzbautenspezialisten – für jede Region einer – bestimmen das Kontrollintervall für die verschiedenen Verbauungsgebiete und legen fest, welche von ihnen im aktuellen Jahr überprüft werden müssen. Bis im März erteilen die Forstingenieure des Kantons die konkreten Aufträge an die Förster, welche bei den Kommunen angestellt sind. Ein Teil ihres Lohnes wird denn auch vom Kanton bezahlt, und die Schutzbauteninspektion ist entsprechend fester Bestandteil des Pflichtenhefts. «In der Regel wohnen die Förster in den Gemeinden, die sie betreuen, und haben allein schon deshalb ein starkes Interesse, dass die Kontrollen ausgeführt werden», ergänzt Martin Frei.

Intensives Sommerhalbjahr. Bis Ende Oktober müssen die Kontrollrapporte dem Kanton abgeliefert und beurteilt werden. Entscheidend ist, ob die erforderlichen Massnahmen als Unterhalt oder als Instandsetzung zu gelten haben. Den Unterhalt muss die Bauherrschaft - also etwa die Gemeinde oder eine Bahngesellschaft - selber ausführen; es handelt sich dabei um kleinere Arbeiten, etwa, wenn ein Stein aus einem sonst unbeschädigten Netz entfernt werden muss. An Instandsetzungen beteiligen sich hingegen Kanton und Bund - auch finanziell. Während der Wintermonate werden die einzelnen Instandsetzungsmassnahmen zu einem Sammelprojekt zusammengefügt, das dem Regierungsrat des Kantons unterbreitet wird. Grössere Einzelprojekte werden gesondert behandelt und auch dem Bund vorgelegt.

Der mittlerweile gut eingespielte Regelkreis der Kontrollen führt dazu, dass Schäden an Schutzbauten innerhalb zweier Jahre zuverlässig behoben werden können. Eine klare Verbesserung gegenüber früher, als der Kanton gemäss dem Bundesgesetz über den Wald und dem Bundesgesetz über den Wasserbau zwar für den Vollzug des Unterhalts zuständig war, die eigentlichen Arbeiten am Objekt indes in der alleinigen Verantwortung der Bauherrschaft - in der Regel der Gemeinden - lagen. «Das klappte mal besser und mal weniger gut», erinnert sich Martin Frei. Es waren allerdings nicht so sehr die praktischen Gründe, die eine neue Arbeitsteilung zwischen den Verwaltungseinheiten bewirkten. Vielmehr drängte es sich wegen des neuen Finanzausgleichs (NFA) auf, Grundlagen zu erarbeiten, die eine umfassende Übersicht über die Schutzbauten und den damit verbundenen Mittelbedarf gewähren. Mit dem NFA sahen sich die Kantone nämlich stärker verpflichtet, ihren Finanzbedarf auszuweisen.

Kataster für die ganze Schweiz. Da der Bund für die Errichtung und Instandsetzung von Schutzbauten zwischen 35 und 45 Prozent der Kosten übernimmt, ist auch die eidgenössische Verwaltung auf verlässliche Planungsgrundlagen angewiesen. Eine Untersuchung des BAFU aus dem Jahr 2009 ermittelte für sämtliche Anlagen gegen Naturgefahren einen Wieder­beschaffungswert von gut 83 Milliarden Franken; pro Jahr müsste der Studie zufolge allein die öffentliche Hand im Schnitt mehr als 0,5 Milliarden Franken ausgeben, um die vorhandenen Bauwerke zu reparieren oder zu ersetzen.

Angesichts dieses Finanzbedarfs ist das Interesse an einem zuverlässigen gesamtschweizerischen Überblick gross. «Bereits in den 1990er-Jahren wurde ein eidgenössischer Schutzbautenkataster, genannt ProtectMe, erstellt», weiss Wolfgang Ruf, der in der Sektion Risikomanagement des BAFU für den Schutzbautenkataster zuständig ist. «Die alte Übersicht stellte allerdings eine isolierte Datenbanklösung ohne Einbindung in ein Schutzbauten-Managementsystem dar. Die Kantone mussten sich damit bescheiden, Daten für den Bund zu sammeln, mit denen sie selbst kaum etwas anfangen konnten. Das System hat sich deshalb nicht durchgesetzt und wird derzeit komplett von einem neuen Modell abgelöst.»

Im neuen gesamtschweizerischen Schutzbautenkataster werden die Kantone mit einbezogen, indem deren Fachleute für Schutzbauten in der Arbeitsgruppe mitwirken. «Wir wollen Dinge, die schon bestehen, nutzen und verdichten», sagt Arthur Sandri, der beim BAFU die Gesamtleitung für den Schutzbautenkataster innehat. In den vergangenen Monaten wurde nun in Absprache mit den Kantonen die Datenstruktur des Katasters definiert, und im Sommer 2012 wird sie in die offizielle Vernehmlassung gemäss Geoinformationsgesetz gehen.

Voneinander lernen. Die Erfahrungen, die die verschiedenen Kantone in den gesamtschweizerischen Kataster einbringen, sind sehr vielfältig: Während Graubünden als Spezialist für die sogenannten gravitativen Gefahren gilt, sind im Kanton Neuenburg die forstlichen Massnahmen weit entwickelt, und die Waadt ist beim Hochwasserschutz innovativ. So hat sie ein wirkungsvolles und zugleich für Flora und Fauna schonendes Verfahren entwickelt, um die zwischen Saint-Triphon und Noville im Grand Canal regulierte Rhone periodisch von den abgelagerten Sedimenten zu befreien.

Dank der Inputs der Kantone wird der neue eidgenössische Schutzbautenkataster zu einem effizienten Instrument, um schweizweit Massnahmen gegen Naturgefahren zu planen und zu finanzieren. Zum Schutz von Verkehrswegen, Siedlungen und Menschenleben. Vor Lawinen, beispielsweise, oder vor Hochwasser und Erdrutschen. Und vor Murmeltieren.

Lucienne Rey

Weiterführende Informationen

Kontakt
Letzte Änderung 22.05.2012

Zum Seitenanfang

https://www.bafu.admin.ch/content/bafu/de/home/themen/wirtschaft-konsum/dossiers/magazin-umwelt-2-2012/management-von-schutzbauten--wirksame-riegel-und-regeln.html