Aufforstung im Hinterrheintal: Der Arvenpflanzer im Rheinwald

24.08.2016 - Um den geplünderten Arvenwald im oberen Hinterrheintal (GR) wieder aufzubauen, sind in den letzten 40 Jahren auf Initiative des St. Galler Chirurgen Theo Gerber Tausende von Bäumen gepflanzt worden. Private und das zuständige kantonale Forstamt haben dabei eng zusammen gearbeitet. Jetzt kann der Tannenhäher das Langzeitprojekt übernehmen.

Für Hirsche sind die jungen Arven ein Leckerbissen. Ohne Schutzzäune hätten die langsam wachsenden Nadelbäume deshalb keine Überlebenschance.
© Oskar Hugentobler

Text: Hansjakob Baumgartner

Begonnen hat alles in den frühen 1970er-Jahren in einer Arvenstube. In Nufenen (GR) feierte man die Taufe von Theo Gerbers Patenkind Margrit. Das Tischgespräch kam auf die Arve. Ein Lehrer berichtete von seinen Versuchen, auf dem Dürrabüel beim San Bernardino-Pass Arven aufzuziehen. Anfänglich seien die gepflanzten Bäumchen schön gewachsen, dann aber plötzlich allesamt eingegangen.

Theo Gerber fühlte sich herausgefordert. Er hatte sich schon als Jugendlicher als Baumgärtner betätigt, Pappeln um das Pfadfinderheim gepflanzt oder einen Kirschbaum im eigenen Garten. Er nahm sich vor, es auch mit Arven zu versuchen. Mit dem dafür auserkorenen Gebiet - dem Hochtal des Hinterrheins vom San-Bernardino-Pass bis hinab nach Splügen (GR) - war der in St. Gallen praktizierende Chirurg bestens vertraut. Seine Grossmutter wohnte in Nufenen; hier verbrachte er seit seiner Kindheit die Ferien.

«Rheinwald» wird dieser Teil des Hinterrheintals auch genannt. Der Name erinnert an längst vergangene Zeiten, als die Talflanken noch durchgehend bewaldet waren. Im obersten Bereich der Bergwälder herrschte die Arve. Diese Baumart gedeiht in den Alpen vorwiegend in Höhenlagen von 1700 bis 2300 Metern über Meer und bildet zusammen mit der Lärche den Waldgürtel unterhalb der Baumgrenze. Verschiedene Flurnamen bezeugen, dass dies einst auch im Rheinwald der Fall war.

Rodungen der Walser

1274 holten die Landesherren von Sax Misox 13 Walserfamilien ins Hinterrheintal und verpflichteten sie, die Saumwege von Splügen über den San Bernardino ganzjährig offen zu halten. Als Lohn dafür erhielten sie Sonderrechte wie persönliche Freiheit, niedrige Gerichtsbarkeit und namentlich auch das Recht, den Wald zur Gewinnung von Kultur- und Weideland zu roden. Die Walser machten davon ausgiebig Gebrauch - zumal sie auch viel Holz als Baumaterial sowie als Brennstoff zur Verhüttung von Eisen für Werkzeuge und die Hufeisen der Saumtiere brauchten. Unter dem Wenglispitz bei Hinterrhein auf 2350 Metern Höhe steht heute noch die Ruine eines Hochofens.

Den Rest besorgten die von Frühling bis Herbst frei weidenden Ziegen. Die grossen Herden frassen den Jungwuchs ratzekahl ab. Anfang der 1970er-Jahre waren vom einstigen Arvenwald zwischen Nufenen und Hinterrhein noch rund 100 Bäume in unzugänglichen, felsigen Hängen übrig.

Baumschulen in Hausgärten

Theo Gerber ist ein warmherziger Mann, der auf Menschen zugeht und Freunde gewinnen kann. Die brauchte er für sein Vorhaben, die Arve in das obere Hinterrheintal zurückzubringen. Der Erste war Walter Trepp, der damalige Forstadjunkt des Kantons Graubünden. Er schenkte ihm die ersten 5000 Sämlinge. Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner von Nufenen stellten Teile ihres Hausgartens für Baumschulen zur Aufzucht von Jungarven zur Verfügung, die Kirchgemeinde den Pfarrgarten. Und auch rund um das Ferienhaus, das Theo Gerbers Eltern hatten erbauen lassen, wuchsen fortan Jungarven. Im Dorfbild jeder Rheinwalder Gemeinde sind Arven als Gartenbäume heute ein prägendes Element.

Sechs Jahre dauert es, bis ein Arvenkeimling zu einem Jungbaum aufgewachsen ist, der ausgepflanzt werden kann. Das Pflanzen im teils schwierigen Gelände ist eine Knochenarbeit. Im Werkraum seines Ferienhauses demonstriert der mittlerweile 88-jährige Freizeitförster die hierzu verwendeten Werkzeuge: die Wiedehopfhaue, ein Gerät, das tatsächlich an den Kopf eines Wiedehopfs erinnert und für Bodenarbeiten verwendet wird, die maximalen Krafteinsatz erfordern. Oder den Pfahlhammer, eine 1 m lange, oben verschlossene Eisenhülse, an die man unten Verlängerungsstangen anschrauben kann. Das Gerät dient dazu, Pfähle in den Boden zu rammen: Die Hülse wird über den liegenden Pfahl gestülpt, dieser danach aufgerichtet und in das mit einem Locheisen gegrabene Loch gesteckt: Zwei Personen heben nun die Hülse und ziehen sie danach - den Fall verstärkend - nach unten.

Gepfählt werden muss, um die Pflanzflächen einzuzäunen. Ohne Zaunschutz würden die Jungbäume allesamt von Ziegen oder Hirschen gefressen. Für diese sind die zarten Arvennadeln und die saftige Rinde ein Leckerbissen. Ungeschützt haben die Jungbäume bei den heutigen Hirschbeständen keine Überlebenschance.

Freiwillige Helfer packen mit an

Gepflanzt hat Theo Gerber, wo immer sich eine Gelegenheit dazu ergab. Meist kamen Privatpersonen oder Gemeinden auf ihn zu, stellten ihm ein Stück Land zur Verfügung, mit der Bitte, es mit Arven zu bestocken. Breit vernetzt, wie er war, fand er auch freiwillige Helfer und Sponsoren. Mitglieder des Rotary-Club, seines Turnvereins oder seiner Pfadfinderabteilung, aber auch Familienangehörige sowie ortsansässige Landwirte und Jäger legten Hand an. Private Gönner und die Ernst-Göhner-Stiftung gaben Geld. «Diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit, die grosse Unterstützung von allen Seiten, all das war eine beglückende Erfahrung», sagt Theo Gerber.

Im Kreisförster Oskar Hugentobler fand er einen überaus kooperativen Partner und Freund in der Forstverwaltung. Dank ihm konnten mehrere grössere Aufforstungen als Schutzwaldprojekte finanziert und realisiert werden. So zum Beispiel die Aufforstung «Ob den Bender/Schnäggafat» bei Medels: Unterhalb einer Lawinenverbauung pflanzten angehende Förster und Private 3000 Arven aus den Nufener Baumschulen. Oder die Mischwaldanlage unterhalb der Alp Cadriola bei Hinterrhein: Der aufkommende Wald soll zusammen mit Lawinenverbauungen die Talstrasse A13 zwischen Nufenen und Hinterrhein schützen. Andere grössere Projekte betrafen Ersatzaufforstungen, die durch den Ausbau der Passstrasse über den San Bernardino notwendig geworden waren. Hinzu kamen zahllose kleinflächige Pflanzungen mit ein paar Dutzend bis mehreren Hundert Bäumen. Insgesamt rund 80‘000 Arven wurden im Zeitraum von 1974 bis 2006 im Rheinwald gepflanzt - darunter 20‘000 von Privaten.

Zusammenarbeit von Staat und Privaten

Mit dem Pflanzen war es meist nicht getan: Abgestorbene Bäumchen mussten ersetzt, darbende gepflegt und Wildzäune instand gehalten werden. Auch hier kooperierten Staat und Freiwillige.

Den Arvengürtel im Rheinwald wieder aufzubauen, sei nicht zuletzt zur Regulierung des gestörten Wasserhaushaltes infolge des Gletscherrückgangs wichtig, findet Theo Gerber. Bis die aufgeforsteten Flächen diese Funktion wahrnehmen können, wird es allerdings noch Generationen dauern. Denn in den Höhenlagen um 2000 m über Meer wachsen Arven äusserst langsam. Bäume von der Grösse eines Weihnachtsbaums können über hundert Jahre alt sein. Doch der Anfang ist gemacht. Unten im Tal, wo ebenfalls viele kleinere und grössere Arvenpflanzungen erfolgten, geht das Wachstum schneller. Bereits fruchten die ersten Bäume.

Der Tannenhäher übernimmt

Die wie Pinienkerne schmeckenden Nüsschen in den Arvenzapfen bilden die Nahrungsgrundlage des Tannenhähers. Das Nussangebot für den Vogel, der das Gebiet mangels Arven lange Zeit nicht mehr ganzjährig bewohnen konnte, wird sich in den kommenden Jahren exponentiell vergrössern.

So wird er bald die Weiterführung des Projekts übernehmen können. Denn zwischen ihm und der Arve besteht eine erspriessliche Partnerschaft: Die Arve macht ihn satt, als Gegenleistung hilft er ihr, sich auszubreiten. Der Ornithologe Hermann Mattes hat diese symbiotische Beziehung in den 1970er-Jahren akribisch erforscht. Im Frühherbst, wenn die Arvenzapfen reif sind, wird der Häher von einer regelrechten Arbeitswut gepackt. Er holt die Zapfen von den Bäumen und schleppt sie zu einer Astgabel oder einem Baumstrunk, wo er die Nüsschen herauspickt. Diese stopft er in den Kehlsack und fliegt sie zu seinem Revier. Hier legt er im Boden seine Depots für den Winter an.

Mehr als 100‘000 Nüsse kann ein einziger Häher pro Saison ernten. Der Vorrat muss nicht nur für ihn reichen. Wie der Vogel es schafft, die Depots im Winter zu finden, ist ein Rätsel. Er orientiert sich offenbar optisch. Was Auge und Gehirn dabei leisten, grenzt an ein Wunder: Ein Häher muss sich nicht nur Tausende von Depots merken, er muss diese auch noch unter einer dicken Schneeschicht orten können. Doch perfekt ist niemand. Rund ein Fünftel aller gehorteten Arvensamen findet der Vogel nicht mehr. Diese erhalten dann im Frühling ihre Chance, zu einem Baum auszuwachsen.

Optimale Keimstandorte

Für die Verjüngung des Arvenwaldes reicht das bei Weitem. Zumal der Häher seine Verstecke ungewollt oft gerade da platziert, wo für junge Arven bestmögliche Entwicklungsbedingungen herrschen. Eine reichliche Bodenvegetation - mit Alpenrosen, Erlen und hohem Gras - erschwert ihm den Zugang zum Erdreich. Solche Stellen werden daher gemieden. Auch dort, wo im Winter sehr viel Schnee liegt, wird der Häher mit Vorteil keine Verstecke anlegen. Es sind zugleich Orte mit schlechten Keim- und Wachsbedingungen für die Arve.

Leichter zu finden sind eher pflanzenarme Standorte, die im Frühling zeitig ausapern. Auch erhöhte Geländepunkte mit bewachsenen Felsen wie Kuppen und Rippen sucht sich der Häher gerne für seine Nussdepots aus, weil die Topografie ihm hier das Wiederfinden erleichtert. Just dies sind optimale Arvenstandorte. Eine im Engadin durchgeführte Untersuchung zeigte, dass fast jede Jungarve, die ausserhalb des Waldes wächst, aus einer Hähersaat aufgegangen ist. So werden Vögel im Lauf der nächsten paar hundert Jahre das Lebenswerk von Theo Gerber vollenden.

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Letzte Änderung 24.08.2016

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