«Meine Natur» mit Michel Gsell

In jeder Ausgabe von «die umwelt» äussert sich in dieser Kolumne eine Persönlichkeit zum Thema «Meine Natur». Ausgabe 1/2020.  

Michel Gsell (57) ist Lehrer und Coach für Erwachsene und Kabarettist und Musiker im Duo «Schertenlaib + Jegerlehner». Er lebt «im Berner Dreieck Bern–Deisswil–Ferenberg». Mit seiner Frau bewirtschaftet er 100 m2 Garten und 15 Töpfe mit Gemüse und nennt es «Urban Gardening am Land». Als Künstler gewann er unter anderem den Salzburger Stier (2013) und den Schweizer Kabarett-Preis Cornichon (2018). Er ist Vater zweier erwachsener Söhne.
© Reto Camenisch

Neulich war ich im Stadtwald. Wegen Pause gönnen, Beine vertreten, durchatmen. Aber es war nicht einfach. Weil im Stadtwald ist immer was los. Die Menschen, die Hunde, alles ist los. Die Nomaden machen Feuer und frönen dem Hanf, im Stadtwald wird gelaufen, spaziert, gejoggt, gestreunt (Hunde); im Stadtwald singt die Gruppe Einstein (Hochbegabten-Waldspielgruppe) lauthals ‹In einem Bächlein helle›; im Stadtwald warten die Eltern der Hochbegabten-Waldspielgruppe, an ihre SUVs gelehnt, auf ihre zukünftigen Managerinnen und Hausmänner, nicht ohne dabei angesagte Podcasts wie ‹A Mindful Mess› (von einer Nachhaltigkeits-Bloggerin über bewusstes Leben, das der Umwelt und einem selbst guttut), ‹Shut Up, Brain› (Meditation in englischer Sprache) oder ‹Endlich Om› aus ihrem Hi-Fi-High-End-Autoradio zu hören, derweil sie ihrem bff (best friend forever) via Smartphone den neuen Klatsch erzählen. Lauthals. OMG.

Im Stadtwald geht's rund und zu und her wie im hölzigen Himmel. Wie soll ich da zur Vernunft, zur Ruhe kommen? Der Stadtwald ist nicht mein Wald.

Ich wohne ‹am Land›. Herrliche Bezeichnung. ‹Am Land›. Wie ‹am Meer›, aber eben als Binnenländer. ‹Am Land›. Kommt aus Österreich. Sprache können sie, die Österreicher. Anderes weniger.

Am Land gibt's zwar immer weniger ÖV, dafür mehr Wald. Warum bloss gibts am Land weniger ÖV als in der Stadt? Ich versteh das ja überhaupt nicht. In der Stadt fährt gefühlt alle 5 Sekunden ein Tram oder ein Bus, oder der Hauptbahnhof ist nah, oder ein City Bike. Und ‹am Land›? Schulbus. Zu kleine Sitze, zu kleine Gurte, Kinderblicke (hat der Alte immer noch kein Auto?). Alles in allem erniedrigend.

Weniger ÖV, dafür mehr Wald. Mein Wald. Vor meiner Haustür, genau da ist mein Wald. In meinem Wald spaziere ich, drehe meine Runden und meine Gedanken im Kopf, in meinem Wald suche ich die Ruhe, atme ich Waldluft, denke ich nach. Denn es ist besser, vorher nachzudenken.

Zwischen Nacht und dem Morgen, wenn ich das Gefühl habe, ich sei alleine und der Wald und auch die ganze Welt gehöre mir, und zwischen Abend und der Nacht, in der sich ausbreitenden Einsamkeit der blauen Stunde, bin ich gerne in meinem Wald. Ich stehe oft nur da. Oder laufe über Waldboden und Waldweg, setze mich auf gefälltes Holz, tauche ab in die leise Gemeinschaft des Waldes, in das Universum der Töne, Lichter und Düfte. Mein Wald wird zum sakralen Raum, durchlässig, bedeutend, schützend. Hier ist mein Ort der Stille. Hier ist mein Wald. Hier ist meine Natur.

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Letzte Änderung 04.03.2020

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