«Meine Natur» mit Nicole Niquille

Nicole Niquille war die erste Bergführerin der Schweiz und hat Gipfel auf der ganzen Welt bestiegen. Im Jahr 1994 erlitt sie beim einfachen Pilzesammeln einen Unfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Sie erzählt uns, wie sich ihre Beziehung zur Umwelt verändert hat.

Nicole Niquille, Bergführerin
Nicole Niquille wird 1956 in Freiburg geboren. Als erste Frau in der Schweiz erlangt sie 1986 das Diplom als Bergführerin und nimmt in der Folge an Expeditionen im In- und Ausland teil. Im Jahr 1994 wird sie beim Pilzesammeln von einem Stein am Kopf getroffen, erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma und ist danach querschnittsgelähmt. Später übernimmt sie ein Berggasthaus am See von Tanay im Wallis und gründet im nepalesischen Lukla ein Krankenhaus zu Ehren der ersten Nepalesin, die den Mount Everest erklommen hat und beim Abstieg ums Leben gekommen ist. Die ersten Patientinnen und Patienten werden 2005 aufgenommen.

Die Natur auf andere Weise spüren

«Als Kind wurde mir mit auf den Weg gegeben, die Natur zu respektieren und ihr mit Offenheit zu begegnen. Ich lebte mit meinen Eltern und Geschwistern in der Stadt, aber die Wochenenden verbrachten wir jeweils in Charmey (FR) im Grünen.

Als ich 18 Jahre alt war, hatte ich einen Motorradunfall, bei dem ich mir den linken Unterschenkel zertrümmerte. Nach einer mehrmonatigen Rehabilitation rieten mir die Ärztinnen und Ärzte, mithilfe einer sanften Sportart zu versuchen, meine Mobilität wiederzugewinnen. Über meine Zwillingsschwester kam ich zum Klettern. Schon bald verliebte ich mich in einen Kletterer und entdeckte eine neue Welt, die mich faszinierte.

Nicole Niquille
Die Natur hat ihr Leben geprägt: Nicole Niquille.
© Rob Lewis

Nach und nach wollte ich nicht nur in, sondern auch von den Bergen leben und liess mich deshalb zur Bergführerin ausbilden. Im Gebirge schätze ich vor allem die Stille. Ich mag das Wahre, das Ungeschliffene. Meistens sage ich ganz unverblümt, was ich denke. In den Bergen finde ich diese Elemente wieder: Da ist kein Schummeln erlaubt, denn sonst hat man das Nachsehen. Man muss demütig sein und lernen, mit den Bergen in Einklang zu kommen. Mir hat es gefallen, immer wieder etwas dazu zu lernen, beispielsweise wie man sich an die Wetterbedingungen anpasst oder wie man mit verschiedenen Schneearten umgeht. Auch die physische Anstrengung reizte mich sehr, ebenso die Ästhetik des Kletterns und der Kontakt mit dem Fels.

Meine schönste Erinnerung ist aus dem Jahr 1985, als ich zum ersten Mal nach Asien reiste, um eine Expedition zum K2 zu unternehmen. Alles war neu. Nach einem zehntägigen Anmarsch zum Basislager liessen uns die Sherpas allein. So lebte ich zwei Monate lang mit einem pakistanischen Koch und einem Verbindungsoffizier zusammen. Das war ein magisches Erlebnis. Zur körperlichen Beanspruchung kamen die Eingewöhnung an das Leben in der Gemeinschaft und die Umstände vor Ort hinzu.

Seit meinem Unfall im Jahr 1994 sitze ich nun im Rollstuhl. Das hat meinen Bezug zur Natur komplett verändert. Früher dachte ich, dass Höhe gleichbedeutend mit Glück ist. Heute merke ich, dass auch das Beobachten der Landschaft glücklich machen kann.

Letzten Sommer durfte ich ein tolles Abenteuer erleben: Auf einem speziell dafür angefertigten Schlitten wurde ich von 16 Bergsteigerinnen auf den Gipfel des Breithorns gezogen. Rasch waren die Automatismen und Fachbegriffe wieder da, die zum Beispiel für das Passieren von Gletscherspalten
nötig waren. Bei der Ankunft auf dem Gipfel war ich tief berührt.»

In jeder Ausgabe von «die umwelt» schildert eine Persönlichkeit ihre Beziehung zur Natur. Stéphanie de Roguin hat die Aussagen von Nicole Niquille aufbereitet.

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Letzte Änderung 04.09.2019

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