Citizen Science: App-lizierte Forschung

Die digitale Technik beeinflusst unsere Art zu kommunizieren – und damit auch die Wissenschaft. Sie ermöglicht es zudem der Bevölkerung, Beobachtungen in der Umwelt einfach zu erheben. 

Text: Christian Schmidt

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© Fotolia | jerome berquez

«Ohne die technischen Fortschritte in der Kommunikation wäre meine Forschung nicht möglich», macht Olivia Romppainen im Gespräch sogleich klar. Die Leiterin der Abteilung Klimafolgenforschung an der Universität Bern geht dem Hagel und seinen Auswirkungen nach. Die vom Himmel prasselnden Eiskörner gelten immer noch als schwer erklärbares Wetterphänomen.

Olivia Romppainen nutzt für ihre Arbeit die sogenannte Citizen Science, das heisst, sie beteiligt die Bevölkerung an der Datenerhebung. Auf diese Idee kam sie 2014 während eines Workshops in den USA. Ihre amerikanischen Kollegen erklärten ihr, wie sie Daten sammelten: «Sie taten das mithilfe der Bevölkerung. Menschen auf dem ganzen Kontinent geben mittels einer App ihre Wetterbeobachtungen ein.» Die Professorin erkannte, dass sich hier eine neue Datenquelle von praktisch unbeschränktem Ausmass ergab. Und sagte sich: «Was die können, können wir auch.»

Hagelmeldung mittels App

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz begann sie mit der Umsetzung. In Zusammenarbeit mit MeteoSchweiz und der am Thema interessierten Mobiliar Versicherung – sie zahlt jährlich rund 50 Millionen Franken für Hagelschäden – startete sie 2015 ihr Citizen-Science-Projekt.

Inzwischen beteiligen sich mehrere Hundert Personen an ihrer Forschung. Nach einem Hagelschlag melden sie via App von MeteoSchweiz oder Mobiliar Versicherung wo, zu welcher Zeit und in welcher Grösse Eiskörner niedergegangen sind. Für Olivia Romppainen bergen diese Rückmeldungen «einen riesigen Schatz» an Informationen. Sie helfen der Wissenschaftlerin, die Prognosen so zu verbessern, dass Hagelwarnungen präziser und früher erfolgen können.

Auf dem Vormarsch

Olivia Romppainen ist bei Weitem nicht die einzige Wissenschaftlerin, die heute in der Schweiz die Möglichkeiten der Citizen Science nutzt. Die neue Forschungsmethode verbreitet sich schnell: Auf der vom Verein GLOBE Schweiz lancierten und von BAFU und MeteoSchweiz unterstützten Website PhaenoNet.ch registrieren die Teilnehmenden mittels Eintrag oder WebApp ihre Beobachtungen von und an ausgewählten Pflanzen. «PhaenoNet» ermöglicht es, Beobachtungen zur jahreszeitlichen Veränderung von Pflanzen zu erfassen und mit anderen Interessierten zu teilen. Freiwillige geben auf der App «CrowdWater» der Universität Zürich Gewässerdaten ein und verbessern so die Voraussagen für Trockenheit und Hochwasser. Schülerinnen und Schüler der American School in Leysin (VD) beobachten im Rahmen des Projekts «Local Environmental Transect Survey LETS Study Leysin» systematisch Veränderungen in der Waldökologie. Ihre Methode wollen sie mit möglichst vielen anderen Schulen teilen, um die Folgen des Klimawandels zu untersuchen.

Raus aus dem Elfenbeinturm

Citizen Science ist keine Erscheinung der Neuzeit; entstanden ist sie bereits vor 200 Jahren (siehe Box). Allerdings, so sagt Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich, sei die Bürgerforschung erst jetzt «durchgestartet» – dank Smartphones, Apps und sozialen Medien. «Erstmals ist es möglich, Daten von unterschiedlichsten Orten in Echtzeit zu übermitteln, mit genauer Standortangabe und in hoher Qualität.» Die Wissenschaft finde nicht mehr nur im Elfenbeinturm statt, sondern auf Augenhöhe mit der Bevölkerung. Mike S. Schäfer: «Über Plattformen wie Twitter und Facebook gelangt die Forschung heute an ein Publikum, das sie sonst nie erreicht hätte.»

Näher an den Menschen

Diese Transformationsprozesse beschäftigen auch den Bund. Sie stehen im Zentrum der Strategie «digitale Schweiz», welche die Chancen der Digitalisierung durch die Zusammenarbeit und den Dialog mit allen gesellschaftlichen Akteuren nutzen möchte.

In diese Strategie einbezogen ist auch das BAFU, unter anderem in Zusammenhang mit Citizen Science. «Wir sehen hier eine Möglichkeit, die Bevölkerung für Umweltthemen zu sensibilisieren», sagt BAFU-Kommunikationsspezialistin Gabriella Zinke. So unterstützt das Amt nicht nur «PhaenoNet», sondern auch Einzelprojekte wie den Brutvogelatlas oder den Säugetieratlas. Interessant sei die Bürgerforschung, weil sie dank Einbezug der sozialen Medien auch ein jüngeres Publikum anspreche, also die kommenden Generationen.

Soziale Medien im BAFU

Trotz ihrer zunehmenden Bedeutung sind die sozialen Medien für die Öffentlichkeitsarbeit des BAFU aber «nur ein Kanal unter anderen», erklärt BAFU-Kommunikationschefin Eliane Schmid. «Auch klassische Medienmitteilungen sowie die Inhalte unserer Website sind wichtige Kommunikationsmittel.» Diese Informationen würden sehr gut aufgenommen – und dank der Onlinepräsenz von Zeitungen, Radio und Fernsehen würden sie auch wieder auf entsprechenden Plattformen verbreitet.

Gleichwohl setzt auch das BAFU seit einiger Zeit vermehrt auf soziale Medien, um vom Multiplikations- und Partizipationseffekt zu profitieren. Eliane Schmid: «Wir haben vier Twitteraccounts, sind auf LinkedIn aktiv, und seit Februar 2018 ist unser Magazin ‹die umwelt› auf Facebook präsent.» Diese Kommunikationsmittel setze das Amt ein, weil sie den direkteren Kontakt mit der Bevölkerung erlauben. «Das ermöglicht uns, Umweltpolitik und -wissen besser zu vermitteln.»

200 Jahre Citizen Science

Der Einbezug von Privatpersonen in die Forschung ist keineswegs neu. «In der Schweiz tauschten sich ab dem Jahr 1815 privat tätige Wissenschaftler in der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft (heute: Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT) mit ihren Standesgenossen über neue Erkenntnisse aus», sagt Dana Mahr, Wissenschaftshistorikerin an der Universität Genf. Gesammelt, untersucht und katalogisiert wurde alles, was von Interesse war: Pflanzen, Tiere, Mineralien. Mit der Professionalisierung der Wissenschaft verlor die Beteiligung von Privaten jedoch zeitweilig ihre Bedeutung; die Forschung war nun weitgehend den Hochschulen überlassen.

Doch bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhielt Citizen Science eine neue Bedeutung. Sie wurde zum «Ausdruck des eben erwachten Selbstbewusstseins der Bevölkerung», so Dana Mahr, etwa in Zusammenhang mit dem Umweltschutz. Als es 1972 in einer texanischen Stadt zu einer Gewässerverschmutzung kam, begann die Bevölkerung, aus Angst um ihre Gesundheit den Schadstoffgehalt selbst zu messen. Diese Bedeutung der Bürgerforschung hält sich bis heute, zum Beispiel in Fukushima, wo die Menschen nach der Reaktorkatastrophe von 2011 mithilfe des Citizen-Science-Projekts «Safecast» Daten sammeln und auswerten. Sie befürchten, von offizieller Seite nicht umfassend informiert zu werden.

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Letzte Änderung 05.09.2018

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