Übersetzungen: Grenzen der Sprache – Grenzen der Welt

Weil sie zum nationalen Zusammenhalt beitragen, kommt den Übersetzungen in der Bundesverwaltung eine hohe Bedeutung zu. Die Datenbank TERMDAT hilft, die richtigen Wörter zu finden. Aber fehlendes Sprachgefühl kann sie nicht ersetzen. 

Text: Lucienne Rey

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Wer eine Übersetzung anfertigt, kann sich heute wirkungsvoller elektronischer Hilfsmittel bedienen: Die eidgenössische Datenbank TERMDAT, die auf offiziellen Übersetzungen beruht, enthält rund eine halbe Million Einträge von Fachwörtern, für die sie Definitionen und Kontexte in zwei bis fünf Sprachen vorschlägt. Doch auch Onlinedienste wie DeepL, die gleich ganze Absätze automatisch übersetzen, machen die Arbeit zum Kinderspiel – könnte man meinen. «Die Resultate dieser Übersetzungsmaschinen wirken auf den ersten Blick sehr überzeugend», bestätigt Laurence Corroy, Leiterin des BAFU-Sprachdienstes. Umso mehr gelte es aufzupassen: Denn Unstimmigkeiten in der Logik oder sinnentstellende Tippfehler, die den Übersetzungsprofis auffallen, entgehen der Maschine.

Überhaupt verlange die Tätigkeit des Übersetzens mehr als bloss lexikalische Kenntnisse. «Wenn wir Texte vom Deutschen ins Französische übersetzen, schauen wir, welche Ausdrücke für Frankofone gängig sind und welche Konzepte dahinterstecken», erklärt Laurence Corroy. Sogar wenn es gelänge, für einen neu geschaffenen deutschen Fachterminus eine exakte Entsprechung in Französisch zu entwickeln, nütze das wenig, wenn niemand das Wort gebrauche, erläutert die Fachfrau. So setzen sich in der Praxis mitunter Ausdrücke durch, die bei Sprachpuristen auf wenig Gegenliebe stossen: Für «Littering» etwa – das Liegenlassen von Abfall – gibt es weder auf Deutsch noch auf Französisch eine ähnlich prägnante Bezeichnung. Beide Sprachen benötigen einen ganzen Satz, um den Sachverhalt zu beschreiben, und der Rückgriff auf das englische Wort drängt sich als pragmatische Lösung auf.

Unterschiedliche Assoziationen

Sogar Wörter, die in ihrer Verwendung weitgehend deckungsgleich sind, transportieren oft leicht abweichende gedankliche Verbindungen und somit auch unterschiedliche Emotionen. Der Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857–1913) prägte dafür den Begriff der assoziativen Beziehungen. Seine Idee lässt sich gut anhand des Ausdrucks «Umwelt» veranschaulichen: So verbindet sich in Deutsch die Vorsilbe «um-», die in Wörtern wie «Umarmung», «Umhang» und «Umgebung» steckt, mit dem Wort «Welt», das seinerseits Assoziationen zum blauen Planeten und zum Weltbürger, aber auch zur Tier- und Pflanzenwelt weckt.

Der italienische Ausdruck «ambiente» dagegen leitet sich ab von «ambire» – Lateinisch für: herumgehen. Im Plural bezieht sich das Wort oft auf soziale Milieus, indem etwa von «ambienti familiari» – zu Deutsch: «familiäre Kreise» – die Rede ist. Auffällig ist auch die sprachliche Nähe von «ambientalista», der Person, die die Umwelt schützt, und «ambientista» – dem Kunst- und Landschaftsmaler. Der Mitte des 19. Jahrhunderts neu aufgekommene deutsche Ausdruck «Heimatschutz» wurde im Italienischen denn auch zunächst sinngemäss als «Schutz der künstlerischen Schönheiten» umschrieben.

Das französische Wort «environnement» seinerseits entstand aus einem Zusammenzug von «en-» und «viron», wobei sich Letzteres vom lateinischen «virare» für «umkreisen» herleitet. «Les environs» ist seit dem 15. Jahrhundert als Ausdruck für «die nähere Umgebung» nachgewiesen. Sprachwissenschaftler nehmen an, dass dieses etablierte Wort als Grundlage für den neueren Begriff «environnement» diente, der in Anlehnung an das englische «environment» geprägt wurde. «Nach meinem Sprachgefühl umfasst ‹environnement› alles, was um mich herum und mir nahe ist», stellt Laurence Corroy fest. Der deutsche Ausdruck «Umwelt» hingegen bricht die gedankliche Verbindung zur unmittelbaren Umgebung auf und verweist auf den ganzen Erdkreis.

Wortspiele bleiben hängen

Vollends anspruchsvoll wird es, wenn es um die Übersetzung von Kampagnen geht, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden sollen. Denn diese bestechen oft durch Überraschung und Witz, und ihr Slogan verweist gerne auf einen Kontext, der über die Sprache hinausreicht. Laurence Corroy illustriert diesen Sachverhalt anhand einer französischen Kampagne gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln. «Wer ein Ei wegwirft, wirft auch einen Ochsen weg», so die wörtliche Übersetzung des Werbespruchs, der für Deutschsprachige unverständlich ist. Jede frankofone Person hingegen denkt an den französischen Reim, wonach jemand, der eine Kleinigkeit wie ein Ei entwendet, letztlich auch nicht vor dem Diebstahl eines Ochsen zurückschreckt: «Qui vole un œuf, vole un bœuf.»

Dagegen zeigt ein Plakat einer österreichischen Kampagne für fachgerechte Entsorgung eine Energiesparlampe, die aus einer Reihe bunten Birnenobstes tanzt. «Helle Birnen entsorgen richtig», lautet der Spruch darunter, der in einer wörtlichen Übersetzung in Französisch schlicht unsinnig würde. «Ceci n’est pas une poire», schlägt Laurence Corroy als Möglichkeit vor – und spielt damit auf das berühmte Gemälde von René Magritte (1898–1967) an, das eine Pfeife zeigt und zugleich einen Schriftzug, der darauf aufmerksam macht, dass dieses Bild einer Pfeife keine Pfeife ist.

Sprachspiele im Behördenalltag

«Bei unseren BAFU-Kampagnen legen wir grossen Wert darauf, dass sie von Anfang an mehrsprachig angelegt werden und den Sprachwitz bewahren», hebt Laurence Corroy hervor. Sogar der strenge Behördenalltag bietet Freiraum, um mit der Sprache zu spielen. In einem Naturgefahrenbulletin etwa ging es darum, dass der Wasserstand eines Sees die zweite Gefahrenstufe knapp erreichen könnte. Die zuständige Übersetzerin drückte diesen Sachverhalt poetischer aus und liess in Französisch den Wasserpegel mit der Gefahrenstufe «flirten». Keine Formulierung, die TERMDAT vorgeschlagen hätte. Aber eine, die im Gedächtnis der Lesenden hängen bleibt.

Prägt Sprache unser Denken?

Bereits Wilhelm von Humboldt (1767–1835) hatte festgehalten, dass Sprache «gleichsam die äusserliche Erscheinung des Geistes der Völker» sei. Gut 100 Jahre später war der sogenannte sprachliche Relativismus auch unter Ethnologen angesagt: Postuliert hatte ihn der US-amerikanische Sprachwissenschaftler Benjamin Lee Whorf (1897–1941). Dieser war zuvor zur Überzeugung gelangt, die Sprache der Hopi-Indianer enthalte keine grammatikalischen Konstruktionen, die sich auf Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft beziehen – also auf das, was wir gemeinhin unter «Zeit» verstehen. Das Zeitgefühl der Hopi, so Whorfs Folgerung, unterscheide sich demnach grundsätzlich vom unsrigen.

Empirische Untersuchungen in den frühen 1980er-Jahren widerlegten Whorfs Studien der Hopi-Sprache. Doch derzeit erlebt der linguistische Relativismus eine Renaissance. So wies Stephen C. Levinson vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nimwegen (NL) nach, dass Menschen, deren Sprache keine relativen Richtungen wie «oben» oder «links» kennt und die nur absolute Raumangaben (also etwa «nördlich» oder «hangaufwärts») verwenden, sich auffallend gut in unbekanntem Gelände und in fremden Gebäuden orientieren können. Sie schneiden dabei sogar besser ab als Personen, die dort leben. Die These, wonach unsere Sprache unser Denken prägt, ist damit wieder salonfähig geworden.

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Letzte Änderung 05.09.2018

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