Instrumente des Umweltschutzes: Umweltschutz muss an Boden gewinnen

Der Boden liegt meistens verborgen unter Äckern, Grasland, Wald oder Siedlungsgebieten. Entsprechend treten seine Schäden nicht offen zutage. Er liefert somit bestes Anschauungsmaterial für die verborgen stattfindende, aber umso bedrohlichere Gefährdung der Umwelt. 

Text: Lucienne Rey

Das BAFU nutzt viele Instrumente zum Schutz der Umwelt, zum Beispiel im Bereich Boden.

Wenn eine Langstreckenläuferin oder ein Tennisspieler nach einem Sieg den Boden küsst und der Papst auf seinen Reisen das Gleiche tut, fällt die symbolische Kraft der Geste ins Auge. Über ihren Ursprung streitet die Fachwelt. Doch angesichts der Leistungen, die Böden erbringen, sind Wertschätzung und Demut durchaus angebracht. 

Zahllose Leistungen, ... 

Der Boden stellt Nährstoffe zur Verfügung, damit Pflanzen gedeihen und die Landwirtschaft ihre Produkte anbauen kann. Zudem trägt er als Baugrund Siedlungen und Infrastrukturen. «Und was man nicht vergessen darf: Der Boden selbst lebt», streicht Franziska Schwarz heraus, die als Vizedirektorin des BAFU unter anderem die Abteilung Boden und Biotechnologie leitet. «Er ist Lebensraum für zahllose Organismen, die an seinen Leistungen beteiligt sind», erklärt die BAFU-Vizedirektorin, die weitere Leistungen der Böden ins Feld führt: «Boden filtert das Wasser. Ist er verschmutzt oder sein Aufbau gestört, können wir auch nicht mehr mit sauberem Grundwasser rechnen.» Zudem ist er als Klimapuffer von Bedeutung, weil er CO2 zurückhält. Nach den Ozeanen ist er der zweitgrösste aktive Speicher von Treibhausgasen. «Je weniger die Böden angetastet werden, desto besser ist es fürs Klima», hält Franziska Schwarz fest.

… die in Gefahr sind

Im Unterschied zu Wasser und Luft rückte Boden relativ spät ins Blickfeld des Umweltschutzes. Erst das Umweltschutzgesetz (USG) von 1983 erwähnt ihn ausdrücklich. Dass diese wertvolle Ressource nicht schon früher Beachtung fand, könnte aus Sicht der BAFU-Vizedirektorin auf die Wahrnehmung der Menschen zurückzuführen sein: «Wasser bietet ein ästhetisches Erlebnis, das beim Boden erst auf den zweiten Blick erkennbar ist.» Hinzu kommt: Sind Luft oder Gewässer verschmutzt, kann man das sehen oder riechen. «Zerstörungen des Bodens dagegen ereignen sich meistens schleichend und unbemerkt», weiss Franziska Schwarz.

Der statische Charakter des Bodens erhöht seine Verwundbarkeit. Denn anders als die Luft oder das Wasser bleibt er an Ort, sodass sich Belastungen akkumulieren. «Vom Gummiabrieb der Autoreifen über die in der Landwirtschaft und in Gärten eingesetzten Pflanzenschutzmittel bis zu den Einträgen über die Luft: Das meiste landet schliesslich im Boden und bleibt dort hängen», gibt Franziska Schwarz zu bedenken. Kaum weniger bedrohlich ist die Erosion, durch die das Ackerland in der Schweiz durchschnittlich jedes Jahr pro Hektare über die ganze Fläche 0,21 Millimeter bzw. 2,1 Tonnen an Boden einbüsst. Es geht somit zweimal so viel Ackerkrume verloren, wie neue gebildet wird – dauert es doch rund 100 Jahre, bis 1 Zentimeter Boden entstanden ist.

Siedlungen eindämmen

Die grösste Gefahr aber droht den Böden durch die Überbauung. «Versiegelter Boden ist definitiv zerstört», so Franziska Schwarz. Zwischen 1985 und 2009 ging allein vom Kulturland eine Fläche von der Grösse des Kantons Jura verloren; zwei Drittel der Einbussen sind auf die Ausdehnung der Siedlungen zurückzuführen. 

Allerdings konnte das Siedlungswachstum gedrosselt werden. «Dank der ersten Etappe der Revision des Raumplanungsgesetzes, in Kraft seit 2014 (RPG 1), ist die Ausgangslage besser geworden», bestätigt Stephan Scheidegger, stellvertretender Direktor des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE). «Der Auftrag lautet nun ausdrücklich, die bauliche Entwicklung nach innen zu lenken, sodass die Siedlungen nicht immer mehr ausfransen.» Die Bevölkerung sei für den sorgfältigen Umgang mit dem Boden sensibilisiert, ist der ARE-Experte überzeugt; dies habe die breite Zustimmung zu RPG 1 in der Volksabstimmung von 2013 sowie zu verschiedenen kantonalen Kulturlandinitiativen gezeigt. 

Doch es bleiben zahlreiche Hürden. Zumal in der Zeit von Covid-19, in der Abstandhalten gefordert ist, Dichte einen eher schlechten Ruf hat. «Wir müssen die Freiräume attraktiv gestalten, damit Verdichtung nicht mit Zubetonieren gleichgesetzt wird», räumt Stephan Scheidegger ein. Dass die Zeiten ausgedehnter Einfamilienhausquartiere mit grosszügigem Umschwung definitiv vorbei sind, unterstreicht auch die Rechtsprechung: Im November 2018 hat das Bundesgericht einer Gemeinde im Jura trotz Kompensationsmassnahmen untersagt, Kulturland für ein Einfamilienhausquartier einzuzonen – unter anderem mit dem Argument, der Boden werde nicht optimal verwendet, da die Ausnutzungsziffer bei Einfamilienhäusern zu tief ausfalle, mithin «in keinster Weise die vom Gesetzgeber gewollte Verdichtung nach innen garantiert».

Bauen ausserhalb der Bauzonen

Darüber hinaus beschäftigt derzeit das Bauen ausserhalb der Bauzonen Politik und Verwaltung. Aktuell liegen 37 Prozent der gesamten Siedlungsfläche, das heisst 119 000 Hektaren, ausserhalb der Bauzonen; zu einem beträchtlichen Teil – er beläuft sich auf 64 000 Hektaren – handelt es sich dabei um Strassen, die durchs Land führen und die Siedlungen verbinden. Der Bodenverbrauch der Verkehrsanlagen hat in den letzten Jahren allerdings weniger stark zugenommen als jener der landwirtschaftlichen Bauten, die 38 000 Hektaren belegen. 

Gemäss der zweiten Revisionsetappe des Raumplanungsgesetzes (RPG 2) soll die strikte Trennung von Bau- und Landwirtschaftsland gestärkt werden. «Der Markt von teurem Baugrund und von günstigerem Kulturland muss getrennt bleiben, damit die Landwirtschaft zu konkurrenzfähigen Preisen produzieren kann», bekräftigt Stephan Scheidegger. «Je mehr zonenwidrige Aktivitäten ins Landwirtschaftsland eindringen, desto stärker nähert sich dessen Preis dem des Baulandes an.» Das beste Kulturland – das heisst grosse Anteile der Böden im Mittelland – ist als Fruchtfolgefläche geschützt. Jeder Kanton muss einen gewissen Anteil dieser wertvollen Flächen dauerhaft erhalten, dem Sachplan Fruchtfolgeflächen zufolge insgesamt mindestens 338 360 Hektaren, was gut achtmal der Fläche des Bodensees entspricht. «Einem solchen Pflichtanteil haftet eine gewisse Starrheit an, und wir haben uns überlegt, ob ein Kontingenthandel denkbar wäre», führt Stephan Scheidegger aus. Diese Idee habe sich letztlich nicht durchsetzen können. Im Umgang mit Bauland hingegen sei die regionale Betrachtung über Gemeinde- oder auch Kantonsgrenzen hinweg auf jeden Fall zu begrüssen, ist Stephan Scheidegger überzeugt. «Es müssen nicht alle Gemeinden sämtliche Nutzungszonen anbieten. Regionale Lösungen könnten dazu beitragen, die Zonen zu bündeln und damit Boden sparsamer zu nutzen.» 

Daten für präzisere Schutzinstrumente

Die Bodenstrategie Schweiz sieht vor, dass ab dem Jahr 2050 netto kein Boden mehr verbraucht wird. Damit Bauen nach wie vor möglich bleibt, sollen die Bodenfunktionen, die am einen Ort durch die Versiegelung verloren gehen, an anderer Stelle durch die Aufwertung von Boden kompensiert werden.


Bodenstrategie Schweiz

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Für einen nachhaltigen Umgang mit dem Boden. 2020


Allerdings fehlt eine wichtige Grundlage, um die Akzeptanz aller Beteiligten für den Abtausch von Flächen und allfällige Kompensationsmassnahmen zu sichern: zuverlässige und vergleichbare Daten über Qualität und Zustand der Böden. Detaillierte Bodenkarten seien bis heute für weniger als einen Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche erstellt worden, hält die Bodenstrategie Schweiz fest. Daher fehlen grundlegende Angaben für angepasste Planungs- und Nutzungsentscheide. «Eine einheitlich geführte Bodenkartierung ist unerlässlich, auch für eine innovativere Planung», bestätigt Stephan Scheidegger. So lange die erforderlichen Karten nicht vorlägen, führe der konservative Ansatz mit klar definierten Kontingenten wie beispielsweise bei der Fruchtfolgefläche am besten zum Ziel, hält der Fachmann fest.

Es sind alle gefordert

Letztlich sind beim Umweltschutz und insbesondere beim sorgfältigen Umgang mit dem Boden alle gefordert. Standortangepasste Bewirtschaftung etwa würde bedeuten, sensible Böden, die unter Druck zusammensacken, nur in trockenem Zustand zu befahren. Das wiederum wäre nur möglich, wenn die Abnehmerinnen und Abnehmer der Produkte grosszügigere Lieferfristen vorsähen, sodass die Ernte zum optimalen Zeitpunkt eingefahren werden könnte. Es tragen alle Verantwortung, die privat Grund und Boden besitzen: «Es braucht bei allen mehr Bewusstsein für den Boden; schliesslich muss nicht jeder Parkplatz geteert werden, denn es gibt auch durchlässigere Beläge», mahnt Franziska Schwarz vom BAFU. 

Wir brauchen den Boden nicht unbedingt zu küssen; aber wir sollten ihn sicher nicht mit Füssen treten.

Gemeinsam den Boden schützen

Die am 8. Mai 2020 vom Bundesrat verabschiedete Bodenstrategie wurde gemeinsam von den Bundesämtern für Raumentwicklung (ARE) und für Landwirtschaft (BLW) und dem BAFU erarbeitet und mit weiteren interessierten Bundesämtern und den Kantonen abgestimmt. Die Federführung lag beim BAFU. Die Bodenstrategie bildet die strategische Grundlage, um die Bodenfunktionen langfristig zu erhalten. Der revidierte Sachplan Fruchtfolgeflächen, das Kompetenzzentrum Boden (KOBO) und eine schweizweite Bodenkartierung sind erste Massnahmen daraus. In Bezug auf die Bodenkartierung soll das im Sommer 2019 gegründete KOBO dafür sorgen, dass dereinst die Eigenschaften der Böden nach einer einheitlichen Methode erhoben werden. Als nationale Fachstelle von Bund und Kantonen für Boden arbeitet das KOBO im Auftrag des ARE, des BAFU und des BLW. Die Kantone sind über ihre Bodenfachstellen ebenfalls eingebunden.

Das BAFU habe beim Kompetenzzentrum Boden und bei der Bodenkartierung die Federführung, aber die Entscheidungen würden gemeinsam vorbereitet werden, berichtet Stephan Scheidegger vom ARE. Bei einer Laufzeit von rund 20 Jahren ist die flächendeckende Bodenkartierung eine Generationenaufgabe und stellt ein wichtiges Instrument zur Vorsorge dar. Laut aktuellen Schätzungen ist für die flächendeckende Bodenkartierung mit Kosten von bis zu 460 Millionen zu rechnen – eine Zahl, die angesichts von Corona-Krise und Staatsverschuldung manches Parlamentsmitglied leer schlucken lassen dürfte. Doch Berechnungen des Nationalen Forschungsprogramms Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden (NFP 68) zufolge erzeugt jeder Franken, der in die Erhebung von Bodeninformationen investiert wird, durchschnittlich ein Sechsfaches an Mehrwert. So soll die Bodenkartierung wertvolle Grundlagenkarten für Vollzug und Praxis liefern, z .B. für das Wasserspeichervermögen, den Nährstoffhaushalt oder die Schutzwürdigkeit des Bodens an einem bestimmten Standort.

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Letzte Änderung 01.09.2021

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