Wasser: ein schützenswertes Gut

Die Schweiz trägt als Wasserschloss Europas eine besondere Verantwortung gegenüber den Nachbarländern. Die Schweizer Abwasserreinigung gilt als echte Erfolgsgeschichte, doch das kostbare Nass ist vielen Gefahrenausgesetzt – in erster Linie Mikroverunreinigungen und dem Klimawandel. 

Text: Patricia Michaud

Das BAFU ist im ganzen Politikzyklus aktiv: Es deckt Probleme auf, entwickelt Massnahmen zu deren Lösung, überwacht deren Wirkung und passt sie der veränderten Problemlage wieder an. So wie zum Beispiel beim Gewässerschutz.

«Baden verboten, Wasser verschmutzt», «Baden auf eigene Gefahr – Wasser verschmutzt, nicht schlucken, nach dem Baden abduschen»: In den 1960er-Jahren waren solche Warnschilder an den Ufern von schweizerischen Seen und Gewässern häufig anzutreffen. Eine schwer vorstellbare Situation für alle, die heute sorglos im Genfersee oder in der Aare baden! Doch noch vor ein paar Jahrzehnten waren die schweizerischen Gewässer stark durch Siedlungs-, Gewerbe- und Industrieabwasser verschmutzt. Häufig wurden die Abwässer ungereinigt in die Natur abgeleitet – mit schwerwiegenden Folgen nicht nur für Badende, sondern auch für die Fische.


Karte Messtationen Gewässer

Hinweis: Die Karte ist sehr detailliert und kann verschoben und in der Grösse angepasst werden.


Vorreiterin auf internationaler Ebene

1965 waren nur 14 Prozent der Schweizer Bevölkerung an eine zentrale Abwasserreinigungsanlage (ARA) angeschlossen. 2005 betrug der Anschlussgrad 97 Prozent. Das Kanalisationsnetz der Schweiz hat eine Länge von 130 000 Kilometern (dreimal der Erdumfang) mit 800 angeschlossenen ARAs. Die Schweizer Abwasserreinigung ist also eine echte Erfolgsgeschichte und die Frucht der Zusammenarbeit aller Beteiligten: Bund, Kantone, Gemeinden und Forschung. So war es möglich, in den ARAs Nährstoffe wie Kohlenstoff, Phosphor und Stickstoff sowie biologisch abbaubare Schadstoffe weitgehend aus dem Abwasser zu entfernen. Für den Aufbau der gigantischen Infrastruktur wurden insgesamt an die 50 Milliarden Franken ausgegeben. Der Bund trug über einen Zehntel des Betrags bei, nämlich 5,3 Milliarden Franken. Die letzten 10 Millionen Franken wurden im Jahr 2017 ausgezahlt.

«Die Schweiz hat ein dichtes Netz an ARAs aufgebaut und so die Wasserqualität in wenigen Jahrzehnten stark verbessert, obwohl die Bevölkerung zugenommen hat», betont Sylvain Rodriguez, Direktor für industrielle, urbane und ländliche Umwelt des Kantons Waadt. «Mit dem Bau der ersten ARAs in den 1960er-Jahren hat die Schweiz in­ternational eine Vorreiterrolle gespielt und ihre ­Verantwortung gegenüber den Nachbarländern voll und ganz wahrgenommen.» Da der Rhein und die Rhone in der Schweiz entspringen, ist unser Land indirekt für die Trinkwasserquellen von über 80 Millionen Personen verantwortlich.

Interessanterweise haben sich die schweizerischen ARAs ständig weiterentwickelt «und sogar neue Aufgaben übernommen», wie Sylvain Rodriguez erklärt. «Ursprünglich wurden die ARAs zum Schutz der Umwelt gebaut. Nun dienen die Anlagen der Verwertung von Ressourcen.» Heute ist es gang und gäbe, Klärschlamm für die Energieerzeugung zu nutzen. In einigen Jahren sollte es auch möglich sein, Phosphor zu verwerten. Dann könnte die Schweiz weitgehend auf Importe dieses als Düngemittel verwendeten Stoffs verzichten.

Mit Blick auf die Zukunft freut sich der Waadtländer Direktor, dass «die Schweiz bei den Zielsetzungen weiterhin Spitzenreiterin ist.» Mit dem rechtlichen Instrumentarium, das nach der Revision des Gewässerschutzgesetzes 2016 in Kraft getreten ist, hat das Schweizer Parlament die Grundlagen für weitere Sanierungen geschaffen. In vielen ARAs wird künftig ein zusätzliches ­Verfahren – z. B. Ozonung oder Behandlung mit Pulveraktivkohle – eingeführt, mit dem sich bis zu 80 Prozent der Mikroverunreinigungen eliminieren lassen. Bis 2035/2040 sollen 90 Prozent der Bevölkerung an Anlagen angeschlossen werden, die Mikroverunreinigungen behandeln.

Alle am gleichen Tisch

Das BAFU spielt bei der Entwicklung und Umsetzung der schweizerischen Gewässerschutzstrategien erwartungsgemäss eine Schlüsselrolle. Erstens gewährleistet das Amt harmonisierte Verfahren auf allen Stufen (Bund, Kantone und Gemeinden) und eine optimierte Zusammenarbeit aller Beteiligten (Politik, Wissenschaft, Technik, Vereine). Zweitens besitzt es die notwendigen Kompetenzen, um sich auf allen Ebenen der integrierten Wasserwirtschaft einzubringen.Stephan Müller, der Leiter der Abteilung Wasser beim BAFU, erklärt: «Es ist wichtig, dass wir den Zustand der Gewässer und die Auswirkungen auf Fauna und Flora kennen.» Für die Evaluation ist die Sektion Wasserqualität zuständig. Sie stützt sich auf nationale und kantonale Analyseprogramme und auf die aktuelle Forschung. «Bei Bedarf muss sie Alarm schlagen.» Zum Aufgabenbereich der Sektion Wasserqualität gehört auch die Umsetzung der Gewässerschutzmassnahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel. Die Sektion Gewässerschutz «tritt bei Problemen auf den Plan», erklärt Stephan Müller. Die Mitarbeitenden erfüllen Aufgaben im Zusammenhang mit der Aufbereitung von kommunalem, gewerblichem und industriellem Abwasser und der Entwässerung von Siedlungen und Verkehrsflächen. Zudem ist die Sektion für den Schutz der Grundwasservorkommen und die Strategien für die Verminderung von Mikroverunreinigungen aus Siedlungen, Industrie und Gewerbe verantwortlich.

Eine der beiden weiteren Sektionen der Abteilung Wasser befasst sich mit der Revitalisierung von Fliessgewässern und Seeufern sowie mit der Sicherung einer nachhaltigen Fischerei (Sektion Revitalisierung und Fischerei), die andere mit den negativen Auswirkungen von Wasserkraftanlagen wie Restwasser, Schwall-Sunk und Fischgängigkeit (Sektion Sanierung Wasserkraft). «Der Erfolg setzt voraus, dass wir Hand in Hand mit den Kantonen arbeiten, die ihre Gewässer am besten kennen, und auch mit allen anderen Beteiligten», stellt der Abteilungschef fest. Stephan Müller ist seit 2004 im Amt. Er engagiert sich nachdrücklich für die bessere Zusammenarbeit unter allen Akteur­innen und Akteuren. Als Beispiel dafür nennt er die Plattform «Verfahrenstechnik Mikroverunreinigungen», eine Kooperation zwischen dem VSA (Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute), dem Eawag (Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs) und dem BAFU. 

Interessenabwägung

Für Stephan Müller ist diese Zusammenarbeit überaus relevant, denn die Schweiz steht im Gewässerschutz noch vor grossen Herausforderungen. Er erwähnt die umfassenden Korrektionen von Wasserläufen und die Begradigung von Flüssen und Bächen, die ökologisch wertvolle Lebensräume zerstört haben. Doch auch die Nutzung der Wasserkraft verursacht ökologische Defizite. Mit dem revidierten Gewässerschutzgesetz soll ein Kompromiss zwischen Nutzung und Schutz erzielt werden. Der Gesetzestext setzt auf die Revitalisierung von Flüssen und Bächen, verlangt mehr Raum für Wasserläufe und soll die negativen Folgen der Wasserenergienutzung abschwächen. Allerdings würden die Wirkungen nicht sofort eintreten, wie der Abteilungschef betont.«Wegen des Klimawandels muss sogar ein Wasserschloss wie die Schweiz bei der Wassernutzung Prioritäten setzen», erklärt Sylvain Rodriguez. «In unserem Land ist die Wasser-Governance ein relativ neues Thema.» Als Beispiel nennt der Waadtländer Experte die vielseitige Rolle der Seen: an Hitzetagen Erholungs- und Erfrischungsort für die Bevölkerung, Quelle von Trinkwasser, Energie und Lebensmitteln und wichtiges Reservoir für die Bewässerung. «Künftig werden wir bei der Wassernutzung vermehrt verschiedene Interessen abwägen müssen. Deshalb brauchen wir eine ­in­tegrierte Gewässerbewirtschaftung auf allen ­Stufen.» 

Spiegel der Gesellschaft

In den Medien werden besonders Mikroverunreinigungen als Gefahr für die Wasserqualität thematisiert. Diese Stoffe können schon in geringen Konzentrationen schädliche Wirkungen auf Wasserlebewesen haben oder die Trinkwasserressourcen verschmutzen. Sie gelangen entweder aus kommunalem Abwasser oder aus diffusen Quellen wie der Landwirtschaft in die Gewässer. «Die Wasserqualität in der Schweiz hat sich verbessert. Unsere Flüsse und Seen bleiben aber ein Spiegel der Gesellschaft», so Sylvain Rodriguez. «Die Wasseranalysen zeigen einen beeindruckenden Cocktail von Substanzen: Medikamente wie Anti­diabetika und Entzündungshemmer, Pflanzen­-schutzmittel usw. Wie sich dieser Cocktail auf das Ökosystem und die menschliche Gesundheit auswirkt, liegt noch weitgehend im Dunkeln.»

Die infolge der Revision des Gewässerschutzgesetzes modernisierten ARAs sind effiziente Instrumente für die Behandlung von Mikroverunreinigungen (Medikamente, Chemikalien) im Abwasser. «Doch bei den Pestiziden, die durch Oberflächenabfluss in die Gewässer gelangen, gibt es noch grossen Handlungsbedarf», betont Stephan Müller. Wenn diese Substanzen (z. B. in der Landwirtschaft verwendete Pflanzenschutzmittel) einmal im Wasser sind, lassen sie sich nur schwer eliminieren.

Möglichst natürlicher Zustand

Es gibt nur eine Lösung, nämlich die Einträge von Mikroverunreinigungen vorgelagert zu reduzieren. «Das Thema Gewässerschutz ist eine unendliche Geschichte», sagt der Leiter der Abteilung Wasser beim BAFU. Dabei bezieht er sich vor allem auf invasive, eingeschleppte Pflanzen und Tiere (z. B. die Quagga-Muschel) und auf den Klimawandel. Von welcher Vision lässt sich Stephan Müller leiten? «Ich wünsche mir, dass unsere Gewässer wieder einen möglichst natürlichen Zustand erreichen.»

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Letzte Änderung 01.09.2021

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