CO2-Export: Mit Auslandkooperationen zu negativen Emissionen

Unser Land wird voraussichtlich CO2 exportieren oder im Ausland ausgleichen müssen, um bis 2050 eine ausgeglichene Treibhausgasbilanz zu erreichen. Trotz vieler offener Fragen bemüht sich der Bund bereits heute darum, das langfristige Schweizer Klimaziel mithilfe des Auslands zu erreichen. 

Text: Mike Sommer

Will die Schweiz ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Netto-Null senken, muss sie in allen Bereichen grosse Anstrengungen unternehmen. Auch so werden voraussichtlich technisch schwer vermeidbare Restemissionen von annähernd 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten verbleiben. Um die Treibhausgasbilanz dennoch auszugleichen, müsste CO2 direkt an der Emissionsquelle – zum Beispiel in Zementwerken oder in Kehrichtverbrennungsanlagen – abgeschieden und unschädlich gemacht werden (siehe S. 16). Wo dies – wie insbesondere bei den Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft – nicht machbar ist, bleibt die Möglichkeit der Kompensation durch den Einsatz von Negativemissionstechnologien (NET). 

Bei allen Unsicherheiten über die Potenziale und Machbarkeiten der verschiedenen NET ist eines gewiss: Sowohl an der Quelle abgeschiedenes als auch direkt der Atmosphäre entzogenes CO2 muss zu einem wesentlichen Teil in geologischen Speichern eingelagert werden, um das Klima dauerhaft nicht mehr zu belasten. In seiner langfristigen Klimastrategie vom Januar 2021 hält der Bundesrat fest, dass die Schweiz ab 2050 geologische Speicherkapazitäten für mindestens 5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr benötigen dürfte.

Theoretisch gibt es im Inland genügend geologische Speicherkapazitäten von CO2. Bisher sind sie aber weder erkundet noch erschlossen. Ungewiss ist auch, ob solche Lager von der Bevölkerung akzeptiert würden. Angesichts der daraus resultierenden Unsicherheiten kommt die Schweiz nicht darum herum, auch Lösungen im Ausland ins Auge zu fassen. Zwei Möglichkeiten bieten sich grundsätzlich an. Entweder wird CO2 in der Schweiz an der Emissionsquelle abgeschieden, ins Ausland transportiert und dort dauerhaft eingelagert – beispielsweise in salzwasserführenden Gesteinsschichten oder in erschöpften Öl- und Gaslagerstätten unter dem Meeresgrund in Norwegen. Oder die Verursacher von CO2-Emissionen in der Schweiz lassen CO2 im Ausland direkt aus der Umgebungsluft filtern und vor Ort einlagern. Die Machbarkeit dieses Verfahrens zeigt sich in Island, wo mit Direct-Air-Capture-Technologie gewonnenes CO2 in den Untergrund gepumpt und in basaltischem Gestein mineralisiert wird.

Gespräche mit Staaten Nordeuropas

Technisch ist es also möglich, CO2 abzuscheiden oder aus der Luft zu filtern und dauerhaft zu binden. Allerdings wird es noch einige Jahre dauern, bis die Technologien breit eingesetzt werden und damit einen substanziellen Beitrag zum Ausgleich der Schweizer Treibhausgasbilanz leisten können. «Wir müssen aber schon heute die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen schaffen, damit die Schweiz ihr schwer vermeidbares CO2 in Zukunft im Ausland einlagern und die eingelagerte Menge der CO2-Bilanz der Schweiz anrechnen kann», sagt Veronika Elgart von der Abteilung Internationales des BAFU. 

Ausländische Klimaschutzmassnahmen, etwa die Erzeugung von negativen Emissionen vor Ort via direkte CO2-Luftabscheidung und Speicherung, können gemäss Pariser Klimaübereinkommen der Schweiz nur angerechnet werden, wenn die damit einhergehenden Aktivitäten im Ausland die Klimaschutzmassnahmen des Gastlandes ergänzen respektive steigern. Deshalb führt der Bund derzeit Gespräche mit Norwegen und Island. Das Ziel sind in beiden Fällen bilaterale Abkommen, welche die Rahmenbedingungen des grenzüberschreitenden Transfers der Klimaschutzmassnahme festlegen. Diese Abkommen schaffen den rechtlichen Rahmen für kommerzielle Verträge zwischen Verkäufern und Käufern von eingelagertem CO2. Die Käufer können Unternehmen, Behörden oder Organisationen sein, die entweder CO2 zur Speicherung ins Ausland exportieren oder im Ausland negative Emissionen erwerben, um ihren CO2-Ausstoss auszugleichen.

Ungelöste Transportfragen

Neben rechtlichen müssen vor allem aber technische und finanzielle Hürden überwunden werden, damit die Vision der Speicherung von Schweizer Treibhausgasen im Ausland Realität wird. Grundsätzlich ist die Abscheidung von CO2 an der Quelle kostengünstiger als die direkte Entnahme aus der Luft. Dafür muss das CO2 aus der Schweiz an den Ort der Endlagerung transportiert werden. Am wirtschaftlichsten wäre der Transport durch Pipelines. 

Für eine Speicherung in der Nordsee müsste wohl Deutschland eine Pipeline bauen und der Schweiz Zugang gewähren. Doch auch in der Schweiz wären Investitionen von geschätzt rund 3 Milliarden Franken nötig, um Pipelines von den Kehrichtverbrennungsanlagen, Zementwerken und weiteren Industrieanlagen bis zu den Anschlüssen an die internationalen Transportleitungen zu bauen. 

Wesentlich teurer und energieaufwendiger als die Abscheidung an der Quelle ist die Entnahme von CO2 direkt aus der Atmosphäre mit dem Verfahren von Climeworks. Ein günstiger Standort wie Island und Skaleneffekte können diese Nachteile aber längerfristig wettmachen. Auf der Insel am Polarkreis stehen dank Geothermie grosse Mengen nachhaltiger Energie zur Verfügung. Gleichzeitig entfällt bei der Einlagerung des CO2 im Untergrund vor Ort der teure Transport.

Vermeiden ist besser als entfernen

Sowohl für das Direct-Air-Capture-Verfahren als auch für den Transport durch halb Europa dürften mit fortschreitender Skalierung der technischen Anlagen und der Transportinfrastrukturen die Kosten in den kommenden Jahren jedenfalls sinken, betont Sophie Wenger von der Abteilung Klima des BAFU. Auch bestünden berechtigte Hoffnungen, dass verschiedene Länder Nordeuropas und möglicherweise Italien bereits in wenigen Jahren CO2-Lagerstätten erschliessen und ihre Lagerkapazitäten auf dem internationalen Markt anbieten werden. 

Schon heute scheint aber die Nachfrage, etwa durch die nordeuropäische Industrie, die geplanten Kapazitäten zu übersteigen. Die Schweiz sollte sich daher nicht darauf verlassen, dass sie ihre Klimaziele dank der NET einfach erreichen wird. Angesichts der in der Praxis begrenzten inländischen Speicherpotenziale, der weiten Transportwege zu begehrten ausländischen Lagerstätten, der momentan hohen Kosten, der ungewissen technologischen Entwicklung und weiterer Unwägbarkeiten sollten die NET ausschliesslich dem Ausgleich von schwer vermeidbaren Emissionen vorbehalten sein. 

Oder anders gesagt: Einfacher und günstiger als Treibhausgase aus der Atmosphäre zu entfernen, dürfte es in den meisten Fällen sein, sie gar nicht zu erzeugen.

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Letzte Änderung 01.06.2022

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