Biodiversität: «Wir wollen diese Freiräume unbedingt erhalten»

Wertvolle Landschafts- und Naturelemente finden sich auch in Agglomerationen. Doch steigender Wohnraumbedarf und die Forderung nach Verdichtung setzen diese Werte unter Druck. Wie man die Grünräume trotzdem sichern und zu einem ökologischen Netz verknüpfen kann, zeigt die Genfer Gemeinde Meyrin. 

Text: Nicolas Gattlen

Lac des Vernes
Meyrin hat in den letzten Jahren mehrere neue Lebensräume geschaffen wie den naturnahen Lac des Vernes am nördlichen Stadtrand.
© Laurent Barlie

Kaum jemand macht sich nach Meyrin auf, um dort Landschaftsperlen oder Naturschätze zu entdecken. Die Agglomerationsgemeinde im Nordwesten Genfs lockt eher Physikbegeisterte und Architekturfans an. 1955 siedelte sich am Rande des damaligen Bauerndorfs die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) an. Die Forschungsstätte bot bald Arbeit für Tausende von Fachkräften, die in einer eigenen Grosssiedlung untergebracht wurden: der Cité de Meyrin. In den 1960er-Jahren hochgezogen, gilt die Cité als erste «Satellitenstadt» der Schweiz – entworfen nach der von Le Corbusier initiierten Charta von Athen. Diese forderte, dass Wohnen, Industrie und Gewerbe ausserhalb der Stadtzentren angesiedelt und voneinander getrennt werden. Die Cité de Meyrin umfasst mehrere Dutzend Wohnblöcke, die in grossen Abständen zueinander angeordnet wurden, um Platz für ausgedehnte Grünflächen und Begegnungsräume für ihre 12 000 Bewohner zu schaffen.

«Diese Freiräume verbessern unsere Lebensqualität, und wir wollen sie unbedingt erhalten», erklärt Pierre-Alain Tschudi, Mitglied der Gemeindeexekutive. Er verweist auf «den Ansturm von Investoren und Eigentümern, die am liebsten auf jedes freie Plätzchen ein Haus stellen möchten». Der Druck auf die Frei- und Grünräume in Meyrin ist hoch: Keine andere Agglomerationsgemeinde der Schweiz verzeichnet ein derart starkes Bevölkerungswachstum (durchschnittlich 4,5 Prozent pro Jahr). 1950 zählte Meyrin rund 2000 Einwohnerinnen und Einwohner; 2018 weist die Statistik bereits über 25 000 aus.

Biodiversität hat Priorität

In den letzten Jahren haben sich die Gemeindebehörden intensiv mit der Frage beschäftigt, wie sie dem steigenden Wohnraumbedarf gerecht werden können, ohne Grünflächen aufzugeben. Zu diesen zählen die Behörden auch öffentliche Pärke, Baumalleen und historische Gartenanlagen wie den «Jardin botanique alpin» – eine grüne Oase inmitten der Stadt. Strassenbauprojekte hatten seinen Perimeter über die letzten Jahrzehnte verändert und bedrängt. 2012 beantragte die Gemeinde beim Kanton den Schutz der Anlage und machte sich daran, den etwas zugewachsenen Villengarten zu einem attraktiven Ort für die gesamte Bevölkerung umzugestalten.

Meyrin versteht seine Freiräume nicht nur als Orte der Erholung und des sozialen Austauschs, sondern auch als Lebensraum  für Pflanzen und Tiere, den es zu sichern und aufzuwerten gilt. Die Erhaltung ihrer Biodiversität gab die Gemeinde als «prioritäres Ziel» der Legislaturperiode 2015–2020 aus. Seit über 20 Jahren fördert sie die Artenvielfalt auf ihren Grünflächen. Dabei wendet sie eine «differenzierte Pflege» an, wobei die Flächen je nach Potenzial und Funktion (Ästhetik, Soziales, Ökologie) unterschiedlich intensiv gepflegt werden. Manche erfüllen alle drei Funktionen: Hier finden sich dekorative Blumenbeete neben kurz geschnittenen Rasenflächen und artenreichen Magerwiesen. «Die differenzierte Pflege hat sich bewährt», sagt Olivier Chatelain, Verantwortlicher des Umweltamtes. «In der Stadt haben sich inzwischen viele Pflanzen- und Tierarten angesiedelt, die im umliegenden Landwirtschaftsgebiet kaum noch geeignete Lebensräume finden. Zum Beispiel Orchideen. Eben erst haben wir in einem Park eine weitere Art entdeckt, es ist bereits die 13. in Meyrin.»

Ein grünes Netz

Die Gemeinde wertet nicht nur bestehende Grünflächen auf, sie hat in den letzten Jahren auch zahlreiche Bäume gepflanzt und neue Lebensräume geschaffen wie den naturnahen Lac des Vernes am nördlichen Stadtrand oder die Parkanlagen im neuen Ecoquartier «Les Vergers». So soll ein «grünes Netz» geknüpft werden, das den gesamten Siedlungsraum überzieht und ihn mit dem angrenzenden Landwirtschaftsgebiet, den Wäldern und den letzten Moorlandschaften des Kantons Genf verbindet.

«Beim Aufbau einer ökologischen Infrastruktur zur langfristigen Sicherung des Raums für die Biodiversität kommt den Agglomerationsgemeinden eine wichtige Rolle zu», sagt Claudia Moll, die in der Abteilung Biodiversität und Landschaft des BAFU für die Landschaft im bebauten Raum zuständig ist. «85 Prozent der Bevölkerung leben schon heute in Gebieten mit städtischem Charakter, und die Zahl wird weiter steigen. Das Raumplanungsgesetz sieht vor, dass diese Gemeinden vornehmlich nach innen wachsen. Dadurch wird die offene Landschaft von der Zersiedlung entlastet, doch vielerorts erfolgt die Verdichtung auf Kosten von Freiräumen und setzt natürliche und landschaftliche Werte unter Druck.» Um diese Werte erhalten zu können, müssten sie verstärkt in der Agglomerationspolitik und auf allen Ebenen der Raumplanung berücksichtigt werden, erklärt Claudia Moll.

Raumplanung optimal nutzen

Wie sich das raumplanerische Instrumentarium optimal nutzen lässt, untersucht derzeit das vom BAFU geleitete Projekt «Biodiversität und Landschaftsqualitäten in Agglomerationen fördern». Es ist Teil des Aktionsplans zur Umsetzung der Strategie Biodiversität Schweiz (SBS) und wird im Rahmen der Tripartiten Konferenz erarbeitet, einer politischen Plattform von Bund, Kantonen und Gemeinden. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in praxisorientierte Empfehlungen münden, die den verschiedenen Akteuren aufzeigen, wann und wo sich im Agglomerationsraum die Weichen für mehr Biodiversität und Landschaftsqualität stellen lassen. 

Im Grossraum Genf sorgt das Agglomerationsprogramm «Grand Genève» (2016–2030) dafür, dass das Thema Landschaft über die Gemeinde-, Kantons- und Landesgrenzen hinweg behandelt wird. Das Programm definiert Räume mit besonderen Landschaftsfunktionen und formuliert ein Paket an Massnahmen, beispielsweise für die Umsetzung von Vernetzungskorridoren. Ein bedeutender Korridor verläuft durch das Gemeindegebiet von Meyrin. Die Gemeinde hat sich vertraglich verpflichtet, diesen zu sichern. Er wird – neben fünf weiteren Wildtierkorridoren – im revidierten Richtplan der Gemeinde aufgeführt. 

Der Plan sieht zudem vor, dass das Stadtgebiet mit multifunktionalen Grün- und Freiflächen strukturiert wird. Wie aber lässt sich dieses Ziel mit der wachsenden Nachfrage nach Wohnraum und der geforderten Verdichtung vereinbaren? «Primär durch Aufstockungen der bestehenden Gebäude», erklärt Pierre-Alain Tschudi. Jede Erweiterung sei im Übrigen an die Bedingung
geknüpft, dass die Aussenflächen aufgewertet werden, etwa mit der Pflanzung von Bäumen. Einst als «steril» gebrandmarkt, wolle Meyrin zu einer grünen, lebendigen Vorzeigestadt avancieren.

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Letzte Änderung 02.09.2020

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3/2020 Landschaften

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