Auf den Spuren von Baumeister Biber

Biber sind nützliche Gesellen: Ihre Bauten fördern die Biodiversität und machen sogar Gewässer klimaresistenter. Eine schweizweite Bestandsaufnahme ermittelt, wo es schon Biber gibt und wo sie sich allenfalls noch ansiedeln könnten. «die umwelt» war mit auf Spurensuche.

Text: Santina Russo

Biber
© Nicolas Stettler

Lazar Tomasevic späht konzentriert über das Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer dieses kleinen Weihers bei Beringen im Kanton Schaffhausen sieht er auf dem Wasser schwimmende Baumstämme. Auch an der Uferböschung sind Bäume umgestürzt. «Letzte Woche sah es hier noch ganz anders aus, da hatte es viel weniger Wasser», sagt Tomasevic. Damals, an einem Mittwochmorgen Ende März, konnte er noch zu den Bäumen auf der anderen Teichseite klettern und entdeckte daran Spuren: «Da waren die typischen Nagespuren an Ästen und an den Baumstämmen. Die hatte ein Biber gefällt, ganz klar.» Der 29-Jährige ist eigentlich Unternehmensberater, kennt sich aber seit dem Einführungskurs für die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Bibermonitorings gut mit den Spuren der Nager aus. Er ist einer von rund 400 Freiwilligen, die an dieser nationalen Erhebung des Biberbestands mitgearbeitet haben.

Landschaftsarchitekt Biber

Mit dem umfassenden Monitoring will das BAFU herausfinden, wie sich die Population der Nager entwickelt hat. Etwa: Wie viele Biber leben heute in der Schweiz, wo haben sie ihre Reviere, welche Lebensräume sind gesättigt? Und wo gibt es für die Tiere noch Raum, um sich zu entfalten? In weiteren Projekten untersuchen verschiedene Forschungsteams näher, wie die Bauten der Tiere sich auf die Umgebung auswirken.

Denn Biber richten sich ihren Lebensraum selbst nach ihren Bedürfnissen ein und verändern damit die Gewässerlandschaft: Sie graben Erdbaue und errichten Burgen, fällen Bäume und bauen Dämme – um zu ihrem Schutz die Zugänge zu ihren Behausungen und ihre Umgebung unter Wasser zu setzen. So schaffen sie neue Feuchtgebiete und machen Wasserläufe vielfältiger. «Wo immer sich der Biber niederlässt, kurbelt er biologische Prozesse an», sagt Christof Angst, Leiter der Schweizerischen Biberfachstelle, die im Auftrag des BAFU tätig ist. «Selbst Bäche, die zuvor lediglich verbaute Kanäle waren, werden wieder zu wertvollen Lebensräumen.» Und zwar nicht nur für den Biber selbst, sondern auch für zahlreiche Wasserpflanzen, Fische, Insekten, Amphibien und Vögel, wie Studien zeigten. Und: Der Biber fördert die Biodiversität umfassender als Renaturierungsprojekte von uns Menschen – auch dies haben Studien dokumentiert.

Lazar Tomasevic begutachtet einen Biber-Ausstieg
Durchgang nur für Biber: Lazar Tomasevic, ehrenamtlicher Helfer beim Bibermonitoring, begutachtet am Eulengraben einen Biber-Ausstieg vom Wasser. Ein klare Spur dafür, dass hier Exemplare leben.
© Annette Boutellier/Lunax/BAFU

Verlässliche Spuren

Nun will das BAFU die Möglichkeit schaffen, dieses Wirken des Bibers künftig gezielter zu nutzen, um die Qualität von Gewässern und die Artenvielfalt zu fördern – und um Konflikten vorzubeugen. Dafür muss bekannt sein, wo und wie genau der Biber in der Schweiz wirkt.

Darum ist auch Lazar Tomasevic im Frühling 2022 in einigen Gewässern um den Rheinfall auf Spurensuche. Er blättert in seinen Unterlagen und trägt die Frassspuren, die er beim Weiher bei Beringen gefunden hat, auf einer Karte des Areals ein. Diese Dokumentation gibt Tomasevic dann an einen regionalen Koordinator weiter, der sie auswertet und das Revier einteilt – als das eines einzelnen Exemplars oder Paars, oder das einer Biberfamilie mit durchschnittlich fünf Mitgliedern.

Mit dem Auto geht es weiter zu Tomasevics zweiter Station heute, dem Grebengraben in der Nähe von Neunkirch. Inzwischen geht es gegen Mittag zu, die Sonne scheint. «Ein wunderschöner Tag, um draussen zu sein!» Für den Ehrenamtlichen ist das Bibermonitoring ein Ausgleich zu seinem sonstigen Bürojob, wie er erzählt. Eine Stunde spaziert er am Ufer des Bachs entlang, ein-zweimal kraxelt er durch Büsche und Baumgruppen hindurch, um mögliche Frassspuren genauer anzuschauen. Er findet aber zu wenige, als dass sie auf einen Aufenthalt eines Bibers hindeuten würden. Gefällte Bäume oder Dämme sind keine zu sehen. «Hier ist wohl ein Biber durchgekommen, aber der war auf Wanderschaft», kommentiert Tomasevic. Mehr Glück wird er beim dritten Gewässer haben, das er heute besucht – den Eulengraben, einen Grenzbach zu Deutschland in Chlaffental bei Neuhausen, etwa 20 Autominuten entfernt.

Lazar Tomasevic nimmt eine Wasserprobe
Lazar Tomasevic nimmt unterhalb der Biberdämme eine Wasserprobe. Sie wird später im Labor untersucht.
© Annette Boutellier/Lunax/BAFU

Im Revier einer Biberfamilie

«Ohne ehrenamtliche Helferinnen und Helfer wäre eine so gross ausgelegte Bestandserhebung schlicht unmöglich», sagt Claudine Winter von der Sektion Wildtiere und Artenförderung des BAFU. Manche der Freiwilligen sind Studierende, manche Berufsleute wie Lazar Tomasevic, manch andere sind pensioniert. Sie waren in den Wintermonaten unterwegs, weil sich die Biber dann ausschliesslich von der Rinde gefällter Bäume ernähren und so sichtbare Frassspuren hinterlassen. Zudem schränken sie im Winter ihren Aktionsradius ein, um Energie zu sparen – so lassen sich die Reviere einfacher abgrenzen. Die nachtaktiven Tiere selbst sieht man eher selten, dafür sind ihre winterlichen Spuren umso deutlicher – Frassspuren, Dämme oder Burgen. Das sei das Einzigartige am Biber unter den Wildtieren, sagt Christof Angst: «Dort, wo er lebt, hinterlässt er immer Spuren. So erkennt man nicht nur, wo er sich niedergelassen hat, sondern auch zweifelsfrei, wo er nicht vorkommt.» Dies mache die Bestandserhebung des Nagers sehr präzise.

Beim Eulengraben angekommen, stapft Tomasevic bachaufwärts los und erreicht bald eine Stelle, bei der Stämme junger Bäume quer im Bach liegen und mit Ästen und Schilfgras verbunden sind. Ein Biberdamm. In der Nähe findet sich zudem eine Art Tunnel, der einige Meter vom Wasser entfernt schräg in den Boden und direkt ins Bachbett führt. «Hier hat der Biber sich einen geschützten Ein- und Ausstieg zum Bach gegraben», sagt Tomasevic. Einige Marschminuten weiter entdeckt er einen Baumstumpf mit den klassischen trichterförmigen Frassspuren. Diese sind allerdings alt, das erkennt er an der fast schon dunklen Farbe des abgeraspelten Holzes. Noch weiter bachaufwärts mehren sich nun die gefällten Bäume. Hier sind die Nagespuren frisch, weitere Ein- und Ausstiege säumen das Ufer und mehrere Biberdämme stauen das Wasser. «Also das muss eine ganze Familie sein, so viele Spuren wie es hier hat.» Tomasevic strahlt. Er dokumentiert gewissenhaft jeden Fund, ist aber auch sichtlich neugierig darauf, was ihn hier noch erwartet. Schliesslich wird das Ufer flacher und hier findet er das Highlight: eine grosse Biberburg. Leise geht er näher heran und muss dabei darauf achten, wo er den Fuss hinsetzt. Das grasbewachsene Gelände um Burg und Bachlauf herum ist feucht und sumpfig, voller Pfützen. «Klar, da hinten ist noch ein Damm», zeigt Tomasevic. Auch hier haben die Biber offenbar ein kleines Feuchtgebiet geschaffen.

Biber und ihre bewegte Geschichte

Allerdings: Nicht überall ist das Wirken der Biber erwünscht. Nicht weit von der stolzen Burg entfernt endet ein gepflügter Acker – der Hof, zu dem er gehört, ist in der Ferne zu sehen. «Natürlich führt das auch zu Konflikten, für die Lösungen angeboten werden müssen», sagt Claudine Winter vom BAFU. Etwa, wenn die Tiere Ackerland fluten oder Strassen untergraben.

Lange Zeit wurden die Nager in der Schweiz wegen ihres Fleischs und ihres Fells gejagt – so intensiv, dass sie um 1820 bis zum letzten Tier ausgerottet waren. Mehr als 130 Jahre später, zwischen 1956 und 1977, setzte man dann wieder Biber aus, gesamthaft 141 Exemplare aus Norwegen, Frankreich und Russland. Sie brauchten eine Weile, um sich zu etablieren. Im Jahr 1993 gab es erst 350 Biber, doch bei der letzten schweizweiten Erhebung 2008 zählte man bereits über 1600.

Und heute? Dem Nager gefällt es in der Schweiz: Die vorläufigen Ergebnisse des aktuellen Monitorings zeigen, dass hier inzwischen über 4000 Biber leben. In gewissen dicht besiedelten Gebieten, etwa in den Auenlandschaften an der Aare beim bernischen Belp, gibt es etwa alle 500 Meter eine Burg, die eine Biberfamilie bewohnt. In anderen Gebieten, wo es vergleichsweise wenig Futter gibt, kann ein einziges Familienrevier mehrere Kilometer lang sein.

Von Bibern gefällter Baum
Typisch Biber. Die Frassspuren an der Rinde und der gefällte Stamm zeigen, dass er in der Nähe lebt.
© Annette Boutellier/Lunax/BAFU

Der Biber als Partner im Klimawandel

Etwas unterhalb der Biberburg kämpft sich Tomasevic nun durch Büsche und Schilf zum Wasser hinab, taucht ein steriles Plastikröhrchen hinein und verschliesst es. Eine zweite Probe wird er bachabwärts nehmen, nachdem das Wasser die Biberdämme durchflossen hat. Die Wasserproben werden später im Labor analysiert. Denn aus Untersuchungen um einzelne Biberreviere herum wissen die Fachleute, dass die Bauten der Tiere nicht nur die Biodiversität fördern, sondern auch die Wasserqualität beeinflussen. «Durch die Biberdämme wird das Wasser zurückgehalten, so entstehen Rückstaubereiche», sagt Claudine Winter. «Darin entziehen Mikroorganismen, Plankton und Wasserpflanzen dem Gewässer überschüssige Nährstoffe, zum Beispiel Stickstoff aus Landwirtschaftsdünger, und helfen so, die Wasserqualität zu verbessern.» Da das Monitoring den Forschern verrät, wo es überall Biberdämme gibt, können sie danach abschätzen, wie gross dieser Reinigungseffekt der Gewässer schweizweit ist.

Zudem sind Gewässer mit Biberdämmen widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen der Klimaerwärmung. Sie wirken nämlich wie eine Klimaanlage: Untersuchungen im Ausland haben gezeigt, dass durch das Stauen der Bäche die Wassertemperatur unterhalb der Dämme um mehr als zwei Grad Celsius tiefer war. Hier spiele wiederum die Rückstauwirkung, erklärt Winter. «Dadurch gibt es einen besseren Austausch zwischen Bach- und Grundwasser, und das Wasser fliesst dann kühler zurück in den Bach.»

Aus den gewonnenen Erkenntnissen will das BAFU nun das schweizweite Potenzial des Bibers für den Arten-, Gewässer- und Klimaschutz ermitteln. Dabei kommt ein Computermodell zum Einsatz, in welches einerseits die aktuelle Biberverbreitung und andererseits die Erkenntnisse zur Wirkung der Biberdämme einfliessen. Damit können dann auch mögliche Konfliktgebiete modelliert und sichtbar gemacht werden. «Der Biber ist ein echter Partner, wenn es darum geht, unsere Landschaften wieder vielfältiger und damit artenreicher zu gestalten», sagt Winter. «Das Forschungsprojekt zeigt uns, wo dieses Potenzial liegt.»

Am Eulengraben wirft Lazar Tomasevic nach einem halben Tag auf Spurensuche einen letzten, fast wehmütigen Blick auf die grandiose Biberburg. Und macht sich auf den Rückweg. Gerne hätte er die Biber live gesehen. Nur, bis sie nachts aus ihrem Bau kommen, werden noch Stunden vergehen. «Naja, ich kann ja jederzeit auf einen Spaziergang zurückkommen.»

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Letzte Änderung 15.03.2023

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