Wirtschaft: Die Ärmel hochkrempeln

Das Netto-Null-Ziel lässt sich nur dann erreichen, wenn gewisse Wirtschaftssektoren drastische Massnahmen ergreifen. Dies kann mittels verbindlicher Vorgaben oder auf freiwilliger Basis geschehen. In den meisten Fällen spielen die Negativemissionstechnologien (NET) eine Schlüsselrolle. 

Text: Text: Patricia Michaud

Im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stehen die Staatschefinnen und -chefs, die an den internationalen Gipfeltreffen immer wieder an das gemeinsame globale Ziel erinnern, das im Pariser Übereinkommen festgelegt wurde: Netto-Null-Emissionen bis zum Jahr 2050. Im Hintergrund müssen sich die hauptsächlich Verantwortlichen – die grossen Emittenten von Treibhausgasen – mit den noch offenen Fragen auseinandersetzen: Wer muss Emissionen verringern, wer muss kompensieren, wie viel und wie? Auch die Schweizer Wirtschaft bleibt von dieser Problematik nicht verschont, und so schiessen seit einigen Jahren Strategiepläne und Klima-Roadmaps wie Pilze aus dem Boden.

Die im Januar 2021 vom Bundesrat verabschiedete langfristige Klimastrategie der Schweiz enthält Zielsetzungen und mögliche Wege zur Emissionsverminderung für die Sektoren Gebäude, Industrie, Verkehr, internationaler Luftverkehr, Landwirtschaft, Abfall und synthetische Gase. Doch selbst wenn alle möglichen Anstrengungen zur Emissionsreduktion unternommen werden, wird es in unserem Land bis 2050 weiterhin Rest­emissionen im Umfang von rund 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente geben. Diese Emissionen sollen teils mithilfe der CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) vermieden und teils durch negative Emissionen ausgeglichen werden. 

Die Kehrseite des Betons

Die Zementbranche allein ist für ungefähr 2 Millionen Tonnen der erwarteten Restemissionen verantwortlich und ist somit ein zentraler Akteur. Derzeit verursachen die 6 Zementwerke der Schweiz rund 5 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen. Dies liegt daran, dass die Herstellung von Klinker, der für die Produktion von Zement benötigt wird, sich besonders negativ aufs Klima auswirkt. Als Beitrag zum Erreichen des Netto-Null-Ziels bis 2050 hat der Verband der Schweizerischen Cementindustrie (cemsuisse) eine Roadmap erarbeitet. «Es muss uns vor allem gelingen, weniger Klinker im Zement, weniger Zement im Beton und weniger Beton im Baugewerbe zu verwenden», sagt David Plüss, Sprecher des Verbands. Um die Restemissionen in den Griff zu bekommen, wird die Schweizer Zementindustrie nicht um zusätzliche Massnahmen herumkommen. 

«In unserer Branche scheint der CCUS-Ansatz (Carbon Capture, Utilization and Storage) am besten geeignet zu sein, bei dem CO2 sowohl in Produkten verwendet wie auch dauerhaft im Untergrund gelagert wird», führt David Plüss weiter aus. Dabei wird das CO2 am Hochkamin oder durch technische Verfahren aus dem Rauchgasstrom abgetrennt. Anschliessend kann es entweder umgewandelt und verwendet werden (z. B. als Rohstoff in der chemischen Industrie) oder es wird gespeichert. «Wenn das abgeschiedene CO2 aus biologischen Quellen stammt, sind wir sogar in der Lage, negative Emissionen zu erzielen.» Das ist eine grosse Herausforderung, zumal cemsuisse geplant hat, «bis 2030 zwei Testanlagen in der Schweiz in Betrieb zu nehmen und dadurch bis 2050 die CO2-Abscheidung kontinuierlich zu steigern».

Kehricht spielt eine Schlüsselrolle

Die Abfallindustrie, eine weitere grosse Verursache­-rin von Treibhausgasemissionen in der Schweiz, dürfte im Jahr 2050 voraussichtlich immer noch fast 4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus fossilen und biologischen Quellen ausstossen. «Um einen grösstmöglichen Beitrag zum Erreichen des Netto-Null-Ziels zu leisten, wäre es natürlich ideal, die Abfallproduktion in der Schweiz stark zu reduzieren», so Robin Quartier, Geschäftsführer des Verbands der Betreiber Schweizerischer Abfallverwertungsanlagen (VBSA). Eine Entwicklung, die jedoch «angesichts der aktuellen Konsumtrends unwahrscheinlich» erscheint.

Auch in dieser Branche ist die CCS-Technologie der bevorzugte Ansatz, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. «Mehr als die Hälfte der Abfälle, die in Kehrichtverwertungsanlagen (KVA) behandelt werden, sind pflanzlichen Ursprungs», betont Robin Quartier. Indem man das bei der Verbrennung dieser biogenen Abfälle ausgestossene CO2 abscheidet und in geeigneten geologischen Schichten bindet, können negative Emissionen realisiert werden. KVA nehmen in der nationalen Klimastrategie eine Schlüsselrolle ein, da sie langfristig ein Potenzial für negative Emissionen von mehreren Millionen Tonnen CO2 aufweisen.

«Das Beispiel der mit einer CCS-Anlage ausgestatteten KVA in Duiven in den Niederlanden zeigt, dass die Technologie einsatzbereit ist», stellt Robin Quartier fest. Im Frühjahr 2022 gaben das UVEK und der VBSA die Eckpunkte ihrer neuen Branchenvereinbarung bekannt. Diese sieht unter anderem vor, dass der VBSA bis 2030 jährlich 1 Million Franken in die Entwicklung von CCS-Technologien investiert. Darüber hinaus verpflichtet sich der VBSA, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, damit bis 2030 eine Abscheideanlage mit einer Kapazität von 100 000 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr am Standort einer Schweizer KVA in Betrieb genommen wird.

In Richtung netto negativ

Wie sieht es in den Wirtschaftssektoren wie dem Dienstleistungsbereich aus, die wenig direkte Emissionen verursachen? Einige Unternehmen haben beschlossen, die Märkte für NET aktiv mit aufzubauen. So will Swiss Re nach dem Beispiel des US-Giganten Microsoft – der international als Vorbild für die Reduktion und Kompensation von Emissionen gilt – kräftig zupacken. Die Rückversicherungsgesellschaft mit Sitz in Zürich hat sich nämlich verpflichtet, für alle Versicherungs- und Anlageportfolios bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Ihr Motto: «Do our best, remove the rest.»

«Bei unseren eigenen operativen Tätigkeiten wollen wir bereits bis 2030 Netto-Null erreichen», erklärt Mischa Repmann, Senior Environmental Management Specialist bei Swiss Re. Die Emissionen, die durch die Mobilität der Angestellten verursacht werden, sollen im Jahr 2022 im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie um 50 Prozent gesenkt werden. Das Unternehmen hat ausserdem ein internes CO2-Abgabe-System eingeführt, mit dem in Projekte zur Entwicklung von Negativemissionstechnologien investiert werden kann. Im August 2021 ist Swiss Re deshalb mit dem Zürcher Start-up Climeworks eine Partnerschaft über 10 Jahre und 10 Millionen Dollar eingegangen. «Wir möchten auf dem Markt ein klares Zeichen setzen, damit Pionierunternehmen ihr Angebot rasch erweitern können und die Welt die Klimaziele erreichen kann.»

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Letzte Änderung 01.06.2022

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