«Ethik zeigt, ob moralische Urteile gut oder schlecht begründet sind»

In der öffentlichen Diskussion und in der Regulierung des Umweltschutzes spielen moralische Überzeugungen eine wichtige Rolle – auch wenn sie zumeist unsichtbar bleiben. Die Ethik könne helfen, diese Annahmen und ihre Konsequenzen offenzulegen, sagt Andreas Bachmann, Ethiker beim BAFU. Dies ermögliche eine konstruktivere Diskussion und eine kohärentere Umsetzung des Rechts. 

Interview: Nicolas Gattlen

Andreas Bachmann hat in Zürich und Karlsruhe Philosophie studiert. Er ist beim BAFU zuständig für ethische Aspekte im Umweltbereich und führt das Sekretariat des BAFU-internen Comité d’Ethique.
© Miriam Künzli | Ex-Press | BAFU

Ob Klimawandel, Ernährung oder Pandemie: Viele aktuelle Themen sind moralisch stark aufgeladen. So halten die einen die Nutztierhaltung für eine eine verwerfliche Form der Sklaverei, während andere darin kein Problem sehen. Eine sachliche Diskussion ist oft schwierig, weil sich über moralische Werte nur schwer streiten lässt. Kann uns die Ethik einen Wertekatalog liefern, der für alle gilt?

Andreas Bachmann: Nein, wie jede andere Wissenschaft hat auch die Ethik keinen Zugang zu einer unanfechtbaren «Supertheorie», von der sich ein solcher Katalog ableiten liesse. Die Ethik vermag aber aufzuzeigen, ob ein moralisches Werturteil gut oder schlecht begründet ist. Denn moralische Werturteile sind keine Geschmacksurteile. Ein Geschmacksurteil beruht auf einer subjektiven Empfindung: Ich mag schwarze Schokolade, du magst sie nicht. Solche Urteile lassen sich nicht weiter begründen. Moralische Werturteile dagegen schon. Sagt jemand, es sei moralisch verwerflich, Tiere einzusperren und zu nutzen, kann er für dieses Urteil Gründe anführen, über die sich rational streiten lässt. «Rational» heisst: Die Gründe sind nachvollziehbar und lassen sich bewerten. Sie sind gut oder schlecht, plausibel oder nicht plausibel. 

Für Laien ist es schwierig, sattelfeste moralische Urteile zu bilden, etwa zu den Fragen, ob sie Fleisch essen oder ob sie Ferien in einem autoritär geführten Staat machen dürfen. Gerne würde man auf eine App zugreifen, die einen ethisch «korrekt» durchs Leben führt. Liesse sich eine solche App entwickeln?  

Das wäre reizvoll. Allerdings ist es aus zwei Gründen nicht möglich: Zum einen lassen sich nicht alle regelbedürftigen Situationen antizipieren, zum anderen zirkulieren in der Ethik unterschiedliche normative Theorien, die sich gegenseitig konkurrieren. Die zwei wichtigsten Strömungen sind der Utilitarismus und die Deontologie. Der deontologische Ansatz untersucht Handlungen wie Töten oder Helfen, die in sich, also unabhängig von ihren Folgen, moralisch gut oder schlecht sind. Als bindender Massstab gelten Normen, an denen sich der Handelnde zu orientieren hat, zum Beispiel: Du darfst nicht töten. Der Utilitarismus dagegen achtet einzig auf die Folgen einer Handlung und verlangt, dass der voraussichtliche Gesamtnutzen grösstmöglich sein muss. Diese beiden Ansätze schliessen sich aus – auch wenn sie oftmals zu den gleichen Resultaten gelangen. 

Dann müsste man also mindestens zwei Apps lancieren – und die User hätten sich für eine der beiden zu entscheiden.

Allerdings müssten sie dann zusätzlich daraufachten, dass das, was die App für moralisch richtig ausgibt, mit dem geltenden Recht übereinstimmt. Zumindest in einem demokratischen Rechtsstaat müssen die Rechtsunterworfenen dem Recht grundsätzlich auch dann folgen, wenn es etwas verlangt, das den ethischen Theorien zu widersprechen scheint. Nicht zuletzt deshalb, weil es strittig ist, ob es eine objektiv begründbare allgemeinverbindliche Moralordnung gibt. Das Recht ist das einzige Medium, das einen verbindlichen normativen Rahmen schaffen kann. 

Und die Ethik?

Sie vermag – wie die Naturwissenschaften und die Ökonomie – einen wichtigen Beitrag zum Meinungsbildungsprozess und zur Rechtsetzung zu leisten. Im Vollzug kann sie auch zur Auslegung des Rechts beitragen. Ob und in welchem Masse diese Inputs aufgenommen werden, entscheiden letztlich aber das Parlament und der Bundesrat. 

Viele Naturschützer und -schützerinnen kritisieren, dass unser Recht und dessen Vollzug zu anthropozentrisch (siehe Box rechts) geprägt sind, dass also allein der Mensch moralisch berücksichtigt wird. Sie sehen darin einen wichtigen Grund für den schlechten Zustand der Biodiversität in der Schweiz und für den mangelhaften Klimaschutz. Zu Recht? 

Nein. Ich stimme dieser Kritik nicht zu. Auch der anthropozentrische Ansatz erfordert, wenn auch aus anderen Gründen als etwa die ökozentrische Position, den Schutz der Umwelt. Der Mensch ist auf intakte Ökosysteme angewiesen. Eine anthropozentrische Position liefert unter Umständen sogar stärkere Argumente für den Klima- und Biodiversitätsschutz als eine ökozentrische Position. Zudem macht sie deutlich, wie eng Schutz und Nutzung verlinkt sind. Unabhängig davon ist aus Sicht der Ethik wichtig, dass man nicht von den Ergebnissen ausgeht, die man intuitiv für moralisch richtighält, und dann die ethische Position wählt, die diesen Intuitionen am meisten entspricht. Ethisches Denken muss ergebnisoffen sein. 

Sie sind beim BAFU als interner Ethikberater tätig, daneben unterhält das Amt seit 2012 ein Comité d’Ethique, das sich aus Mitgliedern verschiedener Abteilungen zusammensetzt: Was kann die Ethik beim Vollzug des Umweltrechts leisten?

Wichtige verfassungsrechtliche Prinzipien des Umweltschutzes sowie des Umgangs mit neuen Technologien im Umweltbereich beruhen auf moralischen Annahmen oder enthalten ethische Elemente, ohne die sie nicht verständlich wären. Das gilt beispielsweise für das Nachhaltigkeitsprinzip, das Vorsorgeprinzip, den verfassungsrechtlichen Begriff «Würde der Kreatur» oder den Begriff «Fairness». Ein angemessenes Verständnis dieser ethischen Aspekte kann einen Beitrag zu einer kohärenteren Umsetzung dieser Prinzipien leisten. 

Würden Sie uns ein konkretes Beispiel geben?

Nehmen wir den Klimaschutz. Gemäss Pariser Abkommen müssen die Staaten die Klimaschutzziele für die nächsten zehn Jahre definieren. Diese sogenannten national festgelegten Beiträge sollen nicht nur ambitiös sein, sondern auch widerspiegeln, was die Vertragsparteien als einen «fairen» Beitrag erachten. An dieser Stelle kommen ethische Überlegungen ins Spiel. Denn «Fairness» drückt eine bestimmte Vorstellung von Gerechtigkeit aus und ist insofern ein moralisches Konzept. Die Ethik kann zum einen die politischen Vorschläge bezüglich eines «fairen» Beitrags durchleuchten und allenfalls Änderungen empfehlen. Zum anderen kann sie die gelieferte Begründung auf ihre Kohärenz prüfen. Beide Aspekte tragen dazu bei, die Position der Schweiz bei den Klimaverhandlungen durch zusätzliche Argumente zu stützen und ethisch besser zu begründen.

Umweltethische Grundpositionen

Je nachdem, welchen Organismen, Lebensformen oder Naturerscheinungen (Entitäten) ein zu beachtender Eigenwert zugeschrieben wird, unterscheidet man verschiedene Positionen in der Umweltethik: 

  • Anthropozentrismus: Einzig der Mensch zählt um seiner selbst willen, der Natur wird kein Eigenwert zugesprochen, sie ist kein «Objekt der Moral». Der Anthropozentrismus kann unterschiedlich begründet sein. Häufig beruft man sich auf die Vernunft, die angeblich einzig dem Menschen zukommt. 
  • Pathozentrismus: Nicht bloss Menschen, sondern alle empfindungs- und leidensfähigen Wesen gelten als moralische Wesen. Dass ein Lebewesen empfindungsfähig ist, bedeutet, dass es über eigene Wahrnehmungen, Bedürfnisse oder Gefühle verfügt sowie in der Lage ist, Lust und Leid zu erleben. 
  • Biozentrismus: Nicht bloss die Empfindungsfähigkeit, sondern das Leben selbst ist nach biozentristischer Lehre bereits ein ausreichender Grund für moralische Rücksichtnahme.
  • Ökozentrismus: Nicht bloss Lebewesen, sondern die gesamte Natur ist in moralischer Hinsicht zu berücksichtigen, also auch Gletscher, Flüsse, Seen, Felsen usw.

Diese Grundpositionen geben allerdings nur eine Antwort auf die Frage, welche Entitäten moralisch zu berücksichtigen sind. Sie geben keine Antwort auf die ebenso wichtige Frage: Wie viel zählen diese Entitäten? Etwa im Pathozentrismus: Zählen alle schmerzempfindlichen Wesen moralisch gleich viel? Dann müsste man schmerzempfindlichen Tieren aller Art (z. B. auch Nagern und Fischen) den gleichen moralischen Status einräumen wie Menschen. Die wenigsten Pathozentriker und Pathozentrikerinnen tun dies jedoch. Sie machen einen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Ethisch bedarf dies einer Begründung. Dafür sind die allgemeinen normativen Theorien der Ethik wie Deontologie und Utilitarismus nötig.

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Letzte Änderung 01.12.2021

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