«Wie gehen wir mit Tieren um, die Krankheiten übertragen?»

Für Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen können und umgekehrt, sind wir selbstverantwortlich. Das hat mit unserem Verhältnis zur Umwelt zu tun. 

Text: Christian Schmidt

Dürfen wir alle Nutz- und Wildtiere töten, die Träger eines für uns gefährlichen Erregers sind?

Nur eine Routineuntersuchung. Der Tierarzt an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern entnimmt dem Kater eine Urinprobe. Nach 24 Stunden wächst nichts in der Petrischale, alles gut. Doch nach 96 Stunden zeigt sich ein Niederschlag. Das macht dem Tierarzt Sorgen, weshalb er eine zweite Urinprobe nimmt. Das selbe Ergebnis: Im Urin leben Bakterien namens Francisella tularensis. Nun gibt es keinen Zweifel mehr. Der Kater ist mit dem Erreger der Tularämie infiziert. Die Krankheit, auch als Hasenpest bezeichnet, gehört zu den Zoonosen, also zu den Infektionskrankheiten, die zwischen Menschen und Tieren übertragen werden können. Unbehandelt verläuft die Tularämie tödlich. 

Das ist im März 2019. Ein gutes Jahr später publiziert die Fachzeitschrift «Veterinary Research» den Fall mit dem Vermerk, man habe in der Schweiz den «europaweit» ersten Fall einer Tularämie bei einer Hauskatze entdeckt, was «ein erhebliches Risiko für Besitzer, tierärztliches Personal und andere Menschen» bedeute.

COVID-19, Schweinepest …

Doch der Artikel wird kaum zur Kenntnis genommen, denn inzwischen ist bereits eine weitere Krankheit von Tieren auf den Menschen übergesprungen (so eine weit verbreitete These), und die macht weit mehr Sorgen: Covid-19. Aber auch damit nicht genug: Im Sommer 2020 warnt eine chinesische Forschungsgruppe vor einer neuen Form der Schweinepest, ausgelöst durch ein Virus namens G4. Dieses Virus besitze alle wesentlichen Merkmale, um Menschen infizieren und sich an sie anpassen zu können. Am Horizont droht also eine weitere Zoonose, und auch sie hat das Potenzial zu einer grossflächigen Verbreitung. 

Die World Organisation for Animal Health geht davon aus, dass heute 75 Prozent aller neu entstehenden Infektionskrankheiten tierischen Ursprungs sind. Die Zahl der Zoonosen nimmt dabei zu; allein in den letzten zehn Jahren dürfte sie sich verdreifacht haben. Eine Entwicklung, die Fragen aufwirft: Wie konnte es so weit kommen? Weshalb haben wir nicht eingegriffen, als sich diese Entwicklung abzuzeichnen begann? Und was hat das alles mit Umwelt- und Tierethik zu tun? 

Inkubator für Viren

Die Gründe für die Zunahme der Zoonosen lassen sich einfach erklären: Verantwortlich ist eine uns bestens bekannte Spezies – sie heisst Homo sapiens. Indem wir uns ausbreiten, drängen wir die Natur zurück. Mensch und Tier kommen sich immer näher, Krankheiten können überspringen. Die Nachfrage nach Fleisch hat weltweit eine Massentierhaltung entstehen lassen, die zum Inkubator für Viren und Bakterien sowie deren Mutationen geworden ist.  Konnte sich ein grosser Teil der Infektionskrankheiten bislang nur in wärmeren Breitengraden entwickeln, dringen sie nun aufgrund des Klimawandels immer weiter Richtung Norden vor. 

Wie das Thema Zoonosen angehen? Bevor man auf die grossen Fragen zum Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Natur eintreten kann, steht für Andreas Bachmann, Ethiker beim BAFU, ein anderes Thema im Vordergrund: «Wir müssen auf der Basis plausibler wissenschaftlicher Hypothesen zuerst einmal möglichst alle bezüglich Zoonosen relevanten Risiken ermitteln – angesichts des nicht auszuschliessenden schwerwiegenden Schadens auch diejenigen, die eher unwahrscheinlich erscheinen. Das ist unsere moralische Pflicht.» In einem zweiten Schritt gelte es dann, die Risiken zu bewerten. «Die Frage nach dem Schwellenwert akzeptabler Risikoexpositionen ist gleichermassen ethisch wie auch rechtlich und politisch zentral», so Bachmann weiter. In einem dritten Schritt müssten die Risikomassnahmen definiert werden: «Ist der Schwellenwert überschritten, muss das Risiko auf ein akzeptables Mass reduziert werden.» 

Alle Risiken untersuchen

Das BAFU hat den ersten Schritt bereits in Angriff genommen. Im Auftrag des Amtes untersucht das Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern zusammen mit dem Veterinärmedizinischen Labor der Universität Zürich, ob SARS-CoV-2 bei einheimischen Wildtieren nachweisbar ist. Graziella Mazza, Molekularbiologin in der Sektion Biotechnologie des BAFU und Initiantin der Studie, erklärt: «Wir wollen wissen, ob Wildtiere zu einem Reservoir für das Virus werden könnten.» Falls ja, bestehe die Gefahr, dass das Virus in der Zukunft von Wildtieren auf Haustiere zurückspringt und von ihnen auf Menschen. Die Ergebnisse der Studie werden eine bessere Einschätzung der Risiken erlauben.

Ebenfalls aktiv in Sachen Risikoermittlung ist das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) im Bereich der Haustiere. «Wir haben uns gefragt, ob und in welchem Rahmen auch Haustiere für SARS-CoV-2 empfänglich sind», sagt Dagmar Heim, Leiterin des Fachbereichs Tierarzneimittel. Schon seit März 2020 geht das Veterinärmedizinische Labor der Universität Zürich dieser Frage bei Hunden, Katzen, Pferden und Frettchen – domestizierten Iltissen – nach. Laut Heim sind diese Untersuchungen auch für die Humanmedizin von Bedeutung. Entsprechend engagiert sie sich für eine Zusammenarbeit aller Disziplinen im One-Health-Ansatz (siehe Box, S. 34). «Im Umgang mit Zoonosen braucht es einen integrativen Ansatz. Tier- und Humanmedizin müssen zusammenarbeiten.» Darüber hinaus fordert sie einen Einschluss der Umweltwissenschaften, da Zoonosen ebenso eine Folge unseres Umgangs mit der Natur sind.

Verhältnis überdenken

Die Risiken zu ermitteln und zu bewerten sowie allenfalls Massnahmen zu ergreifen, genügt aber nicht, um der Bedeutung und der Gefahr der Zoonosen zu entsprechen. «Dies führt uns vor Augen, dass wir über das heutige Verhältnis zwischen Natur, Tier und Mensch vertieft nachdenken sollten», sagt Ethiker Andreas Bachmann. Ohne Ursachenbekämpfung ist damit zu rechnen, dass Zoonose auf Zoonose folgt. Dass dieses vertiefte Nachdenken zurzeit nicht genügend erfolge, sei angesichts der Pandemie verständlich: «Die Bevölkerung ist mit der Eindämmung der gesundheit­lichen und wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 beschäftigt.» Sobald die akute Phase vorbei sei, sollte dieses Thema aber aufgegriffen und breit diskutiert werden. Es gelte dabei nicht nur, die Beziehung zwischen Mensch und Tier so zu gestalten, dass das Risiko für Zoonosen hinreichend reduziert werden könne. Unsere Einschätzung des moralischen Stellenwerts von Tieren müsse ebenfalls hinterfragt werden: «Wie sollen wir mit Tieren umgehen, wenn sie Krankheiten übertragen?»

Das sind Fragen, mit denen sich auch Marie-Pierre Ryser auseinandersetzt. Die Professorin an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern und Leiterin des Forschungsprojekts über das mögliche Vorkommen von SARS-CoV-2 unter Wildtieren sagt: «Wenn wir immer tiefer in den Amazonas-Regenwald und damit in die letzten Refugien der Tiere vordringen, damit wir mehr Soja für noch mehr Fleisch anpflanzen können, dann sind wir selbst schuld, wenn wir uns weitere Zoonosen holen.» Ryser ist nicht erstaunt über die derzeitige Pandemie: «Ich habe vor Jahren eine Literatur­recherche über Corona-Viren und Fledermäuse gemacht, und da war die ganze heutige Situation bereits prognostiziert. Wir wussten, was kommt, aber niemand nahm es ernst.»

Katharina Stärk, Abteilungsleiterin beim BLV, unterstützt die Aussage, dass wir das Thema grundsätzlicher angehen müssen. Wie wir heute mit der Natur und den Tieren umgehen, sei zwar Ausdruck der Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts, aber nicht in Stein gemeisselt. «Wenn wir der nächsten Generation andere Wertvorstellungen beibringen und diese die Wertvorstellungen weitervererbt, besteht Hoffnung, dass sich der Status quo ändert.» 

One Health: Alles ist verbunden

Die Zunahme von Zoonosen ist die Folge eines aus den Fugen geratenen Verhältnisses zwischen Mensch, Tier und Umwelt. Vergessen geht gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass «die menschliche Gesundheit unauflöslich verknüpft ist mit Tiergesundheit und Tier­haltung». Eine der Möglichkeiten, um die gegenwärtige Situation zu verbessern, ist One Health, ein integrativer Ansatz, der Veterinär- und Humanmedizin sowie Umweltwissenschaften miteinbezieht. Basis dafür ist die Erkenntnis, dass alle drei Bereiche miteinander verbunden sind.

Geleitet vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat der Bund zur Umsetzung das Unterorgan One Health geschaffen, in dem neben dem BLV die Bundesämter für Gesundheit (BAG), für Landwirtschaft (BLW) und für Umwelt (BAFU) sowie die entsprechenden kantonalen Stellen vertreten sind.

Da auch der Klimawandel ein wichtiger Treiber von Zoonosen ist, haben die Bundesämter zusätzlich das National Centre for Climate Services (NCCS) miteinbezogen. Das Unterorgan One Health hat die Aufgabe, Bund und Kantone bei der Koordination der Erkennung, Überwachung, Verhütung und Bekämpfung von Zoonosen und anderen Gefahren zu unterstützen. Zudem soll es sicherstellen, dass Synergiepotenziale erkannt und ausgeschöpft werden.

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Letzte Änderung 01.12.2021

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