Klimaschulen: Schulen setzen sich für den Klimaschutz ein

25.11.2020 - Einen Stromausfall simulieren, eine Solaranlage bauen, klimagerecht kochen und ein Recyclingkonzept für die Schule erarbeiten: Das Bildungsprogramm Klimaschule will Schülerinnen und Schüler für einennachhaltigen Lebensstil sensibilisieren. 

Text: Peter Bader

Einen Stromausfall simulieren: Die Sekundarschule Turbenthal-Wildberg (ZH) erhielt als erste das Label Klimaschule.
© Bild: zVg

Seit Ende Juli 2017 speist eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Schulzentrums Rebacker in Münsingen (BE) Solarstrom ins Netz. Ihre Jahresproduktion reicht aus, um 24 Familienhaushalte mit jeweils 4 Personen klimaschonend mit Elektrizität zu versorgen. Fast 700 junge Leute vom Kindergarten bis zur neunten Klasse gehen im Rebacker zur Schule und werden von rund 100 Lehrpersonen unterrichtet. Das Besondere an der Fotovoltaikanlage: Unter Anleitung eines örtlichen Elektrikers haben sie die Schülerinnen und Schüler an mehreren Bautagen selbst errichtet. Sie rodeten das Flachdach, montierten das Gerüst und verlegten darauf die Solarplatten. Die Realisation der Anlage wurde vom Verein Sonnensegel Münsingen, InfraWerke­Münsingen und grösstenteils von der Gemeinde Münsingen finanziert. Die Gemeinde Münsingen verfügt über das Label Energiestadt GOLD.

«Eindrückliche Erfahrungen»

Im Rahmen ihrer Kampagne «Jede Zelle zählt – Solarenergie macht Schule!» hat die gemeinnützige Klimaschutzorganisation MYBLUEPLANET dasProjekt organisiert und begleitet. Seit 2019 ist die Initiative Teil des vierjährigen Bildungsprogramms Klimaschule. Es umfasst neben dem Bau von Solarstromanlagen zahlreiche weitere Aktionen, die obligatorische und weiterführende Schulen zugunsten des Klimaschutzes durchführen können. Vorgesehen sind einzelne Projekttage und -wochen, die Themen sollen aber auch Teil des regulären Unterrichts sein. Zur Finanzierung dieser Bildungsaktivitäten sammelt die Schule im Rahmen eines Crowdfundings Spenden.

«Schülerinnen und Schüler erhalten Informationen zum Schutz des Klimas, legen aber vor allem auch selber Hand an und machen dabei eindrückliche Erfahrungen», sagt Anna-Maria Leo, Kommunikationsverantwortliche bei MYBLUEPLANET. Damit steige die Chance, dass sie für Anliegen des Klimaschutzes nachhaltig sensibilisiert werden und diese auch in ihr persönliches Umfeld und in die Gemeinde tragen.

Themen des vierjährigen Programms sind Energie und Mobilität, Ernährung und Biodiversität sowie Ressourcen und Abfall. Schulen, die es durchlaufen haben, können sich freiwillig um das Label Klimaschule bemühen. Das vom BAFU geleitete Klimaprogramm des Bundes hat ein Pilotprojekt zur Lancierung des Bildungsprogramms Klimaschule unterstützt. Derzeit nehmen in der Schweiz 31 Schulen daran teil. «Wir stehen ihnen beratend zur Seite, entscheidend ist aber, dass sie selber hoch motiviert sind, die Themen im Unterricht umzusetzen und nach Abschluss des Programms auch weiterzuführen», sagt Anna-Maria Leo.

Den Klimaschutz leben

Anna Wälty vom BAFU leitet den Bildungsbereich des Klimaprogramms des Bundes. Es setzt einen Schwerpunkt bei der Berufsbildung, unterstützt aber auch Pilotprojekte wie die Klimaschule. Bildung und Kommunikation seien entscheidend, um die ambitionierten Pariser Klimaziele zu erreichen.

Frau Wälty, warum braucht es das Klimaprogramm Bildung und Kommunikation?Anna Wälty: Herzstück der Schweizer Klimapolitik ist das CO2-Gesetz. Es sieht unter anderem vor, die Aus- und Weiterbildung von Personen mit klimarelevanten Aufgaben zu fördern und die Öffentlichkeit über die Eindämmung und Bewältigung des Klimawandels zu informieren. Zudem sollen Gemeinden, Unternehmen sowie die Konsumentinnen und Kunden bei der Umsetzung von Massnahmen beraten werden. Das Klimaprogramm unterstützt also die «harten» Massnahmen, damit wir die ambitionierten Klimaziele des Übereinkommens von Paris erreichen können. Seit 2017 setzen wir Schwerpunkte in der Berufsbildung sowie bei niederschwelligen Angeboten für Städte und Gemeinden. Unser Ziel ist es, dass jeder und jede im beruflichen wie im privaten Alltag Klimaschutz lebt.

Was heisst das konkret?

Das Klimaprogramm hat zum Beispiel den Schweizerischen Nutzfahrzeugverband ASTAG bei der Umsetzung ökologischer Bildungsziele für die Berufe Disponent und Betriebsleiter Transport und Logistik unterstützt. Damit Tourenplanungen und Logistikprozesse ressourceneffizienterund klimaschonender werden, hat der Verband zahlreicheUnterrichts- und Prüfungshilfen erarbeitet. Dazu gehören ein Lehrmittel zu grüner Logistik im Strassentransport sowie Fallbeispiele für den Unterricht, Prüfungsfragen, ein elektronisches Lernmodul zur ökologischen Fahrweise und ein Praxisleitfaden. Seit 2019 werden sie in allen Landessprachen eingesetzt.

Wie wird den Gemeinden geholfen?

Naturnahe und an das künftige Klima angepasste Grün- und Freiflächen gewinnen immer mehr an Bedeutung. Sie erhöhen die Lebensqualität der Bevölkerung und wirken der Sommerhitze in den Städten entgegen. Das Klimaprogramm hat deshalb in Zusammenarbeit mit Energiestadt eine Publikation erarbeitet, welche die Gemeinden bei der Planung, Umsetzung und Bewirtschaftung solcher Flächen unterstützt. Im Rahmen einer Veranstaltungsserie haben wir die Planungshilfe interessierten Gemeinden und Energiestädten vorgestellt – angereichert mit vielen Praxisbeispielen und umsetzbaren Handlungsoptionen.

Geht das Klimaprogramm auch nach 2020 weiter?

Ja. Klimaschutz – also die Reduktion von Treibhausgasen und die Anpassung an den Klimawandel – bleibt eine Daueraufgabe. In den nächsten Jahren werden wir uns weiterhin an Städte und Gemeinden sowie an Fachpersonen richten. Zentral ist dabei die Zusammenarbeit mit Partnern wie den Organisationen der Arbeitswelt für die Berufsbildung und mit Verbänden, die das Vertrauen der Gemeinden geniessen.

Den Klimaschutz erklären

Hoch motiviert ist die Schule Rebacker in Münsingen ganz sicher. Dort wurden bereits zahlreiche Projekte durchgeführt. Der Klimarat, bestehend aus Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften, einem Vertreter der Bauverwaltung und dem Hausmeister, hat für das Schulareal ein Recyclingkonzept beschlossen und umgesetzt. Im Fach WAH (Wirtschaft – Arbeit – Haushalt, früher Hauswirtschaft) wird nachhaltig und energiebewusst gekocht. Ein Dauerthema ist dabei das Vermeiden von Food Waste. Siebtklässlerinnen erklären Dritt- und Viertklässlern, was Klimaschutz bedeutet und warum er wichtig ist. Im Werkunterricht werden Solarkocher gebaut.

Bei den jungen Leuten kommt das Programm gut an: Sie finde es wichtig, dass man die Schule umweltfreundlicher gestalte, sagt die 14-jährige Yara. Die gleichaltrige Annick ist überzeugt, dass «wir in der Schule nicht nur etwas lernen, sondern es auch anwenden und weitergeben sollten». Deshalb sei sie dem Klimarat beigetreten. Sie lerne immer wieder neue Methoden und Lösungen für den Klimaschutz kennen. Annick: «Wir suchen auch selbst nach Lösungen, um alltägliche Umweltsünden vermeiden zu können.» Die 14-jährige Sara hat Viertklässlern den Klimaschutz erklärt. «Sie waren sehr begeistert und wussten auch vieles noch nicht. Das fand ich sehr cool, und es hat mir auch viel Freude bereitet.»

«Entscheidungsträger von morgen»

«Wir wollen keine Klima-Vorzeigeschule sein», sagt der Münsinger Schulleiter Willi Hermann, «aber viele unserer Schüler und Schülerinnen haben für die Thematik eine grosse Energie und Motivation entwickelt. Das ist sehr erfreulich.» Manche seien von der «Fridays for Future»-Bewegung begeistert, hätten Greta Thunberg applaudiert – und trotzdem nicht so recht gewusst, was sie konkret tun könnten. «Die Klimaschule bietet ihnen die Möglichkeit, konkret zu handeln», hält Willi Hermann fest.

Eine Pionierin des Programms ist die Sekundarschule Turbenthal-Wildberg im Kanton Zürich (7.–9. Klasse). Als Pilotschule durchlief sie das vierjährige Programm und erhielt im Juni 2017 auch als erste das Label Klimaschule. Schulleiter Beat Spaltenstein ist überzeugt, dass «wir bei Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für Klimaschutz und einen nachhaltigen Lebensstil geschaffen haben». Ob sie es dann auch im Alltag umsetzen würden, sei schwierig abzuschätzen. In jedem Fall sei das Bestreben des Programms Klimaschule überaus sinnvoll, denn «unsere Schülerinnen und Schüler sind die Entscheidungsträger von morgen».

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Letzte Änderung 25.11.2020

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