Wie gehen leise und sicher zusammen?

1.12.2021 - Elektroautos sind leise. Doch was gut für das Ruhebedürfnis der Menschen ist, kann die Sicherheit im Strassenverkehr gefährden. Deshalb müssen Elektrofahrzeuge neuerdings künstlichen Lärm erzeugen. Das BAFU sucht nach Lösungen, um Sicherheit und Lärmschutz unter einen Hut zu bringen. 

Text: Peter Bader

Seit Anfang Juli 2021 müssen in der Schweiz alle Elektro- und Hybridfahrzeuge über eine AVAS-Vorrichtung verfügen.
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Elektroautos sind stark im Kommen. Sie haben in den vergangenen Jahren nicht nur in der Schweiz einen kleinen Boom erlebt. Betrug der Marktanteil von reinen Elektrofahrzeugen 2015 noch 1,2 Prozent, so waren es 2020 bereits knapp 8 Prozent, wie Zahlen der Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure auto-schweiz zeigen. Der Anteil an Hybridfahrzeugen stieg in diesem Zeitraum sogar von 2 auf fast 20 Prozent.

Eine Schlüsseltechnologie

Es wäre wünschenswert, dass sich dieser Trend in Zukunft fortsetzt, da die «Elektromobilität als eine Schlüsseltechnologie zur Erreichung ambitionierter energie- und klimapolitischer Ziele» gilt, wie es in einem vom BAFU mitverfassten Bericht von 2015 heisst. Zwar darf man die Umweltbelastungen bei der Herstellung von Elektroautos nicht unter den Teppich kehren. Dennoch ist klar: Die grossen Vorteile von Elektroautos sind ihre hohe Energieeffizienz und der lokal emissionsfreie Betrieb. Wie gross der Umweltvorteil von Elektroautos tatsächlich ist, hängt auch von ihrer Rezyklierbarkeit und vom eingesetzten Strom ab. Bis sich Batterien von Elektroautos vollständig wiederverwerten lassen, wird es allerdings noch einige Jahre dauern.

Elektroautos können Umweltbelastungen aber auch in anderer Hinsicht reduzieren. Sie sind leise und tragen so zur Minderung des allgegenwärtigen Lärms bei. In der Schweiz ist tagsüber jede siebte und in der Nacht jede achte Person an ihrem Wohnort schädlichem oder lästigem Verkehrslärm ausgesetzt. Der Strassenverkehr ist hierzulande mit Abstand die grösste Lärmquelle. Zudem verursachen unnötig hohe Lärmspitzen einzelner Fahrzeuge zusätzliche Störungen. Betroffen sind hauptsächlich Menschen in Städten und Agglomerationen. Bund, Kantone und Gemeinden als Strassenbesitzende investierten 2018 etwa 200 Millionen Franken in den Lärmschutz an Strassen, um diese Belastung zu reduzieren.

Da kommen die leisen Elektrofahrzeuge gerade recht. «Elektrofahrzeuge können einen wichtigen Beitrag zur Reduktion des Strassenlärms leisten», sagt Sophie Hoehn, Chefin der Sektion Strassenlärm beim BAFU. Dies gilt vor allem für Geschwindigkeiten bis zu 20 Stundenkilometern (km/h). In diesem Bereich dominiert bei Autos mit Verbrennungsantrieb der Lärm des Motors, der bei Elektromodellen nicht hörbar ist. Ab 20 km/h wird das Motorengeräusch bei allen Personenwagen vom Rollgeräusch übertönt, aber Motoren der Elektrofahrzeuge verursachen keine unnötigen Lärmspitzen. «Zur Lärmreduktion sind Massnahmen an der Quelle besonders wirksam und relativ kostengünstig. Unsere Modellrechnungen haben gezeigt, dass eine Kombination von mehr Elektrofahrzeugen und Temporeduktionen den Lärm deutlich vermindern», hält Sophie Hoehn fest. «Durch die Absenkung der Geschwindigkeit von 50 auf 30 km/h kann die Lärmemission um bis zu 3 Dezibel (dB) reduziert werden, was ungefähr jener einer Halbierung des Verkehrsaufkommens entspricht. Zusammen mit der Elektromobilität lassen sich bei langsamer Geschwindigkeit Lärmemissionen und die unnötig hohen Lärmspitzen  also sehr effizient vermindern.»

Gefahr im Strassenverkehr?

Nun verursachen leise Elektrofahrzeuge allerdings auch Probleme. Im Mai 2008 wurde ein achtjähriger Knabe in der amerikanischen Stadt Minneapolis von einem Hybridfahrzeug angefahren, das er nicht bemerkt hatte, weil es zu leise war. Er trug nur leichte Verletzungen davon, aber durch die Berichterstattung auf dem Fernsehsender CNN wurde die Geräuscharmut der Elektrofahrzeuge als Unfallursache erstmals weltweit thematisiert.

Bilden die leisen Elektroautos tatsächlich eine zusätzliche Gefahr im Strassenverkehr? Die Antwort: sehr wahrscheinlich schon. Das ergab eine 2017 durchgeführte Untersuchung der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) in der Schweiz. Die bisherige Forschung habe gezeigt, dass – im Vergleich zu konventionell angetriebenen Fahrzeugen – bei Elektrofahrzeugen ein höheres Unfallrisiko für Fussgänger sowie Radfahrerinnen bestehe, so das Fazit des Berichts. Allerdings lasse sich das erhöhte Unfallrisiko nicht eindeutig auf die geringeren Fahrzeuggeräusche zurückführen. «Ein Zusammenhang ist zwar naheliegend, ergibt sich aber nicht zwingend aus den Unfallanalysen», sagt BFU-Mediensprecher Marc Kipfer. «Es könnten auch andere Faktoren wie eine geringere Fahrzeuggrösse und demzufolge die schlechtere Sichtbarkeit eine Rolle spielen.» Dennoch sei klar, dass zum Beispiel Sehbehinderte und Blinde stark von einem künstlich erzeugten Fahrzeuggeräusch profitierten.

Künstliches Geräusch für mehr Sicherheit

Was er damit meint: Um die Unfallgefahr zu senken, müssen Elektrofahrzeuge neuerdings lauter werden. Dazu werden sie mit dem akustischen Fahrzeugwarnsystem AVAS (Acoustic Vehicle Alerting System) ausgerüstet. Seit dem 1. Juli 2019 setzt die Schweiz die europäischen Vorschriften für Hybridfahrzeuge und reine Elektrofahrzeuge um. Seit Anfang Juli 2021 müssen nun alle Gefährte dieser Antriebskategorien über eine AVAS-Vorrichtung verfügen.

Bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h sowie beim Rückwärtsfahren erzeugt das Fahrzeug ein künstliches Geräusch, das dem Klang eines Verbrennungsmotors ähnlich sein muss. «Kreative» Geräusche – etwa Tierstimmen oder Glocken­geläut – sind nicht erlaubt. Bei Fahrzeugen mit hybridelektrischem Antrieb muss das AVAS nur im rein elektrischen Antriebsmodus aktiv sein. Sobald der Verbrennungsmotor arbeitet, kann es ausgeschaltet werden.

«Beim BAFU sind wir uns bewusst, dass leise Elektrofahrzeuge für Kinder, ältere Menschen oder blinde und sehbehinderte Personen eine Gefahr darstellen können», sagt Sophie Hoehn. Die Lärmbelästigung verursache jedoch ebenfalls grosse gesundheitliche Probleme, weshalb es weiterhin Massnahmen zum Schutz der Anwohnenden brauche. «Es geht darum, eine Lösung zu finden, die Sicherheit und Lärmschutz miteinander verbindet», erklärt die Fachfrau.

Pilotprojekt für leises AVAS

Zu diesem Zweck gab das BAFU beim Schweizer Management- und IT-Beratungsunternehmen AWK eine Studie in Auftrag. Dazu wurde zuerst eine umfassende Literatur- und Trendrecherche durchgeführt. Danach erarbeiteten die Studienleitenden zusammen mit Fachleuten aus dem In- und Ausland Lösungsansätze für geräuscharme Warnsignale. Diese wurden schliesslich mit Blinden- und Sehbehindertenverbänden sowie dem Touring Club Schweiz (TCS) mit Blick auf Sicherheit, technische Machbarkeit und Akzeptanz diskutiert.

Aus Sicht des BAFU könnten sich zwei Lösungsansätze herauskristallisieren. Beide sollten den durch das AVAS verursachten Lärm reduzieren. Das «intelligente AVAS» erklingt nur dann, wenn es bei Gefahr Fussgänger oder Radfahrerinnen warnen muss. Im Rahmen des Lösungsansatzes «Gerichteter Schall» würden zur Aussendung des Hinweissignals spezielle Lautsprecher verwendet, die den Schall ausschliesslich in eine Richtung emittieren. Das Geräusch wird also nur dort gehört, wo sich schwächere Verkehrsteilnehmende befinden könnten.

Das BAFU wird Daten über den aktuellen Bestand an Elektro- und Hybridfahrzeugen sammeln und die Situation beobachten. Unbestritten ist, dass sich die Situation in Bezug auf die Lärmspitzen verbessern lässt. Trotzdem ist es wichtig, zuerst festzustellen, inwiefern das AVAS den Lärm bei niedrigen Geschwindigkeiten beeinflusst.

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Letzte Änderung 01.12.2021

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