Ein Lebensnetz für Natur und Mensch

20.05.2022 – Wir Menschen nutzen die Leistungen der biologischen Vielfalt täglich: Beim Atmen, Essen, Wohnen, Arbeiten und Entspannen. Doch in der Schweiz ist ein Drittel von rund 11'000 untersuchten Arten gefährdet – und damit auch die Leistungen der Biodiversität für uns Menschen. Deshalb müssen Tiere und Pflanzen und ihre Lebensräume stärker gefördert werden. Dazu braucht die Schweiz ein Lebensnetz der Natur. Dieses heisst «ökologische Infrastruktur».

Salwiden bei Sörenberg
Flach- und Hochmoore, wie hier im luzernischen Salwiden bei Sörenberg (LU), sind national geschützt. Sie gehören zu den Kerngebieten der ökologischen Infrastruktur.
© BAFU | Schweiz Tourismus

Die biologische Vielfalt tut uns Menschen viel Gutes: wir profitieren von sauberem Trinkwasser, frischer Luft und der langfristigen Erhaltung der Lebensmittelproduktion. Die Artenvielfalt dient als natürlicher Schutz vor Schädlingen und Krankheiten und belebt die Bodenfruchtbarkeit. Und sie fördert ganz direkt das Wohlbefinden der Wohnbevölkerung im Siedlungsgebiet. Beispielsweise wenn Schatten spendende Bäume die Sommerhitze mildern oder blühende Blumenwiesen und lebendige Hecken die Wohnquartiere zieren.


Siedlungsnatur vor der Haustür

Wie Wohnqualität im Einklang mit der Natur gedacht werden kann, demonstrierte kürzlich die Heimstätten-Genossenschaft Winterthur HGW in einer ihrer Siedlungen. Wo früher Asphalt und Einheitsgrün dominierten, breitet sich heute ein vielfältiges Blütenmeer aus einheimischen Pflanzen aus. Zwischen neu angelegten Hecken schlängelt sich ein Trampel- und «Versteckis»-Pfad zum Spielen. Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. Wer mag, pflanzt zur Entspannung sein eigenes Gemüse. Die nächtliche Beleuchtung sorgt für ein sicheres Gefühl ohne die Tierwelt zu stören.

An der Einweihungsparty im Frühling 2022 staunten die Bewohnerinnen und Bewohner darüber, wie vielen Tier- und Pflanzenarten sie als neue Nachbarn begegnen können und wie viele unterschiedliche Lebensräume es jetzt vor ihrer Haustür gibt. «Mit der ökologischen Aufwertung wurde die Aufenthaltsqualität auch für die Menschen deutlich verbessert», sagt Katrin Hauser vom Projekt «Siedlungsnatur gemeinsam gestalten». Dieses war die wesentliche Triebkraft für die Aufwertungen.

Entstanden sind nicht nur wertvolle naturnahe Lebensräume, sondern auch neue Begegnungs- und Bewegungsräume, die erst noch das Stadtklima verbessern. Die Begeisterung ist gross: die Natur lädt zum Staunen, Beobachten und Erholen ein und sorgt für Wohlbefinden. Ein Paar, das seit 30 Jahren in der Siedlung wohnt, teilt ihre Freude mit Katrin Hauser: «Es ist schön, dass die Genossenschaft für die Natur und für uns investiert».

Wie in der Winterthurer Siedlung haben sich in den letzten Jahren an vielen Orten der Schweiz Menschen für die Natur engagiert, beispielsweise im Rahmen des Projekts «Mission B». Sie haben in Städten, Dörfern, an Gewässern, in der Landwirtschaft und im Wald Lebensräume für Tiere und Pflanzen aufgewertet oder neu geschaffen. Solche Aktivitäten gilt es weiterzuführen und zu verstärken.

Ein Lebensnetz für die Schweiz

Diese Förderung naturnaher, artenreicher Flächen im Siedlungsgebiet dient der ökologischen Vernetzung und ist für die Biodiversität wichtig. Sie reicht aber nicht aus. In der Schweiz leben rund 56'000 Arten in zahlreichen unterschiedlichen Lebensräumen. Fast die Hälfte von über 160 untersuchten Lebensraumtypen ist gefährdet. Von knapp 11'000 untersuchten Arten ist es ein Drittel.

Damit unsere einheimischen Arten bestehen können, brauchen die Tiere und Pflanzen in allen Landesteilen Lebensräume, die ihren Ansprüchen genügen und miteinander vernetzt sind. Denn Lebewesen brauchen sowohl gute Orte zum Bleiben als auch sichere Wege für ihre täglichen oder saisonalen Wanderungen oder für die Besiedlung von neuen Lebensräumen. Nur mit einem zusammenhängenden Netzwerk – der sogenannten «ökologischen Infrastruktur» - können sich die einzelnen Arten fortpflanzen und die genetische Auffrischung sichern. Das Wandern der Arten ist auch unter dem Aspekt des Klimawandels zunehmend wichtig.

Vernetzte Lebensräume

Mit der Strategie Biodiversität Schweiz beschloss der Bundesrat 2012, dass in der Schweiz eine solche ökologische Infrastruktur systematisch aufgebaut werden soll. Denn die noch vorhandenen, kleinen, weit verstreuten und voneinander getrennten Lebensraumfragmente reichen nicht, um die einheimische Artenvielfalt zu erhalten. Die fortschreitende Verarmung der Biodiversität bedeutet auch eine Verschlechterung unserer Lebensgrundlage.

Kantone als Baumeister

Seit 2020 sind die Kantone mit der Entwicklung der ökologischen Infrastruktur beschäftigt. Unterstützt werden sie durch den Bund. Dieser hat unter anderem die Ziele und Anforderungen an die Planungsarbeiten konkretisiert und die Planungsgrundlagen aufgelistet.

Ökologische Infrastruktur (PDF, 2 MB, 11.11.2021)Arbeitshilfe für die kantonale Planung im Rahmen der Programmvereinbarungsperiode 2020-24

Damit soll gewährleistet werden, dass ein funktionierendes und koordiniertes Netz auf der gesamten Landesfläche entsteht. Der Bau dieses «Generationenwerks» erfordert Weitsicht, viel Geduld, die Zusammenarbeit ganz verschiedener Akteure sowie eine gute Planung durch die Kantone.

Eine wichtige Planungsgrundlage stammt von InfoSpecies Im Auftrag des BAFU hat die Dachorganisation der Schweizerischen Informationszentren für Artenförderung die Frage untersucht, wo Potenzial zur Förderung der Biodiversität schlummert.

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Letzte Änderung 20.05.2022

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