Störfallverordnung: Das Babuschka-Sicherheitsprinzip

Dank hochaktiver Substanzen lassen sich die Nebenwirkungen von Medikamenten minimieren – beispielsweise in der Krebstherapie. Der Umgang mit den potenten Wirkstoffen ist für die Pharmaindustrie aber auch mit neuen Problemstellungen verbunden. Bei der Produktion gelten maximale Sicherheitsvorschriften.

Text: Kaspar Meuli

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© Kilian Kessler | Ex-Press | BAFU

Rendez-vous am Fuss des höchsten Gebäudes der Schweiz, dem Roche-Turm. Wir sind nach Basel gereist, um zu verstehen, wie die Pharmaindustrie mit hochaktiven Stoffen umgeht. Diese Wirkstoffe werden bei der Medikamentenherstellung immer wichtiger – und sie bringen neue Herausforderungen für die Sicherheit von Personal und Bevölkerung mit sich. Unsere Begleiter auf dem Betriebsrundgang sind Claude Schlienger, Leiter der Sicherheitsabteilung, Walter Spieler, zuständig für die Arbeitshygiene, und der Kommandant der Betriebsfeuerwehr Roche Basel, Martin Karrer.

Die drei Herren werden uns erläutern, wie der Pharmariese – allein in Basel arbeiten gegen 12 000 Menschen bei Roche – die Verordnung über den Schutz vor Störfällen umsetzt. Diese gesetzlichen Bestimmungen wurden nach dem Brand von Schweizerhalle (BL) vom 1. November 1986 erlassen und sollen Mensch und Umwelt vor schweren Schädigungen schützen. Seit 2015 regelt diese Verordnung auch den Umgang mit hochaktiven Stoffen. Die grosse Herausforderung bei diesen Substanzen ist ihre Störfallverordnung Das Babuschka-Sicherheitsprinziphohe Wirksamkeit. Bei einer Freisetzung können bereits sehr kleine Mengen negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Teilweise sind auch langfristige Folgen möglich. Deshalb müssen die Mitarbeitenden am Arbeitsplatz und die Bevölkerung besonders gut geschützt werden.

Genau das ist das Gebiet von Walter Spieler. «Wir gehen davon aus, dass Substanzen – darunter auch hochaktive – über die Lunge in den Körper und so in den Blutkreislauf gelangen können», erläutert der Arbeitshygiene-Spezialist die Gesundheitsrisiken für die Mitarbeitenden in der Produktion. Die Stoffe werden vor allem in Pulverform hergestellt. Es muss also verhindert werden, dass Pulverpartikel in die Luft gelangen und bei der Arbeit eingeatmet werden können. Oder falls doch, nur in so kleinen Mengen, dass sie bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern während eines ganzen Arbeitslebens keine Gesundheitsschäden anrichten. Das Personal einfach mit Atemschutzmasken auszurüsten, sagt Walter Spieler, komme  nicht infrage: «Die konzernweiten Richtlinien bei Roche schreiben vor, dass unsere Leute immer durch technische  Massnahmen zu schützen sind.»

Grosse Wirkung, kleine Dosierung

Der Umstand, dass hochaktive Stoffe ihre Wirkung bereits in kleinsten Mengen entfalten, macht sie so interessant. Dadurch lassen sich Medikamente herstellen, die im Körper bei niedrigster Dosierung wirken und deren Nebenwirkungen damit minimiert werden können – ein Durchbruch etwa in der Krebstherapie. Und ein neues Kapitel für die Pharmaindustrie. Wurden früher tonnenweise Wirkstoffe hergestellt, braucht es von den hochaktiven Substanzen nur noch einige 100 Kilogramm. Das macht moderne Produktionsanlagen nötig und verlangt nach neuen Sicherheitsüberlegungen. «Unser wichtigstes Ziel ist, dass gar nichts nach aussen gelangt», erklärt Claude Schlienger, «bei einem Störfall sollen alle austretenden Stoffe im Produktionsbereich bleiben.» Doch ganz ausschliessen, dass hochaktive Stoffe ins Freie gelangen, lässt sich nicht. Deshalb, so der Sicherheitschef, fordere die Störfallverordnung neben präventiven Sicherheitsmassnahmen auch ein gut funktionierendes «Ereignismanagement».

Eine wichtige Rolle spielt dabei Martin Karrer. Als Kommandant der Betriebsfeuerwehr steht er einer Mannschaft von 80 Feuerwehrleuten vor – 23 davon Profis, die übrigen Mitarbeitende von Roche aus anderen Bereichen. Der Feuerwehrkommandant zeigt uns eine Auswahl der Gerätschaften, mit denen seine Leute ausrücken, wenn bei einem Unfall hochaktive Stoffe im Spiel sind. Die Präsentation reicht vom sogenannten ABC-Fahrzeug, das mit Material zum Auffangen, Eindämmen und Umpumpen von Schadstoffen ausgerüstet ist, bis hinzur mobilen Dekontaminationsstelle. Mindestens ebenso wichtig wie das Material sind im Notfall aber Spezialisten und Spezialistinnen, die darüber Auskunft geben können, welche Stoffe freigesetzt wurden, welchen Schaden sie anrichten können und mit welchen Mitteln sie sich neutralisieren lassen.

Das Wissen dieser beratenden Fachpersonen steht dem Einsatzleiter rund um die Uhr zur Verfügung, ist aber dank der hohen Sicherheitsstandards eher selten gefragt. Zwar rückt die Betriebsfeuerwehr auf dem quartiergrossen Roche-Gelände rund 1200 Mal pro Jahr aus, doch in den allermeisten Fällen handelt es sich um Fehlalarme. Beispielsweise, wenn ein Rauchmelder auf Staub reagiert. Auch undichte Wasserleitungen und ausgelaufene Lösungsmittel kommen vor, aber der grosse Störfall bleibt aus. Das Krisenmanagement für ein Unglück, bei dem Basel betroffen wäre, kam in seiner über 40-jährigen Geschichte noch nie in einem Ernstfall zum Einsatz.

Ein Haus im Haus

Nun stehen wir vor dem «Bau 50», in dem seit zwei Jahren in einer neuen Anlage hochaktive Wirkstoffe unter anderem für Krebsmedikamente hergestellt werden. Von aussen unterscheidet er sich nicht von den übrigen Produktionsgebäuden auf dem weitverzweigten Werksgelände. Das Besondere zeigt uns Sicherheitschef Claude Schlienger zusammen mit dem Betriebsleiter Roland Wilhelm im Innern. Nach dem Betreten geht es gleich noch mal durch eine Eingangstür. Wie bei einer russischen Babuschka-Puppe umgibt eine Hülle die nächste. Haus-in-Haus nennt sich dieses Sicherheitsprinzip. Dabei wurden auf drei Stockwerken über 40 einzelne Räume eingebaut, die alle mit speziellen Luftfiltern ausgerüstet sind, welche verhindern, dass kleinste Partikel nach draussen gelangen. Die Absicht hinter diesem Konstruktionsprinzip: Werden irgendwo in der «SLF 50» genannten Produktionsanlage hochaktive Substanzen freigesetzt, soll möglichst nur ein einzelner Raum kontaminiert werden. Das erleichtert nicht nur das Eindämmen der Gefahr, sondern später auch die Reinigung.

Es ist auffallend ruhig bei der Medikamentenherstellung der neusten Generation. Zu vernehmen ist nur ein leichtes Brummen, Menschen sind keine zu sehen. Die Ruhe hat damit zu tun, dass die 80 Millionen Franken teure Produktionsanlage am Tag unseres Besuchs für die Herstellung von neuen Chargen eines Wirkstoffes vorbereitet wird. Aber auch bei Normalbetrieb ist kaum jemand zu sehen. Mehr als vier Personen arbeiten hier nie gleichzeitig, dafür rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche.

Maximaler Schutz

Wir machen in einem der Verbindungsgänge halt,und der Betriebsleiter zeigt uns eine ganze Batterie von Messgeräten. Sie überwachen den Luftdruck. Dieser nimmt in der Produktionsanlage gegen innen von Raum zu Raum ab – der Unterdruck verhindert bei einem Unfall, dass freigesetzte Substanzen durchs Gebäude nach aussen gelangen können. Und noch einer Sicherheitsvorkehrung begegnen wir immer wieder auf unserem Rundgang: Edelstahlgehäusen mit kreisförmigen Öffnungen in der gläsernen Frontscheibe, an denen Kunststoffhandschuhe montiert sind. Isolatoren nennen sich diese Vorrichtungen. Ihr Zweck: Menschen vor dem Kontakt mit gefährlichen Stoffen oder Organismen zu schützen. Was, so wollen wir von unseren Begleitern zum Schluss der Besichtigung wissen, wäre der schlimmste Unfall, der sich hier in der «SLF 50» ereignen könnte? Die Spezialisten müssen keine Sekunde überlegen – selbstverständlich ist ihnen dieses Szenario aus unzähligen Risikoanalysen und Modellrechnungen vertraut: Eine chemische Reaktion in einem Kessel gerät ausser Kontrolle. Der Druck im System steigt, bis eine dafür vorgesehene Bruchstelle am Reaktor birst. Nun entweicht das Reaktionsgemisch über eine Leitung und wird in einem dafür vorgesehenen Sicherheitstank aufgefangen. Und ein Unfall, bei dem die Sirenen auf den Roche-Gebäuden losheulen würden, weil Gefahr für die Bevölkerung von Basel besteht? «Wir üben zwar periodisch solche Worst-Case-Szenarien, um die Abläufe im Ereignisfall auch mit dem Krisenstab der Stadt zu proben», versichert Sicherheitschef Claude Schlienger, «doch ein Grossunfall, bei dem hochaktive Stoffe freigesetzt werden, ist wenig  realistisch.» Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich Pharmafirmen immer mehr von der Grossproduktion verabschieden. In Basel werden nur noch Spezialitäten hergestellt, und dies in kleinen Mengen. Wie die hochaktiven Wirkstoffe im «Bau 50».

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Letzte Änderung 28.11.2018

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