Urban Mining: «Beton stirbt nie»

Alte Häuser sind der Rohstoff für neue Häuser. Diesen Kreislauf zu schliessen, schont Ressourcen, spart Energie und verhindert Deponien. Doch das «Urban Mining» – also «Bergbau in Siedlungsgebieten» – geschieht noch nicht konsequent. Weshalb?

Text: Christian Schmidt

Holger Hofmann
Nicht mehr gebrauchte Bahnkomponenten und -anlagen werden bei den SBB aufbereitet und intern weitergenutzt oder an andere Unternehmen weiterverkauft. Das ist möglich, weil sie langlebig sind. Eine Weiche kann nach ihrem Einsatz auf einer SBB-Strecke noch bis zu 20 Jahre auf einem weniger stark befahrenen Industrieareal genutzt werden. Gleise werden im Lawinenschutz verwendet, Betonschwellen beim Bau von Parkplätzen. Und alte SBB-Veloständer kommen bei Gewerbebetrieben zum zweiten Einsatz.
© Ephraim Bieri/Ex-Press/BAFU

Patrick Eberhard ist unterwegs zu einer seiner Baustellen. Für den leitenden Mitarbeiter bei der Eberhard Bau AG, einem Pionierunternehmen in Sachen Baurecycling, ist es die erste Station an diesem regnerischen Montag. An seinem Auto zieht vorbei, was die gebaute Umwelt – genau betrachtet – ist: ein drei Milliarden Tonnen schweres Materiallager. Gleich links in der Form einer Lagerhalle, unter den Autoreifen als Strasse, gegenüber als Mehrfamilienhaus. Die Erzeugnisse des Hoch- und Tiefbaus sind vergänglich, doch ihre Basis – zerlegt in ihre einzelnen Bestandteile – ist grundsätzlich nicht zerstörbar.

Brocken um Brocken

Eberhard hält vor dem Spital Limmattal in Schlieren (ZH). Eines der Gebäude, das höchste, ist eingerüstet. «Das kommt weg», sagt der 31-jährige Inge­nieur, während er an wartenden Lastwagen vorbei auf eine Art mechanisierten Tyrannosaurus Rex zugeht, einen Bagger mit gigantischer Beisszange. Brocken um Brocken reisst er aus den Mauern. «Haben wir schon alles ausgekernt», brüllt Patrick Eberhard gegen den Lärm und zeigt auf die nackten Mauern. Leimkleckse erinnern an die Verkleidungen, die hier bis vor Kurzem das Grau des Betons versteckt hatten. Auch die Adern des Gebäudes – die Leitungen für Wasser, Abwasser und Strom – sind bereits weg, ebenso alle Holzkonstruktionen, Kunststoffe und Dämmmateria­lien. Ein halbes Dutzend Mulden vor dem Gebäude zeigt, wie minutiös die Innereien des Baus getrennt werden.

In einem ruhigen Moment erinnert Eberhard ­daran, wie Häuser früher zurückgebaut wurden: «Man schlug sie mit der Abrissbirne zusammen und verscharrte alles in einer Deponie.» Heute arbeiten seine Leute fein säuberlich, denn: «Rezyklieren ist sinnvoll.»

Rekordhohe Abfallmengen

Im BAFU kümmern sich David Hiltbrunner und Bernhard Hammer aus der Abteilung Abfall und Rohstoffe um das Thema. Hammer betont: «Bauabfallrecycling leistet einen wichtigen Beitrag zur Reduktion unseres zu hohen ökologischen Fussabdrucks.»

Tatsächlich spielt das Bauwesen in der Kreislaufwirtschaft eine zentrale Rolle, denn Tief- und Hochbau verursachen in der Schweiz mit Abstand am meisten Abfälle. Derzeit fallen pro Jahr rund 17 Millionen Tonnen Rückbaumaterialien an; rund zwei Drittel werden dabei verwertet. «Das ist zwar gut, könnte aber noch besser sein», sagt David Hiltbrunner. Noch immer wird die Masse von 25 000 Einfamilienhäusern entweder deponiert oder verbrannt. Das stört ihn nicht nur aus Gründen fehlender Nachhaltigkeit: «Wir haben zwar rund 200 Deponien im Land, aber sie füllen sich viel zu schnell. Und neue lassen sich kaum mehr eröffnen.» Zu gravierend seien die Eingriffe in die Landschaft, zu komplex das Bewilligungsverfahren, und auch der Widerstand in der Bevölkerung nehme zu.

Die BAFU-Experten kommen deshalb auf ein Konzept zu sprechen, das über das reine Rezyklieren hinausgeht: die Wiederverwertung ganzer Bauteile wie gut erhaltener Fenster, Türen, Fassadenverkleidungen, Treppen oder auch Stahlträger. In Winterthur wird demnächst die Aufstockung einer ehemaligen Industriehalle zu 80 Prozent mit Occasions-Bauelementen erfolgen. Hiltbrunner verweist auf den grossen Vorteil dieser Idee: «So lässt sich viel graue Energie einsparen, also nicht erneuerbare Energie, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Bauelements benötigt wird. Das ist für die Ökobilanz wichtig.»

Es mangelt an Deponieraum

Patrick Eberhard wirft einen letzten Blick auf den mechanischen Tyrannosaurus Rex, der gerade ein Maul voll Armierungseisen verschlingt, dann macht er sich auf zur nächsten Station: Autobahn Richtung Zürich-Seebach, weiter durch ein verträumtes Wäldchen, bis sich unerwartet eine gewaltige Wunde in der Landschaft auftut. Es ist eine der 200 Deponien. Eberhard bestätigt die Aussage von Hiltbrunner und Hammer: «Deponieraum ist in der Tat knapp. Wir haben hier Ende 2018 eröffnet, und schauen Sie, wie viel Material bereits da liegt.» Vor ihm türmt sich ein Berg von 100 000 Kubikmetern Strassenaufbruch, er stammt von der Autobahn-Baustelle Zürich Nord. Einziger Farbpunkt in dieser leblosen Umgebung: ein Topf mit blühendem Lavendel. Er schmückt den Eingang des Verwaltungsgebäudes.

Weiter gehts. Nun folgt Patrick Eberhard den Lastwagen, die alle dasselbe Ziel ansteuern: die grosse Recyclinganlage der Firma in Rümlang. Dort steigt er über Treppen und Leitern hinauf zu einem Gewirr von Förderbändern, Silos und Rohren, erklärt eine Maschine, die Betonbrocken mit so hoher Geschwindigkeit an eine Wand schleudert, dass sie in ihre Einzelteile zerbrechen, führt zu einer Reihe von Rührwerken, die den Betonabbruch zu neuem Beton mischen. «Recyclingbeton ist so gut wie Beton aus Kies», sagt Eberhard mit Blick auf die graue Gesteinssuppe. Sein Unternehmen führt regelmässig entsprechende Tests durch. «Die Qualität ist erwiesen; wer etwas anderes behauptet, erliegt einem Vorurteil.»

Ökonomische Anreize fehlen

Zurück nach Bern, wo die BAFU-Mitarbeiter Bernhard Hammer und David Hiltbrunner zur Kenntnis nehmen, dass im Kanton Zürich die vom Bund vorgeschriebene, aber allgemein gehaltene Verwertungspflicht von Bauabfällen durch konkrete Vorgaben umgesetzt wird: «Mindestens 50 Prozent» der Bauabfälle müssen bei bestimmten Projekten rezykliert werden. Diese feste Quote führt zu vorteilhaften Rahmenbedingungen für die lokale Recyclingbranche, zu der auch Firmen wie Kibag, Hastag und Richi AG gehören. Andere Regionen schöpfen das Verwertungspotenzial oft noch zu wenig aus. Hiltbrunner kennt die Gründe: «Da die Kosten für das Deponieren von Abfällen tief sind und rezyklierte Baumaterialien ebenso viel kosten wie neue, fehlt der ökonomische Anreiz zur Verwertung.» Zudem zeige sich in grenznahen Gebieten ein bekanntes Phänomen: der Einkaufstourismus. Kies aus dem Ausland ist günstiger als einheimischer und konkurrenziert auch die Recyclingbaustoffe.

Wie weiter?

Weiteres Potenzial zur Förderung von Recyclingbaustoffen sieht das BAFU beispielsweise bei der vermehrten Anwendung von Nachhaltigkeitsstandards wie dem SNBS oder Minergie-ECO, bei der Nutzung von BIM (building information modeling) für die Materialinventarisierung sowie bei digitalen Plattformen, die Angebot und Nachfrage einfacher zusammenbringen. Falls dies nicht ausreicht, sind zukünftig aber auch ökonomische Massnahmen denkbar, wie zum Beispiel ein Aufschlag auf Primärmaterialien oder Lenkungsabgaben für die Ablagerung in Deponien. Auch wenn es zurzeit beim Bauabfallrecycling noch vieles zu verbessern gibt, ist Bernhard Hammer zuversichtlich: «Das Thema nimmt langsam, aber sicher Fahrt auf.»

Urbane Goldgruben

«Urban Mining» beschränkt sich nicht nur auf mineralische Bauabfälle (zum Beispiel Beton und Asphalt), sondern umfasst alle nutzbaren Rohstoffe aus der gebauten Umwelt, wie zum Beispiel Metalle. «In Sachen Metallrecycling ist die Schweiz sehr gut», sagt Bernhard Hammer, Stabschef der BAFU-Abteilung Abfall und Rohstoffe. So befinden sich die jährlich anfallenden 1,5 Millionen Tonnen Eisen- und Stahlschrott weitestgehend im Kreislauf. Doch ausgerechnet bei einem der wertvollsten Metalle – Gold – legen wir eine erstaunliche Nachlässigkeit an den Tag: «In den Rückständen grosser Kehrichtverbrennungsanlagen findet sich jedes Jahr Gold in der Grössenordnung von 300 Kilogramm, was etwa dem Gewicht von 20 000 Eheringen entspricht.»

Eine weitere Quelle für verlorenes Gold sind unbenutzte Handys. Jedes Gerät enthält rund 0,025 Gramm des Edelmetalls. Gemäss Schätzungen ruhen allein in schweizerischen Schubladen 8 Millionen unbenutzte Mobiltelefone, mit Gold im Wert von über 8 Millionen Franken darin. Um diese Menge wieder zu beschaffen, müssen in den Goldminen 40 000 Tonnen Gestein aus dem Boden geholt werden. Das Gold liesse sich rezyklieren: Apple hat einen Roboter entwickelt, der ausgediente iPhones in 18 Sekunden in seine Einzelteile zerlegt, danach muss das Edelmetall noch chemisch herausgelöst werden. Doch das Interesse an dieser spezifischen Form von «Urban Mining» ist nach wie vor gering.

Recyclingbaustoffe vermehrt verwenden

Obwohl die Qualität der Recyclingbaustoffe heute sehr hoch ist, haben Planer und Bauherrschaften ihnen gegenüber oft noch Vorbehalte. Dass es anders geht, zeigt das Beispiel der Stadt Zürich: Dort wird bei Neubauten gemäss dem Minergie-ECO-Standard mindestens zu 50 Prozent Recyclingbeton verwendet.

Es gibt aber noch weitergehende Ansätze bezüglich der Schliessung von Materialkreisläufen und ressourceneffizientem Bauen. MADASTER beispielsweise hat das Ziel, alle Baumaterialien in Gebäuden zu inventarisieren, damit sie zukünftig besser als Sekundärressourcen genutzt werden können. Im NEST-Gebäude (Next Evolution in Sustainable Building Technologies) der Empa besteht ein Wohnmodul – Gebäudehülle wie auch die Einrichtung – ausschliesslich aus Recyclingmaterialien. Es wird von Studenten bewohnt und auf seine Praxistauglichkeit getestet. Im Smart Living Lab in Freiburg werden neue Entwicklungen für den Wohn- und Lebensraum der Zukunft unter realen Bedingungen untersucht. Unter anderem geht man hier der Frage nach, wie gebaut werden müsste, damit man die Bauteile bei einem zukünftigen Rückbau möglichst gut trennen und wiederverwenden kann (design for disassembly).

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Letzte Änderung 04.12.2019

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